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«Für mich isch gar nöd Ghetto da»

Sie reden «Jugodüütsch», möchten keine Gefühle zeigen – und versetzen die Reporterin. Vom Versuch, Jugendlichen aus Dietikon und Spreitenbach nahezukommen.

Ihre Ausbildung zur Assistentin Gesundheit und Soziales in einem Alterszentrum ist Kreshmeh das Wichtigste im Leben. Foto: Joël Hunn
Ihre Ausbildung zur Assistentin Gesundheit und Soziales in einem Alterszentrum ist Kreshmeh das Wichtigste im Leben. Foto: Joël Hunn

Diesen Sommer publizieren wir die besten Reportagen, Interviews und Hintergründe der letzten Monate nochmals. Dieser Artikel erschien erstmals am 16. März 2020.

«Tugba hier, wo bist du?» «fuuuck, hans vergessä! bin schliere, McDonald’s, mit kollegin.» «Letzte Woche hast du mich versetzt, gestern im letzten Moment abgesagt, heute hast du es vergessen? Was soll das? Komm her, ich warte.» «ok, sorry, gang etz uf zug.»

Haltestelle Glanzenberg, Dietikon ZH, ein Abend im September 2019. Ich warte weiter. Wenig später ruft Géraldine* wieder an, Zug verpasst. Der nächste fährt erst in einer Viertelstunde, ich aber, sagt sie, hätte sofort einen. Also mache ich mich auf nach Schlieren.

Auf dem Perron winkt Géraldine aus dem verglasten Warteraum. Sie liegt rücklings auf der Bank, ihr Kopf auf dem Schoss einer Freundin. Wir begrüssen uns mit Ghettofaust. Géraldine trägt Mechanikeroverall, Kapuzenpulli, Arbeitsschuhe. Sie tratscht mit der Freundin über Typen, die beiden grölen.

Wir gehen zur Tramhaltestelle, Géraldine überquert die Strasse, schaut nicht rechts und links. Ein Auto bremst abrupt. Sie: «du huerä nuttesohn!»

Ihr Blick verrät keine Emotionen. Mit «gebrüele» komme man nicht weit, sagt Géraldine. Foto: Joël Hunn
Ihr Blick verrät keine Emotionen. Mit «gebrüele» komme man nicht weit, sagt Géraldine. Foto: Joël Hunn

An der Haltestelle kichern die Mädchen über Snapstorys. Die Freundin erzählt: «mir het än typ uf insta gschriebe. Géraldine het ihn schön gfunde. ich han ihm Géraldine ihre snap name geh. die het voll mit ihm gschriebe drü täg lang …» Géraldine: «… er nöd checkt, dass ich nöd sie bin.»

Die Freundin nimmt den nächsten Bus nach Hause, Géraldine drängelt: «maan, ich will au hei, go schlafe! chasch dä interview schnell mache?» Wir ziehen durch Schlieren. Wind, Regen. Gestern nach dem ZSC-Spiel, erzählt Géraldine, hat sie in der S-Bahn mit einem Jungen geplaudert. «Wünschst du dir einen Freund?» «kompliziert. ich wott min freyruum. min fründ sött au min kumpel sii. er muss hübsch sii. hübschi type aber hend kei charakter.»

Wir kommen an Industriegebäuden und überquellenden Abfallcontainern vorbei und gelangen zum McDonald’s. Sie will trotz des Wetters unter dem Vordach draussen sitzen, nichts trinken. Neben uns fahren die Autos im Schritttempo zum McDrive, eine grell beleuchtete Tankstelle blendet uns, daneben rauscht eine Schnellstrasse. Hierher kommt Géraldine oft, weil sie an ihrem Wohnort Dietikon nicht gern ausgeht. Sie ist nur mit drei Leuten aus Dietikon befreundet, weil sie dort früher von vielen «scheiss schwiizerin» genannt wurde. «lüüt, wo sich krass fühled. grossi fresse, nüt dehinder.»

Unweit unseres Tisches stehen ein paar Jungs im Halbkreis und schauen immer wieder zu ihr. «Kennst du sie?» – «nei, sie lueged mich komisch aa, und ich luege komisch zrugg.»

Ihr Blick verrät keine Emotionen. Mit «gebrüele» komme man nicht weit, sagen alle in ihrer Familie. Die Jungs übertönen uns, ich schlage vor, drinnen einen Platz zu suchen. Géraldine aber will nach Hause. Sie mag nicht reden.

Auf dem Weg zum Bahnhof erkenne ich auf der Rückseite ihres Pullis «Souls of Rock». «Magst du Rock?» «bin fan vo Ärzte und Tote Hosen. wenn ich scheisse druf bin, los ich Ärzte, isch, wie öppert mir seit, ich verstahn dich.» Wir schweigen einen Moment. «Hast du ein grosses Ziel?» «awältin werde. ich han än gerechtigkeitssinn.» Aber die Ausbildung dauert ihr zu lange. Geschafft hätte sie es, ist sie überzeugt, trotz ihres Sek-C-Abschlusses. Sie will zwei Kinder, nicht erst mit vierzig. Darum hat sie ein Ziel mit kürzerem Weg. Nach der Lehre als Automechanikerin will sie Militärdienst leisten – «ich find die uniform weisch wie geil!» –, dort vielleicht aufsteigen, ansonsten die Polizeischule besuchen.

Die Polizisten im Land findet Géraldine «verschisse». Brauche man sie, helfen sie nicht. Lieber jagten sie Dealer. Sie erzählt: Einmal am See machte einer aus ihrer Clique einen Fremden an – «schalt dini grässlich musig uus!». Der andere: «wer bisch du, mann?» Géraldines Kumpel: «din vater.» Sie gingen aufeinander los, Géraldine dazwischen. Als die Polizei endlich kam, liess sie alle laufen. Die Jungs prügelten sich dann am Bahnhof Stadelhofen. Als Polizistin will Géraldine einmal durchgreifen.

Wir warten auf den Bus, sie wischt über das Handy, scrollt durch Chats. Nachrichten poppen auf. Sie zeigt mir ein Profil auf Snapchat. Ein Mädchen posiert in engen Jeans und bauchfreiem Top. «lueg, so sind bitches.» «Kennst du sie?» «isch eini, wo mir typ wegschnappt het, bitch.» Ihr Bus kommt, sie drückt mich erstmals zum Abschied, macht aber sofort wieder einen Schritt zurück.

Wie sieht die Welt an der Peripherie Zürichs aus?

Diese Geschichte begann in Dietikon. Im Frühjahr 2019 prügelten sich Jugendliche aus Dietikon und Spreitenbach im Shoppingcenter Tivoli. Ein Fünfzehnjähriger aus Dietikon wurde durch Messerstiche am Bein verletzt, die anderen kamen mit einem blauen Auge davon. Beteiligt waren vorwiegend Schweizer mit Migrationsgeschichte. Vor der Schlägerei kursierte ein Meme auf Snapchat: Unter der Überschrift «The Bronx is one of the most dangerous areas of the USA» sieht man eine Gruppe von Jungs, darunter ein Luftbild von Spreitenbach, auf dem steht: «In Switzerland we call this Spreitebach.»

Der Konflikt schaukelte sich in den sozialen Medien hoch, weil Dietiker Kids Spreitenbach durch Dietikon ersetzten – und so kam es zur Massenschlägerei. Schon vor diesem Meme, so sollte ich erfahren, trugen Jungs aus den beiden Orten Kämpfe aus. Was ist los?, fragte ich mich. Wie sieht die Welt an der Peripherie Zürichs aus? Woher kommt die Gewalt? Der Lokalpatriotismus? Was überhaupt bewegt junge Schweizerinnen und Schweizer mit Migrationsgeschichte?

Auf der Suche nach Antworten sollte ich scheitern. Mit Jugendlichen, die sich mir verweigern. Die eingeklemmt sind zwischen dem, wer sie sind und wer sie zu werden versuchen. Mein Plan, in ein Milieu einzutauchen und Junge in die Hinterhöfe der nichtgutbürgerlichen Schweiz zu begleiten, sollte nicht aufgehen. Stattdessen musste ich mich damit begnügen, kurze Einblicke in ihre Welt zu erhaschen. Wie viel mir selbst das über dieses Land erzählen würde, ahnte ich nicht.

Das «Ghettogetue», sagen beide, finden sie peinlich.

Die Stadt Dietikon, 27'000 Einwohner, ist nur zwölf S-Bahn-Minuten vom Hauptbahnhof Zürich entfernt. Einiges grösser ist die Distanz der Lebenswelten: höchste Arbeitslosenquote im Kanton (2.9 Prozent), höchste Sozialhilfequote (5.4 Prozent gegenüber schweizweiten 3.2 Prozent), höchster Ausländeranteil (45.4 Prozent). Ähnlich sieht es in der Nachbargemeinde Spreitenbach aus, die zum Kanton Aargau gehört und einen Ausländeranteil von mehr als 50 Prozent aufweist.

Géraldine, 17, begegne ich erstmals an einem Mittwochnachmittag Ende Mai im Jugendzentrum Dietikon. Einige wenige Jugendliche spielen in dem L-förmigen Raum Billard oder lümmeln auf den Sofas. Géraldine und ihre Freundin Kreshmeh reichen mir einen Flyer in Form und Farbe des Dietiker Wappens, auf dem steht: «Du wotsch was in Dietike verändere? Denn bisch bi eus richtig! Chum verbi bim Jugendrat!» Damit werben die beiden neue Mitglieder an.

Eine Woche später erzählen mir Kreshmeh und Géraldine von der Herbstsession 2019. Der Jugendrat will mit drei Themen zum Gemeinderat: ein Lokal für Events – es gibt keinen Ort zum Ausgehen; ein Generationencafé – die Alten schimpfen über die Jungen, ohne sie zu kennen; einen McDonald’s in 8953 – denn immer nach Schlieren, das nervt. Es gibt hier nur eine Dönerbude. Für Kino, Shopping oder Mc müssen die Jungen nach Spreiti oder Schlieren.

Das «Ghettogetue», sagen beide, finden sie peinlich. «type fühled sich geehrt, wenns ghetto heisst. sie sind drum stolz, in DC zu wohnen», sagt Kreshmeh. DC (englisch ausgesprochen), so lerne ich, ist die geläufige Abkürzung für Dietikon.

Zu diesen stolzen Typen gehört Kreshmehs Bruder, er ist fünfzehn, ein Jahr jünger als sie. Auch die Jungs in Dietikon sehen ihn als Bruder und Kreshmeh demnach als ihre Schwester. Ist sie abends in DC unterwegs, erfährt es ihr Bruder von den Jungs, die zu ihr sagen: «weisch du, wie viel uhr es isch, gahn hei.» Einmal war sie mit einer Freundin und einem Kumpel am Zürichsee. Die Jungs steckten es dem Bruder. Zusammen mit den anderen drohte er dem Kumpel. Kreshmeh erklärte ihm, dass der Typ auf sie aufpasst, er beruhigte sich. «sie meined nöd bös. sie wönd liebi zeige.»

Die Schweiz ist für sie die einzige Heimat, in der sie sich nie fremd fühlte: Kreshmeh. Foto: Joël Hunn.
Die Schweiz ist für sie die einzige Heimat, in der sie sich nie fremd fühlte: Kreshmeh. Foto: Joël Hunn.

Kreshmehs Eltern stammen aus Afghanistan und zogen in den Iran, wo sie geboren wurde. Mit vier lebte sie in Griechenland, später bei Verwandten in Italien. Der Vater fand dort jedoch keine Arbeit. Seine Cousine in der Schweiz erzählte von Arbeit und guter Schulbildung für die Kinder. Schliesslich kam Kreshmeh nach Zürich, wo sie das zweite Kindergartenjahr absolvierte. Mit sieben oder acht, so genau weiss sie das nicht mehr, zog sie nach Dietikon. Trotz ihrer Geschichte ist die Schweiz für sie die einzige Heimat, in der sie sich nie fremd fühlte.

Géraldine hingegen hörte auf dem Pausenplatz «scheiss schwiizerin», war in der Klasse meist die Einzige ohne Migrationsgeschichte. In der Schule lachte man über ihren Schweizer Dialekt, also redete sie wie die anderen. Dafür wurde sie von der Familie getadelt. Am Siebzigsten ihrer Grossmutter sagte jemand: «du redisch wie än jugo, du söttisch wie ä schwiizerin redä.» Weinend ging Géraldine nach Hause: «ghöre nirgends dezue.» Das «Jugodüütsch» hat eigene Regeln. Etwa beim Genus – «än Handy» statt «äs Handy» – oder Kasus – «sie het mich gschriebe», Präpositionen fallen weg – «gömmer bahnhof». Der Sprachrhythmus ist mal staccato, mal harmonisch. Manche Konsonanten wie «G» oder «B» werden weich gesprochen, das «R» stets gerollt – «bRüeder» oder «gömmeR».

Soziolinguistisch wurzelt «Jugodüütsch» nicht im mangelhaften Erwerb einer Zweitsprache. Die «Fehler» weisen regelhaften Charakter auf, bilden somit einen Soziolekt. Schon in den Siebzigerjahren zeigten Untersuchungen zur «Gastarbeitersprache» in Deutschland, wie solche Soziolekte Zugehörigkeit zu einer Gruppe stiften. Géraldine und Kreshmeh etwa wechseln im Lehrbetrieb in einen gängigen Dialekt, den sie nie mit mir sprechen, weil es nicht ins Setting passt.

An einem Samstag Ende Juni feiert Dietikon das Fest der Kulturen. Es schüttet, es gibt ein Festzelt und Stände mit Essen aus Ländern des Balkans, der Türkei, Italien und einen mit Schweizer Würsten. Géraldine und Kreshmeh tragen weisse T-Shirts mit dem Logo des Jugendrats über ihren Pullis. Vor dem Stand verteilen sie Flyer und selbst gebackenen Schoggi-, Rüebli-, Marmor- oder Zitronenkuchen. «Du siehst müde aus, Géraldine, warst du gestern aus?» «nei, dussä bis am zwei.» Sie erklärt: «dussä» ist abhängen, etwa wie sie gestern erst in Dietike, später in Schliere bim Mc – ohne Alkohol. «usgang» bedeutet trinken, vielleicht in einen Klub gehen. Nach beidem sei neun Uhr zu früh, um einen Stand aufzubauen.

Keiner will Kuchen, Géraldine ruft: «isch in dä schwiiz mal öppis gratis und niemert will was devo.» Sie stapeln Kuchenstücke auf Pappteller und verteilen sie im Festzelt. Ein Junge kommt zum Stand und fragt nach den beiden. Wir kommen ins Gespräch. «Magst du nicht dem Jugendrat beitreten?» Er war Mitglied, sagt er, mit seinem Kumpel, der Géraldine als Präsidentin nicht ertrug. Sie sei zu bossy. Sie diskutierten nur noch, wer recht hat.

Als Kreshmeh und Géraldine später mit rosa und rotbraun geschminkten Lippen zurückkommen, spreche ich sie darauf an. Über den Kumpel sagt Géraldine: «dä hätti dä jugendrat kaputt gmacht. er hät än riese klappe.» «Du auch, Géraldine», sage ich. «bi ihre machts sinn, was sie seit. er seit eifach zu allem nei», sagt Kreshmeh. «voll. Kesh het so recht, mann.»

Später taucht der Junge mit seinem Kumpel am Stand auf, sie albern mit den Mädchen herum, bis sie ein Rentner unterbricht. Er schaut auf die Kuchen und sagt: «chuechä ohne kafi, gits doch nöd, gopf!» Er stellt Fragen, die wir nicht verstehen. Macht Witze, die uns nicht amüsieren. Dann fragt er den Jungen, mit dem ich zuvor sprach: «bisch du au debi im jugendrat?» «bini mol gsii, jetzt nüme.» «hesch langi ziit gha nach dinere heimat? drum bisch nüme imene schwiizer jugendrat», sagt er und humpelt davon. Er spielt auf den dunklen Hautton des Jungen an. Der senkt den Blick, lächelt. Ich schweige.

Später im Festzelt tanzen und singen Jugendliche auf der Bühne. Die Moderation kündigt eine Gruppe an mit: «Sie kommen aus verschiedenen Ländern, sind aber hier in der Schweiz geboren und gut integriert.» In der S-Bahn denke ich an das ekelhafte Benehmen des Rentners. Ich schäme mich für mein Schweigen und dafür, dass ich den Jungen nicht darauf angesprochen habe.

In der Schule, so denke ich, müssen sie zuhören. Und vielleicht gewinne ich einige für ein Treffen.

kiffsch du? wie reagiersch, wenn di eine aamacht? sind sie türkin? warum tragen sie kein Kopftuch? wo wohned sie? Sie fragen mich während der Diskussionen in der Klasse und in der Pause. Innerlich lache ich, antworte aber: «Ist jetzt nicht Thema.» Einmal ruft einer eine Frage ins Plenum. Sein Banknachbar: «alte, checksch nöd, mann, isch jetzt nöd thema!» Gelächter.

Mitte Juli 2019 stehe ich an zwei Nachmittagen vor je über einem Dutzend Knaben einer Berufsschule in Zürich. Weil die Gespräche im Jugi Dietikon stagnieren, mir das Jugi Spreitenbach den Besuch verwehrt, der Gemeindeschreiber von Spreitenbach der Schulsozialarbeit untersagt, «Dritte für eine Medienberichterstattung ‹einzuschleusen›» und ein Streifzug durch Spreitenbach zeigt: Mit Journalisten reden wir nach den Lügen über unsere Gemeinde prinzipiell nicht, erhoffe ich mir, auf diesem Weg zu Street Credibility bei den Jungen zu kommen. In der Schule, so denke ich, müssen sie zuhören. Und vielleicht gewinne ich einige von ihnen für weitere Treffen. Aus welcher Gemeinde sie stammen, ist mir inzwischen egal. Was für mich zählt, ist, dass in beiden Klassen die Mehrheit der Schüler eine Migrationsgeschichte hat.

In der ersten Lektion erzähle ich den Jugendlichen vom Journalismus. Wie ich als Reporterin arbeite, welche Etappen ein Text durchläuft, bis er gedruckt wird. Der Grossteil blättert zum ersten Mal im «Magazin», von dem ich mehrere Exemplare durch die Reihen reiche. Derweil beantworte ich Fragen wie: «hey sie, isch nöd alles fake, was da drin staht?» – «was denked sie über fake news?» – «huerä lang, mann, müend mir das alles lesä?»

Später lesen wir einen Ausschnitt aus einer Reportage von mir. Damit sie sich vorstellen können, wie das herauskommen könnte, wenn sie sich verpflichten. Es ist eine Geschichte über die Jungen in Südkorea, die an den konservativen Strukturen ihrer Heimat verzweifeln und deshalb auswandern wollen. «Wie steht ihr zu eurer Heimat, euren Heimaten?», frage ich.

Aufgabe: Sammelt in Gruppen Antworten zu den Fragen, die euch zugeteilt werden. Schreibt eure Antworten auf die Plakate. Anschliessend präsentiert sie jede Gruppe im Plenum.

Während sie arbeiten, gehe ich durch die Reihen. Manche, die erst breitbeinig, die Arme verschränkt, teilnahmslos nach vorn starrten, sind jetzt aufgetaut. «alte, mach mal, du hesch na nüt gschribe uf euses plakat, sie het gseit, mir hend nur no foif minute!» Ein anderer streckt auf: «hey sie, was heisst I-den-ti-fik-at-ion?» Noch einer: «hey alte, bisch du blöd, mann, verstahsch nöd mal frag.» Gelächter. Ich ermahne, fordere Konzentration.

Die Präsentationen verlaufen ruhiger als erwartet: «Wir sind alle keine Schweizer, fühlen uns hier aber wohl. Die Schweiz gibt uns eine Zukunft.» (Zwei stammen aus Italien, einer aus Syrien, Irland und Sri Lanka – bis auf einen wurden alle in der Schweiz geboren.) «Würden wir eine Zukunft in unsere Heimatsland haben, wären wir vielleicht zurückgegangen. Die Bindung ist sehr stark zu meiner Heimat.» «chönt ich dä mech in italie mache, würd ich gah. det sind mini verwandte.»

Tags darauf mit der anderen Klasse entsteht folgendes Gespräch:

Würdest du aus der Schweiz auswandern wollen?

«Ja, obwohl man eine Zukunft und Geld hat, kann man nicht richtig leben. da isch dä stressigschte land, wo git.»

Wohin würdest du?

«italie. ich bin albaner, sit drü jahr in dä schwiiz. bin in italie gebore und ufgwachse. wüssed sie, döte nimmsch nüt mit stress. Berlusconi isch dä beste präsident gsii, er isch dick mit dä mafia gsii, mann. sini logik: ich klaue, aber klaued ihr au. reschpekt für italie, liebi für albanie. heimatsland isch nur eine.»

Sein Banknachbar: «ich würd au uswandere. lüüt säged so: i dä schwiiz isch me frei. kurac, stimmt nöd. für jede scheiss gits regle.»

In welches Land würdest du?

«ich wür da geld mache uf dä siite, denn kosovo gah, mini heimat.»

Bist du in der Schweiz geboren?

«ja, trotzdem fühl ich mich nöd wie schwiiz. wenn ich uf dä strass gang, lüüt säged mir nöd, hey lug, da isch än schwiizer. die wüssed ja direkt i bi än schippi, lueg mich mol a, mann.» Gelächter.

Der Italien-Fan: «won ich da ane cho bi, hani gseit, ich muss chli kontakt mit lüüt ha. hani afange fuessball spiele, hey, ich schwör, kei kontakt, niemert isch zu mir cho: wotsch use gah.»

«Arbeit arbeit arbeit, sonst erreicht man hier nicht & das ist scheisse.»

Berufsschüler (schriftlich)

In der letzten Lektion lasse ich die Schüler Texte zu drei Fragen schreiben. Die Reaktionen in der einen Klasse: «hey sie, sind mir jetzt auch schournaliste?» – «ich han kei idee, mann.» – «ich wott go rauche.» Erklären und motivieren: nach einer halben Stunde bringt jeder ein paar Sätze zu Papier. Am Abend lese ich die Texte.

Was bedeutet Heimat für dich?

«Meine Heimat ist Zürich. Ich fühle mich hier zwar wohl aber ich bin eine Maschiene für den Staat bis ich aufhöre zu funktionieren. Arbeit arbeit arbeit, sonst erreicht man hier nicht & das ist scheisse.»

«Heimat bedeutet für mich Liebe, weil ich mich dort immer gut fühle wenn ich meine Familie sehe und ich dort überall mit meiner Muttersprache reden kann.»

«Meine Heimat ist Kosovo ich liebe meine Heimat über alles dort ist jede Personn freundlich und nicht depremierend wie da.»

Worauf bist du stolz?

«Ich bin Stolz auf mich, weil ich eine Lehrstelle bekommen habe, ich dachte ich würde nie eine bekommen.»

«mein stolz ist nicht ganz erfüllt weil ich immer noch nicht milionnen habe ich mich noch zu viel anstrengen muss für ein nicht allzu guten Lohn.»

«Ich bin stolz auf meine Brutalle blaue Augen. was ich auch noch stoltz darauf bin ist meine Inteligenz. Ich schämme mich aber das ich nicht richtig schreiben kann (Grammatik).»

Wofür schämst du dich?

«Ich schäm mich für ein paar Leute die noch immer keine ausländer wollen oder akzeptieren.»

«ich schäme mich wenn ich in der Heimat bin und die anderen dort nicht so viel haben und mich sehen mit Geld, Essen, Auto, Haus.»

«Ich schäme mich, dass ich in der vergangenheit viele fehler begangen habe die ich heute bereue und mich viel Lebenszeit gekostet hat, die ich sinvoller verwenden hätte können.»

«Wenn ich Familie habe, will ich nicht in Vororten leben. Das Umfeld ist aggressiv.»

Gino

«Das habe ich geschrieben?», fragt Gino. Er ist einer der fünfzehn Berufsschüler, die mir nach den drei Lektionen ihre Telefonnummer geben. Unser erstes Treffen an einem Sonntagnachmittag Anfang September verschläft er. Mein Anruf weckt ihn, er kommt eine Stunde zu spät.

«Ich bereue meine Faulheit in der Sek. Hatte keinen Bock auf die Schule. Coolness zählte. Hätte ich gelernt, wäre ich am Studieren. Jetzt bin ich mit neunzehn im zweiten Lehrjahr. Erst machte ich eine Anlehre in einer Autogarage. Der Lehrmeister beleidigte mich bei jedem Fehler. Drei Monate hielt ich durch. Dann stritt mein Vater mit ihm. Wegen verletztem Stolz, wie scheisse er mich behandelt. Danach machte ich für sechs Monate ein Praktikum, startete dann bei Mercedes in Schlieren eine zweijährige Lehre. Ich hatte gute Noten und konnte dort in die dreijährige Lehre als Automechaniker wechseln.

Die Lehre unterfordert mich. Später will ich die technische BMS probieren, Laborant lernen. Menschlich ist die Autowerkstatt nicht meine Welt. Einer zeigte mir einmal aus dem Nichts private Fotos von Frauen: ‹Schau, die habe ich gefickt, die auch.› Die können keine Gefühle zeigen. Wut ist das einzige Gefühl, das erlaubt ist. Wenn ich Familie habe, will ich nicht in Vororten leben. Das Umfeld ist aggressiv. Man hat schlechte Chancen auf Bildung. Gewinnt kein Selbstvertrauen. Lange traute ich mich nicht, Klavier zu spielen. Andere hätten mich deswegen uncool finden können. Seit eineinhalb Jahren habe ich alle zwei Wochen Unterricht. Mehr kann ich mir mit meinem Lehrlingslohn nicht leisten. Ich übe auf einem E-Piano, vier bis fünf Stunden nachts, weil ich dann konzentriert bin. Meist schlafe ich von neunzehn bis drei Uhr, stehe auf, übe, um halb sieben gehe ich arbeiten.»

Bereut seine Faulheit in der Schule: Gino. Foto: Joël Hunn
Bereut seine Faulheit in der Schule: Gino. Foto: Joël Hunn

Gino wächst in Seebach auf. Die Eltern arbeiten Vollzeit, der Vater als Busfahrer, die Mutter als Promotorin. Sein Zwillingsbruder und er gehen in den Hort mit Mittagstisch, bekommen Hilfe bei den Hausaufgaben. Ginos Bruder muss ab der zweiten Klasse wegen ADHS in eine Sonderschule, Gino ab der sechsten wegen Legasthenie. «In der neuen Schule lernte ich nichts. Also lernte ich auch nicht mehr.»

Die Eltern trennen sich, als er fünfzehn ist. Der neue Partner der Mutter mag keine Kinder, diese ziehen zum Vater nach Schlieren. An Seebach, wo er seine Freunde zurücklässt, hängt Gino noch immer. Seine Freunde verbinden Migrationsgeschichten aus Indonesien, Rumänien, Eritrea, dem Libanon.

Der Vater, erzählt Gino, kämpft im libanesischen Bürgerkrieg. Er flüchtet in den Kongo, arbeitet dort für einen Onkel, der mit Diamanten handelt. Später zieht er nach Deutschland, schliesslich in die Schweiz, wo er Ginos Mutter kennen lernt. Sie nennen ihre Zwillinge Gino und Marco. Namen wie Ahmed oder Hassan, denkt der Vater, schaffen Probleme. Er glaubt: In jedem von uns steckt ein Rassist.

«Und wenn ich Kindergärtner werde?», fragte Gino seinen Vater einmal. «Dann bist du schwul.»

In Beirut trifft Gino vor zwei Jahren erstmals seine Verwandten. Weil der Vater im Krieg auf der falschen Seite gekämpft habe, seien sie nie in den Libanon gereist. «Ich erfuhr Geborgenheit, wie ich sie nicht kannte. Vielleicht ist das Heimat?»

Gino spricht kein Arabisch, libanesische Bräuche erlebt er bei Verwandten in Hannover, München und Hamburg. Der Vater sagt Sätze wie: «Wir Libanesen sind stark. Haben Israel als Einzige besiegt.» – «Ein echter Mann entschuldigt sich für seine Fehler.» Gino stört, dass sein Vater so klare Vorstellungen hat, was sich für Männer und was für Frauen gehört. «Und wenn ich Kindergärtner werde?», fragte er seinen Vater einmal. «Dann bist du schwul.»

Gino lehnt patriarchales Denken, das er in der orientalischen Kultur verwurzelt sieht, vehement ab. Fragen zu seiner libanesischen Herkunft weicht er aus, als schämte er sich dafür. Zur libanesischen Gemeinschaft in der Schweiz, so erzählt er an einem Sonntag im Oktober, hat er keinen Kontakt, weil die «extrem stolz» seien und keine Kritik ertragen würden. In seinem Block wohnen, abgesehen von einer albanischen und einer kurdischen Mietpartei, ausschliesslich Libanesen. Einmal sei ein Streit zwischen zwei Familien so eskaliert, dass die Polizei kam. «So was sieht man nur bei den Libanesen», sagt Gino. Er lacht praktisch nach jedem Satz, es ist eine Mischung aus Verlegenheit und Spott. Immer wieder betont er, dass seine Verwandten ihren Glauben liberal leben, er selbst keine Gebete kennt und nicht in die Moschee geht – selbst wenn meine Fragen gar nicht darauf abzielen.

Jene, die absagen, begründen es mit: keine Zeit, keine Lust, keinen Mut.

Zurückweisung beherrscht auch die Wochen nach den Sommerferien. Von den zehn Berufsschülern, die ich kontaktiere, sagen nur drei zu. Einer legt auf, als ich anrufe, obwohl er die Woche davor zugesagt hatte. Jene, die absagen, oder solche aus dem Jugi Dietikon, die sich nicht öffnen, begründen es mit: keine Zeit, keine Lust, keinen Mut. Einer sagt: «da isch mir zu höch, i dem heftli vorcho.»

Die übrigen Berufsschüler ghosten mich. Nicht auf Textnachrichten zu antworten, ist eine gängige Art der Kontaktverweigerung im digitalen Zeitalter. Bei manchen merke ich: Sie haben mich auf Whatsapp blockiert. Auch ein Junge aus Dietikon macht es so. In seinen Rap-Texten benennt er, was er in zwei Gesprächen nicht auszudrücken vermag: Zweifel, Liebe, Sehnsucht nach Heimat. Zuletzt schreiben wir uns vor den Sommerferien: Er muss seinen kleinen Bruder hüten. Die Mutter ist im Spital in Krebsbehandlung. Bald erreichen ihn meine SMS nicht mehr.

Es ist, als würde man um neue Freunde buhlen. Ich will bei diesen Kids dazugehören! Eine Freundin, Lehrerin, verschluckt sich am Rotwein, als ich ihr von meiner peinlichen Einsicht berichte und sage: «Die blockieren mich auf Whatsapp, und ich muss erst googeln, wie man überhaupt merkt, dass man blockiert wurde!»

«Was stresst?» Arbeit, Schule, letzte Woche krank, weil «am Wochenende mich abgschosse.»

Géraldine

Neunundfünfzig ungelesene Nachrichten auf Snapchat und ein paar Dutzend ungelesene SMS: «dä bewiis isch doch da», Géraldine hält mir ihr Handy hin. «ich weiss nöd mal meh, was handy isch.» Sie ist seit einem Monat in der Lehre zur Automechanikerin. Es ist unser erstes Treffen nach den Sommerferien. Bis es endlich zustande kommt, folgt Ausrede auf Ausrede.

Eine Woche davor sagt sie einen Termin zwei Stunden vorher ab, weil sie krank sei. Einmal warte ich vergeblich am Hauptbahnhof Zürich. Als ich anrufe, ist sie am Lernen. Wir verabreden uns für den Abend darauf. Später schreibt sie mir, sie will verschieben wegen eines Arzttermins in Baden. Im Zug nach Baden und zurück lasse sich gut reden, schlage ich vor. Sie verspricht, den Arzttermin abzusagen, später schreibt sie, dass wir uns für eine Stunde treffen könnten. Statt eines Arzttermins hat sie jetzt einen Bowling-Abend.

«Hast du so keine Lust, mich zu treffen?» «mis lebä isch eifach stressig!» Géraldine zieht in federnden Schritten durch DC. Das Handy in der Hand, die Kabelhörer hängen lose über dem Kragen des Trikots der ZSC Lions.

«Was stresst?» Arbeit, Schule, letzte Woche krank, weil «am Wochenende mich abgschosse», an dem davor ebenfalls, Zürisee bis vier Uhr, am Samstag früh raus, bald ist Pneu-Saison, ein Freund des Vaters übt mit ihr, Reifen von Felgen abzuziehen, «musch scho dini taktik chöne», am Nachmittag schlafen, am Abend Zürisee, sie wollte nicht trinken, «han letscht wuche mir deftig kante gä!», obwohl sie viel Wodka mit Energy-Drink verträgt, «trinksch langsam, chunt effekt langsam», an diesem Samstag bleibt sie nüchtern, kümmert sich um den kotzenden Kumpel, er im Liebeskummer, weil seine albanische Freundin ihn, den Türken, nicht lieben darf.

«Hey, Géraldine!», rufen ein paar Jungs aus dem Park. Sie rollt mit den Augen. «Kennst du die?» «jaa. kei kumpels.» Sie zeigt auf die andere Strassenseite: «da schaff ich!» Wir lugen durch die Scheibe in die Werkstatt, wo sie mit sieben Männern arbeitet. «sie mached kei sprüch, keini unterschied zwüsched maa und frau.»

Wir sitzen auf dem Pausenplatz beim Schulhaus Luberzen. Sie sagt, dass sie sich nach der Schule sehnt, wo sie nur «abhänge» konnte. Dabei spielt sie mit der Halskette. Sie trägt einen Schutzengel aus Metall, auf dem ihr Geburtsdatum eingraviert ist. Geschenk der Mutter. Und einen Edelstein, Tigerauge. Ein Glücksbringer von ihrem besten Freund. Er ist vor drei Jahren vor den Zug gesprungen. Für Géraldine war er der Einzige, der ihr «liebi» gab, der Einzige, mit dem sie über Gefühle sprach. Von der Mutter fühlte sie sich damals vernachlässigt. Ihre Tante und ihr Cousin waren für drei Monate zu ihnen gezogen, später wohnten sie gegenüber. An ihrem Cousin, einem Problemkind, seien Mutter und Tante verzweifelt. «drum het mir mueterliebi zwüsched nüni und vierzäni gfehlt.»

Sie redet ein Jahr lang mit niemandem über den Tod ihres Freundes, fällt in eine Depression, beginnt sich zu ritzen. Géraldine zeigt mir die Innenseiten ihrer Arme. Schmale Narben, dicht beieinander.

Eine Psychologin hilft ihr. Jetzt kann sie wieder Zug fahren. Manchmal holt sie die Angst an den Geleisen ein. «bim zug gsehn ich sin geischt, wien ich nebädra stahne, nüt mache chan.» Géraldine zieht beim Erzählen die zwei Haargummis an ihrem Handgelenk ruckartig vor und zurück.

Ihr Handy ist auf lautlos gestellt, dennoch bemerkt sie den Anruf. «Lubi, wieso?» – «han diheime glaub eini.» – «ja, ich bin grossä platz» – «mit schournalistin. interview und so.» – «will ich geil bin. spass. verzells spöter, tschau!»

Wir blicken auf den leeren Pausenplatz. Géraldine erzählt wie bei jedem Gespräch vom Mobbing «im eigenä land». «da ufem platz hesch gseh, ich allei gstande und ganz viel vor mir. sie hend gseit: als schwiizerin hesch du nüt zum säge, mir usländer regiered. ich han chli falsch reagiert: ihr drecksusländer sind i mim land und hends gfühl, ihr chönd da mache, was ihr wänd! das mobbing het mich echt rassistisch gmacht. han mich trotzdem entschuldigt. ich gah ja au nöd uf albanie oder irgendwo und säge, ihr müend eu jetzt a mir aapasse. die jugend verstaht nöd, dass sie sich a eus schwiizer apasse müend.»

Emanuele war in der Schule «der andere» – der Italiener, der Dumme, spotteten Mitschüler.

Küsnacht an der Zürcher Goldküste, weit weg von der DC-Welt. Die Maturitätsquote beträgt hier fast vierzig Prozent, während sie in Dietikon bei unter zehn Prozent liegt. Emanuele, 17, war in der Schule auch «der andere». Der Italiener. Niemand in seiner Klasse hatte eine Migrationsgeschichte. Er war ein schwacher Schüler – der Italiener, der Dumme, spotteten die anderen. Auf dem Pausenplatz standen er und der Brasilianer alleine. Emanuele brachte die Bälle zurück, mitspielen durfte er trotzdem nicht. Seine Lehrerin war ratlos, also besuchte er zwei Jahre eine Kleinklasse in Stäfa. Als er dort in die Sek C eingeteilt wurde, legte die Mutter Rekurs ein. In Rüti schaffte er dann die Sek B gerade so.

In Küsnacht, sagt er, könne er sich kein «Jugodüütsch» leisten: Emanuele. Foto: Joël Hunn
In Küsnacht, sagt er, könne er sich kein «Jugodüütsch» leisten: Emanuele. Foto: Joël Hunn

«Wie fühlst du dich hier in Küsnacht?» Ein Freitagabend im Oktober, Emanuele, den ich an der Berufsschule kennen gelernt habe, zeigt auf ein Schulhaus. Wut kommt hoch. «Dort ist alles passiert.» Wir schlendern durch das Städtchen, wie üblich in Gemeinden dieser Grösse herrscht nach zwanzig Uhr Stille. «Ich will die Angst spüren, um sie zu besiegen», sagt Emanuele schliesslich. Deshalb will er nicht wegziehen. Er will das Unbehagen abstreifen. Sich unterwegs nicht mehr fragen: Wem könnte ich begegnen? Wer hat etwas gegen mich?

«Siehst du sie noch?» «Manche zufällig. Einer entschuldigte sich mal. Ein anderer spielt mit mir im FC. Den hab ich kaputtgemacht. Ohne Hände. Ohne Worte. Hab ihn nie beachtet.» Das Mobbing lehrte ihn, die eigenen Gefühle zu verstehen und die der anderen zu lesen. «Geht es einer Person schlecht, erkenne ich es an ihrem Gesichtsausdruck.» Viele würden ihn deshalb als «Anhaltspunkt» sehen. Er meint damit: ihm ihr Inneres anvertrauen. Er aber hat keinen «Anhaltspunkt». Wenn er verzweifelt ist, betet er gelegentlich. «Aber Gott hat mir nie ein Zeichen gegeben.»

In der Berufsschulklasse war mir Emanueles zurückhaltende Art aufgefallen. Im Plenum sagte er, er würde seine Lehre lieber in Italien machen. Ich war verblüfft: Als Italiener der dritten Generation? Von den drei Berufsschülern, die sich schliesslich mit mir treffen, ist er der Einzige, der sich schon bei unserem ersten Gespräch öffnet. Er spricht kein «Jugodüütsch». In Küsnacht, sagt er, kann er sich das nicht leisten.

Italien ist Emanueles Heimat. Doch dort leben könnte er nicht.

Emanueles Mutter wächst in den Siebzigerjahren als Tochter italienischer Arbeiter in Küsnacht auf. Ihren Mann lernt sie in ihrem Heimatdorf nahe Napoli kennen. Die ersten drei Jahre verbringt Emanuele bei den Grosseltern in Küsnacht. Als sie nach Italien zurückkehren und Emanueles Bruder geboren wird, gibt die Mutter ihren Job auf. Sie kocht täglich primo und secondo, tischt heute noch jeden Abend um 19.30 Uhr ein Menü auf.

Das Essen, die Sprache, der Humor prägen Emanueles Grundgefühl als Italiener. Darum ist Italien seine Heimat. Doch dort leben könnte er nicht. Die Krankenversorgung oder der Lohn etwa seien nicht wie in der Schweiz.

«Also ist die Schweiz doch auch Heimat?» «Nein, Heimat ist dort, wo man sich geborgen fühlt.» Die Schweiz, sagt er, gab ihm Wohlstand, Bildung, Lehre, was er schätzt. Aber keine Liebe. Die Schweiz, das ist für ihn Trott: aufstehen um sechs, arbeiten, ausschlafen an den Wochenenden, gelegentlich ausgehen. Er aber will mal spät, mal früh essen, nicht steif in einem Lokal sitzen, lieber plaudern, lachen, vielleicht labern. Das traut er sich hier nur mit den wenigen Freunden aus Albanien, der Türkei oder Italien. Spricht er mit Schweizern ohne Migrationsgeschichte, fragt er sich: Geht der Spruch? Liegt eine Umarmung drin? «Ich habe einen Filter», sagt er. Ein Ort, an dem er sich wohlfühlt, ist der Lehrbetrieb. Er sagt, Anweisungen zu befolgen, stärke seinen schwachen Charakter. Bei der Arbeit lernt er, einzustecken und auszuteilen. Umgeben von Italienern fällt ihm das leichter.

Nach der Familientradition hätte Emanuele als ältester Sohn wie sein Vater und die fünf Generationen davor Maurer werden sollen. Die Arbeit im Freien und der raue Umgang gefallen ihm beim Schnuppern nicht. Der Vater will ihn überreden, Emanuele widersetzt sich und findet eine Lehrstelle als Automechaniker in einer grossen Garage in Dübendorf. Die Familie lädt Emanueles künftigen Chef, auch er Italiener, als Dank zum Essen ein. Jetzt hofft der Vater, dass Emanuele nach seinem Abschluss Maurer lernt.

Der Vater ist Emanueles Vorbild, er möchte ihn nicht enttäuschen. «Er schuftet für uns.» Täglich trägt er ab vier Uhr morgens Zeitungen aus und geht um sechs auf den Bau. Die Mutter verdient als Putzfrau etwas dazu. «Er will uns Dinge wie einen BMW X3 ermöglichen.» An den Wochenenden verbringt Emanuele die Zeit mit dem Vater, die sie wochentags nicht haben. Oder er geht mit einem Kumpel an den Zürichsee.

Unser Spaziergang führt zum Fussballplatz, wo Emanuele als Torwart der A-Junioren trainiert. Die Spiele finden oben in Itschnach statt. Er zeigt zum Hang. «Dort wohne ich, im Ghetto von Küsnacht mit den einfachen Wohnungen.»

Wir setzen uns auf die Tribüne, wohin er sich oft zum Nachdenken zurückzieht. Neonröhren erhellen den Rasen, rundherum ist es finster. Der Fussballverein ist das Einzige, woran Emanuele in Küsnacht hängt. Seit er acht war, spielt er in diesem Klub. Auf dem Spielfeld beherrschen ihn seine Gedanken nicht so, wie wenn er nachts daheim wach liegt. «Im Match traue ich mich, ‹chömed Jungs› zu rufen. Ich weiss zehn Spieler hinter mir, selbst wenn wir keine engen Freunde sind.» Verlässt er das Feld, holt ihn die Einsamkeit ein. «Weil mir in Küsnacht niemand so nah ist, dass ich mich ihm anvertrauen würde.»

Bei unserem letzten Treffen Ende November sitzen wir am See, Wellen brechen sich am Ufer. Emanueles Hände stecken in den Hosentaschen. Auf meine Frage, wie er seine Zukunft sieht, antwortet er: «Ich muss mein Selbstvertrauen ausprägen. Schaffe ich das, kommt alles gut: Kumpels, Freundin, Beruf.»

Ich war nicht zwischen zwei Heimaten hin- und hergerissen, nicht in ständiger Sehnsucht nach der anderen.

Warum erfuhr ich vor zwanzig Jahren nicht dieselbe Art von Ausgrenzung? Durch die Gespräche erinnere ich mich: Im Appenzellerland wuchs ich in einer Welt mit Landsgemeinde, Viehschau und Silvesterchläusen auf. Zu Hause sprachen wir Türkisch, besuchten jedes Jahr die Verwandten in Istanbul. Aber ich war nicht zwischen zwei Heimaten hin- und hergerissen, nicht in ständiger Sehnsucht nach der anderen. Ich lebte in beiden. In der Klasse gab es zwei, drei Kinder mit Migrationsgeschichte. Gehänselt wurde ich gelegentlich wegen meines Namens. So wie andere wegen ihrer Segelohren oder des Stallgeruchs an der Kleidung.

Zur Autorin

Tugba Ayaz, 1986 in St. Gallen geboren, ist im Appenzellerland aufgewachsen. Ihre Eltern kamen 1980 als Fachkräfte der Textilbranche aus Istanbul in die Schweiz zum Arbeiten. Seit 2016 schreibt sie als freie Reporterin. Für diesen Bericht über Jugendliche mit Migrationshintergrund hat sie mehrere Monate recherchiert. «Es war schwierig, an die Jugendlichen heranzukommen,» sagt sie. «Meine Migrationsgeschichte hat als Türöffner ein bisschen geholfen, etwa ‹Ich habe das so erlebt, wie wars bei dir?› Doch bei manchen brauchte es lange Gespräche, bis sie wenig von ihrer Gefühlswelt preisgaben. Diese Recherche hat meine Geduld erprobt und mich gelehrt, den leisen Tönen zu lauschen.»

Hadern mit der Zugehörigkeit, sich nicht als Teil der «Mehrheitsgesellschaft» – ein Begriff, den ich mir anlesen musste – fühlen: Das erfuhr ich eher in Städten, in Kreisen, in denen ich es nicht erwartete. In meinem ersten Studienjahr lobte mich eine Dozentin dafür, dass ich es als Migrantenkind bis zum Studium geschafft hatte – und das in einer Fremdsprache! Von Leuten, die sich als «kulturinteressiert» oder «linksautonom» bezeichneten, bekam ich Dinge zu hören wie: Was für ein lustiger Name! – Du bist bestimmt eine gute Gastgeberin! – Du sprichst ja Deutsch wie eine Schweizerin. – Woher kommst du ursprünglich?

«lüüt denked, do isch gförlich. für mich isch gar nöd ghetto da. isch friedlich.»

Kreshmeh

Kreshmeh aus Dietikon lebt in einer Welt, in der niemand eine solche Frage stellt. Doch auch ihre Schweiz besteht aus Ausländern und Schweizern: «schwiizer werded in DC abegmacht. usländer nöd. ich kenn ussert Géraldine kei schwiizerin. ich verstah, wie sie bim mobbing reagiert het.»

Kreshmeh sehe ich Anfang September wieder. Sie ist nun in der zweijährigen Ausbildung zur Assistentin Gesundheit und Soziales in einem Alterszentrum. Wir setzen uns auf den Pausenplatz ihrer ehemaligen Primarschule. «vermisse DC», schnaubt sie. Sie ist ins ländliche Remetschwil im Kanton Aargau gezogen, gut zwanzig Minuten entfernt.

«Was vermisst du an DC?» «lüüt denked, do isch gförlich. für mich isch gar nöd ghetto da. isch friedlich. ich bin nöd gegä anderi ort. ich han au kolleginne us spreiti.» «Auch Kumpels?» «nei. mit dietiker type hanis guet, aber usgah tuen ich nöd mit ihne. sie wönds au nöd wegä mim brüeder.» «Du hast drei jüngere Brüder. Wie ist dein Verhältnis zu ihnen?» «sie sinds wichtigste i mis lebä. er wo 15 isch, isch wie beschte kolleg. han ich mal äs fründ gha, ich hans mine eltere nöd verzellt. ich bi direkt zu ihm gange. het er gseit, er akzeptierts.» «Hat er?» «nei, het ihm wölle schlo. eimol isch fründ DC cho. mir sind am laufe, hinder üs plötzlich alli dietiker type. min brüeder usgrastet. han ich ihm ufghalte. er het gseh, wie angst ich han, hetter ihm nüt gmacht.»

«Und dein Freund?» «er verstohts, het er gseit. er würd bi sinere schwöster au so reagiere.» «Warst du wütend auf deinen Bruder?» «verstohn ihm. würd ich a sinere stell sii, mini schwöster mit eme typ hängt, würd ich säge, tüend abstand halte, aber nöd grad ihm schlo. paarmal übertriebt ers.» «Ist das Teil der Kultur?» «ja, eusi kultur denked si, me muss uf meitlis ufpasse. mini brüeder schützt au mini kolleginne. wenn sie än typ stresst. er würd direkt ihne angscht mache.»

«Findest du Gewalt gut?» «gar nöd. wenn ich gsehn, dass öppert am fighte isch, bechum ich panik.» «Hast du deinen Bruder jemals prügeln sehen?» «ja, bini dezwüsched, ihm wegzoge. het au schlimmi sache ge, da ich nöd debi gsi bin. spreiti hend mini brüeder und sini Kollege agführt.» «Hatte dein Bruder das Messer im Bein?» «nei, sin kolleg. han erfahre, wos fertig gsi isch.»

Auf dem Heimweg lerne ich ihren fünfzehnjährigen Bruder kennen, am Bahnhof, wo man ihn abends antrifft. Er sitzt auf einem Mountainbike, drei Typen stehen um ihn. Kahl, gross, schlaksig. Kreshmeh ist zurückhaltender als sonst, stellt mich als Freundin vor. Er reicht mir die Hand, die, kaum dass ich sie ergreife, wieder weg ist. Man erreicht ihn nicht mit Höflichkeiten, nicht mit Blicken. Einer, den man besser nicht zu lange anschaut. Und dem man schon gar keine Fragen stellt.

Sprechen werde ich nie mit ihm. Erst hält mich Kreshmeh hin, später sagt sie, er will nicht reden. Auch nicht ein Mal. Auch nicht kurz.

«Usländer sötted schätze da zu bliibe. schwiiz isch sehr guet zu eus.»

Kreshmeh

Die Schweiz ist für Kreshmeh Heimat. Sie versteht, dass sich die SVP um die Sicherheit im Land sorgt. Viele würden die Partei missverstehen. Sie ist aus ihrer Sicht nicht gegen Ausländer, sondern gegen Kriminelle. «usländer sötted schätze da zu bliibe. schwiiz isch sehr guet zu eus.»

Kreshmeh mag kein afghanisches Essen. Ihr Farsi reicht für Alltagsgespräche. In Afghanistan war sie nie, in ihrem Geburtsland Iran zuletzt mit vier. Sie würde nicht mehr als ein paar Tage in diesen Ländern verbringen wollen: «viel andersch döt. weiss nöd, wie ich döte sii sött. mir gfallt nöd, wie sie mit fraue umgönd.» Dennoch lebt sie bestimmte Werte. So will sie erst von zu Hause ausziehen, wenn sie heiratet. Gehorcht ihrem Bruder. Fastet.

Als Kind lernte Kreshmeh, den Koran zu lesen. Im Schulalltag verloren sich die Rituale, auch die Besuche in der türkischen Moschee in Dietikon. Kreshmeh hätte gern Kopftuch getragen, obwohl ihre Mutter keines trägt. Doch sie fürchtete, angestarrt zu werden, Kommentare zu hören wie ihre Tante in der S-Bahn: «bestimmt vom Mann reingezwungen worden».

«denked viel in dä schwiiz, islam isch, fraue unterdrücke», sagt Kreshmeh bei einem späteren Treffen. «islam het nüt mit männer oder fraue zum tue.» Muslimin zu sein, sagt Kreshmeh, ist Wärme, Liebe, Nähe zu Allah, nicht Gebote zu befolgen. Sie betet nicht täglich, musste letztes Jahr das Fasten wegen der Hitze unterbrechen. Als Muslimin fühlt sie sich dennoch.

Nach unserem Treffen Anfang September kommt sieben Wochen kein weiteres mehr zustande. Kreshmeh ist wochentags oft nicht vor zwanzig Uhr zu Hause. Oder muss für ihre Brüder sorgen, das vorgekochte Essen aufwärmen. Die Eltern arbeiten im Schichtbetrieb in einer Fabrik. Inzwischen haben beide gekündigt, nach zehn Jahren. Die Mutter wegen Krankheit. Der Vater, weil die Nachtschichten an ihm zehrten. Jetzt arbeitet er in einer anderen Fabrik von vier Uhr früh bis zwei Uhr nachmittags.

An den Wochenenden möchte ich Kreshmeh begleiten, wenn sie unterwegs ist. Sie vertröstet mich. Später sagt sie, die Freundinnen wollen keine «ziitigslüüt» mitnehmen.

Ende Oktober treffen wir uns bei Nieselregen auf eine heisse Ovi in Zürich, nachdem sie um halb sechs mit der Berufsschule fertig ist. Sie klagt, wie schlecht sie ihre Leistungen einschätzen könne. Ein Lehrer habe nicht verstanden, dass sie mit ihren guten Noten um Stützkurs bat. «ich fühl mich eifach unsicher. villicht es isch darüber: won ich in schwiiz cho bin, bin ich schlecht gsi in schuel, han nüt verstande.» Ihre Berufsbildnerin sagte, Kreshmeh kann direkt in die Dreijährige zur Fachfrau Gesundheit (FAGE) wechseln. Sie will nicht, fürchtet durchzufallen.

An diesem Abend spricht sie lang von ihrem Ziel: die zweijährige Lehre sehr gut abschliessen, später die FAGE. «die zwei ischs wichtigste i mis lebä.» «Warum?» «mal ufem heiweg han ich än älteri person gseh, wo mitem velo abkeit, han ich sie gholfe. sie isch dankbar gsii, es het mir än schönes gefühl ge. eimol isch gsi anderi älteri person, wo het nöd chöne gseh, uf dä gleis am laufe gsi, won ich sie gholfe han, het es mir wieder än schöns gefühl ge.»

Kreshmeh antwortet höflich auf Fragen, hält aber ihr Inneres von mir fern. Ebenso zwei Wochen später, als wir uns wieder nach der Berufsschule treffen. Hake ich nach, weicht sie aus. «Verzweifelst du nie?» «das hends bim schaffe au gfröget. jedi het schlechti, gueti täg, bi mir isch immer glich. weiss nöd, bin nie truurig. wenn ich gseh, öpper poschtet truurige sprüche, gangi weg.» «Warum?» «versuech positiv zum gseh. truurigi lieder lose und truurigi sprüch lesä, weiss nöd, woane es mich bringe söll. bi mir laufts alles guet.» Sie will nach Hause. Ich geb auf.

Ende Februar werde ich Kreshmeh ein letztes Mal treffen, damit sie ihre Zitate lesen kann. Beim Abschied wird sie feuchte Augen bekommen, mich umarmen und sagen: «es isch än schöni ziit gsii.»

In meiner Ohnmacht werde ich persönlich, schreibe: «Schaad, hets hüt nid klappet, Géraldine».

In den Wochen davor stagniert es auch mit den anderen weiterhin. Emanuele absorbieren die Schule und die Pneu-Saison. Mit Géraldine wiederholen sich die Dinge: Ghosting der Nachrichten, Anruf von mir mit unterdrückter Nummer, Verabredung, kurz vor dem Treffen die Absage. So auch Ende November, als wir uns nach fünf Wochen wiedersehen sollten. In meiner Ohnmacht werde ich persönlich, schreibe: «Schaad, hets hüt nid klappet, Géraldine. Du hesch mir letscht mal gseit, du chasch dich guet i anderi Mensche fühle, wünschti, das würdsch au bi mir mache …»

Zum ersten Mal antwortet sie rasch und ausführlich: «Ja chan ich au aber das hüt isch was wichtiges gsii und ich muess au chli no uf mich luege denn mommentan isch würklich viel los und wenn es sowieter gaht wird min Körper au nümm chöne ich meine bin krank am schaffe lerne jugendrat und dene no ziit für fründe finde es isch viel ich han sogar schlaf entzug und han mängisch nur 4h schlaf und das mehrmals hintereinander also verstah au mich wenn ich das wieterhin so mache wird min Körper nümm lang mit mache. All erwartet immer vo mir aber ich bin au nur en mensch und kein Roboter und mommentan muess ich eif funktioniere obwohl es nöd eif isch.»

Endlich reagiert sie. Über die Opferrolle schaue ich hinweg, antworte: «Danke für dini Ehrlichkeit! Die Infos helfed mir, zum d Situation verstah. Well die letzte 2 mal mich vergessä hesch, han ich denkt, isch wieder so. Das het mich au verunsichert. Natürlich musch dir und dim Körper guet luegä. Dass mitem Erwartigsdruck isch schwierig, chan dich verstah. Me muss lerne, demit umzgah. Ich erwarte nüt vo dir. Will dich verstah.»

Als wir uns zwei Tage später für eine Runde durch DC begrüssen, checkt Géraldine erst ab, wie ich auf sie reagiere. Nach ein bisschen Small Talk breche ich das Eis: «Was war am Dienstag los?» Der Grossmutter geht es nicht gut, was ihre Mutter belastet.

«ich han gfunde, sie söll mit mir darüber redä. ich han au än ziit gha, wo ich öppert bruucht hetti.» «Warum hast du mir das nicht geschrieben?» «redä nöd gern über gfühl. min lehrmeister denkt, ich bin am job nöd interessiert. ich bins voll. ich wirke eifach chalt. chan mini gefühle nöd zeige. au wenn ich verliebt bin, kritisch.»

Später erzählt sie von ihrem neuen Schwarm. Er ist aus Spreitenbach. Sie snappen bis in die Nacht, mittags auch in der Berufsschule, wo sie noch nie in echt redeten. Ein Treffer, sagt sie. Er ist Schweizer. Das finde man nicht oft. «Ist dir das wichtig?» «ich wott mini eidgenossischi art wiiterfüere.» «Bist du patriotisch?» «mir sind wenig lüüt in dä schwiiz. irgendwenn sterbe mir uus, mann. die meischte schwiizer sind arrogant oder hässlich, er isch beides nöd.» «Wie arrogant?» «selbstverliebt. ich chans nöd mit schwiizer. ich han ei besti schwiizer kollegin gha, mir hends nöd guet gha. chume mit usländer besser uus.» «Spricht dein Schwarm wie du?» «er het no viel dä schlimmeri slang als ich. finds nöd schlimm. ehrlich: hend nünzg prozent das jugodüütsch, was nützed die zä Prozent, wo normals düütsch reded.»

Ende Februar, als auch Géraldine ihre Zitate lesen kann, werde ich erfahren, dass er ihr das Herz gebrochen hat: Er will sich nicht für etwas Festes entscheiden. «er het mich sachene fühle la, won ich nie gfühlt han. jetzt isch scheiss schmerz wieder da», wird sie sagen. Géraldine erzählt und erzählt. Von Selbstakzeptanz: Ihre Oberschenkel dürften schmaler, ihr Bauch flacher sein. Seit einem halben Jahr kotzt sie nicht mehr. Jetzt kämpft sie, nicht wieder damit anzufangen. Von der Reue: sich nicht für die Sek B, sogar Sek A, angestrengt zu haben. «ich han so än fuule hund i mir. jedä morge chunt er und seit: wotsch nöd eifach diheime bliibe.» Vom Trinken: Lebe, du kennst deine Grenzen, sagte die Mutter. Sie will nicht mehr abstürzen. «ich hans viel zu früeh gseh.»

Sie erzählt von Gefühlszuständen, die sie sonst nur schriftlich, als Statusmeldungen auf Whatsapp, formulieren kann. «Jeder sieht mein Lächeln, doch keiner sieht meine Tränen.» Sie erzählt von Kreshmeh, die sich mit der Bitch, einer ehemaligen Freundin von Géraldine, verschwistert hat. Die Bitch spannte Géraldine einen Typen aus. «sie weiss, ich wott nüt mit ihre zum tue ha. Kesh seit nöd viel dezue. sie würd än massemörder sogar befründet sii, mann. sie isch eifach zu nett.» Und sie erzählt von Ungerechtigkeit: Bei Polizeikontrollen schickt die Clique immer Géraldine vor – die Schweizerin, die dann kein «Jugodüütsch» spricht. Ihre Freunde steckten Schikanen ein, während «ich denebed nöd dursuecht werd. usländer chömed drunder.»

Diese Jugendlichen sind die Schweiz.

Beim «drunder cho», denke ich später, schwingt ein Grundgefühl mit: auf das Fremdsein reduziert zu werden. Der Gedanke kam mir nach einer Feier bei Freunden. Die Gäste kannten sich nicht alle. Wie so oft in der Schweiz kam bald die Frage nach dem Beruf auf. Irgendwann erzählte ich einem Mann vom Thema dieser Recherche. Er meinte, es müsse spannend sein, eine Minderheit der Schweiz kennen zu lernen. Er gab das Narrativ wieder, das in diesem Land verinnerlicht ist, unabhängig von der politischen Couleur: Usländer und Schwiizer, «sie» und «wir». Dabei sind «sie» – diese Jugendlichen – Teil einer Gesellschaft, in der mehr als 37 Prozent eine Migrationsgeschichte haben, also über einen ausländischen Pass verfügen oder eingebürgerte Schweizerinnen und Schweizer sind. Davon sind dreissig Prozent im Ausland geboren und sieben Prozent in der Schweiz (Secondos).

Diese Jugendlichen sind die Schweiz. Doch ihre Geschichten sind noch immer nicht mit jener der Mehrheitsgesellschaft verwoben. Für beide Seiten besteht die Schweiz nach wie vor aus Usländern und Schwiizern.

Sieben Wochen sind seit dem Gespräch mit Gino vergangen, als meine Fragen zu seiner Herkunft an ihm abprallten. Bei unserem letzten Treffen Ende November ist er offener. Er trägt eine Silberkette über einem schwarzen Rolli, auf dem Anhänger prangt ein arabischer Schriftzug. «Mein schiitischer Familienname», sagt Gino.

«Überfordern dich meine Fragen zu deinem Befinden?» «Ja, kenne das nicht, dass man mich fragt, wies mir geht. Kann schwer über Gefühle sprechen, mache das mit mir selbst aus. Nicht weil ich es unmännlich finde. Ich hasse die Vorstellung, Männer müssten stark sein. Ich habe einfach Angst, Leute mit meinem Kram zu nerven. Ein Mitschüler sagte mal, ich wirke wie ein depressiver Dealer. Ich will aber, dass man denkt: Der ist glücklich!» «Bist du es?» «Vor ein paar Jahren hatte ich meine Wut nicht im Griff. Heute braucht es mehr, bis ich ausraste. Weiss nicht, wo die Grenze zwischen gesunder Wut und Aggression ist. Schlegeln war ich jedenfalls nie. Glück wäre für mich: ein Haus mit Solarpanels, Elektroauto, zwei Kinder, eine Frau.» «Ein typisch schweizerisches Leben, also?» «Ich würde es eher typisch libanesisch nennen.»

* Aus Rücksicht auf die Protagonisten hat die Redaktion keine Nachnamen genannt.

Diese Reportage stammt aus dem Magazin und erscheint am Samstag in gedruckter Fassung.

(Das Magazin)

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