Fake News vom Mars

Orson Welles’ Hörspiel über die Invasion der Aliens soll 1938 eine Panik ausgelöst haben. Ob Kino, Rundfunk oder Internet: Neue Medien galten immer wieder als Bedrohung.

Orson Welles spricht im Radiostudio gestikulierend einen Text seines Alien-Hörspiels, das im Herbst 1938 Furore machte. Foto: Getty Images

Orson Welles spricht im Radiostudio gestikulierend einen Text seines Alien-Hörspiels, das im Herbst 1938 Furore machte. Foto: Getty Images

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Angeblich nahm die Kinogeschichte so ihren Anfang: Am 28. Dezember 1895 sollen sich einige Dutzend Schaulustige in einem Gewölbe des Grand Café in Paris eingefunden haben, um der Premiere einer neuen Attraktion beizuwohnen. Die Gebrüder Auguste und Louis Lumière präsentierten an jenem Tag ihren Kinematografen. Unter ihren etwa einminütigen Filmen soll einer gewesen sein, der bei den Zuschauern besonderen Eindruck hinterliess: Bei der Vorführung von «Die Ankunft eines Zuges im Bahnhof von La Ciotat» sei das Publikum in Panik geraten, einige Zuschauer seien von ihren Sitzen aufgesprungen, andere hätten sich unter den Stühlen versteckt oder fluchtartig den Saal verlassen.

Für die unerfahrenen Zuschauer soll die Lokomotive so täuschend echt, so realistisch gewesen sein, dass sie den einfahrenden Zug für real hielten und um ihr Leben fürchteten. So weit zumindest die Legende, die sich rasch verselbstständigte und bis heute hält. Doch der Mythos von der Panik im Zuschauerraum entspricht nicht den historischen Fakten. Weder wurde «Die Ankunft eines Zuges» bei der Premiere des Kinematografen 1895 überhaupt gezeigt, noch existieren irgendwelche zeitgenössischen Dokumente über oder Anhaltspunkte für eine solche Panik bei der Vorführung des kurzen Stummfilms ein paar Wochen später im Januar 1896.

Auguste und Louis Lumière waren gewiefte Geschäftsleute: Die Legende von der Panik im Zuschauerraum war vermutlich ein geschickter PR-Gag der Unternehmer, mit dem sie ihren Cinématographe beim Publikum anpreisen und Neugierige anlocken wollten. Das zeigen die Recherchen des Medienwissenschaftlers Martin Loiperdinger.

Unbehagen gegenüber dem Kino

Allerdings fungiert die Legende bis heute als der Gründungsmythos des Mediums Kino. Sogar namhafte Filmkritiker wie Hellmuth Karasek wollten nicht von ihr lassen. Karasek schrieb 1994 anlässlich des 100. Geburtstags des Kinos im «Spiegel»: «Obwohl der Film-Zug in flimmerndem Schwarzweiss (also nicht in den Naturfarben und Naturdimensionen) auf die Zuschauermengen losraste und obwohl das einzige Geräusch, das ihn begleitete, das monotone Klappern der Projektionszahnräder in der Filmperforierung war, fühlten die Zuschauer sich von dem Zug körperlich bedroht und reagierten panisch.»

Klingt nach einer guten Story: Das neue Medium Film ist derart überzeugend, dass es das Publikum hinters Licht führt. Tatsächlich revolutionierte das Kino ja das Sehen. Auf einmal wurde Leben in Bewegung darstellbar. Man schien der Utopie eines tatsächlich realistischen Abbildes, einer Kopie der Realität plötzlich näher denn je. Gleichzeitig war diese ästhetische Revolution den Zeitgenossen offenbar nicht ganz geheuer. Denn die Anekdote von der Panik im Zuschauerraum bringt auch ein Unbehagen gegenüber dem Kino zum Ausdruck: Ist diesem Medium überhaupt zu trauen? Hat es nicht das Potenzial, seine Zuschauer zu täuschen und hinters Licht zu führen? Es sind dieselben Fragen, die sich heute angesichts des Internets stellen. Sie sind typisch für die Mediengeschichte. Wann immer ein neues Medium sich durchzusetzen beginnt, kommt Misstrauen auf. Legenden lassen Medien oft wirkmächtiger erscheinen, als sie tatsächlich sind.

Seit seiner Erfindung hat sich das Kino immer weiter in Richtung einer wirklichkeitsgetreuen Abbildung entwickelt. Ende der Zwanzigerjahre setzte sich der Tonfilm durch. Der erste sprechende Film in Spielfilmlänge, Talkie genannt, war ein Musikfilm: «The Jazz Singer» provozierte Empörung bei Zeitgenossen wie Virginia Woolf und Aldous Huxley. Schriftsteller fühlten sich bedroht: Plötzlich erhob auch der Film das Wort. Auch Stummfilmstars wie Charlie Chaplin schworen, niemals einen Tonfilm zu drehen. Chaplin hat diesen Schwur 1940 mit «Der grosse Diktator» gebrochen, einer Satire sowohl auf Adolf Hitler als auch auf den Tonfilm selbst.

Wann immer ein neues Medium sich durchzusetzen beginnt, kommt Misstrauen auf.

In den Vierzigerjahren etablierte sich der Farbfilm – ein weiterer Schritt in Richtung Lebensähnlichkeit. Es folgten ausgeklügelte Soundsysteme im Kinosaal, die dem Publikum suggerierten, Teil des Geschehens zu sein. Und dann der 3-D-Film: die Renaissance der Vorstellung, dass das Kino die Realität kopieren, ja ersetzen kann. Und inzwischen erscheint Virtual-Reality-Technik wie eine Neuauflage jenes PR-Gags der Gebrüder Lumière.

Als sich das Radio in vielen Haushalten durchzusetzen begann, warf man ihm ebenfalls bewusste Täuschung und gefährliche Beeinflussung vor. Ganz ähnlich wie heute beim Internet hiess es damals, das Radio sei prädestiniert für Fake News und Propaganda. Besonders nachhaltig und subtil wirkt auch hier eine Legende über eine Massenpanik nach: Orson Welles’ Radiospiel «Krieg der Welten» soll Ende Oktober 1938 die Bevölkerung der USA in Angst und Schrecken versetzt haben.

Schaltung zu den Ausserirdischen

Am Halloween-Vorabend in jenem Jahr unterbricht gegen acht Uhr die angsterfüllte Stimme eines Radiosprechers die Musik auf dem Sender CBS: Wichtige Nachrichten! Ein Wissenschaftler meldet, es seien ungewöhnliche Gasexplosionen auf dem Mars gesichtet worden. Minuten später verkündet ein Sprecher, dass in der Nähe von Grovers Mill im Bundesstaat New Jersey ein «riesiges flammendes Objekt» auf eine Farm gestürzt sei. Bald schaltet der Sender zu einem Reporter vor Ort: «Grosser Gott! Etwas kriecht aus dem Schatten wie eine graue Schlange. Es sieht wie Tentakel aus. Der Körper ist gross wie ein Bär und glänzt wie nasses Leder. Aber das Gesicht! Es … es ist unbeschreiblich!»

Die Landung der Aliens im Norden der USA war eine Hörspieladaption des Romans «Krieg der Welten» von H.G. Wells. Der damals erst 23 Jahre alte Regisseur Orson Welles feierte damit seinen Durchbruch. Welles inszenierte die Ankunft der Ausserirdischen als Quasi-Liveberichterstattung, die er in ein herkömmliches Radioprogramm hineinmontierte. Dadurch klang es für Hörer, die den Hinweis am Beginn der sechzigminütigen Sendung, dass nun ein fiktionales Hörspiel folge, überhört oder später zugeschaltet hatten, als wären sie Zeugen einer unvorhergesehenen Unterbrechung des üblichen Programms.

Glaubt man den Schlagzeilen der grossen Zeitungen vom folgenden Tag, sollen Tausende US-Amerikaner auf dieses Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit hereingefallen sein. Viele seien in ihre Autos gesprungen und hätten in heller Panik die Flucht ergriffen. Allerdings ist auch diese Massenpanik, genau wie die Hysterie im Zuschauerraum bei der Premiere des Cinématographe, eine urbane Legende. Wie die Medienhistoriker Jefferson Pooley und Michael J. Socolow nachgewiesen haben, hat Welles in Wirklichkeit fast niemanden getäuscht: Am selben Abend war eine Zuhörerbefragung per Telefon durchgeführt worden. Auf die Frage «Welches Programm hören Sie gerade?» antworteten zwei Prozent der Befragten, dass sie den Sender CBS eingeschaltet hätten; einige sagten, sie lauschten einem Hörspiel von Orson Welles. Niemand allerdings gab an, eine Nachrichtensendung über die Landung von Ausserirdischen in den USA zu verfolgen. «Die angebliche Panik», schreiben die Wissenschaftler, «war so winzig, dass sie in der Nacht der Ausstrahlung praktisch nicht messbar war.»

Presse gegen das Radio

Zum Massenphänomen wurde der Aufruhr erst in den Tagen danach – und zwar in der gedruckten Presse. Die beäugte das neue Medium Radio ohnehin mit Argwohn. Die vermeintliche Panik war ein willkommener Anlass, den Radioleuten Verantwortungslosigkeit und Irreführung vorzuwerfen. So titelte tags darauf die «New York Times» «Terror by Radio» – Terror aus dem Radio. Und die «New Yorker Illustrierte Daily News» schrieb auf ihrer Titelseite: «Fake-Radio-Krieg versetzt die USA in Schrecken.»

Das Radio, dessen Stärke gerade in der Authentizität und der Unmittelbarkeit der Berichterstattung liegt, wurde von der Presse mindestens so misstrauisch beäugt wie zuvor der aufkommende Film von Schriftstellern.

Rock-’n’-Roll und satanische Botschaften

Die Legende fiel auf fruchtbaren Boden. Sie nährte das Misstrauen gegenüber einem Medium, das den Zeitgenossen tatsächlich Schreckliches verhiess: Über das Radio erfuhren die Amerikaner von Adolf Hitlers bedrohlichen Reden von jenseits des Atlantiks. Auch in Deutschland fanden die Schlagzeilen aus den USA Widerhall: Am 31. Oktober 1938 titelten die «Hamburger Nachrichten»: «Weltraumschiff gelandet! Tolle Panikszenen im Staate New York.» Adolf Hitler gab noch im April 1939 in einer Rede vor dem Reichstag den Medien die Schuld an der grassierenden Kriegsangst und wetterte gegen «künstliche Panikmache, die am Ende so weit führt, dass selbst Interventionen von Planeten für möglich gehalten werden und zu heillosen Schreckensszenen führen».

Die an Mythen reiche Geschichte der Medienkritik aber war damit längst nicht am Ende. So machte im Oktober 1969 die unglaubliche Geschichte die Runde, dass sich auf Rock-’n’-Roll-Schallplatten jugendgefährdende satanische Botschaften versteckten, wenn man sie rückwärts abspiele. In den Achtzigerjahren schrieb Neil Postman einen weltweiten Bestseller darüber, dass das Fernsehen dumm macht. Heute sind es vor allem die Smartphones, denen alles Mögliche zugetraut wird: Die oft zitierte Schlagzeile «Tod durch Selfie» benennt nur eine der angeblichen Gefahren; als sei das Gerät und nicht der Mensch verantwortlich für tragische Unfälle.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 21.11.2018, 18:58 Uhr

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