Gebt Kindern die Chance, vom Baum zu fallen!

Eltern, die sich zu sehr sorgen, behindern ihr Kind. Diese zwei Strategien führen zu mehr Gelassenheit.

Kinder sollten etwas wagen dürfen: Auf Bäume zu klettern stärkt ihr Selbstvertrauen. Foto: iStock

Kinder sollten etwas wagen dürfen: Auf Bäume zu klettern stärkt ihr Selbstvertrauen. Foto: iStock

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Was machen sie gerade? Geht es ihnen gut? Diese zwei Fragen lassen Jana keine Ruhe. Nicht auf der Arbeit. Nicht beim Yoga. Nicht im Supermarkt. Immerzu hat die junge Mutter Angst um ihre vierjährigen Zwillinge. Selbst wenn sie die Kleinen bei sich hat, beschleicht sie Unruhe. Macht sie als Mama alles richtig?

Wie Jana ergeht es vielen Eltern: Sie leben in ständiger Angst um ihren Nachwuchs.

Doch Angst ist ein schlechter Erziehungsberater. Sie sorgt dafür, dass Mütter und Väter hauptsächlich die eigenen Schwächen und Fehler vor Augen haben – eben aus Angst, etwas falsch zu machen. Die Eltern leiden und neigen dann dazu, die Kinder übermässig zu behüten.

Woher kommt die Sorge überhaupt? Das ist die Schlüsselfrage. Wer innehält und die Angst hinterfragt, kann seine Situation erheblich erleichtern.

«Die allermeisten Mütter und Väter sind meiner Erfahrung nach gute Eltern.»Barbara Wüthrich, Elternberaterin

Fachleute, die täglich mit besorgten Eltern zu tun haben, ahnen, was sich oftmals hinter der Furcht verbirgt: übertriebene Ansprüche der heutigen Gesellschaft. «Wir suggerieren Eltern, sie sollen die besseren Menschen sein», sagt Barbara Wüthrich, 43, Elternberaterin bei der Stiftung Pro Juventute.

Die Liste von Geboten und Verboten für Eltern wird von Jahr zu Jahr länger. Die zum Teil harsche Kritik an Eltern in Internetforen, auf Elternblogs und in den Medien tut ein Übriges. «Das alles setzt unter Druck und schafft Ängste», so die Elternberaterin.

Eltern, die für sich feststellen, dass ihre Unruhe auf den Druck von aussen zurückgeht, können im Grunde aufatmen. «Denn die allermeisten Mütter und Väter sind meiner Erfahrung nach gute Eltern», sagt Barbara Wüthrich, die seit fünf Jahren in der Elternberatung arbeitet.

Die Fachfrau lädt Eltern dazu ein, mehr Vertrauen in die eigenen Stärken zu fassen. «Beispielsweise indem sie sich immer wieder vergegenwärtigen, was sie als Familie bereits alles bewältigt haben – und ihren Fokus auf das lenken, was gut läuft», sagt die Elternberaterin.

Manchen Eltern wird mulmig, weil sie nicht wissen, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten sollen. Barbara Wüthrich nennt ein Beispiel aus ihrer Arbeit. Die Eltern eines Dreijährigen liessen den Kleinen bei sich im Bett einschlafen. Anschliessend trugen sie ihn zurück in sein Zimmer. Allerdings fing der Sohn dort an zu weinen – und schrie so lange, bis Mama und Papa ihn doch wieder zu sich holten.

«In der Beratung konnte ich herausfinden, was genau die Angst war, die zu diesem inkonsequenten Verhalten führte», berichtet Barbara Wüthrich. «Einerseits fürchteten die Eltern, es könnte dem Kind schaden, allein zu sein – andererseits glaubten sie, es könnte ihm schaden, wenn es nicht lernt, alleine zu sein.» Hier rührte die Sorge aus einem Widerspruch der Informationen, die Eltern bekommen.

Barbara Wüthrich hat mit den Eltern eine Lösung erarbeitet, die auch für andere ängstliche Mamas und Papas wertvoll sein kann: Sie sollten auf ihre eigenen Bedürfnisse hören. «Dies war in diesem Fall, dass das Kind momentan noch bei den Eltern schlafen durfte, weil es beide Elternteile als stimmig empfanden», erklärt Barbara Wüthrich. Allerdings würden die Eltern ab dem Zeitpunkt, ab dem eines der Elternteile das Gefühl hatte, es sei nicht länger angebracht, die Situation ändern.

Der Nachwuchs muss lernen, mit anderen Menschen als nur den eigenen Eltern zurechtzukommen.

Sie würden dem Kleinen dann Schritt für Schritt beibringen, in seinem eigenen Bett zu schlafen. Das würde zwar für das Kind erst einmal unschön werden. Aber es würde langfristig die wenigsten Spannungen in der Familienkonstellation erzeugen. Und der Sohn würde sowohl Nähe erleben als auch die wichtige Erfahrung des Alleinseins machen.

Manche Eltern empfinden weniger den Druck von aussen oder die Angst, etwas falsch zu machen. Sie beschleicht ein ungutes Gefühl aus einem anderen Grund: dass sie womöglich nicht zur Stelle sind, falls ihrem Kind etwas zustösst. In diesem Fall gilt es, sich trotz innerer Unruhe zurückzuhalten.


Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn die Kinder in Watte gepackt werden? Sendung über die Tendenz, Kinder überzubehüten. Video: Youtube


Ist das Kleine mit Freunden der Familie unterwegs? Dann sollten Mama und Papa nicht immerzu anrufen und nachfragen, ob alles in Ordnung sei. «Es ist sehr wichtig, eine Balance zu finden zwischen ‹Schutz bieten› und ‹Autonomie ermöglichen›», sagt Barbara Wüthrich. Der Nachwuchs muss lernen, mit anderen Menschen als nur den eigenen Eltern zurechtzukommen – das ist ein wichtiger Schritt zur Selbständigkeit.

«Der beste Schutz vor dem Herunterfallen ist es, die Kinder möglichst viel klettern zu lassen.»Barbara Wüthrich, Elternberaterin

Eltern, die in dieser Situation eingreifen, weil sie etwas Schlimmes befürchten, verhalten sich überbehütend. «Von überbehütend kann man aus meiner Sicht sprechen, wenn bei Eltern das Schutzbedürfnis so stark überwiegt, dass sie die Autonomiebestrebungen ihrer Kinder einschränken», sagt die Fachfrau. Wenn Mütter und Väter sehr stark unter Ängsten leiden, sobald sie das Kind bei Vertrauenspersonen lassen, sollten sie bei Ansprechpartnern wie Pro Juventute Rat suchen.

Einige Eltern fürchten so sehr um das Wohl ihres Kindes, dass sie ihm alltägliche Aktivitäten verbieten. Beispielsweise darf das Kleine nicht auf die alte, schöne Eiche im Garten klettern. «Dabei ist der beste Schutz vor dem Herunterfallen, die Kinder möglichst viel klettern zu lassen», sagt Barbara Wüthrich und zitiert damit den Schweizer Kinderarzt und Autor Remo Largo. Denn so erprobt und festigt das Kind seine Fähigkeiten und fasst Vertrauen in die eigenen Stärken. Deshalb gilt es, potenziell knifflige Situationen nicht zu verbieten und zu meiden. Sondern das Kind zu einem mutigen, aber besonnenen Umgang mit Herausforderungen einzuladen.

Und verstaucht sich das Kleine beim Klettern mal den Knöchel, ist es halb so wild. Die Eltern sollten möglichst ruhig bleiben. So zeigen sie dem Kind: Es ist völlig normal, dass nicht immer alles gelingt – manchmal kann es auch ein wenig wehtun, aber das geht wieder vorbei. So helfen die Eltern ihrem Kind dabei, kleine und grosse Missgeschicke zu meistern. Und es kann gestärkt aus der Situation hervorgehen.

Mamas und Papas, die ständig Angst empfinden, helfen sich selbst und ihren Kleinen, wenn sie ihrer Furcht nicht blind folgen. Stattdessen ist die Angst eine Einladung: die Situation ruhig zu hinterfragen – und sie für sich und den Nachwuchs sinnvoller und schöner zu gestalten.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 11.10.2018, 19:28 Uhr

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