Fehlt Gott?

Die Antwort auf eine Leserfrage zu den letzten Dingen.

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Die Reformierte Kirche des Kantons ­Zürich stellt zum 500-Jahr-Reformationsjubiläum eine Preisfrage: «Was fehlt, wenn Gott fehlt?» Erwartet wird ein literarischer Beitrag. Ich finde diese Frage intellektuell unredlich, schliesslich wird sie von der reformierten Landeskirche gestellt – einer Institution, die davon lebt, dass Gott existiert. Sicher wird da niemand antworten, dem nichts fehlt, wenn Gott fehlt.
G. K.

Liebe Frau K.

Ihr Verdacht, dass die Preisfrage bereits voraussetzt, wonach sie fragt, ist nicht von der Hand zu weisen: Der Gläubige kann benennen, was ihm fehlen würde; die Ungläubige wird gar nicht antworten. Aber vielleicht tut man so der reformierten Kirche unrecht. Möglicherweise macht sie sich ja Gedanken darüber, ob nicht auch denjenigen, die nicht an Gott glauben, etwas fehlen könnte, wenn Gott nicht länger ein Gegenstand des gemeinsamen Bewusstseins wäre. Hinterlässt der tote Gott eine Lücke, oder ist sein Hinscheiden lediglich eine überfällige Befreiung von einem schon viel zu lange existierenden Aberglauben?

Zu dieser Frage kann ich mir auch als Ungläubiger durchaus Gedanken machen. Kleiner Exkurs: Ich muss immer wieder kichern über die rationalistischen Versuche, Gott durch die Naturwissenschaft auszutreiben, oder über die frommen Versuche, ihn mit der modernen Physik zu versöhnen. Beides ist in etwa so überzeugend, wie – sagen wir – den Feminismus mit Verweis auf die Bonobos zu verteidigen oder zu widerlegen. Die Entscheidung Urknall oder Gott ist das Produkt einer Kategorienverwechslung, sei sie nun aus evangelikaler oder atheistischer Sicht.

«Gott ist gewiss weniger präsent als vor 500 Jahren. Aber dennoch ist es so, dass er/sie/es mir fehlen würde, verschwände er ganz.»

Gott ist Bestandteil einer kulturellen Tradition, besser: vieler kultureller Traditionen. Gott hat eine Geschichte, ist Bestandteil der Geschichte und Gegenstand unzähliger Geschichten. Er ist die Verkörperung zahlreicher abstrakter Vorstellungen und manch menschlicher Züge. Manche davon wie Liebe und Gerechtigkeit erachten wir für unverändert wichtig; andere wie Rache, Zorn und alleiniger Wahrheitsanspruch sind uns sehr problematisch geworden.

Aber genau diese (nicht ewige, aber geschichtliche) Verkörperung würde fehlen, wenn Gott fehlt. Gott ist gewiss weniger präsent in unserer Gesellschaft (und im Kanton Zürich) als vor 500 Jahren. Ich kann nicht sagen, dass ich das bedaure. Ich will keinen früheren Zustand restaurieren. Aber dennoch ist es so, dass er/sie/es mir fehlen würde, verschwände er ganz. Sie können das als eine Art intellektuellen Denkmalschutz betrachten. (Ausserdem als meine Antwort auf die Preisfrage. Was kann man da eigentlich gewinnen?)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2018, 14:04 Uhr

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