«Facebook weiss mehr über die Bürger als eine Diktatur»

Mit dem Erfolg von Facebook wächst die Kritik. Auch von ehemaligen Kaderleuten.

Dislike: Facebook macht süchtig und zerstört die Gesellschaft. Foto: Dado Ruvic (Reuters)

Dislike: Facebook macht süchtig und zerstört die Gesellschaft. Foto: Dado Ruvic (Reuters)

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Chamath Palihapitiya muss man glauben, wenn er sagt, dass Facebook «den sozialen Zusammenhalt auseinanderreisst, dank dem unsere Gesellschaft funktioniert». Die «dopamingesteuerten Feedbackschlaufen» würden «die Gesellschaft zerstören», sagte der Programmierer kürzlich in einem Vortrag an der Stanford-Universität. Es fänden keine Debatten mehr statt, es gäbe keine Zusammenarbeit mehr, es würden bloss noch Falschinformationen und Lügen verbreitet. Dabei handle es sich um ein globales Problem, sagte er weiter, weil Facebook die «Grundfesten des menschlichen Verhaltens» erschüttere.

Warum man diesem Mann glauben muss: Der heute 41-Jährige war bis 2011 bei Facebook als Vizepräsident aktiv, zuständig für den Bereich «User Growth», also verantwortlich für die Zunahme von Facebook-Mitgliedern. Sein Team hat einen guten Job gemacht.

Werber, Politiker, Nachrichtendienste

Im September 2006 öffnete sich Facebook allen Benutzerinnen und Benutzern, die über 13 Jahre alt waren und eine E-Mail-Adresse besassen. Sechs Jahre später waren über eine Milliarde User monatlich auf Facebook aktiv, heute sind es über zwei Milliarden. Die Plattform vereint Menschen, die bereitwillig ihre Eigenschaften, Bilder und Interessen austauschen. Damit geben sie das Wichtigste preis, was Werber, Politiker und Nachrichtendienste haben wollen: Daten über sich. Wen sie mögen, was sie kaufen, wie sie aussehen, was sie hören, wen sie lesen, was sie denken, wen sie lieben, welche sie hassen. Kein Überwachungsstaat mit Ausnahme von Nordkorea und vielleicht noch China könnte seinen Bürgern all die Informationen abpressen, welche die Facebook-User bereitwillig ins Netz stellen.

Facebook bringe die Menschen zusammen, versprach Mark Zuckerberg, der zugleich bekannte, nichts von Privatsphäre zu halten. Obwohl er den Vorwurf dementierte, dass seine Firma mit dem amerikanischen Nachrichtendienst NSA kooperiere, tat sie es trotzdem – und viele andere Internetfirmen mit ihr. Zuckerberg findet auch, dass Menschen keine Geheimnisse voneinander haben müssen. Wer eine private und eine öffentliche Identität habe, sagte er einmal, beweise einen Mangel an Integrität. Vereinzelt werden solche Ansichten als Beleg dafür ausgelegt, dass Zuckerberg am Asperger-Syndrom leide, eine mildere Form des Autismus; was autistischen Menschen am häufigsten fehlt, ist Empathie, die Einfühlung in andere.

Aber sogar Zuckerberg muss gemerkt haben, dass sich Facebook mit wachsendem Erfolg einer ebenso wachsenden Kritik gegenübersieht. Diese ist umso ernster zu nehmen, als sie auch von ehemaligen Kaderleuten wie Chamath Palihapitiya geäussert wird. Oder Sean Parker. Der ehemalige Hacker schuf mit zwei Kollegen die Musiktauschbörse Napster, schloss sich später Facebook an und half Mark Zuckerberg, wie dieser selber sagte, «ein Studienprojekt in eine Firma zu verwandeln». Es sei den Facebook-Leuten von Anfang an bewusst gewesen, sagte Parker an einem Anlass in Philadelphia, dass sie etwas mit hohem Suchtpotenzial geschaffen hätten, «das die menschliche Verletzlichkeit ausbeutet». Zum süchtigmachenden Charakter der Plattform zählt Parker den Like-Button, der die User dazu bringt, noch mehr Inhalte herunterzuladen. Und damit noch mehr über ihr Konsumverhalten, ihre Ansichten und Beziehungen zu verraten.

Facebook für Sechsjährige

Chamath Palihapitiya jedenfalls, der ehemalige Kadermann von Facebook, hat sich davon abgekoppelt. «Ich kann sie nicht kontrollieren», sagt er über seine ehemaligen Kollegen. «Aber ich kann meinen Entscheid kontrollieren, einen solchen Mist nicht zu verwenden.» Seinen Kinder hat er Facebook verboten.

Palihapitiyas Kritik sei veraltet und damit überholt, heisst es bei Facebook, man sei sich seiner Verantwortung bewusst geworden. Vor kurzem gab der Konzern die Lancierung einer neuen App bekannt. Sie heisst «Messenger Kids» und richtet sich an Kinder zwischen 6 und 13 Jahren.

Erstellt: 14.12.2017, 18:36 Uhr

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