«Mein Lieblingsroboter ist mein digitaler Psychotherapeut»

Technik-Philosophin Aleksandra Przegalinska über die Chancen, die künstliche Intelligenz eröffnet – und wie smarte Maschinen uns alle jetzt schon verändern.

«Menschen sind keine Schafe»: Aleksandra Przegalinska, Expertin für Chatbot-Kommunikation. Foto: Filip Miller (Fotonova)

«Menschen sind keine Schafe»: Aleksandra Przegalinska, Expertin für Chatbot-Kommunikation. Foto: Filip Miller (Fotonova)

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Frau Przegalinska, haben Sie einen Lieblingsroboter?
Ja, Eliza.

Wer ist Eliza?
Mein digitaler Psychotherapeut. Ein Chatbot, eine Konversationssoftware, bereits Ende der 1960er-Jahre vom deutsch-amerikanischen Informatiker Joseph Weizenbaum programmiert. Eliza simuliert einen Psychotherapeuten, Weizenbaum wollte so das Potenzial der Kommunikation zwischen Menschen und Computer aufzeigen. Tatsächlich waren bei den Tests die Probanden davon überzeugt, sich per Tastatur mit einem verständnisvollen Seelendoktor ausgetauscht zu haben. Eliza ist unsterblich, das Programm ist noch immer im Netz. Ich plaudere mit der Software wie mit einem alten Bekannten.

Sie haben ein unüblich entkrampftes Verhältnis zu künstlich intelligenten Maschinen. Denn eine kürzlich im Journal «Computers in Human Behavior» publizierte Studie auf Basis von 60'000 Befragten zeigt: In Europa stehen die Menschen Robotern ablehnender denn je gegenüber. Müssen Mensch und Roboter bald in eine Paartherapie?
Nein, unsere Beziehung zu Maschinen und künstlicher Intelligenz ist vielschichtiger. Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Ich lebe in den USA, in Massachusetts, und es kommt mir vor, als stünde in meiner Nachbarschaft bereits in jedem zweiten Wohnzimmer ein Alexa-Smartspeaker, über den die Menschen News abrufen oder Waren bestellen. Die Leute sprechen mit diesen Sprachassistenten mittlerweile wie mit einem Familienmitglied – hier kann ich keine Ablehnung feststellen.

Aber Sie wollen doch das Unbehagen oder gar die Furcht vieler Menschen vor der zunehmenden Automatisation nicht in Abrede stellen?
Keineswegs. Und in vielen Fällen ist die Angst, dass die eigene Tätigkeit dereinst von einem Roboter ausgeführt werden wird, vollauf berechtigt. Wir befinden uns in einer aussergewöhnlichen Transformationsphase – ohne zu wissen, was genau die neuen Smart-Technologien für jeden einzelnen bedeuten. Und vor allem: Es fehlen uns verlässliche persönliche und soziale Strategien, um mit dieser Unsicherheit umgehen zu können.

«Werden künstlich intelligente Systeme zu einer Art Haustiere? Oder gar zu einem Freund? Wir wissen es noch nicht.»

Gemäss der erwähnten Studie ist bei den Frauen die Ablehnung gegenüber Roboter-Technologie grösser als bei den Männern. Tut sich hier eine neue Geschlechterkluft auf?
Ein solcher Schluss ist zu simpel. In meinem Forschungsschwerpunkt, im Bereich der sprachlichen Interaktion von Mensch und Maschine, sind die Beobachtungen und Resultate gerade umgekehrt. Frauen erweisen sich in der Interaktion mit Sprachrobotern als kooperativer als Männer. Sie sind toleranter gegenüber solchen Anwendungen. Sie bemühen sich um ein Aufrechterhalten der Kommunikation. Selbst dann, wenn die Software Fehler macht. Männer demgegenüber verlieren schnell die Geduld.

Und prügeln auf den Computer ein?
Das kommt vor, ja. Doch angesichts der Tatsache, dass viele sprachgestützten Anwendungen noch keineswegs perfekt sind, ist die pragmatische Haltung der Frauen einiges intelligenter und charmanter.

Würden Frauen andere Roboter bauen als Männer?
Das ist eine Frage, die mich selber immer wieder beschäftigt. Tatsache ist: Männer dominieren die Forschung im Bereich von Robotern und künstlicher Intelligenz (KI); ich selber arbeite am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in einem Team von acht Kollegen und einer Kollegin.

Wie beeinflusst dies die technologische Entwicklung?
Grundsätzlich glaube ich schon, dass die männliche Vorherrschaft eine Rolle spielt. Weniger in der Forschung. Aber sicher in der Industrie, bei der Entwicklung von konkreten Produkten. Frauen bauen keine Sex-Roboter – zumindest soweit mir das bekannt ist. Und man denke nur daran, dass die derzeit populärsten sprachlichen Assistenzsysteme – Siri von Apple und Alexa von Amazon – mit weiblicher Stimme sprechen und einen Frauennamen tragen. So werden Geschlechterstereotypen zu Software. So gräbt sich Weltanschauung in Codes ein. Allerdings: Es gibt mittlerweile auch ein Gegenbeispiel: Duplex, das neue Sprachassistenzsystem von Google, lässt sich als Frau oder Mann spezifizieren.

Weshalb entschieden Sie sich, in diese Männer-Hegemonien Robotik und KI-Forschung vorzudringen?
Die einfache Antwort ist: Ich habe in meiner Kindheit zu viele Science-Fiction-Filme gesehen.

Und die komplizierte?
Ich wusste immer schon, dass ich Philosophie studieren will. Zugleich war ich schon früh an den grossen gesellschaftlichen Entwicklungen interessiert. Schliesslich traf ich während des Studiums auf einen Dozenten, der sich einen Namen machte als Experte für künstliche Intelligenz – damit waren alle Bausteine meiner Arbeit vereint. Hinzu kam die Erfahrung, dass ich in dieser Kombination als Philosophin an ganz konkreten, lebensnahen Fragen arbeiten kann. Ich denke, es ist entscheidend, dass wir die Steuerung der technologischen Entwicklung nicht den Technikern alleine überlassen. Das wärefatal. Geisteswissenschaften wie Philosophie und Soziologie müssen den extrem dynamischen Transformationsprozess, der unsere Gesellschaften umwälzt, begleiten und gestalten.

Ob in Europa oder den USA:Universitäten und Industrie klagen andauernd, es würden sich viel zu wenig Frauen im Feld der Zukunftstechnologien engagieren. Verschlafen die Frauen die Zukunft der Menschheit?
Diese Klage ist bekannt. Ich persönlich beobachte eine gegenläufige Entwicklung. Junge Frauen steigen in zunehmender Zahl in die Software- und KI-Industrie ein. Dies schlicht auch deshalb, da diese boomende Branche spannende Jobs anbietet und attraktive Löhne zahlt. Was indessen festzustellen ist: Frauen entscheiden sich in der Regel für Software-Jobs, während in den Hardware-Bereichen, wo gelötet und verdrahtet wird, die Männer klar in der Mehrheit sind.

Bereits heute verfügen weltweit mehr als 47 Millionen Menschen über Assistenzsysteme wie Alexa von Amazon oder Home Pod von Apple. Was verändert sich damit?
Ich bin überzeugt, dass wird diese Systeme schnell in unseren gesamten Alltag integrieren. Wir beobachten, dass junge Menschen nicht mehr einzelne Apps downloaden wollen. Vielmehr suchen sie All-in-one-Lösungen – eben Assistenzsysteme, die als Schnittstelle für Newskonsum, Wetterinfos oder Warenbestellungen dienen. Die sprachliche Interaktion mit diesen gesamtheitlichen Softwarelösungen verändert jetzt schon die Kommunikation von Mensch zu Mensch.

Was konkret meinen Sie damit?
Wir wissen, dass Kinder, die regelmässig mit Alexa interagieren, gewisse Sprachmuster dieses Austauschs in ihre Alltagskommunikation übernehmen. Im Gespräch mit Alexa verwenden wir bekanntlich oft Appellativ und Imperativ – also beispielsweise: «Alexa, lies mir die neuesten Nachrichten vor!» Was wir nun beobachten können: Kinder, die in einem Haushalt mit Alexa leben, benutzen dieses Sprachmuster häufig im Umgang mit Gleichaltrigen und mit den Eltern. Es eröffnet sich hier ein ganz neues Forschungsfeld: Werden diese Systeme mit der Zeit zu einer Art Familienmitglied? Oder so etwas wie ein Haustier? Wir wissen es noch nicht.

Müssen wir Regeln etablieren, die für die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine gelten? Einen Verhaltenskodex?
Ich denke schon – je früher, desto besser. Wir benötigen einen ethischen Rahmen. Der ersten Schritt dabei ist, dass Chatbots oder KI-Systeme sich klar zu erkennen geben müssen: Als Mensch will ich wissen, ob ich mit einem Menschen oder mit einer Maschine spreche. Besonders deshalb, weil mit der zunehmenden Verbesserung diese Systeme immer weniger klar von Menschen zu unterscheiden sind; die Abneigung der Menschen gegenüber neuen Technologien hat auch damit zu tun, dass diese oft kaum zu erkennen sind. Dann müssen weitere Standards gesetzt werden: dass die Maschinen keine Unwahrheiten verbreiten. Oder dass sie die Daten ihrer Benutzer vertraulich behandeln.

Welche konkreten neuen Sprachapplikationen werden wir in den nächsten zwei, drei Jahren in unserem Alltag einsetzen?
Was meiner Meinung nach kurz vor dem Durchbruch steht, sind sprachbasierte Helfer, die auf Befehl unsere Häuser steuern: das Licht, die Wärme, die Schliesssysteme und so weiter. Ich wünschte mir allerdings, dass sich die KI-Debatte nicht auf neue Gadgets und neue Features beschränkt. Vielmehr sollten wir uns vergegenwärtigen, welche Chancen sich durch den Einsatz von künstlich intelligenten Systemen zum Beispiel im Umweltschutz ergeben. Unzählige positive Perspektiven tun sich auf – die öffentliche Diskussion um Roboter und Assistenzsysteme verharrt meiner Meinung nach viel zu defensiv in der Job-Angst.

Sie nennen sich eine Philosophin für künstliche Intelligenz – deshalb noch diese philosophische Frage: Heute nehmen uns die Algorithmen von Netflix die Entscheidung ab, welchen Film wir am Abend schauen wollen. Morgen werden KI-Systeme sagen, welcher Beruf am besten zu uns passt. Mit welchem Partner wir glücklich werden können. Was bedeutet es, dass der Mensch immer weniger Entscheidungen selber trifft – wo doch das Treffen von Entscheidungen den Kern seiner Identität ausmacht?
Sollte es so kommen, wäre dies die falsche Entwicklung. In einer Gesellschaft von Menschen müssen Wahl und Entscheide die Aufgabe und das Privileg der Menschen bleiben. Davon bin ich fest überzeugt. Selbstverständlich wird uns künstliche Intelligenz dabei unterstützen, bei der Bewertung von Optionen zum Beispiel. Aber den Entscheid, zumal in solch bedeutenden Fragen wie den erwähnten, muss immer der Mensch fällen. Ich bin sicher, dass dies tatsächlich die Entwicklung sein wird.

Was stimmt Sie so zuversichtlich?
Wir Menschen dürfen uns nicht selbst unterschätzen. Menschen sind keine Schafe.

Erstellt: 09.03.2019, 15:09 Uhr

Die Roboter-Flüsterin

Aleksandra Przegalinska (37) ist Mutter einer 7-jährigen Tochter und arbeitet am Center for Collective Intelligence des Massachusetts Institute of Technology. Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit den psychosozialen Folgen der Einführung von künstlich intelligenten Systemen. Sie ist eine der führenden Experten für Chatbot-Kommunikation. Sie referiert am Mittwoch, 15. März, am 15th European Trend Day des Gottlieb-Duttweiler-Institutes in Rüschlikon ZH. (MMA)

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