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Glotzt ruhig, Leute

Ist die Glatze beim Mann Trumpf oder Schrecken? Vier Männer und eine Frau reden.

Pierluigi Collina, Italiens Fussballkugel.
Pierluigi Collina, Italiens Fussballkugel.
Matt Dunham, Keystone
Pierluigi Collina, Italiens Fussballkugel.
Pierluigi Collina, Italiens Fussballkugel.
Matthias Hangst (Bongarts, Getty Images)
Homer Simpson, einfacher und weltberühmter Amerikaner.
Homer Simpson, einfacher und weltberühmter Amerikaner.
Keystone
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Um 400 nach Christus lebt an der Küste Libyens eine griechischstämmige Mischbevölkerung. Der gebildete und weit gereiste Synesios von Kyrene führt den Abwehrkampf gegen wilde Wüstenstämme an. Er bringt es zudem zum Bischof.

Bekannt geworden ist der frühe Kirchenmann auch als Verteidiger der Glatze. Es beginnt damit, dass er selber das Haupthaar verliert, was Männer damals offenbar noch viel schlimmer empfanden als heutzutage. Synesios nennt es «Verhängnis».

Später geht er zur Gegenattacke über. Er verfasste das «Lob der Kahlheit», das sich auch 1600 Jahre später amüsant liest. Die dümmsten Wesen hätten am meisten Haar, schreibt Synesios und nennt als Beispiel das Schaf. Und: Die vollkommene geometrische Form sei die Kugel – also sei die Glatze perfekt. Und gleich noch ein Argument: Der Glatzkopf sei dem Haarträger im Nahkampf überlegen. Denn: Keiner kann den Glatzkopf an den Haaren reissen oder herumschleifen.

Glatzenhype in den 80ern

Dieser Vorzug der Glatze tut heutzutage nicht viel zur Sache. Ausser bei Skinheads, rechten Schlägern. Sie verleihen der Glatze auch in unserer Neuzeit den Ruch von Subkultur. Von Unterwelt und Gewalt. Von kruder Männerwelt; dazu passen kahl geschorene Rekruten.

Umso mehr stellt sich dem Normalmann die Frage: Wie schlimm ist es, als Nichtnazi, Nichtsoldat, Nichtsträfling eine Glatze zu bekommen?

Danniel Saner, bekannter Zürcher Coiffeur, hatte das Glück, dass die Lichtung seiner Haare im New York der 80er-Jahre geschah. Dort sei die Glatze gerade «der neuste Hype unter den jungen Männern» gewesen. Er habe sich subito auch eine rasiert. Zurück in der Schweiz, sei er ein Exot gewesen. Man habe ihn ins Fernsehen eingeladen.

Wenn Stars die Haare verlieren würden...

Saner begrüsst in seinem Salon ab und zu Kunden mit einer Frisur im Endstadium. Er rasiert die Haare dann komplett ab. Ausser ein Mann hat Dellen im Schädel. «Dann schneidet man den Kranz einfach auf ein paar Millimeter kurz.»

Wer einmal total geschoren ist, kann seine Glatze selber nachführen und den nachwachsenden Flaum trimmen, nass oder mit einer Tondeuse. Eigentlich unerfreulich für den Coiffeur: Glatzenträger werden nie Stammkunden.

Saner selber rasiert seine Kugel nass. Jeden Tag. Früher sei die Ankunft einer Glatze ziemlich dramatisch gewesen, sagt er. «Aber heute ist man mit der Glatze absolut top.»

«Die Glatze ist ein Statement»

Der Zürcher «Stil»-Magazin-Chefredaktor Mark van Huisseling erkannte die Wahrheit in einer Umkleidekabine. Seine damalige Frau hatte ihn auf gelichtete Stellen hingewiesen. In der Kabine – rundum Spiegel, gutes Licht – stellte Van Huisseling fest: Doch, stimmt.

«Tragisch ist es nicht. Aber Haarausfall beschäftigt mich», sagt der Journalist. Mittlerweile hat er sich mit der Fastglatze abgefunden. Mehr als das: «Frauen sagen mir, dass sie Männer mit Glatze als stärker und viriler wahrnehmen. Der Glatzenträger hat eine bewusste Entscheidung getroffen. Er zeigt Stärke in der Krise. Die Glatze ist ein Statement.»

Nichts ist demnach trauriger als ein Mann, der Haarsträhnen über den kahlen Schädel drapiert. Die Glatze ist der Inbegriff von Sichtbarkeit; wer sie kaschiert, verstrickt sich in einen Widerspruch.

So stark wie ihr Träger

Die Coolness kam vor Jahrzehnten mit Schauspieler Yul Brynner. Was für ein charismatischer Kahlkopf, den man etwa im Western «Die glorreichen Sieben» (1960) bewunderte. Mindestens so stilbildend in den Siebzigerjahren Telly Savalas als abgebrühter New Yorker Morddetektiv Kojak, der am Tatort gern sinnierend am Lollipop saugte.

Die Glatze ist so stark wie ihr Träger. Drei Beispiele: erstens der – 2012 verstorbene – Otto Ineichen, Warenhausgründer und Politiker, ein Solitär, Authentiker, Pragmatiker aus dem Luzernischen. Er fehlt. Zweitens Homer Simpson, Comicfigur aus den USA. Homer ist faul, vorurteilsgetrieben, lügnerisch, unfähig, gedankenlos, unansehnlich. Er ist einer wie wir, ein moderner Jedermann. Er steht für einen Humanismus mit den Mitteln Amerikas.

Und drittens, ebenfalls nicht mehr unter uns: Michel Foucault, weltberühmter philosophischer Historiker und historisierender Philosoph. Eine linke Geistes-Ikone, die sich in die Politik einmischte und nachts in den schwulen Darkrooms von Paris wilderte. Die Kugel des intellektuellen Abenteurers gebar Jahrhundertideen und -bücher, etwa zur modernen Praxis des Strafens.

Bodenloser Absturz

Zurück in die Schweiz. Markus Theunert, der die Männerbewegung der letzten Jahre prägte und heute als Berater arbeitet, hat seine Haare noch. Aber er erinnert sich am Telefon gleich an einen Freund, der damals wie er Ende 20 war. Der Freund bekam eine Glatze, was ihm sehr zu schaffen gemacht habe. «Das war relativ sexuell. Er erlebte den Vorgang als ziemlich bodenlosen Absturz auf dem Beziehungsmarkt.»

Angriff ist die beste Verteidigung: Das fällt Theunert zu den Männern ein, die sich in der Krise ganz ihrer Haare entledigen. Sie machten aus der Not eine Tugend: «Es ist ein autonomer Nachvollzug.»

Er habe, sagt Theunert, als Kind einen Brillenwunsch gehabt. Aber dass ein Mann einen Glatzenwunsch habe, sei wohl sehr rar; fast alle täten sich anfangs schwer mit dem Haarschwund. Er selber habe schon vom Haarverlust geträumt. Ein Albtraum sei das nicht gewesen. «Aber die Erleichterung nach dem Aufwachen war gross.»

Erotiker der Jetztzeit

Der Mann sei lange gut geschützt gewesen vor ästhetischer Bewertung und Abwertung, sagt Theunert auch. Das habe sich geändert. Männer müssten sich heutzutage stärker an Erwartungen ausrichten. Der Körper- und Schönheitsstress nehme zu. Man sehe das auch an der Zunahme von Essstörungen bei jungen Männern. Und an der «Muskelsucht». Ein trainierter Körper sei heutzutage Standard. Normalität. Wer keinen solchen Body habe, höre auf dem Schulhof: «Du Lauch!»

Ja, vor 50 Jahren sei ein «guter Kopf voller Haare» absolut vital gewesen, sagt Clifford Lilley, Zürcher Stylist englischer Sprache, geboren in Kapstadt. Heute sei das alles anders und die Glatze «nicht mehr gleichbedeutend mit Altsein». Der kahle Herr sei der Erotiker der Jetztzeit.

Warum das so ist, dazu liefert Lilley gleich mehrere Antworten. Erstens wirke der glatzköpfige Mann wie ein «wildes und freies Einzelwesen», die Glatze mache ihn unverwechselbar unter all den Frisierten. Zweitens habe der englische Fussballer David Beckham unheimlich viel bewirkt mit seinem rasierten Kopf, er sei ein sehr «sexy aussehendes Idol unserer Moderne».

«Der nackte Kopf ist betörend. Er will liebkost werden.»

Clifford Lilley, Stylist

Und drittens: Die Glatze stehe nicht nur für Härte, sagt Lilley. Sondern auch für Weichheit.

Sie weckt demnach ähnliche Reflexe wie ein Baby. «Der nackte Kopf ist einfach sehr betörend. Er glänzt, scheint weich, will so sehr berührt, liebkost, gestreichelt, bewundert werden.»

Zeit, eine Frau zu fragen, wie sie die Glatze sieht. Es komme vor, dass sich Männer für eine Frisurberatung anmeldeten, «und es stellt sich heraus, dass es um die nahende Glatze geht»: so Isabelle Herzig, Image-Coach in Münsingen und Basel. Sie sehe eine Ähnlichkeit zum Figurproblem bei Frauen. In beiden Fällen rate sie: Frieden schliessen mit der Situation und sich selber!

Eine Frage des positiven Denkens

Das sei nicht ganz so einfach, wie es töne, sagt Herzig. Es brauche Zeit. Aber sicher sei es schlauer, als auf irgendwelche Wundermittelchen zu setzen, die nicht viel brächten. «Ich persönlich mag Männer, die zur Glatze stehen.» Sicher sei das attraktiver, als noch das letzte Härchen behalten zu wollen, was tendenziell jämmerlich wirke. Der Moment des Haarverlusts sei allerdings einschneidend, denn er bedeute auch Abschied von der Jugendlichkeit.

Der Mensch respektive Mann bestehe ja nicht nur aus Haar oder eben Nichthaar, sagt Isabelle Herzig. Das klingt tröstlich. Hoffnung spenden mögen auch Nachrichten, dass es bei Haartransplantationen deutliche Fortschritte gibt. Ansonsten sei Betroffenen der gute alte Synesios ans Herz gelegt. Als sich damals um 400 bei ihm die Glatze bildete, beschloss er, sie zu lieben und zu loben.

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