Freiheit für die vegane Wurst

Die Wahrscheinlichkeit, dass Fleischesser öfter vegetarisch essen, ist höher, wenn auf der Verpackung Schnitzel steht – und nicht Bratling.

Macht doch auch auf dem Grill eine gute Figur, die vegane Wurst. Foto: Frank Sorge (Imago)

Macht doch auch auf dem Grill eine gute Figur, die vegane Wurst. Foto: Frank Sorge (Imago)

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Er riecht wie Fleisch, schmeckt wie Fleisch und sieht auch ein bisschen so aus. Doch der Beyond-Meat-Burger besteht hauptsächlich aus Wasser, Erbsenproteinen und Pflanzenölen. Obwohl es ihn erst seit kurzem in der Schweiz zu kaufen gibt, wird er gehypt wie kaum ein Lebensmittel. Aber wäre das Interesse auch so riesig, wenn er nicht Burger heissen würde, sondern «Erbsen-Öl-Bratling»? Sicher nicht. Burger, das klingt verheissungsvoll, das gönnt man sich. Bratling klingt nach Reformhaus. Wenn das Ziel ist, dass weltweit weniger Fleisch gegessen wird, sollte dieses Ding auch Burger heissen dürfen.

Abgeordnete des EU-Parlaments sehen das anders. Sie wollen, dass vegetarische und vegane Produkte nicht mehr Burger oder Wurst genannt werden dürfen. In Deutschland zum Beispiel ist es den Behörden gar nicht wurscht, wie die vegetarischen Waren heissen. Sie wollen die vegane Leberwurst künftig in «vegane Sojastreichwurst nach Art einer Leberwurst» umbenennen. Absurd.

Kein Mensch nimmt Schaden, wenn Veggie-Salami Veggie-Salami heisst.

Zu Recht kritisieren nun Vegetarier und Veganer quer durch Europa solche Bestimmungen. Sie sind zwar noch längst nicht rechtsverbindlich, aber der Vorstoss der Parlamentarier ist zumindest schon mal ein erster Schritt in diese Richtung. Natürlich sind Kennzeichnungsvorschriften von Lebensmitteln und geschützte Ursprungsbezeichnungen wichtig: Wo Rind draufsteht, sollte nicht Pferd drin sein. Allergiker müssen wissen, ob der Keks Spuren von Erdnüssen enthält. Und Parmaschinken muss zu Recht aus Parma stammen, schliesslich hängen von solchen Angaben ganze Regionen wirtschaftlich ab. Doch kein Mensch nimmt Schaden, wenn Veggie-Salami Veggie-Salami heisst.

Wer unbedingt ein Stück Wurst essen möchte, für das ein Schwein getötet, gehäckselt und anschliessend in seinen eigenen Darm gestopft wurde, der soll das auch weiterhin tun dürfen und nicht aus Versehen Weizen oder (Soja-)Eiweiss essen müssen. Doch dafür steht ja das vielsagende Wörtchen «vegan» oder «vegetarisch» gut sichtbar auf der Verpackung.

Wer vermutet schon echte Leber in «vegetarischer Leberwurst»? Kaum jemand. Die grosse Mehrheit hat noch nie Fleischiges mit Fleischlosem verwechselt, zeigte vor ein paar Jahren eine Studie. Die meisten Teilnehmerinnen schätzten sogar den Bezug zum Fleischvorbild, um einen Hinweis auf den Geschmack zu bekommen.

Den Fleischessern gelüstet es ja nicht danach, dass Tiere sterben – sie wollen den Geschmack von Fleisch. 

Die fleischlichen Assoziationen im Namen könnten sogar dazu beitragen, dass Nicht-Vegetarier öfter zu fleischlosen Alternativen greifen. Für die Hersteller könnten sie sogar die vielversprechendere Zielgruppe sein als langjährige Vegetarier, die oftmals gar nichts mehr auf dem Teller haben wollen, das nach Schnitzel oder Wurst schmeckt. Wenn mehr Fleischesser auf Veggie-Schnitzel umstiegen, wäre das ein Schritt, den enorm wachsenden Fleischkonsum einzudämmen, der Klima und Gesundheit schadet. Den Fleischessern gelüstet es ja nicht danach, dass Tiere sterben – sie wollen den Geschmack von Fleisch.

Ob der bei Soja-Hackfleisch, Saitan-Salami aus Kürbiskernen und Beyond-Meat-Burgern genauso gut ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fleischesser zu einem vegetarischen Schnitzel greift, dürfte sehr viel höher sein, wenn auch Schnitzel draufsteht – und nicht Bratling.

Erstellt: 16.06.2019, 22:50 Uhr

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