Fetisch Mutterschaft

Nichts wird Frauen so übel genommen, wie wenn sie sich der Fortpflanzung verweigern. Dabei zeigt die Forschung: Es ist vollkommen natürlich, keine Kinder zu wollen.

Mutterglück: Es gibt keinen Grund, Frauen zu pathologisieren, die sich für ein Leben ohne Nachwuchs entscheiden. Foto: Max Wanger/Gallery Stock

Mutterglück: Es gibt keinen Grund, Frauen zu pathologisieren, die sich für ein Leben ohne Nachwuchs entscheiden. Foto: Max Wanger/Gallery Stock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten der letzten Wochen. Er erschien erstmals am 14. April 2019.

Verena Brunschweiger ist derzeit vermutlich eine der meistgehassten Frau Deutschlands. Die Gymnasiallehrerin schrieb ein Buch, das «Kinderfrei statt kinderlos» heisst, ein Pamphlet, in dem sie erklärt, sich gegen Nachwuchs entschieden zu haben. Als Feministin. Und der Umwelt zuliebe. Die Wogen gingen hoch.

Etwas besser erging es der Schriftstellerin Sheila Heti, welche die Protagonistin ihres viel beachteten Romans «Mutterschaft» ausführlich über die Vor- und Nachteile der Familiengründung nachdenken lässt, wobei deren Entscheidung offengelassen wird – Heti erklärt aber frank und frei, sich persönlich dagegen entschieden zu haben.

Und auch im «Spiegel» war sie Thema, die Spezies der Kinder­losen, in einer der letzten Aus­gaben wurden ihnen gleich mehrere Seiten gewidmet: Da, schaut her, die sind ganz normal und tun niemandem was zuleide. Nein, tun sie nicht, zum Beispiel zeigen Studien, dass niemand so viel Geld für karitative Zwecke spendet und niemand so häufig Stiftungen gründet wie Kinderlose. Man mag sie trotzdem nicht.

So wenig, dass Papst Franziskus, dieser ach so sanftmütige Mann, jene, die bewusst keinen Nachwuchs wollen, öffentlich «egoistisch» nennt und ihr Leben «arm». Abgesehen davon, dass es kurios ist, die Abwesenheit eines Wunsches als egoistisch zu bezeichnen – würde nicht gerade die christliche Nächstenliebe verlangen, alle Menschen zu respektieren, unabhängig davon, ob sie sich fortpflanzen oder nicht? Aber während jede noch so kleine Minderheit mit Toleranz, Verständnis und Solidarität rechnen darf, weil sich das heute so gehört für eine aufgeschlossene Gesellschaft, gilt das für die Kinderlosen nicht. Vor allem dann nicht, wenn sie weiblich sind. Dass der Schriftsteller Jonathan Franzen im «New Yorker» schon vor zwei Jahren dasselbe geschrieben hatte wie Verena Brunschweiger in ihrem Buch und er aus denselben Gründen wie sie auf Nachwuchs verzichtet, sorgte zwar für Aufsehen. Aber einem Mann sah man diese Haltung nach.

Seit 2016 gibt es auf Facebook die «Motherhood Challenge»

Frauen ergeht es da weniger gut. Mutter zu sein, ist nach wie vor die gesellschaftliche Norm, gilt sozusagen als der natürliche Status der erwachsenen Frau – was umgekehrt suggeriert, die kinderlose Frau sei unnatürlich. «Unnatürlich» ist ein hässliches Wort, da ist das noch hässlichere Wort «ent­artet» nicht weit, und tatsächlich unterstellt man den Nichtmüttern bisweilen unverblümt, mit ihnen stimme etwas nicht, oder es sei wohl in ihrem Leben etwas Schwerwiegendes vorgefallen, anders ­lasse sich ihre Gestörtheit nicht ­erklären.

Das ist die gängige Meinung. Und sie ist spektakulär falsch. Sagt Gill Ragsdale, biologische An­thropologin mit Doktortitel der Uni Cambridge. Weil es nämlich keinen angeborenen Kinderwunsch gebe. Der grosse Irrtum, schreibt sie im schnellen E-Mail-Pingpong, bestehe darin, dass der Sextrieb gleichgesetzt werde mit dem Wunsch, sich fortzupflanzen. Säugetiere paarten sich aber nicht, weil sie Nachwuchs wollten, sondern einfach, weil sie Lust hätten. Beim Menschen sei das nicht anders: «Die meisten glauben, ein natürlicher Instinkt, Mutter werden zu wollen, ergebe biologisch Sinn. Aber das stimmt nicht. Ein solcher Instinkt existiert nicht, weil er nicht nötig war: Die Kinder kamen – jedenfalls bis noch vor sehr kurzer Zeit, also vor der Erfindung der Pille – ganz von selbst.»

Grundsätzlich, schreibt Ragsdale, würden Urinstinkte überschätzt, sie seien viel stärker sozial und kulturell geprägt, als man gemeinhin vermute. Das treffe auch auf den Kinderwunsch zu: «Würde eine Frau alleine auf einer Insel aufwachsen, würde sie keinen solchen verspüren.» Es gebe demnach auch keinen Grund, Frauen zu pathologisieren, die sich für ein Leben ohne Nachwuchs entscheiden – wenn es nicht natürlich im Sinne von angeboren sei, Kinder zu wollen, dann könne es auch nicht unnatürlich sein, keine zu wollen.

Die Mutterschaft war auch eine Art Disziplinierungsmassnahme, mit der die Frauen daran gehindert wurden, aufzubegehren

Ragsdales Aussagen klingen für Laien wie eine Provokation, in ihrem Fachgebiet besteht darüber indes längst Einigkeit. Und neu ist die These auch nicht. Schon 1916 hatte die Psychologin Leta Hollingworth angezweifelt, was seit Charles Darwin als allgemeingültige Wahrheit galt: dass alle Frauen beseelt seien vom Wunsch, Kinder zu gebären und ausschliesslich Erfüllung darin fänden, sich ein Leben lang um diese zu kümmern. In einem bemerkenswerten Aufsatz im «American Journal of Sociology» führte sie aus, dass das Bedürfnis, Mutter werden zu wollen, mitnichten biologisch begründbar sei, sondern vielmehr ein gesellschaftliches Konstrukt. Ja, mehr als das: «Jene, die das Sagen haben, sind daran interessiert, dass Frauen möglichst viele Kinder ­gebären.»

Und damit sie das weiterhin brav tun, waren die Männer – also jene, die das Sagen hatten – darauf bedacht, dass der Mutter­mythos fleissig gepflegt und der weibliche Daseinszweck untrennbar ans Kinderhaben gekoppelt wurde. Es war auch eine Art Disziplinierungsmassnahme, mit der die Frauen daran gehindert wurden, aufzubegehren; beschäftigt gehalten mit dem zahlreichen Nachwuchs, sollten sie gar nicht erst auf dumme Gedanken kommen. Und natürlich, so die hellsichtige Hollingworth, ging damit die unmissverständliche Botschaft einher, dass all jene, die sich ihrer Bestimmung verweigerten, krank seien. Unvollständig. Wertlos.

Hundert Jahre später hat sich daran kaum etwas geändert – ausser dass der Muttermythos noch intensiver gepflegt wird, ja regelrecht zum Fetisch avancierte: 2016 wurde auf Facebook die «Motherhood Challenge» lanciert – es ging darum, Fotos von sich mit dem Nachwuchs zu posten. Und spätestens seit damals sind sie allgegenwärtig, die strahlenden Mütter, die ihre Beiträge auf Instagram vorzugsweise mit den Hashtags #blessed und #proudtobeamum versehen: das Mami-Dasein als herausragende Eigenschaft, als Alleinstellungsmerkmal und als eine Art Gütesiegel. Es verwundert deshalb nicht, dass es neuerdings nicht nur den Begriff «mompreneur» gibt (Mütter, die selbstständig sind), sondern dass jungen Frauen als grösstmögliches Kompliment 2019 immer noch gesagt wird: «Du wärst eine tolle Mutter.» Und nicht: «Du wärst eine tolle Bundes­rätin.»

«Ob einer Vater ist oder nicht, ist unter Männern schlicht nicht von Belang.»

Die amerikanische Historikerin Elaine Tyler May hat viel über diese gesellschaftliche Fixierung auf die Mutterschaft geforscht, auch darüber, was sie für Frauen bedeutet, die ungewollt kinderlos bleiben. In ihrem Buch «Barren in the Promised Land» erklärt sie, man habe eigentlich erwartet, die Akzeptanz weiblicher Kinderlosigkeit werde nach der sexuellen Revolution grösser. Damit, dass das Gegenteil eintraf und, wie May schreibt, die «Obsession» noch grösser wurde, sei nicht zu rechnen gewesen. Einen Grund dafür vermutet sie in den neuen technischen Möglichkeiten, die, so paradox es klingen mag, dazu führten, dass man sich in westlichen Gesellschaften noch zwanghafter mit der Familiengründung beschäftige als je ­zuvor.

Helena Trachsel, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung von Mann und Frau des Kantons Zürich und Mutter zweier erwachsener Töchter, beobachtet diese Entwicklung ebenfalls. Sie vermutet, dass das Zelebrieren der Mutterschaft viel mit dem Wunsch junger Paare zu tun hat, an vertrauten Rollen festzuhalten: «Das gilt für beide Geschlechter. Aber als Mutter erfüllen Frauen die Erwartungen, die immer noch an sie gestellt werden. Das vermittelt Sicherheit und ist einfacher als neue Wege zu gehen, mit denen man sich womöglich der Kritik aussetzt.»

Am meisten aber irritiert sie die mangelnde Frauensolidarität. Wie schnell manche Mütter sofort eine Einteilung vornehmen: Die hat Kinder, die nicht. Helena Trachsel würde sich einen maskulin-entspannten Umgang damit wünschen: «Ob einer Vater ist oder nicht, ist unter Männern schlicht nicht von Belang.» Weil Väter in erster Linie Männer bleiben. Mütter sind aber oft nur noch: Mütter. Und merken gar nicht, wie sehr sie sich damit selbst ein Bein stellen und wie sehr sie damit den Männern einen Gefallen tun. Die oberste Zürcher Gleichstellungsbeauftragte sagt nämlich auch: «Der Muttermythos sorgt dafür, dass die unbezahlte Betreuungsarbeit vor allem Frauenauf­gabe bleibt und dass sich spätestens ab Mitte 30 ein grosser Teil der weiblichen Konkurrenz im Beruf praktischerweise selbst aus dem Rennen nimmt.»

Ganz so, wie es Leta Hollingworth vor mehr als einem Jahrhundert konstatierte, als sie schrieb, der Kinderkult sei im Sinne jener, die das Sagen hätten. Wenn also Verena Brunschweiger erklärt, es sei nicht nur ein ökologischer, sondern auch ein feministischer Akt, auf Nachwuchs zu verzichten, dann lohnt es sich zumindest, mal kurz darüber nachzudenken.

Erstellt: 13.04.2019, 18:43 Uhr

Artikel zum Thema

Kann ich den Mutterschaftsurlaub verlängern?

Leser fragen Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Mutterschaft. Mehr...

Spitzenathletin, schwanger, Olympia als Ziel

Wie bringt man Mutterschaft und Hochleistungssport zusammen? Nicola Spirig im grossen Interview. Mehr...

Mutterschaft als Spiel

Mamablog Hindernisse, Gegner, Bösewichte: Wie man als Mutter die Levels erfolgreich meistert. Zum Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...