«Mental Load», darüber streiten Paare

Einkauf, Elternabend, Thek packen: Frauen leisten viel mehr unsichtbare Denk- und Delegierarbeit, so eine Studie.

Viele Männer sind im Haushalt eigentlich fleissige Helfer – sofern ihnen die Aufgaben auch zugeteilt werden. Foto: Alamy Stock Photo

Viele Männer sind im Haushalt eigentlich fleissige Helfer – sofern ihnen die Aufgaben auch zugeteilt werden. Foto: Alamy Stock Photo

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Brrrrr, kalt draussen. Passen dem Kleinen die Winterstiefel noch? Vielleicht müssen wir neue kaufen. Schaffe ich das morgen nach der Arbeit? Vielleicht kann es auch der Papa am Samstag machen. Muss ihn heute Abend fragen. Käse hats auch keinen mehr – nicht vergessen, die Grosse isst zurzeit nur Scheibenkäse. Brot, Milch und Obst brauchen wir noch. Und war nicht vorhin das Toilettenpapier fertig?

So denkt die Frau und Mutter auf dem Weg zur Arbeit. Die Sätze verstopfen die Synapsen und nehmen Platz weg. Platz, den sie verwenden könnte, um die Präsentation durchzugehen oder eine kreative Idee zu entwickeln. Doch da piepst schon die Klasseneltern-Whatsapp-Gruppe.

Für dieses Gedankenkarussell, das wahrscheinlich alle Eltern kennen, etabliert sich gerade ein neuer Begriff: Mental Load. Zu deutsch «mentale Last». Aber die, die darüber reden, bleiben lieber beim Englischen. Der Ausdruck bezeichnet etwas anderes als sämtliche unbezahlten Tätigkeiten rund um Kinderbetreuung, Erziehung, Haushalt und Pflege. Es geht nicht um die konkreten Aufgaben. Die lassen sich aufteilen und delegieren. Bei Mental Load geht es um das Gefühl, sich kümmern zu müssen. Doch wie teilt man Gefühle auf?

Wer geht nächste Woche zum Elternabend? Haben wir den Zettel, dass wir die Einladung bekommen haben, unterschrieben und der Tochter mitgegeben? Hat sie ihn bei der Lehrerin abgegeben? Muss ich nachher im Schulthek schauen. Der könnte eh mal wieder ausgeräumt werden.

Paare mit traditioneller Aufteilung – er arbeitet voll, sie ist nicht oder kaum berufstätig – haben weniger Probleme mit der Mental Load. Es ist klar, dass er das Geld verdient und sie sich um den Rest kümmert. Doch immer weniger Familien leben so. «In den meisten Partnerschaften gibt es viel zu wenig konkrete Absprachen und viel zu viele implizite Annahmen», sagt Patricia Cammarata, Berliner Autorin und Bloggerin. Sie ist im deutschen Sprachraum die Erste, die sich mit Mental Load beschäftigt hat.

Fifty-fifty ist oft eine Illusion

Das Unbewusste ist aber dummerweise sehr anfällig für Klischees – weswegen viele Frauen sich beim Satz «Es hat keinen Käse mehr» sofort zuständig fühlen und «Käse» auf den unsichtbaren Einkaufszettel in ihrem Kopf schreiben und sich ärgern, dass sich niemand drum kümmert. Der Comic «Fallait demander» («Man hätte fragen sollen») der französischen Cartoonistin Emma Clit, in dem die entnervte Frau versucht, die müden Kinder zu füttern und gleich­zeitig das Abendessen für die Gäste vorzubereiten, während der Mann hilflos danebensteht, brachte für Cammarata alles auf den Punkt.

Er illustriert, dass viele Männer im Haushalt fleissige Helfer sind – sofern ihnen Aufgaben zugeteilt werden. Sie sehen sich als Mitarbeiter und ihre Partnerinnen als Managerinnen. Im Job nennt man die, die alles managt, Chefin – und sie arbeitet meist nicht mehr voll am Projekt mit. In der Familie ist das oft anders.

Eine Studie der Soziologin Cornelia Koppetsch belegt, dass Frauen den Grossteil der unsichtbaren Denk- und Delegierarbeit tragen – auch bei Paaren, die sich für modern und gleichberechtigt halten. Fragt die Forscherin nach der Arbeitsteilung, geben sie stolz an: fifty-fifty. Je genauer Koppetsch nachfragt, desto weniger lässt sich diese Illusion aber aufrechterhalten: Frauen kümmerten sich noch immer eher darum, Putzkräfte und Nannys zu finden, zu ins­truieren und zu bezahlen. Männer korrespondierten mit der Autowerkstatt und dem Steuerberater. Natürlich sei auch Letzteres Aufwand: «Doch in einer Familie macht das im Vergleich zu dem, was rund um Kinder und Haushalt anfällt, wenig aus», sagt Koppetsch, die das Argument «Aber ich bin zuständig, das Auto vorzuführen» oft von Männern gehört hat.

Die Schweizer Genderforscherin Franziska Schutzbach drückte es in der «Tageswoche» so aus: «Väter sind oft gute Assistenten, aber viele sind nicht bereit, wirklich ins Cockpit zu kommen.»

Ich muss der Putzfrau noch das Geld hinlegen. Hoffentlich habe ich es passend. Und ihr sagen, dass sie mal wieder Fenster putzen soll. Ob unsere Babysitterin am Donnerstag Zeit hat? Ich möchte mal wieder ins Yoga, aber er hat auch einen Termin, glaube ich. Die Hecke muss auch geschnitten werden. Ob wir die nächsten Wochenenden dazu kommen? Oder sollte ich mich nach einem Gärtner erkundigen?

Die Frage ist nur, ob das Familienflugzeug überhaupt zwei Piloten gebrauchen kann. Was ist gewonnen, wenn zwei Köpfe überladen sind, man sich um dieselben Dinge kümmert und abends gemeinsam völlig erschöpft ins Sofa sinkt? Nicht viel. Ziel muss sein, die Verantwortung aufzuteilen – was jedoch wesentlich komplizierter ist, als Aufgaben hin- und herzuschieben. Bloggerin Cammarata empfiehlt Excel-Listen, Mindmaps, wöchentliche Meetings und eine monatliche Retrospektive.

Dabei ist Mental Load nur ein neuer Begriff für ein altes Phänomen: Die US-Soziologin Arlie Hochschild beschrieb es schon 1997. Eines ihrer – damals neuen – Konzepte war das der emotionalen Arbeit, also all die Energie, die Menschen aufwenden, damit es ihnen und ihren Liebsten gut geht. Wenig überraschend: Diese Arbeit wird vor allem von Frauen geleistet.

Mehr Toleranz fürs Chaos

Also noch einen weiteren Tab in der Exceltabelle aufmachen, für all die Gefühle? Und muss da jederzeit ein ausgeglichener Saldo herrschen? Manchen geht Cammarata mit ihren Tabellen und Listen viel zu weit. Doch viele Frauen sind erschöpft, während manche Männer denken, sie machen schon viel. «Wer aus diesem Dilemma raus will, muss einmal alle Erbsen vom Kofferpacken bis zur Impfauffrischung zählen», sagt Cammarata.

Verantwortung teilt man dann aber am besten nicht durch das Herumschieben einzelner Erbsen auf, sondern indem man bestimmte Bereiche komplett abgibt. Zum Beispiel könnte er alles rund um den Kindergarten von Kind 1 übernehmen, sie kommuniziert mit der Schule von Kind 2. Oder er kümmert sich um alles Medizinische – sie sortiert dafür regelmässig Kinderkleider aus. Eine Aufgabe wie «in der Kinderarztpraxis anrufen» hört sich im ersten Moment nach einer 30-Sekunden-Geschichte an. Erst wer tagelang immer wieder in der Warteschleife hängt, kapiert, was für ein nerviger Brocken Mental Load das sein kann.

Bleibt noch das «Aber mein Mann macht das nie richtig»-Problem, bei dem man das Augenrollen von Koppetsch fast durchs Telefon hören kann. Sie empfiehlt allen Frauen mehr Toleranz für chaotische Verhältnisse. Wer die nicht habe, sagt die Expertin ein wenig mitleidlos, «der muss eben ewig Hausfrau bleiben». Dass die Mutter eine Aufgabe, die sie tausendmal und der Vater noch nie erledigt hat, zunächst besser kann, ist logisch. Falls er der Meinung ist, dass ihre Ansprüche zu hoch sind, kann es helfen, Mindeststandards zu definieren: Wie hoch ist unser Budget für Kinderschuhe? Essen wir abends warm oder kalt? Ein Paar, das wirklich will, kriegt das hin – mit Toleranz, Gespräch und notfalls einer Strichliste.

Und irgendwann sitzt die berufstätige Mutter vielleicht in der S-Bahn, geht im Kopf noch einmal die Präsentation durch und bekommt eine SMS: «Gehe heute nach dem Abholen mit den Kindern Winterstiefel kaufen. Danach gibt es Lasagne!» Eine Nachricht so schön wie ein «Ich liebe dich».

Erstellt: 20.03.2019, 17:51 Uhr

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