Feministische Pornos sind prickelnder, als Sie glauben

Klare Spielregeln und fliessende Rollenwechsel: Ein Lustkiller? Mitnichten! Zu Besuch am Pornfilmfestival in Berlin.

In Berlin trifft sich die Szene feministischer Pornomacher jährlich: Ein Ausschnitt aus einem Film von Erika Lust. Foto: Instagram/erikalust

In Berlin trifft sich die Szene feministischer Pornomacher jährlich: Ein Ausschnitt aus einem Film von Erika Lust. Foto: Instagram/erikalust

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Es fängt dort an, wo es normalerweise endet: Ein Mann und eine Frau stehen sich gegenüber, beide nackt. Dann setzt Folkmusik ein – und das Paar beginnt, sich leidenschaftlich gegenseitig anzuziehen. Eine Art Rückwärts-Striptease. Erst als alle Hüllen dran sind, fallen sie teilweise erneut, und es geht zur Sache. Wir sind schliesslich in einem Pornofilm.

Die Regisseurin Jennifer Lyon Bell nennt ihren Film «Adorn» ein «experimentelles erotisches Spiel». Sie hat ihn vergangene Woche auf dem Pornfilmfestival in Berlin gezeigt, wo einmal im Jahr die Szene feministischer Pornomacher sich selbst und die Lust in all ihren auf einer Leinwand darstellbaren Spielarten feiert. Eine internationale Porno-Avantgarde, für die Sex nicht nur Gerammel bis zum (männlichen) Orgasmus und Porno nicht nur Mittel zu ebendiesem Zweck ist, sondern Kunst, Politik, Selbstverständigung, Selbstausdruck. Hier gelten andere Spielregeln, in diesem Fall lauteten sie: Die beiden Performer durften sich nur unter oder über der Kleidung berühren, die sie dem Partner angezogen hatten. So erklärt es die Regisseurin.

Das Publikum johlt und klatscht, denn als Metapher ist das ja wirklich sehr schön: Anstatt sich gegenseitig zu entblössen, wird Sex als etwas Konstruktives aufgefasst. Man baut sich gegenseitig auf und empfindet Lust dabei. Für manchen alten Verfechter der 68er-Liebesrevolte dürfte das harter Tobak sein. Da sitzt eine kosmopolitische, gut gebildete Avantgarde junger Menschen in einem Kino in Berlin-Kreuzberg, sieht aus wie eine Mischung aus Punk-Convention und Galeristen-Tagung und beklatscht einen Sexfilm, in dem Menschen sich an- und nicht ausziehen.

Wie macht man eine gute Sex-Szene? Die Regisseurin Jennifer Lyon Bell weiss es. Video: Youtube

Man hat den Vorwurf immer wieder gehört, seit vor ziemlich genau einem Jahr die #MeToo-Debatte losgebrochen ist: Lustfeindliche Spielverderber seien diese Frauen und Männer, die nun fordern, dass es klare Spielregeln für den Umgang der Geschlechter miteinander geben muss. Es gehe, so heisst es dann oft, beim Sex ja gar nicht mehr um Sex. Sondern um Politik. Soll man im Bett etwa Plenum halten? Wie sexy ist das denn bitte schön? Und wie soll das überhaupt konkret funktionieren?

Im Film «Landlocked» der jungen brasilianischen Filmemacherin Lívia Cheibub funktioniert es so: Es gibt eine Handlung. Der Sex findet tatsächlich in einer Welt statt, die nicht nur daraus besteht, dass der Klempner vorbeikommt, um ein Rohr zu verlegen. Der Film erzählt in melancholischen Tönen von einem jungen Paar, das sich in einem Berliner Spätkauf kennenlernt und daraufhin einige Tage miteinander im Bett verbringt. Ein, wenn man so will, klassischer feministischer Porno. Es geht um echte Menschen und nicht um Superphallus trifft Püppchen. Der Sex der beiden sieht aus, als würde man ihn selbst gern haben.

Ein klassischer feministischer Porno: Der Trailer zum Film «Landlocked» der brasilianischen Filmemacherin Lívia Cheibub. Video: Vimeo

Die Liebenden sprechen im Bett miteinander. Sie respektieren sich. Diese an sich simplen Grundsätze möchte die #MeToo-Debatte auch ausserhalb feministischer Pornos gesellschaftlich verankern. Auf dem Pornfilmfestival ist das allerdings nicht das Ziel aller pornografischen Bemühungen, sondern schlicht die Grundlage. Was aus diesem Grundsatz alles folgen kann, ist dann richtig interessant.

Manuela Kay ist etwa 50 und trägt ihre Homosexualität mit sichtbarem Stolz nach aussen: kurze Gel-Haare, Ohrring, schwarzes Hemd, Rockergürtel. 1994 drehte sie mit Freundinnen einen Film auf VHS, der sich später als der erste deutsche Lesbenporno herausstellte. Heute ist sie im Organisationsteam des Berlin Pornfilmfestivals, das sich als «sexpositiv» versteht. Es gehe nicht nur darum, neue Grenzen zu definieren und sich daran zu halten, sagt sie, sondern sie auch «selbstbestimmt zu erweitern». Dann erst fange man an, aktiv über seinen Körper und seine Sexualität zu entscheiden. Man müsse die eigenen Grenzen erst mal infrage stellen, um sie anschliessend behaupten zu können. Man könne sich nur bewusst für oder gegen etwas entscheiden, wenn man wisse, was man mag und was nicht.

Dinge können schief gehen

Mit vielem, was auf dem Festival zu sehen gewesen ist, dürften sich die meisten Menschen allerdings erst mal schwertun. Sex mit «überraschenden Geschlechtern», wie Kay es nennt, ist eher die Regel als die Ausnahme. Verkleidungen, Spiele, fliessende Rollenwechsel finden nicht nur in den Filmen statt. Wenn man nach den Vorführungen jemandem vorgestellt wird, bekommt man häufig nicht nur einen Vornamen, sondern auch ein Pronomen genannt. «They», zum Beispiel, obwohl da nur eine einzige Person steht.

Ein Jurymitglied für den Wettbewerb der Porno-Kurzfilme, ein Italiener namens Diego Tigrotto, trägt, seit er einmal an einem Workshop «Radical Self Expression» teilgenommen hat, im Alltag Tieroveralls, an diesem Tag zum Beispiel ein Tigerkostüm. Wobei: Eigentlich fällt er gar nicht auf zwischen all den Leopardenmänteln, nach denen die coolen Kids aus Berlin gerade so verrückt sind.

Gewann einen Preis bei den «Feminist Porn Awards»: Trailer zu «Silver Shoes» von Jennifer Lyon Bell. Video: Youtube

Auch bei manchen Filmen fragt man sich, wo der Porno aufhört und die Lust am Unsinn anfängt. Zum Beispiel bei «Burning Palace». Da laufen Menschen in merkwürdig verkrümmter Haltung durch prunkvolle Flure mit Stuck an den Decken, fast nackt, und geben eigenartige Geräusche von sich. «I just am what I am», sagt eine Frau in der Dusche, dann scheint ihr Gesicht plötzlich in einer eigenartigen Stellung einzurasten, sie macht schmatzende Geräusche, marschiert roboterhaft aus dem Bild. Dazu Geigenmusik. An einer Stelle verwandelt sich ein weisser Plüschsessel in einen Menschen, und der singt dann traurig: «I'm so loooonely». Das ist schräg – und auf eine schräge Art sexy.

Vielleicht fängt die selbstbestimmte Erweiterung der eigenen Grenzen, von der Manuela Kay gesprochen hat, ja genau dort an: Wenn man gemeinsam schräg ist, ohne sich zu schämen. Und wenn einer ein flauschiger Sessel sein will, dann bitte, warum nicht.

Eine junge Frau mit Sidecut und bunter Vintage-Jacke, die Pornoproduzentin Paulita Pappel, lässt in den Filmen ihres Labels «Lustery» die Regie einfach ganz weg. Echte Paare können sich bei ihr melden und, nach einem vorfühlenden Gespräch, ob sie das auch wirklich wollen, ihre eigenen Filme aus dem Schlafzimmer einreichen, gegen Gage.

Echte Paare können bei ihr eigene Filme einreichen: Pornoproduzentin Paulita Pappel. Foto: Instagram/paulitapappel

Pappel erzählt, sie selbst habe erst durch BDSM-Fesselspiele verstehen gelernt, wie man mit dem Faktor Macht im Sex bewusst umgehen, wie man ihn thematisieren kann. Nicht um neue Hemmungen aufzubauen, sondern als Lustgewinn. Es sei beim Sex wichtig, «geschützte Spielszenarien» aufzubauen, sagt sie. Es sei wichtig, zu spielen. Eine Rolle zu spielen – wie in einem feministischen Pornofilm.

Allerdings ist es offenbar gar nicht so leicht, einen Raum für die Lust zu erschaffen, in dem jeder sein kann, was er, sie, es sein will. In dem niemand verletzt wird. Nicht mal für die Profis. Im vergangenen Monat hat Erika Lust, die wahrscheinlich bekannteste Figur der feministischen Pornobewegung, einen «Performers Bill of Rights» veröffentlicht. Es habe, schreibt sie auf der Homepage ihrer Firma, «Situationen» gegeben, die ihr bewusst gemacht hätten, dass es das brauche. Der Performer Rooster berichtet auf dem Pornfestival aus eigener Erfahrung, dass bei Drehs Grenzen und Absprachen nicht eingehalten wurden. Nicht nur bei Erika Lust, sondern auch bei anderen feministischen Filmemacherinnen.

Sie hat einen «Performers Bill of Rights» eingeführt: Die bekannteste Figur der feministischen Pornobewegung, Erika Lust. Foto: Instagram/erikalust

Man muss das in Relation sehen. In der konventionellen Hardcore-Pornoszene ist von Grenzüberschreitungen in ganz anderen Dimensionen ständig die Rede. Der bekannte Pornodarsteller James Deen etwa, dem Vergewaltigungen vor und hinter der Kamera vorgeworfen wurden, durfte, als das bekannt wurde, trotzdem weiterdrehen.

Die Vorwürfe gegen die feministischen Filmemacherinnen sind vergleichsweise harmlos. Es geht um emotionalen Druck, der angeblich aufgebaut wurde. Das ist natürlich immer noch ein Problem, und in der alternativen Pornoszene wird es ernst genommen.

Was zählt, ist wahrscheinlich, es überhaupt zu versuchen.

Bei den Gesprächen mit den Regisseurinnen und Regisseuren nach den Filmen ist die emotionale Integrität am Set ständig Thema. Und es gibt eine Podiumsdiskussion zum Thema «Performers safety and ethics». Die Porno-Performerin Lina Bembe, die mit Rooster gemeinsam die Diskussion leitet, sagt: «Selbst mit den besten Absichten gibt es Dinge, die schiefgehen können. Wir alle müssen bereit sein, uns zu ändern und für unsere Fehler verantwortlich gemacht zu werden.»

Was zählt, ist wahrscheinlich, es überhaupt zu versuchen. Auch ohne Kamera.

Erstellt: 02.11.2018, 17:30 Uhr

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