Jetzt kommt die Robotik-Barbie

Der Spielzeug-Konzern Mattel setzt mit der Ingenieurin-Barbie seine Diversitätsoffensive fort. Kritiker halten die neue Puppe für einen Marketingtrick, der Feminismus lediglich vortäuscht.

Aufschwung dank neuer Puppen: Seit der Lancierung der Diversitätsmodelle steigen die Verkaufszahlen bei Mattel wieder. Bild: PD

Aufschwung dank neuer Puppen: Seit der Lancierung der Diversitätsmodelle steigen die Verkaufszahlen bei Mattel wieder. Bild: PD

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Wer ein bisschen etwas über die Fallstricke des Feminismus lernen will, sollte sich mit Barbie beschäftigen. Die entwickelt sich seit einigen Jahren zur Botschafterin von Diversität und «Empowerment», also Selbstbestimmtheit. Der jüngste Schritt: Im August kommt Barbie als Robotik-Ingenieurin in den Handel. Der Hersteller Mattel betont, es gehe darum, jungen Mädchen zu zeigen, dass sie alles sein und tun können – zum Beispiel Roboter bauen. Eine ziemlich löbliche Sache. Doch wenn etwas zu gut aussieht, ist meistens irgendwo ein Haken.

Stevie Schmiedel kämpft als Gründerin der Protestorganisation «Pink Stinks» gegen Geschlechterklischees in der Produktgestaltung und der Werbung. Gerade hat sie wieder alle Hände voll zu tun, Medienvertretern zu erklären, dass es sich bei der Robotik-Ingenieurin um einen reinen Marketingtrick handele, genauso wie damals, als 2016 Puppen in den Körperformen «gross», «klein» und «kurvig» erschienen.

Feminismus als Make-up

Die Firma hatte damit auf die zunehmende Kritik am klassischen Barbie-Idealkörper reagiert, der so dünn ist, dass bei einem echten Menschen nicht alle Organe hineinpassen würden. Das machte sich auch in den Verkaufszahlen bemerkbar. Seit Barbies Diversitätsoffensive in den letzten Jahren legen sie wieder zu.

Die Verkaufszahlen der klassischen dünnen Barbie gingen deutlich zurück. Bild: Daniel Acker (Getty Images)

Für Schmiedel sind die progressiven Puppen aber nur «kurze Impulse, die nicht für die Masse produziert werden». Sie seien lediglich dafür da, Barbie einen emanzipierten Anstrich zu geben. Feminismus als Make-up – wie bei einem Ölkonzern, der irgendwo ein paar Windkrafträder hinstellt und sagt: Seht her, wir gestalten die Zukunft!

Die Robotik-Ingenieurin scheint diesen Vorwurf implizit zu bestätigen. Sie ist in der «Career of the Year»-Reihe erschienen, die es seit 2011 gibt und Barbie auch schon zur IT-Spezialistin, Bauingenieurin und Game-Designerin gemacht hatte. Allerdings jeweils nur für ein Jahr. Kommt eine neue «Career of the Year»-Puppe in den Handel, fliegt die vorige raus. Das macht Barbie gewissermassen zur ewigen Praktikantin. Jede von ihnen verdrängt die vorige, die den Sonderplatz besetzt hielt – während auf allen anderen Top-Stellen wahrscheinlich weiterhin der Barbie-Mann Ken schaltet und waltet. Die Robotik-Ingenieurin gibt es zudem nur in den superschlanken Körperformen.

Die Robotik-Barbie ist die neue «Career of the Year»-Puppe. Sie gibt es nur superschlank. Foto: PD

Die Firma Mattel gibt keine Zahlen heraus, wie gut sich die «Career of the Year»-Puppen im Vergleich mit den klassischen Modellen verkaufen. Durchsucht man allerdings verschiedene Shopping-Portale, entpuppen sich als Topseller die Meerjungfrau, die «Fashionista», die Prinzessin und die Barbie mit dem stubenreinen Hündchen. Alle weiss, alle supergertenschlank. «Du kannst alles sein», lautet der Slogan von Barbie. Er steht auch am Ende jeder Folge ihres Videoblogs, wo eine computeranimierte Barbie über ihr fiktives Leben berichtet und als eine Art grosse Schwester ihren Zuschauerinnen Mut zuspricht. Sie ermuntert sie, sich nicht ständig zu entschuldigen und stattdessen an sich selbst zu glauben.

In einer Folge erzählt die Video-Barbie zum Beispiel, wie sie als kleines Mädchen einmal ihren Traumberuf malen sollte – und sich für eine Kombination aus Tänzerin, Doktorin, Astronautin und, na klar, Prinzessin entschied. Ein Freund habe sie damals gehänselt und gesagt, sie könne schliesslich nur eine einzige Person sein. Aber im Internet sei sie dann auf Mae Jemison gestossen. Eine Tänzerin («check!»), Ärztin («check!») und frühere Astronautin («check!»), ein inspirierendes Vorbild und insofern auch irgendwie so eine Art Prinzessin («check!»).

Zu Hause weiterhin süss

Während die Barbie das erzählt, tauchen auf ihrer eingeblendeten Kinderzeichnung von sich selbst nacheinander und übereinander ein Tutu auf, eine Krankenschwesternhaube, darüber ein Astronautenhelm, dem sie zum Schluss auch noch ein süsses Krönchen aufsetzt, so als wären es verschiedene Schichten von Puppenkleidern. Ein paar davon sind progressiv, aber darunter stecken weiterhin die klassischen, die sie gleichzeitig tragen muss.

Also ist die Ideal-Barbie nun abenteuerlustig im Beruf wie eine Raumfahrerin, aber zu Hause trotzdem auch süss und bezaubernd, die Krankenschwester für die Seele ihres Mannes und ihrer Kinder. Und dann soll sie bitte schön alles mit tänzerischer Leichtigkeit unter einen Hut – oder ein Krönchen – kriegen.

Egal, wie dick oder IT-versiert Barbie werden mag, sie bleibt ein Püppchen.

Ein Anruf bei Mattel gibt einen Hinweis auf die Wurzel des Problems. Am Apparat ist die deutsche Pressesprecherin Anne Esau. «Als Ruth Handler 1959 die Barbie erfand, gab es nur die klassische Babypuppe, um damit Mutter zu spielen», erzählt sie. Mit der Barbie hingegen hätten junge Mädchen erstmals «das Erwachsenenspiel nachspielen» können, und zwar das ganze gesellschaftliche Spektrum. Von Fee bis Präsidentschaftskandidatin gebe es heute «keine Limitation».

Zumindest eine Limitation bleibt aber doch, eine ziemlich grundsätzliche. Egal, wie dick oder IT-versiert Barbie auch werden mag, sie ist und bleibt ein Püppchen, eine Frau als Objekt. Darin liegt nämlich der grössere Haken am Barbie-Feminismus: Wenn Frauen nun ein breiteres Spektrum von Körpern feiern, indem sie ihre normal hängenden Brüste, ihren normal gewölbten Bauch auf Instagram ausstellen – dann machen sie sich damit, Stolz hin oder her, immer noch zum Objekt eines Blicks von aussen. Wenn hingegen Männer dick sind, dann sind sie halt dick, aber für ihr Selbstverständnis hat das meist keine grosse Bedeutung.

Wenn Ken am Herd stünde

Vielleicht spielen sie deshalb als kleine Jungs auch lieber mit Action-Figuren, statt sich mit stets gut gelaunt dreinblickenden Mini-Männern schon mal auf die Rollen vorzubereiten, die sie später perfekt ausfüllen sollen.

Wenn es also überhaupt eine Revolution für Barbie geben sollte, müsste sie von Ken ausgehen. Eine wirkliche Gleichheit der Geschlechter wäre erst erreicht, wenn er zur Abwechslung auch mal am Herd stünde, enthaart von Kopf bis Fuss und besorgt um den Auflauf im Ofen, bis Barbie als fettleibige Astrophysikerin mit einem Bärenhunger nach Hause kommt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2018, 18:25 Uhr

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