«Früher war: Im Schneesturm Ski fahren»

Was ist das grösste No-go als Meteo-Moderator? Und kann man auch gehaltvoll übers Wetter reden? Ein Versuch mit Jörg Kachelmann.

Trotz Meteorologie sind wir immer wieder mal dem Wetter ausgeliefert.

Trotz Meteorologie sind wir immer wieder mal dem Wetter ausgeliefert.

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Herr Kachelmann, heute ist es aber wieder sehr grau.
Ja, und?

Das war klassischer Wetter-Smalltalk. Wie spricht der Profi mit Fremden übers Wetter?
Ich finde es spannend, von früher zu hören. Von einem süttigen Gewitter. Oder «wos uhuere gschneit hät». Das aktuelle Wetter ist eher langweilig im Gespräch, wie man an Ihrer ersten Frage sieht.

Lässt sich das Wetter auch philosophisch abhandeln?
Ich verzweifle ganz unphilosophisch daran, dass junge Menschen im Ernst glauben, es müsste im Sommer immer heiss sein, im Winter immer Schnee geben, weil das so normal sei und früher schon immer so war.

Ich dachte eher, dass das verzweifelte Warten auf den Sommer oder den Schnee unseren Umgang mit Zufall und Willkür spiegelt. Und gewisse Sprachen benutzen dasselbe Wort für «Wetter» und «Zeit». Was lehrt uns das?
Man merkt es: Sie sind klüger als ich. Helfen Sie mir!

Das erschreckende und zugleich beruhigende Gefühl, das der Vergänglichkeit innewohnt?
Mit dem Älterwerden wird es immer erschreckender. Der Bueb ist 3, ich 58. Ich will noch nicht vergänglich sein.

Reden über das Wetter kommt einem stillschweigenden Friedensabkommen gleich. Kann man über das Wetter eigentlich auch streiten?
Früher nicht, jetzt geht das aber mit der Klimawandel-Erweiterung super.

Hand aufs Herz: Reden eher langweilige Menschen übers Wetter?
Ältere Menschen, vermute ich. Ich kann mir kaum vorstellen, dass junge Menschen noch übers Wetter reden.

Müssen sie ja nicht, heute hat man Smartphone-Apps. Mancher vertraut einer Wetter-App eher als der realen Wetterlage draussen vor dem Fenster.
Leute, die ihrer Smartphone-Wetter-App vertrauen, richten sicher auch ihr Leben nach dem Horoskop in der «Glückspost».

Worin gründet diese Obsession für den Wetterbericht?
Der Grund ist peinlich. Die Leute meinen, man könne nicht mehr raus bei Regen, die Kinder würden krank, wenns schifft, und anderer Hafechäs. Es ist die Erfüllung einer dekadenten Gesellschaft, deren grösste Herausforderung ist, ob man abends das Cabriodächli zumachen muss.

Das ist ja auch praktisch zu wissen.
Die Bauern wollen wirklich etwas übers Wetter wissen. Alle anderen sind durch ihr Leben so gelangweilt und finden das so toll, dass sie nicht einmal mehr die Spannung ertragen, dass es ihnen ins Tennismätschli schifft. Früher war: im Schneesturm Ski fahren, «mir müend s Abonnema usehole». Heute: «Mir gönd gar nöd ersch und poschted sicher käs Abonnema, wänns gruusig isch.» Tourismusorte können ein Lied davon singen: Die Sonne scheint, keine Leute da, kam halt gestern anders im «Meteo».

Wieso erstellen Sie dann überhaupt Wetterprognosen?
Mich freut es, wenn meine Firma Menschen helfen kann, immer die richtige Entscheidung zu treffen. Nie überrascht zu werden von irgendetwas, das gefährlich ist. Wir wollen helfen, dass Menschen nicht Geld für unnütze Dienstleistungen ausgeben. Wir haben die besten Prognosen mit dem Modell Super HD für die Schweiz, wir vergleichen das regelmässig.

Tatsächlich sind die modernen Wettergötter menschlich, die Chinesen haben bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele mit Silberjodid auf Wolken geschossen, um Regen zu verhindern.
Das ist völliger Blödsinn. Aber es gibt dumme Zeitungen, die das abdrucken. Regen entstehen zu lassen, funktioniert eher, schon seit Jahrzehnten.

Trotz Vorhersagen sind wir dem Wetter immer wieder ausgeliefert. Ist der Wetterbericht das letzte Orakel, das wir haben?
Schön wärs. Es gibt so viele schlechte Wetterberichte!

Ich habe gehört, dass Sie den Ausdruck «Blumenkohlwolke» schlimm finden. Wieso?
Ich finde ihn nicht schlimm. Ich habe ihn nur nicht erfunden.

Was ist als Wettermoderator, abgesehen von falschen Prognosen, das grösste No-go?
Eitelkeit. Selbstüberschätzung. Ich finde: Sich bloss nicht wichtig vorkommen, nur weil man im Fernsehen ist. Test: Homestory in der «Schweizer Illustrierten»? Ja: Fail.

Regt man sich als Meteorologe eigentlich auf, wenn man mit einer Prognose falschliegt?
Ja. Das passiert aber nur selten.

Regt man sich als Meteorologe überhaupt noch über das Wetter auf – wie etwa ich, als der Schnee in den Bergen so lange auf sich warten liess?
Ich rege mich nie übers Wetter auf. Menschen, für deren Wohlbefinden Wetter wichtig ist, beelenden mich – ausser sie sind auf das gewünschte Wetter angewiesen wie Skiorte oder die Landwirtschaft. Dass hier Leute jammern, wenn es mal ein paar Tage Hochnebel gibt, ist respektlos gegenüber all den Menschen in den polaren Gegenden, die uns zu Recht zurufen würden: «Get a real life, sissies!»

Welche ist Ihre Lieblingswetterlage?
Schneesturm. Mir gefällts. Brauchen Sie etwas fürs Feuilleton? Also: Ich geniesse sehr die Stille, gepaart mit der Kraft der Natur und der Ästhetik der sechsstrahligen Ordnung ihrer Kristalle, die mir zeigt, dass wir Menschen nur ein kleines Tröpfli im unendlich grossen Klärbecken des Universums ...

Okay, okay. Was ist für Sie persönlich «ein Scheisswetter»?
Gibt es für mich nicht.

Sind Sie eigentlich wetterfühlig?
Das ist praktisch niemand. Auch wenn es viele Leute denken.

Aber wetterfühlige Meteorologen wären sicher die besseren Meteorologen.
Es gibt so wenige ernsthaft wetterfühlige Menschen (erlaubte Ausnahme: Föhn-Kopfweh), dass es zweifelhaft ist, dass von den paar Schnäuzen irgendjemand Meteorologe sein möchte.

Wie wird der Sommer 2017?
Oh, Sie sind doch nicht klüger als ich.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.01.2017, 23:32 Uhr

Zur Person

Jörg Kachelmann (58) ist Meteorologe und Unternehmer mit Firmensitz in Sattel SZ. Zuvor arbeitete er im Journalismus, wo er unter anderem Wettersendungen und Talkshows moderierte.

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