Feiertage im Berner Bordell

Besuch im Motel Paradiso bei Münchenbuchsee: Das Geschäft mit der käuflichen Liebe läuft sogar über Weihnachten und Neujahr.

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Ein Bordell zu finden, das Gäste empfängt, ist in diesen Tagen alles andere als selbstverständlich. Wen wunderts, denn Festzeit ist hierzulande vor allem eins: Familienzeit. Wie kaum sonst im Jahreslauf lässt man es sich über Weihnachten und Neujahr im Kreis der Seinen gut gehen (siehe Kasten). Der Alltag, der Beruf, der Stress, sie alle sind für einmal weit weg – und damit im Gegenzug auch all die Ausreden, die in normalen Wochen den Freiraum für einen Bordellbesuch schaffen können.

Die abendliche Sitzung etwa, die ein zeitiges Nachhause­kommen vom Büro unmöglich macht, zieht im Moment jedenfalls nicht.Dennoch gibt es Frauen, die sich auch in diesen letzten Tagen im Jahr für sexuelle Dienste an zahlenden Männern bereithalten. Das Motel Paradiso, das ausgangs von Münchenbuchsee direkt an der Autobahn in Richtung Lyss liegt, ist so ein Ort, an dem sie dies tun.

Erinnerungen an Weihnachten in Rumänien

Um es gleich vorwegzunehmen: Besonders gut scheint die Zeit für das Geschäft in der Tat nicht zu sein. Das wird bei diesem Besuch spätabends sofort klar. Die Kontaktbar, an der die Kunden erst etwas trinken, bevor sie in den Zimmern nebenan mit den Frauen ins Geschäft kommen, scheint völlig leer zu sein. Dass bereits drei Kunden da sind, wird im verwinkelten Lokal erst auf den zweiten Blick klar.

Ähnlich verhält es sich mit den Frauen. «Es sind nicht viele da», sagt die Serviererin am Buffet. Vielleicht ein halbes Dutzend, der Rest mache Ferien. Gemäss Website bieten sich regulär gegen zwanzig Frauen im Motel Paradiso an.

Dafür haben die, die geblieben sind, Zeit zum Plaudern. Erzählen mit einem unüberhörbar osteuropäischen Akzent von Weihnachten zu Hause in Rumänien. Reden davon, dass auch bei ihnen die Familien zum Feiern zusammenkommen, dass auch bei ­ihnen die Kinder den grossen Moment der Geschenke kaum ­erwarten können. Das Fest nun hier in der Schweiz zu verbringen und arbeiten zu müssen, sei ­deshalb sicher nicht einfach. Aber sie hätten ja vorgesorgt.

Grüne Girlanden und Happen aus der Heimat

Genau. Grüne Tannengirlanden und glitzernde Kugeln verbreiten so etwas wie Feststimmung in der Bar. Ein elektrisches Christbäumchen hat es sogar auf die Bühne direkt neben die Stange geschafft, an der sich die Frauen sonst zum erotischen Tanz be­wegen. In kleinen Glasschalen liegen Happen bereit, rumänische Spezialitäten, wie die Frauen erklären. «Probieren Sie!»

Die Flucht vor der Langeweile in den Chat

Plötzlich kommt Leben in die ­Bude. Die Tür geht auf, und ein vierter Gast tritt ein, eine Frau aus dem Paradiso-Team im Schlepptau. Ob die zwei direkt vom Service in den privaten Zimmern kommen, wird nicht ganz klar. Auf alle Fälle ist er bestens gelaunt, und er scheint von ihr auch nicht genug bekommen zu können. Während er sich auf dem Sofa zusammen mit einem Kollegen gemütlich einen Drink gönnt, muss sie ihm Gesellschaft leisten und zärtlich sein.

Später wird der Kollege zum Abschied in ebenfalls leicht fremdländisch angehauchtem Deutsch sagen: «Er ist mein Gast, ich zeige ihm etwas die Gegend hier».

Eine halbe Stunde später ist der Spuk vorbei und die Bar leer. Langeweile macht sich breit. Die Frauen beugen sich jetzt über ihre Smartphones, chatten oder schauen sich Trickfilme an. Die Hintergrundmusik wird kitschig-schwermütig, es sind Weihnachtslieder aus Rumänien, wie die Serviererin erklärt.

Eine «Auszeit» vom «Familienschlauch»

Wieder tröpfeln Gäste herein. Diesmal sind es Einheimische, die sich «nach dem Familienschlauch» eine Auszeit gönnen wollen, wie sie sagen. Er lebe ­allein und sei regelmässig in ­Erotikklubs unterwegs, erzählt einer. Deshalb könne er sagen, dass es hier ausserordentlich ­familiär zu und her gehe. Die Frauen seien nett, und darum drücke er auch kaum den Preis, wenn er mit einer ins Geschäft kommen wolle. «Es ist für sie ja auch härter geworden.»

Ob er sich an diesem Abend in eines der Zimmer zurückziehen wird, weiss er noch nicht. «Es muss nicht immer sein», stellt er fest und: «Ein bisschen Deutsch reden müsste sie auf alle Fälle können.» Nun, beeilen muss er sich nicht, die Nächte im Motel Paradiso sind immer lang. Feierabend ist erst frühmorgens um fünf Uhr – sogar in diesen flauen Zeiten.

Erstellt: 28.12.2015, 11:07 Uhr

Etwas Hintergrund

«Die Nachfrage ist da, aber sie bewegt sich auf einem tieferen Niveau», stellt Christa Ammann als Leiterin der Fachstelle Sexarbeit Xenia in Bern fest. Entsprechend eingeschränkt sei das Angebot: «Neben den Frauen, die durchgehend arbeiten, gibt es sehr wohl auch jene, die die Tage lieber traditionell bei ihren Familien verbringen. Das entscheidet jede Sexarbeiterin individuell.»

Über die Gründe, die zur tieferen Nachfrage führen, redet David Kuratle. Der Therapeut bei der kirchlichen Beratungsstelle für Ehe, Partnerschaft und Familie erinnert an die Bedeutung, die hierzulande gerade den Weihnachtstagen zukommt: Bei kaum einem Fest spiele die Familie eine derart wichtige Rolle wie bei diesem. Wer über keinen familiären Rückhalt verfüge, fühle sich deshalb rasch allein – und mit einem Blick eine halbe Woche voraus: «An Silvester und Neujahr ist das völlig anders.» Das Angebot an Anlässen und Partys sei dann so gross, dass ein Gefühl der Einsamkeit viel weniger aufkomme. «Man geht nach draussen und taucht in den Festbetrieb ein.»

Kuratle erinnert an die hohen Ansprüche, die viele an Weihnachten stellen. Man möchte die Zeit in einer möglichst intakten Familie verbringen und dieser auch finanziell etwas bieten können. Wenn dies nicht möglich ist, staut sich Frust auf – «nicht ohne Grund nimmt bei uns die Nachfrage nach kurzfristigen Beratungen kurz vor der Festzeit zu». Je nach Situation könne ein Besuch im Bordell dann ein Versuch sein, diese ­inneren Konflikte irgendwie zu bewältigen.

Oder vielleicht suchen ein­same Herzen auf diese Art nur etwas menschliche Nähe. Auf diese Funktion der Sexarbeit kommt Xenia-Leiterin Ammann zu sprechen: «Die Frauen bieten nicht nur Sex. Viele Kunden suchen häufig einfach jemanden, mit dem sie reden können.»

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