«Hätten Sie mit dem Religionslehrer Pornos besprechen wollen?»

In der Schule müsse anders über Pornografie gesprochen werden, fordert der Kinder- und Jugendpsychiater Alexander Korte. Doch das ist nicht immer unproblematisch.

Vor Pornografie bewahren kann sie keiner: Zwei junge Mädchen schauen sich gemeinsam etwas auf dem Smartphone an. (Bild: Getty Images)

Vor Pornografie bewahren kann sie keiner: Zwei junge Mädchen schauen sich gemeinsam etwas auf dem Smartphone an. (Bild: Getty Images)

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Ist es schlimm, wenn Jugendliche Pornos schauen?
Das kann man so generell nicht sagen. Man muss differenzieren. Einerseits spielt das Alter beziehungsweise der individuelle Entwicklungsstand eine Rolle, anderseits die Art der Pornos, also ob es sich um normale Pornos handelt oder um Devianz- und Gewaltpornos. Wobei sich natürlich die Frage stellt, wer darüber entscheidet, was «normale» Pornos sind.

Was sind die möglichen negativen Auswirkungen?
Es gibt eine irrsinnige Menge an Untersuchungen dazu, aber das Frustrierende ist, dass zentrale Fragen nicht beantwortet werden können, weil es zu jeder Studie eine andere Studie gibt, die gegenteilige Befunde liefert. Es gibt leider keine einfachen, allgemeingültigen Antworten. Man kann einzig sehr vorsichtig formuliert sagen, dass Gewaltpornos für bestimmte Jugendliche negative Auswirkungen haben können.

Welche Kinder und Jugendlichen sind gefährdet?
Aus der Medienwirkungsforschung weiss man, dass es die emotional Deprivierten sind, also Kinder und Jugendliche, die emotional vernachlässigt sind, körperlich misshandelt oder sexuell missbraucht wurden. Aber das sind nur Hypothesen, die schwer zu beweisen sind.

Warum ist das so schwierig?
Das Problem ist, dass man Kindern keine Pornografie und schon gar keine Gewaltpornografie zeigen darf, auch nicht zu Studienzwecken. Ausserdem ist es schwierig bis unmöglich, Kausalitäten nachzuweisen. Es könnte ja zum Beispiel sein, dass Jugendliche, die ohnehin eine sadistische Sexualpräferenz haben, vermehrt entsprechende Pornos im Netz suchen. Das ist sogar sehr wahrscheinlich. Es ist vermutlich ein Wechselspiel. Nach derzeitiger Studienlage besteht jedoch definitiv kein Anlass, mit Blick auf Gewaltpornografie Entwarnung zu geben. Anderseits liefert etwa die Kriminalitätsstatistik keine Beweise negativer Auswirkungen, sie zeigt keine Häufung von sexuellen Rohheitsdelikten unter Jugendlichen, ungeachtet davon, dass Gewaltpornos überall verfügbar sind.

Laut einer Zürcher Untersuchung haben viele junge Männer in der Schweiz Erektionsprobleme. Pornos sollen eine Ursache sein.
Starre Geschlechtsrollenmodelle, unrealistische Vergleichsmassstäbe und die Schönheitsideale der Mainstream-Pornos können zu Problemen führen – in Form von Leistungsdruck bezüglich der eigenen sexuellen Performance und Körperzufriedenheit. Sexuelle Funktionsstörungen können eine Folge davon sein. Losgelöst davon gibt es Untersuchungen, die nachzuweisen versuchen, dass häufiger Pornokonsum zu einer Desensibilisierung und einem Verlust von Empathie und Mitgefühl führen kann. Allerdings ist die Studienlage widersprüchlich.

Sie kommen im Klinikalltag aber ganz konkret in Kontakt mit Jugendlichen, die nachweislich ein Problem mit Pornos haben.
Ja, vor allem im Zusammenhang mit einem pathologischen Medienkonsum, also mit einer Form der Verhaltenssucht. Dass Pornos heute jederzeit konsumiert werden können, und zwar in allen möglichen Formen, spielt dabei natürlich eine Rolle. Aber darauf zu schliessen, dass Pornos generell ein Problem für die Allgemeinbevölkerung sind, wäre unredlich.

«Man könnte Pornos ganz neutral als Bereicherung des sexuellen Repertoires verstehen.»

Nur, weil man nicht beweisen kann, dass Pornos negative Auswirkungen auf die Entwicklung und das Verhalten von Kindern und Jugendlichen haben, heisst es nicht, dass es nicht welche gibt. Müsste man zur Sicherheit mit Sperren dafür sorgen, dass sie zumindest bis zu einem vertretbaren Alter keinen Zugang zu Onlinepornos haben?
Ich halte mehr von befähigender Prävention als von bewahrender Restriktion. Es geht darum, eine Medienkompetenz zu entwickeln und einen angemessenen Umgang mit Pornografie zu erlernen.

Wo soll man dies vermitteln? In der Schule?
Ja, allerdings sind Lehrer dafür meist eher ungeeignet.

Warum?
Hätten Sie mit Ihrem Religions- oder Biologielehrer das Thema Pornos besprechen wollen? Sicher nicht. Schon wegen der besonderen Beziehungskonstellation in der Schule wäre das unpassend. Nein, dafür sind Externe nötig, idealerweise junge Erwachsene, zum Beispiel Medizin- oder Psychologiestudenten oder entsprechend geschulte Peers, die näher an den Jugendlichen dran sind und gleichzeitig einen Erfahrungsvorsprung haben.

Man kann ja aber kaum in der Schule Pornos zeigen.
Stimmt, das stösst auf rechtliche Probleme. Erwachsene dürfen Jugendlichen Pornografie nicht zugänglich machen, mit einer Ausnahme: Wenn sie sorgeberechtigt sind, und dann auch nur mit pädagogisch motivierten Gründen. Nicht im Sinne von «Jetzt zeige ich meinem Burschi, wie man ordentlich eine Frau knallt», um das so salopp zu sagen. Aber diese Einschränkung ist Augenwischerei. Die Jugendlichen schauen die Pornos ja sowieso. Statt das Thema aufzugreifen, funktioniert Sexualunterricht aber oft nach dem Motto: Schlagen wir Seite 27 auf. Die Vagina. Oft geht es um sexuell übertragbare Krankheiten, «Achtung Gefahr, lasst die Sache lieber bleiben».

Was sollte man stattdessen tun?
Es geht vor allem darum, Jugendliche aufzuklären, wie man über seine sexuellen Bedürfnisse spricht und wie man verstehen kann, was der andere von einem möchte. Man sollte ihnen die Ideale der sexuellen Selbstbestimmung, der gegenseitigen Rücksichtnahme und die Toleranz zu sexueller Vielfalt vermitteln.

Anhand von Pornos?
Nein, ich glaube nicht, dass sich Pornos ernsthaft dafür eignen. Die meisten zeichnen sich ja durch eine Beziehungslosigkeit aus. Meist wird ja gar nicht geredet, und wenn, dann sind es irgendwelche Schwachsinnsdialoge. Ausserdem geht der männliche Darsteller zumeist nicht auf die sexuellen Bedürfnisse der Frau ein. Aber es gibt erste, vielversprechende neue Produktionen, zumeist von Frauen, die in eine ganz andere Richtung gehen. Im Gesamtumfang sind die jedoch im Promillebereich.

Und die können etwas Positives zur psychosexuellen Entwicklung der Jugendlichen beitragen?
Ich meine schon. Pornos, und ich meine damit ausdrücklich keine Gewaltpornos, könnten zum Beispiel einen Beitrag leisten zum Abbau sexueller Hemmungen und zur Überwindung von Schuldgefühlen, weil man bestimmte, vermeintlich abartige Praktiken mag. Man könnte Pornos ganz neutral als Bereicherung des sexuellen Repertoires verstehen und zur Steigerung des Lustempfindens.

Erstellt: 20.09.2019, 11:18 Uhr

Alexander Korte ist Leitender Oberarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum der Universität München und spricht am 21. September an der Fachtagung «Pornostress» in Zürich. Diese wurde initiiert vom «Mannebüro Züri», der PH Zürich, der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich sowie dem Zürcher Institut für klinische Sexologie und Sexualtherapie."

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