Genug ist genug!

Die Zeit zum Handeln ist endlich gekommen: Überall auf der Welt demonstrieren Frauen gegen Sexismus und für ihre Rechte.

In Polen gingen Hunderttausende Frauen gegen ein geplantes Abtreibungsverbot auf die Strasse – und zwangen die Regierung zum Einlenken (3. Oktober 2016). Foto: Andrzej Grygiel (EPA, Keystone)

In Polen gingen Hunderttausende Frauen gegen ein geplantes Abtreibungsverbot auf die Strasse – und zwangen die Regierung zum Einlenken (3. Oktober 2016). Foto: Andrzej Grygiel (EPA, Keystone)

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Er habe langsam genug über dieses Thema gelesen, sagte der Redaktor an der Mittagskonferenz: «Sexismus, Aufschrei, Frauenrechte – gibt es nichts Wichtigeres?» Ich verstehe den Einwand. Wer will schon weitere Befindlichkeitsanalysen von Frauen lesen, denen Komplimente in den falschen Hals geraten? Aber man möge verzeihen: Wie wichtig das Thema ist, zeigte sich diese Woche wieder besonders deutlich. Und zwar auf eine Weise, die Hoffnung macht.

Statt über das Befinden zu reden, schauen wir uns also an, was Frauen weltweit tun: In Polen gingen Anfang Oktober Hunderttausende auf die Strasse, nachdem ultrakonservative Kreise die Abtreibung verbieten wollten. Und sie demonstrierten so lange, bis das Verbot vom Tisch war.

Diese Woche legten die Isländerinnen ihre Arbeit bereits am Nachmittag nieder. Denn selbst im aufgeklärten Island verdienen die Frauen 14 bis 18 Prozent weniger und haben genug davon.

19 Opfer in 18 Tagen

In Buenos Aires legten die Frauen ihre Arbeit ebenfalls nieder, nachdem vergangene Woche eine 16-Jährige von einer Gruppe Männer vergewaltigt und getötet wurde. In Argentinien ist die Gewalt gegen Frauen ein epidemisches Problem – in den ersten 18 Oktobertagen fielen ihr 19 Frauen und Mädchen zum Opfer.

Dagegen gingen die Frauen auf die Strasse. Nicht um ihre «Privilegien weiter auszubauen», wie antifeministische Kreise gern monieren, sondern weil sie wütend sind. Weil sie genug haben. Genug davon, dass konservative Männer darüber bestimmen, was sie mit ihrem Körper anzufangen haben und was nicht. Genug davon, als Objekte misshandelt zu werden. Sie demonstrieren für ihre Sicherheit und ihre Würde, ihre Rechte und ihr Leben.

Ein Blick nach Amerika zeigt dasselbe Bild. Hier haben sich Frauen diese Woche unter dem Hashtag #GOPHandsOffMe und #PussyGrabsBack organisiert. Sie stellten sich vor Trump-Immobilien im ganzen Land und demonstrierten gegen die Frauenfeindlichkeit des republikanischen Präsidentschaftskandidaten.

Nicht einfach Männergeplapper

Denn in dieser Wahl tritt nicht irgendeine Demokratin gegen irgendeinen Republikaner an. Es geht nicht um die Frage liberal oder konservativ, Nerd oder Grossmaul. Zur Wahl steht ein beängstigend kindischer Macho, der Frauen als persönliche Spielzeuge behandelt und sich mit sexuellen Übergriffen brüstet. Seine Kontrahentin ist eine kluge, fleissige, kontrollierte Frau mit jahrelanger Erfahrung im Job. Eine Frau, die sich für Frauenrechte einsetzt, Frauen konsequent fördert und für sie aufsteht.

Entsprechend unterschiedlich beurteilen Amerikanerinnen und Amerikaner heuer die Wahl, so unterschiedlich wie seit 1952 nicht mehr, so lässt sich auf dem Blog 5/38 des Statistikgurus Nate Silver lesen. Frauen wählen Hillary. Männer wählen Trump.

Der Wendepunkt in Trumps Kampagne war «Pussygate», als er dabei erwischt wurde, wie er mit sexuellen Übergriffen prahlte. Die Mehrheit der Männer wurde von den Auswirkungen dieses Vorfalls überrascht. Für sie war das nur ein weiterer Skandal einer an Skandalen nicht eben armen Kandidatur. Aber jede Frau weiss: Wenn ein Mann in Trumps Position so redet, ist das nicht einfach «locker room talk», Männergeplapper. Sondern ein ernsthafter Riss im Firnis der Zivilisation. Und wenn der verloren geht, dann sind wir Frauen die ersten Opfer.

«Sie sind fasziniert von Sex!»

Das weiss auch Fox-News-Moderatorin Megyn Kelly. Ihr Interview mit Newt Gingrich, einem konservativen Urgestein und Mann mit Beton­frisur, verbreitete sich diese Woche viral. Im Gespräch zu Trumps schwindenden Wahlchancen schäumte Gingrich, die Medien seien gegen Trump, deshalb hätten sie Pussygate viel mehr Platz eingeräumt als Vorwürfen gegen Clinton. Dabei sei alles Lüge, wenn Frauen Trump sexueller Übergriffe bezichtigten.

Immer wieder unterbrach er Kelly und liess sie kaum zu Wort kommen. Schliesslich klagte er: «Sie sind doch bloss fasziniert von Sex!» Selten gibt Doppelmoral sich so deutlich zu erkennen, aber es braucht eine Journalistin von Kellys Format, sie blosszustellen. «Wissen Sie was?», antwortete Kelly. «Ich bin nicht von Sex fasziniert. Aber ich bin fasziniert davon, Frauen zu schützen, und die amerikanischen Frauen sind sehr besorgt wegen dieser Anschuldigungen.» Am Schluss empfahl sie Gingrich, sich mal mit seinen Wutproblemen zu beschäftigen.

Moderatorin Megyn Kelly wird von Newt Gingrich verbal attackiert. Video: Smash!, Youtube

Frauen wie Clinton und Kelly machen Hoffnung, genauso wie Michelle Obama. Bewegungen wie in Polen und Argentinien und Island ebenfalls, ganz zu schweigen davon, dass mit Angela Merkel und Theresa May Frauen zwei der wichtigsten westlichen Nationen regieren. Denn bevor wir Frauen uns links oder rechts positionieren, mehr Staat oder mehr Eigenverantwortung wollen, eher als Unternehmerinnen oder Angestellte denken können, wollen wir respektiert werden. Auch dazu gab es diese Woche neue Zahlen: Eine Umfrage unter Parlamentarierinnen weltweit ergab, dass Sexismus in der internationalen Politik zum Alltag gehört. Und ein diese Woche publizierter weltweiter Gleichstellungsindex ergab, dass die Schweiz nicht einmal mehr in den Top Ten ist. Es gibt also noch einiges zu tun.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2016, 20:35 Uhr

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