Vielleicht ist es schon zu spät

Mit dem Missbrauchsgipfel will Franziskus die Glaubwürdigkeit der Kirche wiederherstellen. Kann das gelingen?

Mit heiliger Unbarmherzigkeit: Pater Federico Lombardi (r.) wird den Missbrauchsgipfel moderieren. Foto: Getty Images

Mit heiliger Unbarmherzigkeit: Pater Federico Lombardi (r.) wird den Missbrauchsgipfel moderieren. Foto: Getty Images

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Personalentscheide sind selten ­unpolitisch, auch im Vatikan nicht. Für den wohl wichtigsten Moment in seinem Pontifikat holt der Papst seinen vertrauten früheren Sprecher zurück aus dem Ruhestand. Pater Federico Lombardi, ein Jesuit wie Jorge Mario Bergoglio, 76 Jahre alt, aus dem Piemont, wird den Missbrauchsgipfel mit den Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen moderieren, der diese Woche im Vatikan stattfinden wird.

2016 war Lombardi pensioniert worden. Er soll dafür sorgen, dass alles auf den Tisch kommt, mit heiliger Unbarmherzigkeit, ohne dabei die Institution zu beschädigen. Und dass die Bischöfe danach wissen, wie sie in Zukunft mit Skandalen und Kinderschändern umzugehen haben.

Genauso wichtig ist es, dass die Welt in diesen Tagen den Eindruck gewinnt, die katholische Kirche gehe endlich mit angemessener Härte mit sich selbst ins Gericht – nach all den Jahrzehnten des Schweigens, des Vertuschens und Schönredens, des Versteckens und Versetzens. Der Gipfel ist eben auch das: ein Kampf um die Glaubwürdigkeit der Kirche, eine Herausforderung für die Kommunikationsabteilung, wahrscheinlich die komplizierteste, die ihr jemals erwachsen ist.

Da passt es zeitlich gerade ganz gut, dass der Vatikan am Wochenende den früheren Kardinal Theodore McCarrick, einst mächtiger Washingtoner Erzbischof, aus dem Klerikerstand entfernt hat. Für einen Kirchenmann gibt es keine höhere Strafe als diese. McCarrick ist für schuldig befunden worden, sexuelle Kontakte zu Minderjährigen und jungen Erwachsenen, zumeist Seminaristen, gehabt zu haben. Da dies unter anderem auch bei der Beichte passierte, kommt erschwerend der Tatbestand Machtmissbrauch dazu.

Video: Papst nimmt Stellung zu Missbrauchsfällen

Auf dem Heimflug aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gab Franziskus zu, dass es in der katholischen Kirche Missbrauchsfälle gibt. Video: Tamedia/Reuters

McCarrick versuchte, das Urteil anzufechten. Doch der Vatikan lehnte die Berufung ab. Der Papst erklärte die Angelegenheit zur «Res iudicata», weitere Rekurse sind damit unmöglich. McCarrick lebt seit einiger Zeit zurückgezogen in einem Kloster in Kansas. Er darf nie wieder priester­liche Kleidung tragen, darf nicht als Seelsorger wirken, er darf auch keine Sakramente mehr spenden.

Zwar sind in den vergangenen Jahren viele Priester und einige Bischöfe aus ihren Ämtern entfernt worden, denen man Übergriffe nachweisen konnte. Doch bislang war noch nie ein solch hochrangiger Geistlicher wie McCarrick dabei. Gerüchte hatte es schon lange davor gegeben. McCarrick lockte viele seiner Opfer in sein Strandhaus in New Jersey. Er liess sich «Uncle Ted» nennen.

McCarricks Schwäche war vielen längst bekannt

Die beispiellose Verbannung ist ­dennoch nur ein schwaches Signal. McCarrick ist jetzt 88. Drei Päpsten hat er gedient. Johannes Paul II. erhob ihn in den Kardinalsstand, als McCarricks Schwäche für junge Seminaristen vielen längst bekannt war. Er war ein Star der Kirche. Erst als im letzten Jahr bekannt wurde, dass auch minderjährige Opfer dabei waren, drehte der Wind.

Alles kommt spät, auch dieser Gipfel. Die Frage ist, ob sich die Schlacht um die Glaubwürdigkeit überhaupt noch gewinnen lässt.

Alles kommt spät, auch dieser Gipfel. Kann der Vatikan den Kampf um seine Glaubwürdigkeit noch gewinnen?

Franziskus hat in den vergangenen Jahren versucht, den vatikanischen Kommunikationsapparat zu reformieren. Ziel war es, die Welt draussen vor dem dicken Gemäuer mit jener drinnen einigermassen zu verbinden. Radio Vatikan, das Vatikanische Fernsehzentrum, die sozialen Medien, «L’Osservatore Romano», die Onlineplattform «Vatican News», der Fotodienst, das Presseamt: Der Papst versammelte alles unter einem Dach und holte viele Medienprofis.

Das neu geschaffene Dikasterium für Kommunikation erhielt als Präfekten einen italienischen Journalisten. Paolo Ruffini ist kein Geistlicher, auch das hatte es noch nie gegeben. Für die publizistische Linie aller Medien ist neu Andrea Tornielli zuständig, der bisher für «La Stampa» über Vatikanisches schrieb. Noch aber greift die Reform nicht, sie schuf bisher vor allem Konfusion und Intrigen.

Papst trägt zuweilen zur Verwirrung bei

Vor anderthalb Monaten trat völlig überraschend Greg Burke zurück, der amerikanische Sprecher des Papstes, mit sofortiger Wirkung, von einem Tag auf den anderen. Das Presseamt des Heiligen Stuhls, Nervenzentrum und Schnittstelle zwischen der Kirchenwelt und der weltlichen Welt, hat nun einen Interimschef, von dem niemand weiss, wie lange er bleiben wird. Nicht eben ideal in diesen schwierigen Zeiten.

Hält sich normalerweise nicht mit Aussagen zurück: Papst Franziskus während seiner wöchentlichen Audienz im Vatikan. (Bild: Angelo Carconi, EPA, Keystone)

Natürlich trägt dieser Papst zuweilen zur Verwirrung bei. Er redet ja gerne frisch und frei von der Leber. Franziskus gibt auch viele Interviews. Sein Wort ist nicht so rar, wie es jenes seiner Vorgänger war, es verlor deshalb auch ein bisschen an Gewicht.

Der Fauxpas zum chilenischen Missbrauchsskandal übertönt bis heute alle seine sehr dezidierten Voten zum Thema, die danach folgten. Nun also ist Padre Lombardi zurück, um dem Ganzen wieder einen festen Rahmen zu geben, so es nicht schon zu spät dafür ist.

Erstellt: 18.02.2019, 11:12 Uhr

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