Auch manche Schweizer finden es in Ordnung, Frauen zu schlagen

Eine Befragung von jungen Männern wird zum Lehrstück über Vorurteile in den Medien.

Auch unter einheimischen jungen Männern finden fast fünf Prozent Schläge in Ordnung. <nobr>Foto: Urs Baptista</nobr>

Auch unter einheimischen jungen Männern finden fast fünf Prozent Schläge in Ordnung. Foto: Urs Baptista

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Die Schlagzeile hätte auch so lauten können: «Vier von fünf muslimischen Jugendlichen lehnen Gewalt in der Ehe ab.» Das wäre genauso korrekt gewesen und erst noch überraschender, halten doch viele Leute Muslime per se für frauenfeindlich.

Doch offenbar hatten jene Medien, die in letzter Zeit über eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften berichtet haben, nicht die Überraschung im Sinn, sondern die Bestätigung ihrer Vorurteile. Darauf deutet zum Beispiel der Umstand hin, dass in all den Berichten junge Tamilen explizit genannt werden, teils fast in einem Atemzug mit muslimischen Zuwanderern - aber mit keinem Wort erwähnt wird, dass rund siebzig Prozent der Tamilen in der Schweiz Hindus sind, weitere zehn Prozent Katholiken und nur einzelne dem Islam angehören. Bei Tamilen ist die Zustimmungsrate zu Gewalt in der Ehe, das sei der Vollständigkeit halber hier erwähnt, mit 23,3 Prozent am höchsten.

Solche Details sind nicht einfach irrelevant. Wer aufgrund der Studie mit dem Finger nur auf Muslime zeigt, macht es sich zu einfach. Auch die Forderung nach mehr und strengeren Sanktionen ist wenig hilfreich. Kommt es tatsächlich zu Gewalt - und längst nicht jeder, der davon redet, schlägt auch -, sind nicht fehlende rechtliche Instrumente das Problem, sondern die Tatsache, dass viele Frauen Gewalt verschweigen. Teils aus Scham, oft aber auch, weil sie befürchten müssen, im Fall einer Verurteilung mit ihrem Ehemann ausgewiesen zu werden oder ihre Existenz zu verlieren. Hier muss der Staat ansetzen.

Selbstreflexion wäre angebracht

Das heisst natürlich nicht, dass die frauenfeindliche Haltung tatenlos hinzunehmen sei. Tatsächlich haben wir, was die Stellung der Frau angeht, ein Problem mit der Integration - aber nicht nur mit dem Islam, sondern generell mit Religionen und Kulturen, die ein patriarchalisches Familienbild vermitteln. Es ist das Verdienst der Forscher, die Grundlagen zu liefern, um bei jenen gezielt zu intervenieren, die Gewalt am meisten befürworten.

Führende Vertreter der Muslime und der Tamilen haben bereits signalisiert, dass sie den Ball aufnehmen wollen. Das ist ein vielversprechender Weg: Zumal die Befragten mit 17, 18 Jahren in einem Alter waren, in dem Meinungen noch nicht verhärtet sind. Nun ist es an den Verbänden zu zeigen, dass ihnen damit ernst ist.

Wer bloss mit dem Finger auf Muslime zeigt und nach harten Sanktionen ruft, der verweigert die Diskussion, die wir als ganze Gesellschaft führen müssen.

Die Umfrage zeigt aber noch etwas, das wenig beachtet wird: dass frauenverachtende Einstellungen eben nicht nur unter Migranten verbreitet sind. Selbst unter einheimischen jungen Männern finden fast fünf Prozent Schläge in Ordnung. Das ist für eine Gesellschaft bedenklich, die gern verächtlich auf andere sieht, die als frauenfeindlich gelten.

Etwas mehr Selbstreflexion wäre auch deshalb angebracht, weil unser Land den Schutz vor häuslicher Gewalt lange sträflich vernachlässigt hat. Bis 1992 durften Männer in der Schweiz ihre Ehefrauen ungestraft vergewaltigen - und es war ausgerechnet die SVP, die heute am lautesten gegen den Islam poltert, die sich bis zuletzt gegen eine Anpassung des Strafrechts wehrte. Danach dauerte es weitere zwölf Jahre, bis häusliche Gewalt endlich als Offizialdelikt anerkannt wurde.

Nährboden, auf dem Gewalt gedeiht

Sicher, seither hat sich zumindest oberflächlich viel geändert. Aber niemand weiss, wie viele junge Schweizer Gewalt in Partnerschaften gut finden, auf die entsprechende Frage der Forscher jedoch mit «Nein» geantwortet haben, weil das sozial so erwartet wird. Ganz zu schweigen vom alltäglich Sexismus, von unflätigen Sprüchen und verharmlosten Übergriffen, von der nach wie vor nicht beseitigten Lohnungleichheit: alles Unsitten, die noch immer tief in unserer Gesellschaft verankert sind.

Das ist der Nährboden, auf dem Gewalt gegen Frauen gedeihen kann. Wer über die Haltung der jungen Männer entsetzt ist, muss daher auch seine eigene Einstellung überprüfen. Wer ihnen Rückständigkeit vorwirft, aber im Büro, abends beim Bier oder im Fussballclub selbst sexistische Witze reisst, ist unglaubwürdig. Wer bloss mit dem Finger auf Muslime zeigt und nach harten Sanktionen ruft, der verweigert die Diskussion, die wir als ganze Gesellschaft führen müssen. Um die Gewalt gegen Frauen wirklich zu überwinden, muss der Nährboden ausgetrocknet werden. Und das beginnt bei uns allen.

Erstellt: 12.09.2019, 12:03 Uhr

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