Glücklich ohne Gott

Konfessionslose sind in der Schweiz auf dem Vormarsch. Vor allem gut ausgebildete, urbane, linke Männer gehören zu ihnen.

Die Kirchen bleiben leer, denn der moderne Mensch ist weniger auf Religion angewiesen. Foto: Doris Fanconi

Die Kirchen bleiben leer, denn der moderne Mensch ist weniger auf Religion angewiesen. Foto: Doris Fanconi

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Rückkehr der Religion? Von wegen. Bei Erhebungen über religiöse Zugehörigkeit sind die Konfessionslosen, die Säkularen ein wachsender Faktor. Mittlerweile machen sie fast ein Viertel der Bevölkerung aus. Der typische Säkulare ist ein hochgebildeter Mann, politisch eher links und in der Stadt wohnend.

Dies ist das Resultat einer noch laufenden Untersuchung, die der bekannte Lausanner Religionssoziologe Jörg Stolz im Rahmen einer Nationalfonds-Studie durchführt. Notabene die erste Studie, welche die nichtreligiöse, säkulare Landschaft in der Schweiz unter die Lupe nimmt.

Die engagierteste Gruppe der Konfessionslosen sind die Säkularisten, die sich in Verbänden der Freidenker oder Skeptiker organisieren. Für sie gilt das oben genannte soziodemografische Profil noch ausgeprägter: 80 Prozent von ihnen sind Männer. Weshalb, ist schwierig zu sagen. Jedenfalls fühlen sich diese Männer eher gottlos glücklich als religiös obdachlos. Sie halten Religion für schädlich und wollen auch andere davon überzeugen. Sie huldigen keiner neuen Religion, pflegen keine Rituale oder regelmässige Treffen, versuchen aber die Gesellschaft zu verändern.

«Die religiöse Sozialisierung in der Familie bricht ab.»

Für Jörg Stolz ist erstaunlich, dass die kleine Gruppe der Säkularisten mit gerade mal 2000 Anhängern bei uns eine so grosse mediale Aufmerksamkeit geniesst. Am kommenden Wochenende feiern sie ihr Denkfest im Zürcher Volkshaus. Offenbar profitieren sie vom Schub des neuen Atheismus, wie ihn die Bestseller von Richard Dawkins oder Christopher Hitchens ausgelöst haben. Zudem scheinen die Säkularisten die Gruppe der Konfessionslosen insgesamt zu repräsentieren.

Rückgang seit hundert Jahren

Und diese Gruppe wird immer grösser. Seit hundert Jahren ist jede neue Generation weniger religiös als die vorhergehende. Für Stolz ist es nur logisch, dass die Gesellschaft zusehends säkularer und religionsloser wird. Vor allem demografisch und generationenbedingt breche die religiöse Sozialisierung über die familiäre Erziehung immer mehr ab.

Stolz ist einer der profiliertesten Verfechter der klassischen Säkularisierungsthese, wonach die Religion mit der Modernisierung immer stärker an Bedeutung verliert. Das ist so überraschend nicht. Wenn da nicht all die anderen Kollegen seines Fachs wären – von José Casanova über Hans Joas bis Martin Riesebrodt –, welche die Säkularisierungsthese infrage stellen. Sie sprechen emphatisch von der «Rückkehr der Religionen», von der «Wiederkehr der Götter» oder der «Wiederverzauberung der Welt». Zum einen verleitet sie die weltpolitische Bedeutung des Islam dazu. Zum anderen eine Déformation professionnelle: Wer sich ständig mit Religion beschäftigt, nimmt sie auch überall wahr. Auch für den Religionsforscher ist das Gefühl unangenehm, wenn er sein Forschungsobjekt wegsterben sieht.

Zwar stimmt es, dass die Welt insgesamt aus demografischen Gründen eher religiöser wird. In den armen Regionen sind die Leute religiöser und haben mehr Kinder. Auf der Ebene der gelebten Religiosität in den westlichen Industrieländern indessen gibt es keine Rückkehr der Religion, im Gegenteil. Dank der grösseren materiellen Sicherheit im Wohlfahrtsstaat, der höheren Bildung und des medizinischen Fortschritts ist der moderne westliche Mensch immer weniger auf Religion angewiesen.

Auch die USA werden weniger religiös

Gut, gibt es Religionssoziologen wie Stolz, deren nüchterner Blick die wissenschaftliche Daten­basis ernst nimmt. Es scheint, dass die Künder religiöser Renaissancen über die vielen guten Erhebungen in Europa hinwegsehen und ihren Lesern Sand in die Augen streuen. Auch ihr immer wieder angeführtes Paradebeispiel für eine moderne religiöse Gesellschaft, die USA, wird säkularer: Es gibt dort mittlerweile wie bei uns 20 Prozent Religionslose. Selbst wenn Religion hilfreicher, menschenfreundlicher und aufgeklärter ist, als Atheisten und Freidenker uns glauben machen wollen: In modernen Gesellschaften ist sie klar auf dem Rückzug.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2017, 20:22 Uhr

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