«Es trifft relativ häufig die auffallend hilfsbereiten Buben»

Jeder dritte Teenager wird Opfer von Gewalt. Wer gefährdet sein könnte, zeichnet sich schon im Kindesalter ab, sagt die Zürcher Kriminologin Margit Averdijk.

Soziale Verhaltensmuster in der Kindheit erhöhen die Wahrscheinlichkeit, als Teenager Gewalt zu erleben (Symbolbild). <nobr>Foto: Sven Zellner (Focus)</nobr>

Soziale Verhaltensmuster in der Kindheit erhöhen die Wahrscheinlichkeit, als Teenager Gewalt zu erleben (Symbolbild). Foto: Sven Zellner (Focus)

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39 Prozent der Mädchen und 23 Prozent der Jungen – so viele Jugendliche erleben im Alter von 17 Jahren Gewalt. Sie werden begrapscht, belästigt oder verprügelt, manche werden gar mit einer Waffe bedroht. Das zeigen die Daten der Zürcher Langzeitstudie z-proso, die seit 2004 die soziale Entwicklung von über 1350 Kindern erforscht. Bei der ersten Befragung waren die meisten von ihnen 7 Jahre alt, inzwischen sind sie Anfang 20.

Die Opferzahlen sind im westeuropäischen Vergleich nichts Ungewöhnliches. Überraschend hingegen ist der Blick auf die jungen Menschen, die hinter diesen Zahlen stehen und die Frage: Zeichnet sich bereits in der Kindheit ab, wer später Opfer von Gewalt werden könnte?

Die Kriminologin Margit Averdijk vom Jacobs Center for Productive Youth Development an der Universität Zürich hat in den Daten der Langzeitstudie z-proso nach Risikofaktoren gesucht – und gefunden. Sie analysierte die Aussagen, die 575 Jungen und 563 Mädchen jeweils im Alter von 7, 11, 13, 15 und 17 Jahren gemacht hatten und stellte fest, dass bestimmte soziale Verhaltensmuster die Wahrscheinlichkeit erhöhen, als Teenager Gewalt zu erleben.

Frau Averdijk, normalerweise ist immer von Täterprofilen die Rede, Sie haben sich in Ihrer Studie aber auf die Opfer konzentriert. Gibt es ein typisches Opferprofil?
Nein, aber es gibt bestimmte soziale Verhaltensmuster in der Kindheit, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, als Teenager Gewalt zu erleben, also beispielsweise sexuell belästigt, verprügelt oder ausgeraubt zu werden.

Woran erkennt man denn, ob ein Kind später im Leben in so eine Situation geraten könnte?
Die Risikofaktoren unterscheiden sich interessanterweise je nach Geschlecht. Mädchen werden später eher zum Opfer, wenn sie sich aggressiv oder dominant gegenüber anderen Kindern verhalten. Auch Verhaltensauffälligkeiten wie ADHS können die Wahrscheinlichkeit erhöhen. Bei den Jungen ist aggressives, impulsives Verhalten zwar ebenfalls ein Risikofaktor, genau wie ein ausgeprägtes Niveau an Sensation Seeking, also dem Drang nach Kicks. Aber, und das ist der grösste Unterschied zu den Mädchen: Es trifft relativ häufig jene Buben, die sich auffallend prosozial verhalten, die also besonders hilfsbereit sind oder oft Dinge mit anderen teilen. Bei Einzelgängertypen steigt die Gefahr zusätzlich, später zum Gewaltopfer zu werden.

Warum ist das Risiko ausgerechnet bei hilfsbereiten Buben und bei dominanten Mädchen erhöht?
Ich gehe davon aus, dass es viel mit Stereotypen zu tun hat. Es gibt in der Gesellschaft bestimmte Vorstellungen darüber, wie man sich als Junge oder Mädchen zu verhalten hat. Wenn Kinder Verhaltensmuster zeigen, die für ihr Geschlecht auffällig sind, können das manche als provozierend empfinden. Von Jungen im Teenageralter wird beispielsweise erwartet, dass sie dominantes Verhalten zeigen, um zu beweisen, dass sie eine Gruppe beschützen können. Wenn sie das nicht tun, kann das als Verletzlichkeit ausgelegt werden, was sie leicht zum Opfer macht.

«Man muss bei den Geschlechterstereotypen in der Gesellschaft ansetzen.»

Heisst das also, dass man eine solche Tat bis zu einem gewissen Grad selber provoziert?
Nein. Es beschliesst ja niemand, Opfer zu werden, diese Entscheidung trifft jemand anders. Aber es ist leider so, dass Untersuchungen zu Opfererfahrungen häufig als Schuldzuweisungen gesehen werden. Das kann heikel werden. Ich habe diese Studie aus einem präventiven Ansatz gemacht.

Was kann man denn tun, wenn die eigene Tochter ausgesprochen dominant ist oder der Sohn ein hilfsbereiter Einzelgänger? Soll man sie dazu bringen, sich möglichst anzupassen, damit sie später nicht zum Opfer werden?
Leider gibt es keine einfache Lösung dafür. Es kann aber nicht sein, dass man sich anpassen muss, bloss weil man nicht zum Geschlechterstereotyp passt. Aggressives Verhalten darf man natürlich nicht tolerieren, aber nur weil ein Junge hilfsbereit und lieber für sich ist, muss er sich ja nicht ändern. Ich finde, man muss bei den Geschlechterstereotypen in der Gesellschaft ansetzen. Es gibt bereits präventive Programme, die solche starren Vorstellungen aufbrechen. Die Kinder lesen dabei gemeinsam Texte zum Thema, diskutieren über Stereotype und führen Rollenspiele durch.

Die Teilnehmer der Langzeitstudie, auf der Ihre Untersuchung beruht, wurden zum ersten Mal im Alter von 7 Jahren befragt. Wie kommt man bei Kindern zu verlässlichen, wissenschaftlich verwertbaren Aussagen?
Das ist gar nicht so einfach. Deswegen haben wir jeweils Aussagen aus drei Perspektiven zusammengefügt. Wir fragten sowohl die Eltern, wie häufig sich das Kind zum Beispiel aggressiv verhält, als auch die Lehrpersonen. Mit den Kindern machten wir das sogenannte Tom-und-Tina-Spiel. Wir zeigten ihnen je nach Geschlecht der Kinder Bilder von zwei Figuren, Tom und Tina, die sich auf eine bestimmte Weise verhielten, also etwa aggressiv. Dann wurden die Kinder gefragt, ob sie diese Dinge auch manchmal tun. Diese verschiedenen Erkenntnisse fassten wir zusammen. Übrigens haben wir in allen bisherigen Befragungen den Begriff Opfer bewusst vermieden, weil er stigmatisierend ist. Stattdessen fragen wir immer nach konkreten Vorfällen. Etwa: Wie viele Male haben andere Jugendliche dich im letzten Jahr sexuell belästigt, also zum Beispiel angemacht oder begrapscht? Oder: Hat dich jemand absichtlich verletzt mit einer Waffe oder mit einem Gegenstand oder durch schlimme Tritte mit schweren Schuhen?

«Wir vermeiden den Begriff Opfer und fragen nach konkreten Vorfällen.»

Laut Ihrer Analyse erlebt fast jeder dritte Teenager im Alter von 17 Jahren Gewalt, bei den Mädchen sind es sogar 39 Prozent. Das ist eine extrem hohe Zahl.
Die Gesamtraten sind deswegen so hoch, weil die Zahlen bei den sexuellen Belästigungen und Übergriffen sehr hoch sind. 33 Prozent der 17-jährigen Mädchen haben so etwas erlebt, und zwar allein in den 12 Monaten vor der Befragung. Bei anderen Gewaltformen, also zum Beispiel bei Angriffen mit einer Waffe, sind die Zahlen deutlich tiefer.

Wie steht die Schweiz damit im Vergleich zu anderen europäischen Ländern da?
Das haben wir nicht untersucht. Andere Studien weisen jedoch darauf hin, dass die Raten von sexueller Viktimisierung in der Schweiz vergleichbar sind mit jenen in anderen westeuropäischen Ländern und dass die Raten von Körperverletzung und Raub in der Schweiz etwas tiefer liegen.

Wie viele 17-jährige Jungen werden sexuell belästigt?
Deutlich weniger als Mädchen: 6 Prozent, was aber auch nicht wenig ist. Die Jungen geraten dafür doppelt so häufig in gewalttätige Auseinandersetzungen wie Mädchen.

Inzwischen sind die Teilnehmenden der Studie 21 bis 22 Jahre alt. Weiss man, welche Auswirkungen die Gewalterfahrungen im Teenageralter haben und wie man als Eltern am besten darauf reagiert?
Ja, dazu haben wir eine Studie durchgeführt, zwar im Zusammenhang mit Mobbing, aber Gewalt spielte darin teilweise auch eine Rolle. Kinder und Jugendliche, die gemobbt werden, können Ängste und Depressionen entwickeln. Man kann aber tatsächlich etwas tun, dass sich die Konsequenzen von Opfererfahrungen weniger negativ auswirken. Die Kinder kamen besser mit solchen Erlebnissen zurecht, wenn sie in einem behüteten Zuhause aufgewachsen sind oder wenn sie ein gutes Verhältnis zu ihrer Lehrperson hatten.

Was ist mit einem behüteten Zuhause gemeint?
Wenn die Eltern sich einfühlsam am Leben des Kindes beteiligen, also zum Beispiel fragen, was es in der Schule gemacht hat, es in seinen Freizeitaktivitäten unterstützen oder es begleiten, zusammen etwas mit ihm unternehmen, es loben oder umarmen, wenn es etwas gut gemacht hat.

Gibt es nebst den nicht stereotypen Verhaltensweisen auch andere Risikofaktoren? Trifft es beispielsweise eher Jugendliche, die behütet oder in einem schwierigen Umfeld aufgewachsen sind, eher Intelligente oder eher schulisch Schwächere?
Das war nicht unser Fokus. Unsere Ziel war, mögliche Risikofaktoren in der Kindheit zu finden. Deswegen haben wir die Gruppe im Alter von 17 Jahren gefragt, ob sie in den vergangenen 12 Monaten Gewalt erlebt haben, und dann rückblickend Auffälligkeiten in der Kindheit gesucht. Dass die Geschlechterunterschiede und die Stereotypen einen Einfluss haben, hat sich erst bei der Analyse herauskristallisiert. Mit den Daten der Langzeitbefragung können jedoch auch andere Faktoren untersucht werden. Aktuell sind wir dabei zu schauen, welchen Einfluss die externe Kinderbetreuung hat oder welche Risikofaktoren zu Gewalt in der Beziehung führen könnten.

Erstellt: 04.07.2019, 18:57 Uhr

Margit Averdijk ist Kriminologin am Jacobs Center for Productive Youth Development an der Universität Zürich und auf delinquente Verhaltensweisen spezialisiert. Ihre wissenschaftliche Untersuchung zu Opfererfahrungen im Teenageralter basiert auf den Daten der Zürcher Langzeitstudie z-proso von Manuel Eisner und Denis Ribeaud, die 2004 startete. Dafür wurden zufällig Schulen in der Stadt Zürich ausgewählt. Über 80 Prozent der angefragten Kinder, insgesamt über 1350, nahmen daran teil. Bei der ersten Befragung war die Mehrheit von ihnen 7-jährig. Seither wurden sie in Zeitabständen von ein bis drei Jahren befragt. Die nächste Befragung ist in zwei Jahren geplant. Über 70 wissenschaftliche Untersuchungen wie jene von Margit Averdijk sind bereits aus den Daten entstanden. Heute sind die Studienteilnehmenden zwischen 21 und 22 Jahre alt. Eine vergleichbare Langzeitstudie zum Thema gibt es in der Schweiz nicht, weltweit ebenfalls nur eine Handvoll.

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