«Gärten sind ein Symbol des Widerstands»

Der erst 29-jährige Agronom Edie Mukiibi ist Vize-Präsident der globalen Slow-Food-Organisation. Ein Gespräch über Nahrungssouveränität, Stereotypen und die Macht von Gärten.

Der Agronom Edie Mukiibi aus Uganda ist Vize-Präsident von Slow Food.

Der Agronom Edie Mukiibi aus Uganda ist Vize-Präsident von Slow Food.

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Herr Mukiibi, Sie sind in Uganda in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Wie kommt man da mit Slow Food in Berührung?
Ich habe mich schon für Food-Themen interessiert, als ich noch ein Schüler war. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass Landwirtschaft für die Lehrer negativ konnotiert war. Wenn man etwas Blödes getan hatte, musste man zur Strafe aufs Feld oder in den Garten. Das tat mir immer sehr weh. Als ich später an die Makerere-Universität in Kampala kam, beschloss ich, etwas dagegen zu tun.

Wie?
Im Projekt «Developing Innovations in School and Community Cultivation» ging es darum, Schüler, aber auch Lehrer dafür zu sensibilisieren, Landwirtschaft nicht als eine Plage, sondern als Teil unserer Esskultur zu verstehen, die auf der Biodiversität beruht. Denn wenn man selber verschiedene Gemüsesorten ziehen kann, ist man souverän. Ich war später auch in ein Projekt involviert, bei dem es darum ging, altes Saatgut wieder zu kultivieren. Ich begann, mich mit traditionellen Farming-Methoden, die nach der Kolonisation vergessen gegangen waren, auseinanderzusetzen.

Was sind das für Methoden?
Man setzt auf mehrere Getreidesorten statt auf Monokulturen, wie das in Afrika oft der Fall ist. Nachdem ich 2008 Slow Food kontaktiert hatte, wurde ich zum Terra Madre Salone del Gusto in Turin eingeladen, wo sich Bauern und Kleinproduzenten aus aller Welt treffen. Mir wurde bewusst, dass sie alle mit ähnlichen Ideen experimentierten wie ich. Es war wie eine Familie, von der ich nichts gewusst hatte.

Inwiefern hat Sie das beeinflusst?
Als ich nach Afrika zurückkehrte, begann ich, mit jungen Bauern ein Netzwerk aufzubauen, wo wir unser Wissen und Saatgut austauschen. Dass ich 2014 gemeinsam mit der bekannten kalifornischen Köchin Alice Waters zum Vize-Präsidenten von Slow Food berufen wurde, ehrt mich sehr. Es zeigt, dass Slow Food in Afrika sehr stark ist.

Wie zeigt sich das?
Slow Food ist in etwa 40 afrikanischen Ländern präsent, vor allem im Osten. Etwa in Kenia, Tansania, in Äthiopien, Somalia, in Togo oder Benin. Nächstes Jahr soll in Kenia erstmals ein Slow-Food-Kongress stattfinden. Wenn ein Kontinent die Philosophie von Slow Food – also gutes, sauberes und faires Essen – braucht, dann ist es Afrika. Der Kontinent steht im Fokus multinationaler, profitorientierter Unternehmen und oft krimineller Politiker. In den vergangenen Jahrzehnten ist sehr viel landwirtschaftliches Wissen und sehr viel Land verloren gegangen. Das müssen wir verteidigen. Deshalb braucht es engagierte, involvierte Kleinbauern.

Das klingt jetzt etwas romantisch. Natürlich ist es falsch, wenn Länder wie Senegal fast ihren gesamten Reis aus Thailand beziehen, weil sie selber keinen Reis mehr produzieren. Aber kann man ganz Afrika tatsächlich mit Minifarmen ernähren?
Sie dürfen die Psychologie des Stolzes nicht unterschätzen: Es geht darum, dass sich die Bauern, die die traditionelle Landwirtschaft pflegen, mit einem wachsenden Netzwerk austauschen und stolz auf ihre Arbeit sind. Slow Food ist eine Graswurzelbewegung: Wir führen keine Befehle aus Italien aus, wo Slow Food gegründet wurde. Die Bevölkerung selbst agiert.

Wie denn genau?
In den Gemeinden werden sogenannte Product Mappings aufgestellt, um zu schauen, welche verlorenen Nahrungsmittel – verschiedene Getreidesorten – wieder angebaut werden könnten. In einem zweiten Schritt kontaktieren wir beispielsweise die Köche in der Gegend, die mit diesen lokalen Lebensmitteln arbeiten. Das wichtigste Projekt in Afrika aber sind die Gärten.

Warum?
Einen Nutzgarten zu errichten, bedeutet lokales und gesundes Essen für die Gemeinschaften zu produzieren, das Wissen der Älteren an die junge Generation weiterzugeben oder ein zusätzliches Einkommen für die lokale Gemeinschaft zu sichern. Derzeit gibt es in Afrika etwa 2600 Gemeinschaftsgärten. Ziel ist es, 10'000 aufzubauen. Mit jedem neuen Garten gibt es mehr Leute, die involviert sind und die bei Nahrungsthemen mit entscheiden. In den Gärten arbeiten die besten Leute. Ich nenne sie Leader. In Afrika gibt es zu wenig Leader, die an die Zukunft denken. Deshalb ist es für ausländische Firmen so einfach einzugreifen. Unser Ziel ist, dass eine junge, stolze Generation heranwächst, die weiss, wie man einen Acker oder einen Garten bepflanzt. Deshalb beginnt in Afrika fast jedes Slow-Food-Projekt mit einem Garten. Gärten sind ein Symbol des Widerstands. Für mich sind sie auch ein positives Zeichen.

Wie meinen Sie das?
Wissen Sie, viele junge Afrikaner nervt es, dass die westlichen Medien immer dieses stereotype Bild unseres Kontinents transportieren. Wir sind der älteste Kontinent der Welt mit den meisten jungen Menschen, und ein grosser Teil davon führt ein zufriedenes Leben. Die Philosophie von Slow Food hilft, das positive Bild zu verstärken; dass wir unsere eigene Kraft haben sozusagen. Wir brauchen keine chinesischen Importe. Wenn die junge Generation das am Beispiel der Gärten mitbekommt, ist das doch eine gute Sache.

Erstellt: 11.11.2016, 11:29 Uhr

Slow Food Market in Zürich

Vom 18. bis 20. November findet in der Messe Zürich der Slow Food Market statt mit regionalen Spezialitäten aus der Schweiz. www.slowfoodmarket.ch

Die Geschichte von Slow Food

Slow Food ist eine Organisation und eine Bewegung, die 1989 vom italienischen Journalisten Carlo Petrini gegründet wurde. Slow Food (engl. für langsames Essen) setzt sich für den Erhalt regionaler Küche, ökologischer und traditionsbewusster Produktion ein.

Zur Organisation, die eine relativ komplizierte Struktur hat, gehören unter anderem die Convivien; das sind die Gruppen, in denen die Mitglieder in mittlerweile über 150 Ländern, darunter auch in der Schweiz, organisiert sind.

Terra Madre Salone del Gusto wiederum heisst das Zusammenkommen von Nahrungsmittelproduzenten in Turin, das alle zwei Jahre stattfindet. Seit die lokale, regionale Küche im Aufwind ist, ist Slow Food auch der breiten Masse ein Begriff.

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