Wie ich gelernt habe, mit der Demenz meiner Mutter umzugehen

Lika Nüsslis Mutter war der Hülle abhandengekommen, die da im Rollstuhl sass. Also beschloss die Illustratorin, aus ihrem Leben zu zeichnen.

Mensch und Pflanze werden eins: Irgendwann gelingt es den Menschen nicht mehr, sich aus dem Griff der Pflanze zu lösen. Illustration: Lika Nüssli

Mensch und Pflanze werden eins: Irgendwann gelingt es den Menschen nicht mehr, sich aus dem Griff der Pflanze zu lösen. Illustration: Lika Nüssli

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Am ersten Tag im Kindergarten wurde Lika Nüssli klar, wie alt ihre Mutter war. Viel älter als alle anderen. Lika ist das Kind aus zweiter Ehe, 1973 geboren, die Mutter war damals 43.

Als ihre Mutter ins Heim kam, wurde Lika Nüssli klar, wie jung sie selber noch war. 39 bloss, und ihre Mutter war auf dem letzten Abschnitt ihres Lebens angekommen. Das ist der Unterschied zwischen Heim und Spital. Aus dem Heim kommt man nicht mehr raus. «Der letzte Teil des Lebens wird hier sichtbar», sagt die St. Galler Künstlerin und Illustratorin. Sie hat den letzten Teil des Lebens ihrer Mutter verzeichnet. «Vergiss dich nicht» heisst das Buch.

Aber war das wirklich noch ihre Mutter, die da im Wintergarten des Heims sass und zur leisen Freude ihrer Tochter die hässlichen Gestecke auf den Tischen in ihre Einzelteile zerlegte?

Lika Nüssli schien es, als wäre von ihrer Mutter nicht mehr viel übrig. Die Mutter war der Hülle abhandengekommen, die da im Rollstuhl sass. Das sind harte Worte. Sie sagt sie weder kalt noch emotional. Sie sagt sie einfach so. Nackt, trifft es am besten, weil Lika Nüssli nichts davor und nichts danach sagt, das relativiert. Es ist die Realität im Heim für Demenzkranke. Und ihre Mutter war demenzkrank, das Leben, wie sie es vorher gelebt hatte, war aus ihr gewichen, während einer Narkose. «Sie hat nach einer Operation nicht mehr zurückgefunden», sagt die Tochter. Das war vor etwas mehr als sechs Jahren.

Der Bruch, der zum Bruch führt

Dieses Nicht-mehr-Zurückfinden ist typisch für Menschen mit Demenz. Da ist die 80-jährige Frau Nüssli, die auf Reisen geht, die sich für Kultur interessiert, die ihr Leben selbstständig lebt. Dann stürzt sie, bricht sich den Oberschenkel, muss operiert werden. Natürlich gab es Anzeichen der Krankheit, Lika Nüssli erkennt sie im Rückblick, auch das ist typisch. Etwa, dass ihre Mutter, die so gerne Velo fuhr, irgendwann nicht mehr Rad fahren ging. Weil sie nicht mehr Rad fahren konnte. Doch es gelingt den erkrankten Menschen noch, die Lücken zu kaschieren, zu überdecken, zu meistern. Die Gewohnheit hilft dabei, dass das Leben funktioniert. Mit dem Bruch des Knochens kommt der Bruch im Leben. Das System kollabiert.

Dann kam Frau Nüssli, die im Buch ihrer Tochter keinen Vornamen hat, einfach Frau Nüssli ist, ins Heim.

Lika Nüssli besuchte ihre Mutter dort zwar regelmässig, wie sie es sich vorgenommen hatte. Es fiel ihr aber schwer. War das noch ihre Mutter? Die Frau, die man im Rollstuhl am Morgen aus dem Zimmer schob und am Abend wieder zurück? Die Frau, die ihre Tochter schon bald nicht mehr erkannte? Sich zwar über den Besuch freute, einfach weil jemand da war, nicht, weil Lika da war?

Da war die Welt noch in Ordnung, die Erinnerung noch da, Frau Nüssli und ihre Tochter voller Zuversicht. Illustration: Lika Nüssli

Mit der Zeit habe sie gelernt, damit umzugehen. Die Fragen stehen zu lassen und nicht weiter nach den Antworten zu suchen, sagt Lika Nüssli. Dabei entdeckte sie, dass neben der Hülle auch noch ein Kern ihrer Mutter zurückgeblieben war. Da war diese Liebenswürdigkeit, die ihre Mutter immer ausgemacht hatte. Von da an ging sie anders zu ihrer Mutter ins Heim. Sie genoss das Zusammensein, «es war pur, ohne viel Kommunikation». Sie begann, die Umgebung anders wahrzunehmen, begann, den zusammenhangslosen Dialogen entlangzuhören, und notierte sie.

Es kam ihr manchmal vor wie ­modernes Theater, und als solches schrieb sie die Gespräche im Heim um, interpretierte sie, ­arrangierte sie:

«Ich glaube nicht an die

Wiedergeburt.»

«Mir ist das Leben sowieso zu lang,

auch ohne Wiedergeburt.»

«Was gibt es wohl zum Znacht?»

Sie begann, sich den absurden Monologen hinzugeben. Etwa jenen der dementen Autorin, die ebenfalls im Heim lebte und regelmässig Lesungen hielt, manchmal politische Reden. Dass die Frau den Faden nicht verlor, lag bloss daran, dass sie nie einen Faden hatte.

Und dann begann Lika Nüssli, im Heim zu zeichnen. Sie überwand sich. «Ich wollte meine Mutter besuchen, nicht arbeiten.» Sie merkte aber auch, dass sie sich am wohlsten fühlte, wenn sie arbeitete. Ihre Mutter genoss es ebenfalls, sie schaute lange ruhig zu, manchmal legte ihr Lika einen Stift in die Hand, und Frau Nüssli kritzelte.

Das ist etwas, das Lika Nüssli sonst auch macht: an unmöglichen Orten arbeiten. Es zieht sie dorthin, wo sie es ohne Arbeiten kaum aushält, wie sie sagt, «an denen man sich aussetzt und nur die Kunst einem Schutz bietet». Etwa in ­Paris direkt neben Zelten von Flücht­lingen am Canal Saint-Martin oder neulich auf einer Theaterbühne.

Lika Nüssli, Künstlerin und Illustratorin aus St. Gallen. Foto: Herbert Weber

Indem sie sich im Heim bei ihrer ­Mutter in den Schutz der Zeichnungen begab, konnte sie sich öffnen. Sie entdeckte Humor und Leichtigkeit im Alltag ihrer Mutter. Sie habe gelernt, ohne Erwartungen hinzugehen und sich zu beschäftigen. Das habe ihr geholfen. Zeichnen sei ein Vorgang, «bei dem man die Umgebung auf eine ganz eigene Art observiert, sie aufnimmt und in einer visuellen Form auf das Papier bringt», sagt die 45-Jährige. Weil die Thematik durch die Augen reingehe, durch den Körper hindurch und in neuer Form zu den Fingern wieder rausfliesse. Genau so sehen die Bilder im Buch aus: als wären sie hineingeflossen.

Zurück in die Kindheit

Das Zeichnen brachte bei Lika Nüssli Erinnerungen zurück. An die Sonntage, die sie als Mädchen geliebt hatte. Sie sass allein mit ihrer Mutter im Restaurant in Gossau SG, in dem an den anderen sechs Tagen viel geraucht und getrunken wurde. Die beiden suchten sich den schönsten Tisch aus, schoben die Gedecke zur Seite, hörten Radio und arbeiteten. Frau Nüssli strickte oder stickte oder machte die Buchhaltung und was sonst so anfiel im eigenen Restaurant. Lika bastelte, erfand Geschichten, Theater- und Zirkusprogramme oder zeichnete. Da war längst klar, dass Lika Künstlerin wird. Das war eigentlich immer klar.

Sie erinnerte sich wieder, wie ihre Mutter jeweils am Bettrand sass, bis sie eingeschlafen war. Ganz lange las sie ihrer Tochter vor oder kroch zu ihr ins Bett. Lika erinnerte sich, wie sich die Nylonstrümpfe unter der Decke anfühlten, erinnerte sich an den Geruch ihrer Finger, einer Mischung aus Nagellack und Zigarettenrauch. Sie erinnerte sich, wie sie sich im kalten Wasser des Freibads an den warmen Körper ihrer Mutter schmiegte. Wie sie dem Vater am Jasstisch ihre Hausaufgaben zeigte. Wie ihr ein Italiener im Restaurant das Schuhbinden beibrachte.

Da sassen zwei nebeneinander im Wintergarten eines Heims für Demenzkranke: Eine hatte alles vergessen, die andere erinnerte sich an immer mehr. Traurig? Nicht, wenn Lika Nüssli darüber redet. Auch nicht, wenn sie darüber zeichnet. Zu Beginn des Buchs bleicht das Leben aus: Das Grün des Papiers, auf dem Lika Nüssli ihrer Mutter Briefe schreibt, wird immer heller. «Alles wird zu Erinnerung, sobald der Moment des Geschehens vorbei ist», steht auf der dunkelsten Seite geschrieben. «Stets bist du mir ein ganzes Stück voraus» auf der hellsten. Auf der nächsten Seite sitzt Frau Nüssli im Rollstuhl. Da beginnt das Erzählen vom Leben im Heim.

Menschen werden zu Pflanzen

Lika Nüssli hat für das Buch einen eigenen Stil entwickelt. Nichts ist vor­gezeichnet, es gibt nur Schwarz und Weiss. Ihr Strich passe zur Geschichte, findet Nüssli. Zu den Geschichten. Denn das Buch ist kein Bericht aus dem Heim, es ist eine Sammlung von Episoden, es gibt Comics, es gibt Bilder und Sequenzen, die etwas, das wir gerne verdrängen, zugänglich machen. «Poetisch» sei das Buch, steht auf dem Einband, und das stimmt.

Tröstlich ist es auch, ebenso das Gespräch mit Lika Nüssli. So nackt ihre Sätze sind, so wenig sie das Unausweichliche versteckt oder verpackt oder verwischt, so gerne hört man ihr zu. So gerne sieht man, wie im Buch Mensch und Pflanze eins werden. Wie Pflanzen die Menschen zuerst umschlingen und dann verschlingen. Wie Frau Nüssli auf einer der hellgrünen Seiten voller Zuversicht in die Welt schaut, während Lika daneben den Sprung in diese Welt wagt. Wie sich Frau Nüssli gegen Ende des Buchs, im Rollstuhl sitzend, nicht aus dem Griff einer Blume lösen kann.

Frau Nüsslis letzte Worte zur Tochter: «Ich nähm nomol eis, wenns nomol eis gäb.» Danach hat sie die Sprache ­verloren. In diesem Sommer ist Frau Nüssli gestorben. Da war das Buch schon erschienen, das Vergessen schon gezeichnet.

Lika Nüssli: Vergiss dich nicht. Vexer, St. Gallen 2018. 176 Seiten, 38 Franken.

* Dieser Artikel erschien am 10. November 2018 im Tages-Anzeiger.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.11.2018, 09:09 Uhr

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