Greta, meine Tochter und ich

Viele Schüler nahmen sich frei, um nach Lausanne an die Klimademo zu fahren. Auch die Tochter unseres Autors.

«Das ist erst der Anfang»: Greta Thunberg bei ihrem Auftritt vor dem Palais de Rumine. Foto: Keystone

«Das ist erst der Anfang»: Greta Thunberg bei ihrem Auftritt vor dem Palais de Rumine. Foto: Keystone

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«Greta, Greta, Greta . . .», skandiert die Menge. Endlich schreitet das Mädchen aus Schweden mit ihrer berühmten Schulstreik-Tafel zum Mikrofon. Jubel bricht aus unter den Tausenden von Demonstranten. Viele halten ihre Mobiltelefone in die Höhe, wollen ein Bild machen von der weltweit gefeierten Klima-Ikone. Rund um Thunberg drängen sich Dutzende von Pressefotografen und Kameraleuten.

Ich stehe mitten in der Menschenmasse, zusammen mit meiner 14-jährigen Tochter Lilian und ihren zwei Freundinnen Pauline und Jeanne. Auch sie stimmen in die Begeisterung mit ein. Es ist wie an einem Pop-Konzert.

Dass ich mich in diesem Pulk von jungen Leuten befinde, habe ich den drei Mädchen zu verdanken. Vor drei Wochen teilte mir Lilian mit, sie wolle mit ein paar Freundinnen an die Klimademo nach Lausanne fahren. «Greta Thunberg kommt!», sagte sie freudig. Sie habe alles abgeklärt: In der Schule werde sie einen Jokertag beziehen, also einen jener zwei Tage, die die Schülerinnen pro Semester ohne Angabe von Gründen fehlen dürfen. Zudem habe sie auf der SBB-App schon nach Sparbilletten Ausschau gehalten.

Immer im Mittelpunkt: Greta Thunberg in Lausanne. Foto: Keystone

Da sie alles selbst organisiert hatte und die Reise aus dem Taschengeld bezahlen wollte, gab ich mein Einverständnis. Sie strahlte.

Weniger erfreut reagierte sie, als ich vorschlug, mitzufahren, um eine Reportage zu schreiben. «Vergiss es!», rief sie. Den peinlichen Vater dabeizuhaben, der erst noch ab und zu kritische Bemerkungen zu gewissen Auswüchsen der Klimabewegung fallen lässt – etwas Schlimmeres konnte sie sich nicht vorstellen. Ich aber blieb hart­näckig.

Nachdem sie die Sache mit ihren Freundinnen besprochen hatte und diese es zu ihrem Erstaunen cool gefunden hatten, in die Zeitung zu kommen, gab sie ihren Widerstand auf.

Und so machen wir uns also am Freitagmorgen auf die Reise. Die drei Sekundarschülerinnen tragen zwei Tafeln aus Pappkarton mit, die sie am Vortag bemalt haben. Auf einer heisst es: «The planet is getting hotter than my imaginary boyfriend.» Ich denke mir: Immerhin ist dieser Boyfriend nur eingebildet. Den Spruch haben sie nicht selber erfunden, sondern der Fotoplattform Pinterest entnommen, wie sie mir erklären.

Kurz vor der Demo wird das Gesicht bemalt

Unterwegs sind Greta Thunberg, CO2 und das Klima kaum ein Thema. Die Mädchen packen ihre Pommes-Chips-Packungen und Sandwiches aus und spielen ein mir unbekanntes Handygame namens Photo Roulette.

Ein älterer Herr läuft durch den Zug und sammelt unter den Klimademonstranten Unterschriften für die Abschaltung des Atomkraftwerks Beznau. Er redet auf die Mädchen ein, erklärt, wie gefährlich ein solches Kraftwerk sei. Ich erlaube mir die Bemerkung, Greta habe sich für Atomkraftwerke ausgesprochen, da AKW kein CO2 ausstossen und entsprechend klimafreundlich sind. Allerdings habe sie den entsprechenden Facebook-Post nach Protesten wieder gelöscht.

Die drei Demonstrantinnen wirken etwas verwirrt, lassen sich die Stimmung von solchen Diskussionen aber nicht verderben. Kurz vor Lausanne leihen sie sich von anderen Fahrgästen Gesichtsfarbe aus und bemalen einander. Die Stimmung ist heiter, trotzdem legen sie Wert darauf, dass es ihnen nicht um den Spass gehe. «Die Lage ist ernst, man muss endlich etwas tun für das Klima», sagt eines der Mädchen. «Schreib das, das ist wichtig!»

«Heisser als der erträumte Boyfriend»: Lilian, Jeanne und Pauline (v.l.) an der Klimademo. Foto: Rico Bandle

Als wir in Lausanne ankommen, ist der Bahnhofplatz bereits voller Leute. Schon bald setzt sich der Demonstrationszug in Bewegung. Lilian, Pauline und Jeanne sind in ihrem Element, halten ihre Papptafeln in die Höhe, machen bei jenen Sprechchören mit, die sie kennen. «What do we want? Climate justice! – When do we want it? Now!» Zehntausend Menschen aus der ganzen Schweiz sind da, viele von ihnen sind wohl durch den angekündigten Auftritt von Greta Thunberg angelockt worden.

Auch wenn ich nachvollziehen kann, dass ein gemeinsames Einstehen für eine gute Sache eine euphorisierende Wirkung hervorrufen kann, bei mir lösen solche Massenveranstaltungen seit je eine gewisse Abneigung aus.

Als ich im Alter meiner Tochter war, sorgten die Atomtests auf dem Mururoa-Atoll für eine Protestwelle. Die Fussballnationalmannschaft unter Alain Sutter rollte vor einem Spiel das berühmte Banner «Stop it, Chirac» aus. Einige Schüler an unserem Gymnasium organisierten in der Pause ein «Schreien gegen Atomversuche». Ich fand das alles lächerlich.

Die nächste kollektive Empörung folgte beim Irakkrieg 2003. Überall hingen Regenbogenfahnen, es gab grosse Friedensdemonstrationen. Ich hatte gerade meine erste feste Stelle bei einer Zeitung begonnen, beim «Blick». Der Chefredaktor verteilte allen Redaktoren eine Peace-Fahne, wir posierten damit vor der Kamera, daraus entstand eine Titelseite für den Frieden. Auch das fand ich eher peinlich.

Fühlt sich Greta in Lausanne unwohl?

In Lausanne finden sich alle möglichen Gruppen zusammen, die sich um den Zustand des Planeten Sorgen machen: 5G-Gegner, Antikapitalisten, Klimaseniorinnen, Tierschützer, Ärzte für Umweltschutz und so fort. Dabei gehen jene, die am Ursprung der Bewegung stehen, fast ein bisschen unter: die streikenden Schülerinnen und Schüler, die wie ihr Vorbild Greta Thunberg einfach nur für griffige Klimamassnahmen protestieren.

Überhaupt Greta Thunberg – wo ist sie eigentlich? Läuft sie tatsächlich mit, oder kommt sie nur für die Rede am Ende der Kundgebung? Auf Twitter ist zu sehen, dass die Schwedin irgendwo mit einer violetten Jacke mitmarschiert. Wir schauen uns um, doch ein einzelnes Mädchen in dem riesigen Demonstrationszug zu finden, ist eine Sache der Unmöglichkeit.

Später berichten Medien, dass Thunberg einen bedrückten Eindruck gemacht habe, dass sie die gesamte Strecke mit gesenktem Blick gelaufen sei, abgeschirmt von Klimaaktivisten und Zivilpolizisten. Sie habe kaum mit jemandem gesprochen.

Diskreter Seitenhieb gegen radikale Demonstranten

Über die Gründe kann man nur spekulieren. Angesichts der Umstände würde es nicht erstaunen, wenn Thunberg teilweise Mühe damit hätte, wie sich die von ihr begründete Bewegung verselbstständigt hat. Sie, die sich stets auf die Wissenschaft bezieht und sich von Ideologien distanziert, muss in Lausanne mit ansehen, wie sich zu Beginn der Kundgebung gewaltbereite Linksextremisten unter die bunte Schar von Demonstranten mischen. Die lautesten Teilnehmer beim Umzug sind jene, denen die Zerschlagung des Kapitalismus mehr am Herzen zu liegen scheint als Ökologie und Klima.

In ihrer Rede am Ende der Veranstaltung platziert Thunberg denn auch einen diskreten Seitenhieb gegen die radikalen Demonstranten. «Ich danke allen, die heute gekommen sind und ihre schönen Gesichter gezeigt haben», sagt sie, wohl in Anspielung auf die Vermummten vom Schwarzen Block, die von der Polizei aus der Menge herausgefischt worden sind.

Ideologen verdrängen die Klimakinder

Mit dieser Bemerkung stellt sich Thunberg auch gegen die Wortführer der örtlichen Klimabewegung, die sich in den Reden solidarisch zeigen mit ihren gewaltbereiten Gesinnungsgenossen. Einer ruft sogar dazu auf, nach der Veranstaltung zum Polizeizentrum zu marschieren, um die Freilassung der fünf Kollegen zu fordern, die sich zu jenem Zeitpunkt noch in Gewahrsam befinden.

Von dieser Auseinandersetzung bekommen die drei aus Zürich angereisten Mädchen kaum etwas mit. Ihr Schulfranzösisch reicht nicht aus, um die zum Teil aggressiven Parolen zu verstehen. Zudem sind ihnen ideologische Auseinandersetzungen um das Wirtschaftssystem noch vollkommen fremd. Da nützt es auch nichts, wenn ich ihnen einzelne Aussagen übersetze. Bei ihrem Engagement gegen die Erderwärmung denken sie in erster Linie an das Verhalten der Leute, also an Flugreisen, ans Fleischessen oder ans Autofahren. «Diese umweltschädlichen Sachen muss man verteuern», sagen sie.

«Ihr habt noch nichts gesehen, das garantieren wir euch!»Greta Thunberg

Bei den Reden dominieren andere Themen. Eine kenianische Aktivistin findet, man müsse die Milliardäre eliminieren, diese seien für das ganze Elend auf der Welt verantwortlich. Ein junger Redner feiert den kürzlich erfolgten Freispruch jener Klimaaktivisten, die in einer Credit-Suisse-Filiale Tennis spielten, und fordert die Masse dazu auf, jetzt erst recht solche Aktionen durchzuführen, das sei nun ja richterlich abgesegnet.

Dagegen hört sich Thunberg geradezu moderat an, wenn sie sich an «die Führer der Welt» richtet und sagt: «Das ist erst der Anfang, ihr habt noch nichts gesehen, das garantieren wir euch!» Anders als ihre Vorredner plädiert sie nicht für eine Revolution, sondern für eine andere Politik im bestehenden System.

Nach Thunbergs Rede löst sich die Ansammlung auf. Lilian, Pauline und Jeanne wirken etwas erschlagen von den Erlebnissen. Sie hätten zu wenig verstanden, sagen sie. Alle drei sind sich einig: «An der Klimademo in Zürich war die Stimmung viel besser.»



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Erstellt: 19.01.2020, 14:21 Uhr

Thunberg am WEF

Anders als angekündigt wird Greta Thunberg doch nicht im Rahmen der «Winterwanderung für Klimagerechtigkeit» nach Davos marschieren, sondern mit dem Zug anreisen. Am Dienstag, dem WEF-Eröffnungstag, wird sie an zwei Podien zu Nachhaltigkeit und Klima teilnehmen. Sie sagt, ihr Ziel sei, bei den Mächtigen Druck aufzusetzen, damit sie die Investitionen in fossile Energien stoppen.

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