Goldene Hochzeit mit dem Tagi

Seit 1967 fischt Marta Schmid täglich den «Tages-Anzeiger» aus dem Briefkasten. Die Zeitung ist ein Stück Heimat in einem Leben, das mehr als ein Zuhause kennt.

Nach jedem Mittagessen wird gelesen: Zu Marta Schmids Alltagsritualen gehört der «Tages-Anzeiger». Foto: Claudio Bader (13 Photo)

Nach jedem Mittagessen wird gelesen: Zu Marta Schmids Alltagsritualen gehört der «Tages-Anzeiger». Foto: Claudio Bader (13 Photo)

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Neunundneunzig Treppenstufen trennen Marta Schmid täglich von der aktuellen Ausgabe des «Tages-Anzeigers». Stufen, gesäumt von Palmen und Gartenzäunen, die den Blick auf den Lago Maggiore lenken. Schmid lässt sich angesichts dieser sportlichen Herausforderung nicht entmutigen: «Auch wenn es Katzen hagelt: Die Treppe wird erklommen», sagt die 85-Jährige und zupft kurz am Seidentuch, das sorgfältig um ihren Hals geknüpft ist.

Das Zeitunglesen zelebriert Marta Schmid als ein täglich wiederholtes ­Ritual. Um 11.30 Uhr zieht sie oder ihr Lebenspartner Hanspeter los Richtung Briefkasten. Früher sei die Zeitung noch früh am Morgen geliefert worden, nun komme sie mit der Briefpost. Schmid ist dies gerade recht.

Als sie noch in Zürich lebte, habe der Zeitungsträger das Blatt in der Frühe vor der Tür deponiert. Hin und wieder habe es ihr dann ein Passant weggeschnappt. «Da hab ich schon mit dem Gedanken gespielt, die Zeitung mit Farbe zu bepinseln, um den Dieb zu ärgern», sagt Schmid schmunzelnd. Ihre Stimme klingt dunkel, das Lachen ist leidenschaftlich, die grossen, graugrünen Augen leuchten.

Abonnentin wegen Roman

12 Uhr, Mittagessen. Bei Sonnenschein nimmt das Paar dieses gerne auf der Grottoterrasse zu sich und blickt dabei auf das Dorf Minusio hinunter. Begleitet vom Duft frischen Kaffees, ist anschliessend nur noch das Rascheln der Zeitungsblätter zu hören. Ihr Partner liest den «Blick», Schmid den Tagi. Die ersten Minuten gehören der Kehrseite, dann folgt der Zürich-Bund: «Da entdecke ich das eine oder andere Grindli, das ich von früher kenne.» Auch die Todes­anzeigen liest Schmid aufmerksam. Es seien halt schon mehr Freunde unter der Erde als darauf.

Immer dann, wenn Marta Schmid sich am Geschriebenen stört, schiebt sie den Text ihrem Schatz unter die Nase. So beispielsweise in den 80ern bei den Geschichten über Dora Koster, die ehemalige Prostituierte, Autorin, Malerin und langjährige Bewohnerin des Zürcher Niederdorfs: «Das war ein Trudi», sagt Schmid und verwirft die Hände. Diese Koster habe sich zu sehr ins Zentrum gerückt. Hanspeter nickt seiner Marta zustimmend zu.

Das Leben ist ein Boxkampf

Vor 51 Jahren schloss Marta Schmid ihr Tagi-Abo ab. Überzeugt hat sie zweifellos die «Peter Stäubli»-Trilogie des Schweizer Schriftstellers Walter Alvares Keller. Diese erschien damals als Fort­setzungsroman im «Tages-Anzeiger». «Schon den ersten Band, ‹Der weisse Mantelsaum›, habe ich förmlich gefressen, so gut war der», sagt Schmid. Sie erinnert sich mühelos, wie sich der Held der Geschichte damals vom ländlichen Wollishofen nach Brasilien aufmacht, dort die Liebe findet, bis ihn das Gelb­fieber zur Rückkehr zwingt. Täglich hat Schmid auf die nächste Seite geplangt und diese jeweilen fein säuberlich ausgerissen, damit auch die Freundinnen weiterlesen konnten.

Als Marta Schmid am 15. Januar 1933 zur Welt kommt, wird in Zürich gerade die neue Gemeindeordnung angenommen; der Deutschschweizerische Landessender strahlt ein Konzert von Stocker Sepps Unterwaldner Bauernkapelle aus, und der Schweizerische Amateurboxverband erhält eine Einladung zur Revanche gegen die bayrische Boxstaffel.

Boxen und Kämpfen musste auch Marta Schmid; vor allem durch ihre ersten Lebensjahre. Sie wuchs getrennt von ihren drei Geschwistern bei einer Pflegefamilie auf. «Keine schöne Zeit», sagt Schmid und knetet sich die Finger. Das Badezimmer der Familie war für die junge Marta Schmid tabu. Sie musste sich in einem Blechzuber im Keller waschen. «Da habe ich mir geschworen, dass ich als Erwachsene in einer eigenen Wanne täglich ein Bad nehmen werde – mit Badekugeln und richtig viel Schaum.»

Gerne hätte sie eine Lehre zur Kauffrau gemacht, doch die Pflegeeltern sahen ihren «Zappelphilipp» im Detailhandel. Nach der Lehre im Konsum zog es «Marteli» zum Arbeiten nach Zürich. Sie wusste noch nicht, dass sie hier innerhalb dreier Monate ihren ersten Mann kennen lernen, heiraten und mit ihm nach Ghana ziehen würde.

Der faszinierende Freddy

Als 18-Jährige trifft sie den jungen Herrn während einem seiner Heimaufenthalte in der Schweiz. Ein gemeinsamer Kollege stellt ihr diesen Freddy vor, während eines Mittagessens im Café Hofer. Schmid amüsiert sich köstlich über den Fremden, der da bei Sommertemperaturen im Schal eingewickelt sitzt. Sie unterhalten sich während Stunden über seine Stelle als Holzfachmann in Ghana. «Ich war völlig fasziniert», sagt Schmid. Die Hochzeit folgt nach wenigen Wochen. Sonst, so die Befürchtung, wäre Schmid die Reise nach Ghana zu ihrem Freddy verwehrt geblieben.

Ghana – damit verbindet Schmid das Rattern der Generatoren, das Lächeln des Haus-Schimpansen «Woles» und das Surren der Mücken. Ein Mückenstich war es schliesslich auch, der Schmid fast in die Knie zwang: Sie steckte sich mit Malaria an. «Selber schuld», sagte sich Schmid, die sich der Krankheit tapfer entgegenstellte und vorerst im Land blieb. Erst als ein Ungeborenes in Schmids Bauch zu strampeln begann, zog das Paar zurück nach Zürich.

Zürich – damit verbindet Schmid die Geburt von Tochter Franca, die Trauer über den frühen Tod ihres Mannes Freddy und der Anfang ihrer Liebe zu Hanspeter. Mit ihm zog sie noch einmal aus, ins Tessin ins Dörfchen Minusio. In das Haus mit den neunundneunzig Stufen, die Schmid auch von dieser Zeitungsausgabe trennen. Sie wird sie erneut bezwingen.

Dafür, für diese tägliche Treue, möchten wir uns herzlich bei Ihnen bedanken, liebe Marta Schmid.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2018, 16:11 Uhr

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