Gegen die Hochhaus-Pärklein-Manie

Wohntürme sorgen für Dichte. Aber sie halten die Menschen auf Distanz. Für eine Stadt der Begegnungen braucht es Blockrandbauten.

In «Abstandsgrünzonen» will sich niemand aufhalten: Neubausiedlung in Russland. Foto: Tass, Getty Images

In «Abstandsgrünzonen» will sich niemand aufhalten: Neubausiedlung in Russland. Foto: Tass, Getty Images

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Dichte, grosse Städte sind ökologisch besser als Streusiedlungen. Der individuelle Flächenverbrauch ist geringer, der Infrastrukturaufwand kleiner, der öffentliche Verkehr effizienter, die Wege sind kürzer. Kompakte Gebäude verbrauchen weniger Heizenergie. Dank der Nähe öffentlicher und privater Nutzungen und Dienstleistungen können Wohnungen kleiner sein.

Dichte ist prinzipiell gut, doch macht sie allein noch keine lebenswerte Stadt. Die Frage ist, wozu und mit wem da verdichtet wird. Wenn aber die grosse Stadt keine Lebensqualität bietet, dann werden die Leute wieder in die Agglomerationen ziehen. Entscheidend ist der soziale Inhalt, nicht die räumliche Struktur. Wir wollen dichtere Städte, um besser kooperieren zu können, um mehr «miteinander zu machen». Es geht nicht einfach um die Versorgung mit Wohnungen, sondern um eine neue Lebensweise, die den Herausforderungen unserer Zeit entspricht.

Was wir in letzter Zeit jedoch beobachten, ist, dass die Verdichtung rein formell verstanden und realisiert wird. In einer ganzen Reihe von Projekten gibt die Stadt Zürich Siedlungsstrukturen vor, die rein kompensatorisch verdichten. Wenn es in einem Quartier viele Gebäude mit niedriger Ausnutzung gibt, dann stellt man einfach ein Hochhaus hin – und schon liegt die durchschnittliche Ausnutzung etwa bei zwei, was an sich gut ist. Wir sehen das am Masterplan an der Thurgauerstrasse, auf dem Koch-Areal, auf dem Hardturmareal. Um das Hochhaus herum sieht man einen Grünraum vor, der keine urbanen Qualitäten schafft, sondern sie sogar verhindert. Was Stadt ausmacht, sind Gassen, kleine Plätze, viel Fussgängerverkehr, zugängliche Nutzungen, die sich synergetisch unterstützen, Kommunikation, Menschen, Action alle zehn Meter.

Zürich böte Platz für 600'000 Leute

Rein architektonisch kann man in Hochhäusern beliebig viele Menschen unterbringen, oder besser: versorgen. Die Linke ist immer noch dem alten Paradigma der Wohnungsnot verfallen. Doch objektiv gibt es schon lange keine Wohnungsnot mehr: Der Flächenverbrauch hat sich seit den Sechzigerjahren verdoppelt. Im heutigen Zürich liessen sich mit dem damaligen Wohnflächenbedarf leicht 600'000 Menschen unterbringen. Nötig wäre lediglich eine effiziente Wohnungstauschplattform.

Statt rein defensiver Strategien für bezahlbaren Wohnraum brauchen wir eine offensive Haltung: Mobilisierung für die neue Commons-Stadt. Dafür eigenen sich Blockrandbebauungen am besten, Hochhäuser am schlechtesten.

Hochhäuser – genau wie die Reihenhaussiedlungen der Gartenstadt – sind linear und seriell. Sie reihen Menschen auf, statt sie zusammenzubringen. Die Wege zu gemeinsam nutzbaren Infrastrukturen (Mikrozentren) werden zu lang, das gilt auch für Lifte. Die entscheidenden Dinge geschehen am Boden, an einem zentralen Ort. Kommunikation ist horizontal, wir haben oben und unten weder Augen noch Ohren. Die Bewohner des zwölften Geschosses sind keine Nachbarn des sechsten, das Zusammentreffen muss künstlich geschaffen werden. Dazu kommt die Ausdünnung des Raumes rundherum: Kompensatorische Dichte trifft auf kompensatorisches Grün. Das funktioniert nicht.

Ökologisch leben wir um einen Faktor fünf über unseren Verhältnissen.

Sozial passiert nichts, die Pärklein (oder noch schlimmer: Abstandsgrünzonen) bleiben öd und leer. Bäume sind zwar auch schön, aber man kann nicht mit ihnen reden. Zu einer Nachbarschaft kann man dazugehören, zu einem Pärklein nicht. Machen wir also intensive Strassenräume und versorgen wir das Grün in den grossen Innenhöfen, wo es keinen Schaden anrichten kann.

Ökologisch leben wir um einen Faktor fünf über unseren Verhältnissen, ökonomisch sind wir in einer Blase gefangen, die bald platzen muss, und psychosozial führen wir ein unpassendes Leben. Unser Bedürfnis, zu etwas dazugehören, in einer Gemeinschaft mitbestimmend zu leben, Selbstwirksamkeit und Selbstverwirklichung zu erfahren, wird immer weniger erfüllt. Wie man so sagt: Die «Gesellschaft» zerfällt. Stattdessen kommen autoritäre Regimes an die Macht. «Wir» sind am Verschwinden. «Sie» übernehmen.

Die gesellschaftliche Regeneration beginnt dort, wo wir leben, in unseren Nachbarschaften und Quartieren. Wenn wir sie nicht so gestalten, dass alle dazugehören und mitmachen können, dann werden politische Konstrukte und Regulierungen mangels Bodenhaftung immer wieder zerfallen.

Hans Widmer – Pseudonym P. M. – ist Städtefan und Autor. Mit seinen Büchern hat er die Zürcher Genossenschaftsbewegung geprägt.

Erstellt: 07.01.2018, 19:30 Uhr

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