Franziskus überstrahlt alles

Die Schweizer Regierung, der schwächelnde Weltkirchenrat und die katholische Schweiz haben vom Papstbesuch profitiert.

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Was war sie nun, die zehnstündige Papstvisite in Genf? Ein Höflichkeitsbesuch? Das ist kaum das richtige Wort bei einem Pontifex, der die Herzen der Menschen im Sturm einnimmt. Und trotz dem Treffen mit dem Schweizer Bundespräsidenten war es höchstens ein halber Staatsbesuch. Franziskus selber nannte es eine «ökumenische Pilgerreise» zum Weltkirchenrat. Ihm gehören 348 christliche Kirchen an, die römische ausgenommen. Er ist für die Kirchenfamilie das, was die UNO für die weltweite Staatengemeinschaft ist.

Es erstaunt wenig, dass Franziskus in seiner Rede vor dem Weltkirchenrat das gemeinsame Engagement der Kirchen für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Umweltschutz betonte. Bei diesen Themen ist dieser politische Papst im Element. Sie beschäftigen den Rat nicht minder. Das ist richtig so. Doch sind das für die Kirchen, so zynisch es klingen mag, die unverfänglichen Themen, weil Konsens besteht. Die eigentlich ökumenischen Themen wie Amts- und Abendmahlverständnis oder Kommunion für nicht katholische Ehepartner sind demgegenüber vermintes Terrain.

Franziskus hat das beherzigt. Weder hat er in Genf konkret von der fehlenden Abendmahlsgemeinschaft gesprochen noch davon, dass zwischen Rom und den orthodoxen Kirchen in Sachen Frauenordination und Homo-Ehe eine Allianz gegen die Protestanten besteht. In der Stadt von Reformator Johannes Calvin erwähnte Franziskus auch nicht, dass er gerade die deutsche Handreichung zur Kommunion für evangelische Ehepartner gestoppt hat.


Video: Genfer Polizei präsentiert Sicherheitsmassnahmen zum Papstbesuch

Eine Herausforderung für die Polizei: Papst Franziskus wird am 21. Juni in der Genfer Palexpo vor rund 40'000 Gläubigen eine Messe zelebrieren. (Video: Tamedia/SDA)


Wie stets bei Ökumene- Gipfeln spricht man lieber von der gemeinsamen Zukunft, von den Fortschritten bei der Annäherung, die noch zu machen sind. Das sind Worthülsen, so alt wie der ökumenische Dialog selbst. Seit die katholische Kirche 1965 mit dem Weltkirchenrat in Dialog getreten ist, wurde das Kirchentrennende kaum abgebaut. Sonst hätte man gestern in Genf nicht nur zusammen gebetet, sondern vor allem zusammen gefeiert.

Es ist schon eigenartig, dass es während dieser ökumenischen Pilgereise keine ökumenische Feier gab, stattdessen eine katholische Messe. Obwohl die vielen teilnehmenden nicht katholischen Kirchenvertreter nicht zur Kommunion durften, gaben sie in Genf das Bild einer Familie ab, geeint unter dem Oberhaupt der Christen, dem römischen Papst.

Alle profitierten von der Strahlkraft des Papstes

Dieser selber inszenierte sich als ökumenefreundlicher Leader der Christenheit. Doch dieses Bild ist schief, denn für die katholische Kirche ist die Spaltung der Christen ein Skandal und die Einheit weiterhin das oberste Ziel, wie Franziskus auch in Genf wieder betonte. Der Weltkirchenrat hingegen versucht, sich an der Pluralität der Kirchen zu freuen.

Unbestritten haben alle von der Strahlkraft des Papstes profitiert: die Schweizer Regierung und der schwächelnde Weltkirchenrat genauso wie die katholische Schweiz. An den ökumenischen Differenzen ändert Franziskus’ Besuch zwar nichts. Doch wie immer leben seine Auftritte vom Atmosphärischen. So gesehen, hat er seine Mission erfüllt: Es war ein schöner Tag mit einem strahlenden Papst.

Erstellt: 21.06.2018, 21:47 Uhr

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