«Gehst du schon ins Bett?»

Der eine fragt das Abend für Abend, die andere ist genervt davon. Dabei will er doch nur Zeit mit ihr verbringen. Über ein Beziehungsdilemma – und einen möglichen Ausweg.

Die Furcht, dass aus 167 Minuten noch mehr werden: Frauen mit Mitte 30 erledigen mehr als doppelt so viel unbezahlte Arbeit wie Männer.

Die Furcht, dass aus 167 Minuten noch mehr werden: Frauen mit Mitte 30 erledigen mehr als doppelt so viel unbezahlte Arbeit wie Männer. Bild: iStock/Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Da stehen sie schon, der kleine Zeiger auf der Elf, der grosse kurz davor. Meine Güte, denkt einer von uns, gleich ist der Montag da, und ich bin noch wach! Über die Urlaubsplanung müssen wir wirklich wann anders reden. Schnell ins Bett, Pause machen, bevor es gleich wieder weitergeht.

Alles für heute erledigt, denkt der andere, Zeit, den Sonntag noch ein bisschen zu geniessen. Jetzt können wir uns endlich ein Glas Wein einschenken, endlich den Urlaub planen, dann noch eine Folge «Sherlock» gucken, und wer weiss, vielleicht kommt ja sogar ein bisschen Nacktzeit dabei herum.

Gleich schlägt sie wieder, die Stunde der Enttäuschung: «Uff, ist ja schon elf. Also, ich leg mich mal hin.» – «Ach so, gehst du schon ins Bett?»

Der ultimative Freiheitsbeweis

Die Geburt von Kindern erzeugt alle möglichen Paradigmenwechsel in einem Beziehungsleben. In meinem und dem fast aller Elternpaare, die ich kenne, hat sie vor allem aber zwei Liebende in ein ziemlich müdes und ein unsagbar dauermüdes Lager geteilt. Nicht genug, dass Mutterschaft Frauen körperlich und in Sachen Chancen- und Einkommensgleichheit Nachteile bringt. Sie versaut einem auch über viele Jahre das Spätwachbleiben.

Nach Mitternacht ins Bett zu gehen – das, was man schon in der Kindheit als den ultimativen Freiheitsbeweis erkennt – macht keinen Spass mit kleinen Kindern. Erst ist da diese ungekannte Erschöpfung, die einen mit dem Stillen und der Nachtversorgung überfällt.

Gemeinerweise ändert es sich nicht einfach, wenn die Kinder durchschlafen. Früher habe ich mich vielleicht fünfmal im Jahr vor Mitternacht hingelegt. Heute habe ich das Gefühl, pro Kind mindestens ein Jahr Schlafdefizit angehäuft zu haben. Bei der geringen Ruherendite, die das Leben in der Vereinbarkeitsfalle abwirft, wird es mindestens eine französische Legislaturperiode dauern, bis ich das wieder reingeschlafen habe. Ich kenne kaum Väter, denen es ähnlich geht.

Warum so viel müder? Es gibt ja wissenschaftliche Studien zu dem Thema: Männer brauchen weniger Schlaf, jedenfalls scheinen sie oft weniger Wert auf ihn zu legen. Wer weiss, vielleicht liegt es an den Hormonen. Vielleicht aber auch daran, dass sie sich, wenn sie wach sind, auch etwas mehr ausruhen.

Der aktuelle Gleichstellungsbericht der Bundesregierung zeigt, dass Frauen mit Mitte 30 mehr als doppelt so viel unbezahlte Arbeit erledigen wie Männer. 167 Minuten am Tag mehr! Man muss das Bedürfnis, «schon» ins Bett zu gehen, also in gewisser Weise auch als Flucht begreifen: Wer weiss – wenn man sich nicht unter die Decke verkriecht, könnten es sonst womöglich schnell 267 Minuten werden.

Warum diese Frage so nervt

Natürlich ist die Frage «Gehst du schon ins Bett?», die meistens ganz entspannt vom Sofa kommt, nett gemeint. Ich habe einen gefragt, der es wissen muss, und er erklärte, die Frage bedeute eigentlich: «Wollen wir nicht noch ein bisschen Zeit miteinander verbringen? Müssen wir unser gesamtes gemeinsames Leben so vernünftig und langweilig gestalten, wie uns suggeriert wurde, dass es für Eltern werden müsse?»

Trotzdem nervt diese Frage, und sie nervt insbesondere in Phasen, in denen man das Gefühl hat, für fast alle Minuten des Tages irgendwem – Chef, Zeitplan, Kinderbetreuer – Rechenschaft ablegen zu müssen. (Diese Phase ist dann eben auch die, in der die Müdigkeit besonders gross ist.)

Bei allem, was das Leben als gebun­dene Frau und Mutter für mich bereithält, habe ich am wenigsten damit gerechnet, dass die Frage, ob und wann ich müde bin, wieder zu einem Thema werden würde. In den ersten 20 Jahren erklären einem liebe Leute zu Hause ja andauernd, wann man ins Bett gehen soll.

Die Lebensphase des unkommentierten Schlafs ist erstaunlich kurz

Dann kommt ein Fitzelchen Lebensphase, in der ein Mensch pennen und nickern und dösen kann, wie er will: Ich erinnere mich noch wohlig an Sonntage vor nicht mal zehn Jahren, an denen ich morgens um sieben die Rollläden meines WG-Zimmer-Fensters herunterliess. Mittags erwachte ich kurz von der Stimme meiner Mitbewohnerin, die mich am Telefon mit «Ah, die ist gerade beim Sport» verleugnete, und schlummerte dann noch mal gemütlich bis 15 Uhr vor mich hin, keine weiteren Fragen.

Unkommentierte Schlafenszeiten gehören, das habe ich mittlerweile verstanden, zu jenen zeitlich begrenzten Privilegien, von denen man erst merkt, dass man sie hatte, wenn sie weg sind (verwandt mit der Möglichkeit, sich zum Abendessen Müsli vor dem Fernseher zu machen oder die Küche drei Tage lang nicht aufzuräumen). Zum Beispiel weil man mit seiner grossen Liebe zusammengezogen ist und über alles geliebte Kinder gezeugt hat.

Zack, schon wollen wieder alle um einen he­rum wissen, wann man endlich aufsteht oder ob man sich denn wirklich schon hinlegen will. Und das tun sie nur aus lauter Liebe. Weil sie so gern gemeinsam wach sein wollen.

Was soll man also auf diese kleine nett gemeinte Frage antworten? «Ja, ich gehe SCHON ins Bett. Ich habe nämlich SCHON acht Stunden Erwerbstätigkeit geleistet, SCHON gekocht und die Wäsche gefaltet, SCHON neue Gummi­stiefel für die Kinder bestellt, SCHON die Bauchmuskelübungen gemacht, die erst nötig wurden, nachdem unsere Babys meine Bauchdecke auf Zwei-Mann-Zelt-Dimensionen aus­ge­dehnt hatten.» Das wäre eine Möglichkeit. Das wäre die Wahrheit.

Es gibt aber eine bessere Lösung, für die man natürlich in der Stimmung sein muss: «Ja, ich gehe SCHON ins Bett. Aber wenn du sehr freundlich zu mir bist, könnte ich vielleicht auch noch eine halbe Stunde wach bleiben.» Glauben Sie mir, es kann sich lohnen.

Erstellt: 06.09.2017, 13:56 Uhr

Artikel zum Thema

Was Schlaf mit Beziehungsglück zu tun hat

Mamablog Ob Eltern einzeln oder im Doppelbett schlafen, ist völlig egal. Was es braucht, um die Kleinkindphase zu überstehen. Zum Blog

«Nackt schlafen ist gesund» – 5 Mythen über den Schlaf

Jeder Mensch schläft gerne gut. Doch kursieren viele Legenden um den guten, gesunden Schlaf. Was ist dran? Mehr...

«Mangelnder Schlaf gilt immer noch als Kavaliersdelikt»

Interview Der Biologe Christian Cajochen über den Preis der Erreichbarkeit und die Schädlichkeit des frühen Schulbeginns. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Gross-Demo: Mit Schutzmaske und Schwimmbrille schützt sich ein Demonstrant vor einem Tränengas-Angriff der Polizei in Hong Kong am Sonntagabend. (21. Juli 2019)
(Bild: Getty Images / Ivan Abreu) Mehr...