«Es macht mir Angst, und dann machen wir Songs daraus»

Mike Egger und Demian Jakob von der Band Jeans for Jesus erfinden den Schweizer Pop neu. Niemand denkt radikaler über die Liebe nach.

Wie schreibt man gute Liebeslieder? Jeans for Jesus erzählen vom Schwelgen, Schreiben und Lauryn Hill. Video: Fabienne Andreoli

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Wie gut muss man sich kennen, um gemeinsam Songs über die Liebe zu schreiben?
Mike Egger: Wir reden miteinander kaum über Liebesprobleme und Beziehungsdinge, und zwar bewusst. Wenn ich ­jedes Mal zu Demi renne, weil es mir wegen einer Frau schlecht geht, würde das eine persönliche Ebene reinbringen, die schädlich wäre.

Weshalb?
Egger: Schreibt man so wie wir, kommt man von ganz unterschiedlichen Richtungen und kann an Songs arbeiten, ohne zu wissen, um wen es da jetzt konkret geht. Bei «Jedi Berüehrig» hatte ich voll Liebeskummer, Demi überhaupt nicht. Er hat den Song als Allegorie darauf verstanden, wie man sich in Zeiten des individualisiert-distanzierten Neoliberalismus überhaupt noch berühren kann. Ein totaler Kontrast! Wären wir beste Freunde, die die ganze Zeit über ihre Liebesprobleme reden würden, entstünde so etwas nicht mehr.

Demian Jakob: Es geht um den Erhalt des lyrischen Ichs. Als Zuhörer soll man nicht denken, da werde einem jetzt eins zu eins eine Geschichte aus dem Leben der Songwriter erzählt. Wir wollen Imagination, keine Dokumentation.

Warum fühlt sich die Liebe in euren Songs so fragil an?
Jakob: Weil wir die Liebe herausfordern. Es gibt diese schreckliche Vorstellung von Liebe, Liebe als Brainwash aus der Welt von Walt Disney. Wir sind beide Menschen, die eher in langen Beziehungen leben, die nach diesem Commitment suchten. Dass wir an der Liebe zweifeln, ist unser Luxus.

«Wir liberalisieren alles, auch die Liebe»: Demian Jakob (l.) und Mike Egger von Jeans for Jesus. Foto: Fabienne Andreoli

Egger: Zwischen zwanzig und dreissig beobachtest du viele Beziehungen, führst vielleicht selber eine. Es macht mich irgendwie traurig, wenn Menschen bis 21 ein ausschweifendes Singleleben haben und sich dann für eine Person entscheiden. Als Teil einer vordefinierten Biografie quasi. Ich frage mich dann: Warum genau die? Warum der? Gleichzeitig bewundere ich das enorm, dieses Festlegen, dieses Nicht-Zweifeln – dieses Ziehen nicht mehr zu haben. Liebe ist für mich fragil in dem Sinne, dass ich mich ständig vergewissern muss: Liebe ich diese Person tatsächlich, oder bin ich einfach faul?

Da wirst du doch wahnsinnig.
Egger: Ein bisschen, ja. Ich beobachte es bei mir, es macht mir Angst, und dann machen wir Songs daraus.

Gleichzeitig soll man sich ja nicht zu laut vergewissern. «I hamer vorgno unverbindlech zsi / u sägä när Züg wi bitte vrgiss mi niä», heisst es in einem eurer Songs.
Egger: Das ist ja das Furchtbare! Menschen finden es wahnsinnig attraktiv, wenn du ihnen das Gefühl gibst, sie nicht zu wollen. Gib dich ja nicht zu sehr rein, gib ja niemandem zu verstehen, voll verfügbar zu sein, mach dich rar, sei cool. Alle wissen das und machen es trotzdem. Weil es offenbar funktioniert, wenn man Bindung sucht. Es ist irgendwie abgefuckt.

Demian Jakob (links) mit seinen Brüdern in Mexiko.

Ist darum der Zweifel so wichtig in euren Liedern?
Egger: Die bürgerlichen Normen erodieren, die Zweifel werden grösser. Du willst optimieren, du musst optimieren. Alles. Und immer im Bewusstsein, etwas verpassen zu können. Da nicht nervös zu werden, ist ziemlich schwierig.

Jakob: Die freie Liebe der 68er erlebt heute eine neue Welle. Aber in einem anderen Kontext: Wir liberalisieren alles, auch die Liebe. Sie ist ein freier Markt geworden. Du verliebst dich schnell übers Wochenende, ein bisschen Tinder, ein bisschen Herzschmerz darf schon auch sein. Doch dann geht es weiter, und du gehst am Montag frisch motiviert zur Arbeit, frisch motiviert zur nächsten Wochenendliebe. Im besten Fall kommst du in einen Flow, im schlechtesten Fall ist es einfach ein verdammter Stress.

Egger: Max Frisch hat mir geholfen. Als wir das aktuelle Album geschrieben haben, war ich unglücklich verliebt. Jemand hat mir Frisch in die Hände gedrückt, und was mir blieb: Wenn du dich für oder gegen etwas entscheidest, hört das «andere» Leben, das von deinem Entscheid ausgeschlossen wird, nicht einfach auf – der andere Strang läuft weiter, nicht nur in der Fantasie, sondern als bleibender Teil deiner Persönlichkeit. Manchmal verstehe ich Liebe als letzten Hafen in einer total flüchtigen Welt, einerseits. Andererseits funktionieren für mich Beziehungen nur, wenn ich viele Freiheiten habe.

Ihr macht es euch besonders schwer. Offenbar habt ihr, eure Generation, Mühe mit Verbindlichkeit. Aus dem einstigen «Willst du mit mir gehen» wurde euer «Wosch no chli blibä».
Egger: Es gibt so viele Möglichkeiten; dieses Gefühl, etwas zu verpassen, das permanente Wissen und Bewusstsein, was sonst noch möglich wäre, die permanente Gleichzeitigkeit in der erlebten Gegenwart. Unsere Eltern gingen an drei, vier Orten in die Ferien, hatten eine, vielleicht zwei Stellen. Wir ziehen extrem häufig um, bereisen fünfzig Orte, haben mindestens zehn unterschiedliche Stellen. Dazu gehört auch dieses Tinder-Ding. Immer auf der Suche nach dem nächsten Kick.

Jakob: Es ist wie eine Serie schauen, mit Cliffhangers, Storylines, Ups and Downs. Liebe wird zum Erlebnis, zum bewerteten Produkt. Man könnte auch in den Europapark fahren, und für wen es nicht bis nach Rust reicht, der macht halt ­Tinder auf.

Michael Egger mit seiner Schwester.

Wenn Liebe dauernd bewertet werden kann, fällt die Wahl leichter. Man nimmt, was man kennt.
Jakob: Alles voneinander zu wissen, ­korrumpiert das Konzept der Seelenverwandtschaft. Man hört die gleiche ­Musik, schaut die gleichen Filme, mag die gleichen Sachen. Im besten, im schlimmsten!, Fall hast du am Schluss einen Klon von dir, mit dem von dir präferierten Geschlecht.

Egger: Ich könnte mich niemals verlieben, wenn ich schon alles im Voraus wüsste! Und je älter man wird, desto eher lernt man nur noch Menschen kennen, die einem ähnlich sind. Jene, die nichts mit meiner Welt zu tun haben, kommen alle aus der Jugend. Einer meiner besten Jugendfreunde fährt Auto, arbeitet bei einer grossen Firma und wählt liberal. Dabei gibt es nichts Schöneres, als mit ihm ein Bier zu trinken.

Was also tun?
Egger: Es gibt zwei Herangehensweisen, bei der Liebe wie auch bei den Songs. Entweder du versuchst, möglichst viele Daten zu sammeln und daraus ein Optimum zu bekommen. Oder du beginnst einfach mal und schaffst aus etwas, das zu Beginn vielleicht noch defizitär war, etwas Neues, Konstruktives.

Jakob: Wir sind keine Experten in Sachen Liebe, aber die Analogie zu unseren Songs gefällt mir. Als man im Hip-Hop der Achtzigerjahre mit Sampeln begann, war die zur Verfügung stehende Bibliothek recht überschaubar. Die Kids haben die Platten ihrer Eltern wiederverwendet, Soul, Funk und Disco, eben Altbekanntes. Heute, in unserer stark vernetzten Welt, ist es umgekehrt: Wir haben eine Bibliothek vor uns, die man in einem ganzen Leben nicht durchhören könnte. Das muss man einfach aushalten.

Gibt es in eurem Bekanntenkreis auch solche, die sich all diesem Überfluss bewusst entziehen? Die Freundin aus dem Gymnasium heiraten, ­zwei Kinder haben, zufrieden sind?
Egger: Viele! Es ist vielleicht eine Persönlichkeitsfrage, eine Frage der inneren Genügsamkeit. Demi und ich gehören zu jenen, die ständig das Gefühl ­haben, etwas zu verpassen. Es ist manchmal furchtbar, ernsthaft, diese Fomo (Fear of missing out). Ich bewundere alle, die am Freitagabend sagen können: Heute gibt es eine Serie und dann ins Bett. Ich kann das nicht. Ich muss raus.

Raus wie der Kitsch? Der kommt ­in euren Liebesliedern nicht vor.
Jakob: Für Kitsch bräuchten wir viel mehr Libido. Es ist nicht so, dass wir keine kitschigen Fantasien hätten. Wir sind nur viel zu verklemmt, um sie tatsächlich zu beschreiben.

Inspirierend: Die Rolling Stones bei ihrer Ankunft in Kloten 1967. Foto: ETH-Bibliothek Zürich

Egger: Für Kitsch sind wir zu wenig cool.

Oder einfach zurückhaltend? «Lovin’» besteht aus nur einer Zeile: «Mini Löwin, miau …» Ihr erklärt, dass «mini» nicht besitzergreifend gemeint sei, und «miau» wolle Mansplaining verhindern. Kann man, letztendlich, als Feminist eine Frau gar nicht ­besingen?
Egger: Wir versuchen es zumindest!

Jakob: Wenn man aus nicht aufgeklärter Sicht Liebeslieder singt, dann singen nur noch Machos über die Liebe.

Und darum singt auch ihr über Frauen?

Egger: Die Frauenrollen in unseren Songs sind immer stark. Ich glaube, unsere Texte sind nicht so übergriffig, wie es viele Popsongs sind.

Ihr überlasst eurer Löwin den ganzen Raum, während ihr als Sänger völlig zurücktretet. Ihr sagt nur noch «miau». Ist es die moderne Frau, die gar nicht besungen werden will?
Egger: Auf dem Album gibt es auch den Song «Boyz». Er ist aus der Perspektive der Frau geschrieben, die wieder ein nerviges Gedicht auf ihr Handy geschickt bekommt. Weil wir Männer sind, mussten wir verschiedene Strategien finden, wie wir die Frauen reden lassen. Eigentlich sprechen Liebeslieder ja sehr intensiv über Frauen – schliesslich geht es um sie. Hätten wir in «Boyz» beschrieben, wie sehr wir den Frauen mit unseren kläglichen Versuchen, sie zu beeindrucken, auf die Nerven gehen, ­hätten wir das Wort an uns gerissen.

Jakob: Lustigerweise kommen diese Songs in feministischen Kreisen sehr gut an, obwohl wir sie vielleicht intuitiver, weniger reflektiert schreiben als unsere politischen Texte.

Ausser bei jenem Song über Erotik,von dem ihr sagtet, auf Schweizerdeutsch funktioniere er nicht. Ihr habt dann die Bewegungen vor und während des Sex beschrieben: «Es Verlange nach füre / nur churz blibä und nomau zrügg / äs Zittere im Atem.»
Egger: Bevor wir geschrieben haben, diskutierten wir über Sexlieder, die wir gut finden. Wir hören R ’n’ B, The Weeknd, R. Kelly zum Beispiel, aber was die alles so sagen! Als Schweizer nennt man die Dinge ja nie so explizit. Wir haben eine halbe Stunde lang Geschlechtsteile benannt, es wurde richtig gruusig. Es wirkte sofort so, als hätten wir Vergewaltigungsfantasien. Also beschränkten wir uns auf das Beschreiben, ohne explizit zu werden.

Jakob: Der französische Sänger Sébastien Tellier ist ein gutes Beispiel, wie man schöne erotische Musik machen kann: Lieblich, mit dem Zugeständnis an die Liebe, dass sie eine gewisse Art von Gewalt in sich trägt. Es ist gut, dass sich die Männer durch die #MeToo-Debatte nun etwas zurückhalten, dass sie ein bisschen Schiss haben, das Falsche zu tun, und sich mehr reflektieren. Aber zu sagen, alles, was über Softie-Sex hinausgehe, sei respektlos, finde ich falsch. Und auch Streit gehört zu einer Beziehung. Wenn ich mit meiner Freundin streite, dann ist es nicht Mansplaining, wenn ich ihr meine Meinung sage.

Sicher?
Jakob: Ja, weil ich unter diesem Vorzeichen rede: dass ich keine Dominanz daraus gewinne, wenn ich einen Fact mehr weiss. Ich pushe mein Ego nicht, indem ich jemand anderen zu dominieren versuche.

Egger: Ich habe mal einen Mann erlebt, der einer Frau Mansplaining erklärte. Grossartig!

Sind solche Überlegungen nicht anstrengend?
Jakob: Es ist etwas, das man verinnerlicht.

Egger: Die Gesellschaft zu liberalisieren, ist etwas vom Anstrengendsten, das es gibt. Ganz ehrlich: Bis ich an den Punkt gekommen bin, den Film «Call Me ­ by Your Name» zu schauen und geniessen zu können, der von der Liebe zwischen zwei Männern handelt, brauchte es viel Zeit. Als 22-Jähriger hätte ich mir den wahrscheinlich nie ansehen wollen. Da müssen wir jetzt wohl alle durch. Die Feminismusdebatte, ist anstrengend, aber sie lohnt sich. Letztendlich sorgt sie für einen deutlich unverkrampfteren Umgang zwischen den Geschlechtern.

Jakob: Es geht darum, eine Vorstellungskraft zu bilden. Wenn wir einen Song über eine Frau schreiben, dann überlegen wir uns, wie es ihr geht. Sie soll nicht nur eine Projektion sein. Bei der ganzen Debatte geht es darum: Empathie.

Egger: Ich habe mit Kolleginnen darüber diskutiert, dass sie schon mit Männern geschlafen haben, obwohl sie das gar nicht wollten. Das war ein riesiges Thema. Ich dachte oft: was, du? Du bist so eine selbstbewusste, starke Frau, du hast das mitgemacht? Wir redeten lange darüber, welche Mechanismen mitgespielt haben könnten. Alkohol, Erwartungen, auch an sich selber. Man muss sich in das hineinversetzen.

Jakob: Und diese Kraft, sich etwas ­vorzustellen, können wir mit unserer Lyrik vielleicht beschleunigen oder etwas betonen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.07.2018, 18:32 Uhr

Collection

Summer of Love

Sommerserie (3/6)

In der Serie Summer of Love reden wir mit fünf Paaren und einmal einer Gruppe von Freundinnen über die Liebe und darüber, was sich seit 1968 verändert hat.

Egger und Jakob

Ein Schuss, ein Treffer: Als die vier Berner von Jeans for Jesus 2013 ihren Song «Estavayeah» veröffentlichten, wurde dieser gleich zu einem regionalen Sommerhit. Zwei Alben und unzählige Konzerte später ist die Band die unangefochtene Popavantgarde im Land. Der 30-jährige Sänger Mike Egger lebt in­zwischen in Zürich und schreibt eine Doktorarbeit in Geschichte. Der 28-jährige Musiker und Texter Demian Jakob arbeitet im Theaterbereich. (red)

In den Sechzigern waren die Schweizer blosse Kopisten

Die grösste musikalische Aufregung in der Schweiz der Sechzigerjahre kam weniger von der Musik als vom Publikum. Es waren die Gefühle, welche die Rolling Stones während ihres Auftritts im Zürcher Hallenstadion auslösten. Die Leute im Saal fühlten sich dermassen inspiriert, dass sie die Holzstühle demolierten.

Zu dieser Zeit spielten die Schweizer Gruppen wie die Sauterelles oder Krokodil epigonenhaften Rock nach dem Vorbild der Beatles, der Shadows und anderen Bands. Auch der Berner ­Chansonnier Mani Matter hatte ein Vorbild, nämlich Georges Brassens, aber wenigstens sang Matter im Dialekt. Es war Polo Hofer, der als Erster Schweizerdeutsch mit Rock ’n’ Roll kombinierte. Aber das kam später, Mitte der Siebzigerjahre. (jmb)

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