Grosseltern sind mehr als nur Babysitter

Viele Grossmütter und Grossväter hüten regelmässig ihre Enkel. Dafür verdienen sie Anerkennung – und ein Mitspracherecht.

Klar haben sie es lustig – doch die Betreuung der Enkel bedeutet auch Arbeit. Foto: Getty Images

Klar haben sie es lustig – doch die Betreuung der Enkel bedeutet auch Arbeit. Foto: Getty Images

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Neulich traf ich eine Berner Freundin, die gerade ihre Enkel besucht hatte. Besuch ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Elisabeth hatte zweieinhalb Wochen die drei Kinder gehütet. Das tut sie regelmässig, Sohn und Schwiegertochter sind beruflich sehr eingespannt und oft auf Dienstreisen. Wenn man so viel Zeit mit den Enkeln verbringt, kann einem schon mal was auffallen. Zum Beispiel, dass die Kinder bei den Mahlzeiten dauernd am Tablet hängen und nicht richtig essen, weil sie vorher und nachher ständig Süssigkeiten konsumieren. Genau das hatte Elisabeth kurz vor ihrer Abreise bei Sohn und Schwiegertochter vorsichtig angesprochen.

«Das mach ich nie wieder», seufzte sie. «Meine Schwiegertochter wurde fuchsteufelswild und verbat sich jede Einmischung in ‹ihr› Familienleben. Als ob ich kein Teil der Familie wäre. Für das Grosi gilt: schaffen, schenken, schweigen.»

Ich zuckte innerlich zusammen. Es klang so traurig und resigniert. Leider steckt darin auch ein Körnchen Wahrheit. Ich kenne einige Grosseltern, die etwas frustriert sind, weil sie zwar jederzeit verfügbar zu sein haben, sich aber sonst aus allem raushalten sollen, insbesondere aus Erziehungsfragen.

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Als junge Mutter war ich in diesem Punkt auch empfindlich. Nur ist es in meinen Augen ein gewaltiger Unterschied, ob die Enkel nachmittags einmal zum Spielen vorbeikommen oder ob Grosseltern regelmässig und über Tage hinweg die alleinige Verantwortung für sie übernehmen. In diesem Fall sollte ein respektvoller Austausch auch und gerade über Erziehungsfragen möglich sein. Das ist nicht zuletzt im Interesse der Enkel.

Studien, unter anderem von François Höpflinger, emeritiertem Professor am Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich, machen deutlich, dass die Beziehung zwischen Enkeln und Grosseltern nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern wesentlich davon abhängt, wie erwachsene Kinder und ihre Eltern miteinander umgehen. Da gibt es manchmal auch Dissonanzen.

Sie schreibt seit vielen Jahren über Familie und Erziehung: Xenia Frenkel, 63, ist vierfache Mutter und Grossmutter von sechs Enkelkindern.

Um aus meinem Nähkästchen zu plaudern: Wenn ich nach 14 Tagen Enkel inklusive Haushalt hüten zum Abschied von meiner Tochter höre: «Super, Mami, dass du da warst, es hat dir bestimmt Spass gemacht», bin ich doch etwas pikiert. Natürlich hat es mir Spass gemacht, sehr sogar. Doch anders als bei den Enkeln, wo mir die Freude, mit ihnen zusammen zu sein, mehr als genug Geschenk ist, erwarte ich von meinen erwachsenen Kindern für meinen Einsatz ein wenig mehr Anerkennung.

Natürlich war die Bemerkung meiner Tochter nicht böse gemeint, trotzdem sollte man sein Unbehagen ansprechen, damit die Dinge wieder ins Lot kommen und deutlich wird: Grosseltern sind keine kostenlosen Babysitter und auch keine dienstbaren Geister, die einkaufen, kochen, waschen, bügeln, putzen und sonst unsichtbar bleiben. Sie sind Teil der Familie – ein Band, das drei Generationen miteinander verbindet, und sie tun eine Menge dafür, dass dieses Band hält.

Wir könnten genauso gut Rosen züchten und unser Geld auf Weltreisen verballern.

Grosseltern schenken ihre Liebe, ihre Lebenszeit und nicht zuletzt auch ihr Geld. Hier mal schnell 500 Franken für einen neuen Kinderwagen, da ein Zuschuss zum Hauskauf – und am Wochenende noch ein Hochbeet bauen. Von Herzen gern! Aber nichts davon ist selbstverständlich. Wir könnten nämlich genauso gut Rosen züchten und unser Geld auf Weltreisen verballern, schliesslich haben wir unsere Kinder bereits grossgezogen. Doch die wenigsten von uns tun das, und schon gleich gar nicht dann, wenn die junge Familie uns braucht.

Dürfen wir dafür im Gegenzug erwarten, dass man unser Engagement wertschätzt und uns im Fall, dass wir uns Sorgen machen oder uns ärgern, zuhört? Ich meine, ja.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 26.10.2019, 21:07 Uhr

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