Gesoffen, geprügelt – verhaftet

Marc F. war während 12 Jahren Basler Hooligan und hat es dabei wild getrieben. Nicht einmal das Stadionverbot hat ihn gestoppt – dafür ein anderes einschneidendes Erlebnis.

«Es war eine geile Zeit»: Anhänger des FC Basel zünden Rauchpetarden im Gästesektor des Letzigrund. Foto: Nicola Pitaro (17. Mai 2009)

«Es war eine geile Zeit»: Anhänger des FC Basel zünden Rauchpetarden im Gästesektor des Letzigrund. Foto: Nicola Pitaro (17. Mai 2009)

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Es herrscht ungetrübte Familien­idylle auf der Wiese bei dem Planschbecken in einer Basler Parkanlage. Eltern plaudern friedlich auf bunten Picknick-Decken, Eistee wird herumgereicht. Die Ruhe wird einzig von hin und wieder aufschreienden Kindern durchbrochen.

Auch Marc F.* sitzt zusammen mit seiner Freundin und zwei weiteren Müttern im Park und geniesst das warme Sommerwetter mit entblösstem Oberkörper. Seine lokalpatriotischen Tätowierungen deuten darauf hin, dass er nicht immer der entspannte Vater war, den er heute abgibt. Die Tattoos mit Basler Motiven und gotischer Schrift auf seiner Brust sehen respekteinflössend aus – sie erinnern an Tattoos, wie man sie aus Gefängnis- oder Hooligan-Filmen kennt.

«Wir waren der harte Kern»

«Es war eine geile Zeit», erinnert sich Marc zurück an den mittlerweile abgeschlossenen Lebensabschnitt als Basler Hooligan. «Ich gehörte zu den ATH, den Anal Terror Hooligans», sagt er noch heute mit Stolz. Das beste überhaupt in seiner zwölfjährigen Hooligankarriere seien die Auswärtsspiele in Zürich gewesen: «Wir trafen uns, tranken uns kräftig ein und verprügelten die Zürcher», erzählt Marc.

Niemand konnte sich gegen die Basler Hooligans behaupten. Auch nicht die Zürcher. Heiss zugegangen sei es seinerzeit vielleicht noch gegen die Bellinzona-Hooligans, die jeweils mit Italienern verstärkt gewesen seien. Einmal, so erinnert sich Marc, jagte die rund 50 Mann starke Truppe die Zürcher Hooligans durch die Stadt. «Wir trieben sie durchs Niederdorf. Und ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir schon durch die Steinen getrieben worden wären», spottet er.

«Jimmy, Gök, Frosch und all diese gehörten zu den Ultras. Aber wir waren der harte Kern. Echte Hooligans gibt es aber schon länger nicht mehr», sagt er. Was in und um Stadien abläuft, damit hätten sie nichts zu tun gehabt. Sie hätten den Adrenalin-Kick beim Kampf gegen ihre Gegner gesucht. «Wie beim Bungee-Jumping», vergleicht er. Unbeteiligte, so versichert er, seien von den Schlägereien nicht betroffen gewesen.

«Wir telefonierten mit den Zürchern und fragten, wie viele kommen.» So verabredeten sich die beiden zahlenmässig aufeinander abgestimmten Rädel immer ein paar Stunden vor dem Spiel an irgendeinem eher ungestörten Ort. «Dann trugen wir unsere Schlachten aus», erzählt Marc. Klassischer Treffpunkt sei eine Weile lang die Raststätte Würenlos gewesen. Das sei ein paarmal gutgegangen, dann wurde der Ort von Ordnungspolizisten gesichert.

Zertrümmerte Nase

Marc erinnert sich an seine Aufnahme zum harten Kern: «Als Pico, wie wir den Nachwuchs nannten, durfte ich mit den Älteren ins Pub. Zum Höhepunkt musste ich gegen eines der Oberhäupter boxen», erzählt er. Er habe nicht zwingend gewinnen müssen, doch Angst oder gar Flucht waren tabu. Seine Eltern wussten zwar, dass er an Matches ging. Das Hooligan-Dasein habe er erfolgreich vor ihnen verbergen können, denn in der heissen Phase sei er daheim schon ausgezogen gewesen.

Bei den 16 Malen, die er auflief, sei er neunmal niedergeschlagen worden – ausser fünf Nasenbeinbrüchen sei er aber nie ernsthaft verletzt worden. Alle hätten einen Zahnschutz getragen wie Boxer oder Eishockeyspieler. «Okay, beim sechsten Mal wurde mir die Nase zertrümmert. Wir hatten aber explizit nie Waffen dabei.» Allerdings seien gegen Ende seiner «Aktivzeit» immer mehr mit sandgefüllten Handschuhen aufgelaufen. «Damit bekommst du betonharte Fäuste.»

«Wir hatten unseren Kodex»

Wäre aber beispielsweise einer mit einer Stange gekommen, wäre dieser als Schwächling verachtet und auch ausgeschlossen worden. Das Gleiche habe auf der Gegenseite gegolten. «Wenn einer am Boden lag, war fertig. Wir hatten unseren Kodex», sagt Marc. Auch er habe sicher einige seiner Gegner verletzt, wie schwer, könne er allerdings nicht sagen. Denn diese Begegnungen seien immer blitzschnell beendet gewesen.

«Nachdem es knallte, mussten wir sofort vor der Polizei flüchten», erzählt Marc. Einmal habe er bewusstlos ins Fluchtauto getragen werden müssen. «Da hatte ich Glück!» Doch er sei mehrere Male von der Polizei aufgegriffen worden und habe auch in Untersuchungshaft gesessen. Besonders unangenehm sei es, als Basler Hooligan in Zürich verhaftet zu werden. «Da passt kein Finger mehr zwischen die Kabelbinder-Fesseln, so satt wurden sie mir angezogen», so der 33-Jährige.

Geburt des Sohns ändert alles

Als sein Sohn Terry* vor vier Jahren zur Welt kam, hat Marc schlagartig das Interesse an Schlägereien verloren. Bei den FCB-Spielen war er wegen des verhängten mehrjährigem Stadionverbots sowieso nicht mehr zugelassen. «Mit der Geburt von Terry ist wirklich etwas geschehen. Plötzlich trägst du nicht mehr nur die Verantwortung für dich allein», sinniert Marc, der seine Familie mit temporären Anstellungen im handwerklichen Bereich ernährt.

Seine Freundin ist sehr froh, dass er mit der Vergangenheit abgeschlossen habe. Zum Glück würden auch seine ehemaligen Kumpels der Szene seine Entscheidung respektieren – er würde einfach nicht mehr aufgeboten. «Es hat mich nicht weitergebracht im Leben – im Gegenteil.» So hat er sich vorgenommen, es nicht zuzulassen, dass auch sein Sohn dereinst in die Hooligan-Szene geraten sollte.

*Name der Redaktion bekannt.

Erstellt: 10.07.2013, 11:28 Uhr

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