Wie kauft man neue Kleider, wenn man kaum hört und sieht?

Suzanne ist fast blind und taub. Unterwegs auf einer speziellen Shopping-Tour.

Suzanne (links) und Kommunikationsassistentin Ursi Wyss sind ein eingespieltes Team. (Foto: Kostas Maros)

Suzanne (links) und Kommunikationsassistentin Ursi Wyss sind ein eingespieltes Team. (Foto: Kostas Maros)

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Suzanne* steht am Barfüsserplatz, einem der belebtesten Plätze Basels. Unzählige Trams fahren an ihr vorbei, Menschen wuseln um sie herum. Diese Menschen und Trams sind für sie nur schemenhafte Umrisse. Einige Geräusche kann sie hören. Doch gesprochene Sprache ist für die 70-Jährige unverständlich, «wie Salat», sagt sie.

«Hallo, ich bin Suzanne», begrüsst sie die Journalistin gut gelaunt. Auf ihren Wunsch bleiben wir in diesem Artikel beim Vornamen. Trotz der starken Hör- und Sehbehinderung hat Suzanne für die nächsten paar Stunden funktionierende Augen und Ohren. Sie gehören Ursi Wyss. Die Kommunikationsassistentin hält ihre Hand. In einem Wahnsinnstempo tippt sie mit den Fingerspitzen Punkte und Striche auf Handfläche und Finger. Mit diesem Lormalphabet beschreibt sie, was gerade geschieht, wie die Personen um sie herum aussehen und was diese sagen.

Schreiben auf der Hand

Ursi Wyss beschreibt Suzanne mit dem Lormalphabet, was um sie herum geschieht. Video: Kostas Maros

Suzanne will das Bild, das Ursi Wyss ihr beschrieben hat, noch mit Berührung verfeinern. «Sie haben Locken? Darf ich Ihre Haare anfassen? So schön!» Auch das orange Etuikleid gefällt ihr: «Als Kind sah ich noch etwas besser. Deshalb habe ich eine klare Erinnerung an alle Farben. Ich liebe Farben und Kleider.»

Ihr Hörvermögen begann sich erst zu verschlechtern, als sie bereits zur Schule ging, weshalb sie gut und deutlich sprechen kann. Suzanne trägt eine rosa Hose, ein weisses Oberteil mit grossem Blumenmuster und eine kurze, blaue Jacke. Nun will sie sich weitere Kleider kaufen. Ohne Hilfe kann sie das nicht. Denn obwohl sie bei gutem Licht die Hauptfarben erkennen kann, bleiben ihr Nebenfarben und Zwischentöne verborgen. Deshalb hat sie die Kommunikationsassistentin Ursi Wyss dabei. Arm in Arm gehen die beiden Richtung Kleiderladen. Kommt eine enge Stelle, nimmt die Assistentin ihren Arm nach hinten. So weiss Suzanne, dass sie sich hinter ihr einreihen muss.

«Weiss ist todlangweilig!»

Mit den Händen ertastet Suzanne die Details der Kleider. Bei einer Bluse hält sie inne. «Das ist Leinen. Leinen ist super angenehm. Ich will keinen Kunststoff, sonst schwitze ich wie ein Kamel», sagt sie lachend. Als sie jedoch erfährt, dass das Oberteil weiss ist, winkt sie ab. «Der Schnitt ist härzig, doch Weiss ist todlangweilig!» Die Geschäftsführerin sucht ihr die gleiche Bluse in Blau heraus. «So gefällt sie mir. Diese Bluse kommt in meinen Besitz!», sagt sie nach der Anprobe übermütig.

Immer wieder fragt Suzanne bei Ursi Wyss nach, welche Farbe und welches Muster die verschiedenen Stücke haben. Denn es ist ihr wichtig, dass sie farblich zu ihren bereits vorhandenen Kleidern passen. «Das ist eine Lounge-Hose», erklärt Geschäftsführerin Rachel Keller, Ursi Wyss transkribiert via Hand. «Eine Lounge-Hose?», fragt Suzanne. «Ja, zum Chillen», sagt Wyss. «Ah, das kenn ich. Da will ich grad auch noch einen Apéro dazu!», sagt sie lachend.

Nach zweieinhalb Stunden verlässt Suzanne das Geschäft mit einer Papiertasche voller Kleider. «Wir sind ein Dreamteam», freut sie sich und umarmt Ursi Wyss. Nun will sie einen Salatteller essen gehen. Im Restaurant kann sie die Fragen der Journalistin auch ohne Ursi Wyss beantworten. Dafür holt sie eine Tastatur hervor, die mit einem Ablesegerät verbunden ist. Die eingetippten Fragen werden auf dem Gerät in der Blindenschrift Braille angezeigt. Mit den Fingerspitzen ertastet sie die Erhöhungen. Mit ähnlichen Ablesegeräten surft sie im Internet, liest Mails oder auch SMS auf ihrem iPhone. Die heutige Technik sei für sie ein Segen.

Schwere Jugend

Die Ursache für ihre Taubblindheit wurde bis jetzt nicht gefunden. «Weder meine Eltern noch meine Geschwister sind behindert», sagt Suzanne. Sie weiss lediglich, dass die Nervenzellen ihres Sehnerves verkümmern. Ihr Gehör könnte durch eine Penicillinbehandlung geschädigt worden sein, die sie bei einer Mandelentzündung erhielt.

«Die Sehbehinderung hat mich nicht so belastet, doch die Hörbehinderung konnte ich lange nicht akzeptieren. Auch meine Eltern nicht. Das war schmerzhaft», erzählt Suzanne. Sie habe kaum gesprochen, damit die Leute die Behinderung nicht bemerkten: «Ich fühlte mich minderwertig und schämte mich.»

Sie lebte ein isoliertes Leben in einem Internat, das von strengen katholischen Schwestern geführt wurde. Ihre besten Freunde waren Bücher. «Ich habe mir Karl-May-Bücher geschnappt und in der Nacht unter der Bettdecke gelesen. Dank der Brailleschrift ging das. Es brauchte ja kein Licht.»

Schritt für Schritt zurück ins Leben

Es war eine Psychiaterin des Kinderspitals Basel, die ihr in dieser dunklen Zeit die grösste Hilfe war. «Sie hat mich aufgefangen, als ich so schlecht dran war, und hat mich so weit gebracht, dass ich wieder ins Leben zurückkehren konnte.» Schritt für Schritt erlangte sie ihre Lebensfreude zurück.

Suzanne kennt Hörsehbehinderte, die sich bis heute nicht mit ihrem Schicksal abfinden können. «Es ist schwierig, Leuten zu helfen, die ihre Behinderung nicht annehmen können. Ich habe es bei einigen versucht, bin aber gescheitert», sagt sie. Auch in ihrem eigenen Leben haben sich, trotz Akzeptanz, längst nicht alle Probleme in Luft aufgelöst. «Taubblindheit bedeutet Isolation. Ich kann nicht einfach raus und mit Leuten sprechen.»

Suzanne ist Single, das habe jedoch nichts mit ihrer Behinderung zu tun: «Bei mir hat es einfach nie geklappt. Ich glaube, ich bin zu anspruchsvoll. Aber ich habe viele Freunde.»

Arbeit trotz Rentenalter

Der Isolation entkommt Suzanne auch durch ihre Arbeit. Bei der Sehbehindertenhilfe Basel absolvierte sie eine kaufmännische Lehre. Später bildete sie sich im Selbststudium zur Brailleschriftlehrerin aus. Obwohl sie mittlerweile 70 Jahre alt ist, unterrichtet sie bei der Sehbehindertenhilfe noch viermal die Woche die Blindenschrift. «Nach meiner Pensionierung haben sie gefragt, ob ich weiter für sie arbeiten könne. Das ist das Beste, was mir passieren konnte. Ohne die Arbeit… das wäre schrecklich.»

Für alles Planbare hat sich Suzanne organisiert. Im Coop in ihrem Quartier stellt sie sich neben die Kasse: «Dann kommt jemand und geht mit mir durch den Laden. Ich sage einfach, was ich brauche. Natürlich hatte ich auch schon mal den falschen Käse im Korb, aber das sind super Leute.» In der Bäckerei tippt ihr die Verkäuferin auf die Hände, sobald sie an der Reihe ist. Bei der Bank ebenfalls.

Ein ungelöstes Problem

Trotzdem sind es ganz alltägliche Situationen, die Suzanne Schwierigkeiten bereiten. Vor allem, wenn sie allein auf der Strasse unterwegs ist, stösst sie an ihre Grenzen. «Kommunikation ist dann ein riesiges, ungelöstes Problem. Ich kann ja nicht die Tastatur auspacken.» Was also tun, wenn sie an einer Mehrfachhaltestelle ein Tram nehmen muss, an der mehrere Linien halten? Wie kommt sie in das richtige Tram? Fragen bringt nichts, denn die Antwort hört sie nicht. «Ich sage beispielsweise: Bitte nehmen Sie mich am Arm, wenn der 14er kommt, und bringen Sie mich zur Tür. Danach kann ich einfach nur hoffen, dass man mir auch hilft.»

Suzanne wünscht sich ein Gerät, das gesprochene Sprache direkt in Brailleschrift umsetzt: «Das sollte doch eigentlich machbar sein, oder?» Zum Glück seien die Menschen generell sehr hilfsbereit: «In meinem Quartier hat es viele Engel. Ich bin immer wieder erstaunt. Wenn Sie das für mich schreiben könnten: Ich will mich auf diesem Weg bei all diesen Unbekannten bedanken. Am liebsten würde ich sie umarmen.»

Später wird Suzanne noch in einen Yogakurs gehen, ihre Lehrerin hat extra für sie das Lormalphabet gelernt. «Es hat mich gefreut, Sie kennen zu lernen», sagt sie und fügt an: «Ihr oranges Kleid ist schön. Gottlob sind Sie nicht in einem traurigen Kleid aufgekreuzt!»

* Name der Redaktion bekannt.

Erstellt: 27.06.2019, 14:00 Uhr

50'000 Betroffene

Am 27. Juni ist der Internationale Tag der Taubblindheit. Der Schweizerische Zentralverein für das Blindenwesen (SZBLIND) schätzt, dass in der Schweiz mindestens 50'000 Menschen mit Taubblindheit oder einer Hörsehbehinderung leben.

Eine aktuelle Studie der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich und des SZBLIND benennen Einsamkeit und sozialen Rückzug als grosse Probleme hörsehbehinderter Personen. Um die Betroffenen aus ihrer Isolation zu holen, organisiert der SZBLIND jedes Jahr über hundert speziell begleitete Bildungs- und Freizeitangebote für Menschen mit Hörsehbehinderung und Taubblindheit. «Gemeinsam etwas unternehmen, miteinander etwas erleben, zusammenkommen und sich austauschen ist für diese Menschen sehr wichtig, um Isolation, Ausgrenzung und allenfalls depressive Verstimmungen zu verhindern», schreibt der Dachverband in einer Medienmitteilung zum Tag der Taubblindheit.

«Ein wichtiger Bedarf aller hörsehbehinderten oder taubblinden Menschen ist Assistenz», sagt Muriel Blommaert, Mitglied der SZBLIND-Geschäftsleitung. 267 ausgebildete freiwillige Mitarbeiter leisten jedes Jahr mehr als 21'000 Begleitstunden. Sie unterstützen hörsehbehinderte und taubblinde Menschen bei Treffen, Terminen, Einkäufen, Sitzungen, Ausflügen oder anderen Freizeitaktivitäten. Für wichtige Termine gibt es die Kommunikationsassistenz. Diese Dienstleistung ist kostenpflichtig. Pro Halbjahr stellt der SZBLIND seinen Klienten 80 solcher Assistenzstunden zur Verfügung. (dis)

www.taubblind.ch, www.szb.ch

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