Heilige Allianz gegen den Liberalismus

Wenn Papst Franziskus und Patriarch Kyrill heute in Havanna zusammenkommen, festigen sie eine konservativ-christliche Achse.

Havanna vor dem Papstbesuch: Die Flaggen von Vatikan und Kuba. Foto: Alexandre Menghini (Reuters)

Havanna vor dem Papstbesuch: Die Flaggen von Vatikan und Kuba. Foto: Alexandre Menghini (Reuters)

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Alle sprechen von einem historischen Treffen. Das ist gewiss. Schon deshalb, weil zwischen Rom und Moskau jahrhundertelang Eiszeit herrschte. Das Klima vergifteten mehr kirchen- und machtpolitische als theologische Konflikte. Zur Jahrtausendwende etwa die vatikanische Errichtung von vier katholischen Diözesen in Russland.

Vordergründig sind es pragmatisch-geopolitische Gründe, weshalb der Papst und der russisch-orthodoxe Patriarch erstmals zusammenkommen. Begründet wird der heutige Gipfel von Franziskus und Kyrill auf Kuba mit der Lage im Nahen Osten, in Nord- und Zentralafrika. Dort verübten Extremisten einen «wirklichen Völkermord» an Christen, sagt Metropolit Hilarion, der Aussenminister des Moskauer Patriarchats.

Beobachter sind sich einig, dass das Treffen mit dem Segen Putins zustande gekommen ist. Von den USA und den europäischen Staaten isoliert, hatte er sich im letzten Juni mit Franziskus getroffen. Dem Papst ist er dankbar, dass er im Ukrainekonflikt nur allgemein zu Frieden aufgerufen hatte, ohne die russische Aggression explizit zu verurteilen. Der Krieg in der Ukraine spaltet auch die dortigen Kirchen: die Moskau-treue orthodoxe Kirche und die mit Rom eng verbundene griechisch-katholische Kirche stehen sich feindlich gegenüber. Letztere drängte Papst Franziskus zu eindeutiger Parteinahme, was dieser aber unterliess.

Bedeutend – für wen?

Wenn darum Papst-Sprecher Federico Lombardi den heutigen Gipfel als «ausserordentlich bedeutendes Ereignis auf dem Weg der Ökumene und des Dialogs zwischen den christlichen Konfessionen» bezeichnet, muss man sich fragen: bedeutend für wen? Im konfessionellen Gefüge der Christenheit bringt die katholisch-orthodoxe Aussöhnung die reformatorischen Kirchen noch mehr ins Hintertreffen. Theologisch trennt die römisch-katholische und die russisch-orthodoxe Kirche wenig, beide aber viel von den Protestanten. Es waren Papst Johannes Paul II. und dann vor allem Benedikt XVI., die auf eine Aussöhnung drängten und den Gesprächen mit Moskau absolute Priorität einräumten.

Im Unterschied zu den reformatorischen Kirchen, die für Rom gar keine Kirchen im «eigentlichen Sinne» sind, behandelt sie die orthodoxen als ihre «Schwesterkirchen». Mit anderen orthodoxen Kirchen, vorab dem Ökumenischen Patriarchat in Istanbul, besteht seit den 60er-Jahren ein funktionierender Dialog. Doch die wichtigste und grösste der 14 orthodoxen Kirchen, die russische eben, verhinderte bisher die Aussöhnung. Mit dem Gipfel auf Kuba aber scheint der Weg frei zu einer heiligen Allianz gegen Liberalismus und westliche Dekadenz.

Tatsächlich gebärdet sich das russische Patriarchat staatstreu und antiwestlich. Putin bindet die orthodoxe Kirche geschickt in seine Politik ein. Er sieht in ihr einen starken Verbündeten im Kampf gegen den westlichen Wertezerfall. Die russisch-orthodoxe Kirche ist für ihn die Wiege der russischen Kultur und das Fundament der nationalen Einheit. In Russland spielt sie darum wieder eine tragende Rolle. Sie versteht sich selber als nationale Institution und lässt sich die Umarmung durch das Regime gerne gefallen. Für Patriarch Kyrill ist die Regentschaft Putins «ein Geschenk der Gottesmutter».

Zumal nach dem Staatsatheismus der Sowjetzeit, als die russisch-orthodoxe Kirche schlimmste Verfolgung erlebte und nur im Untergrund überlebte. Damals suchte sie ökumenische Anlehnung an die freien Kirchen der westlichen Welt. Besonders deutlich wurde das an der Ersten Europäischen Ökumenischen Versammlung von 1989 in Basel, nur Monate vor dem Mauerfall. Doch seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende der Bedrohung durch den Staatskommunismus hetzt das russische Patriarchat gegen das Wertesystem des liberalen Westens und gegen die Ökumene. Es führt einen Kreuzzug gegen die religiösen Minderheiten des Landes, vor allem gegen Protestanten und Evangelikale, die es gern als Sektierer etikettiert.

Patriarch Kyrill, seit 2009 an der Spitze der Kirche, wird nicht müde Frauenrechte und Homosexualität zu verurteilen. Unlängst hat er die Homo-Ehe als «apokalyptisches Signal der Selbstzerstörung» bezeichnet und den Feminismus als «sehr gefährlich» qualifiziert. Als Margot Kässmann 2009 zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt wurde, wollte das Moskauer Patriarchat seine Kontakte zu den Lutheranern kappen. Eine Frau in Führungsposition, obendrein eine geschiedene Bischöfin, sei mit den biblischen Prinzipien völlig unvereinbar. Bischöfin Kässmann ihrerseits hatte 2002 den Zentralausschuss des Weltkirchenrats aus Protest gegen die orthodoxen Kirchen verlassen, die sich – mit Erfolg – gegen ökumenische Gottesdienste sperrten.

Gegen Homo-Ehe und Individualismus

Das in Havanna angebrochene Tauwetter zwischen der römischen und der russisch-orthodoxen «Schwesterkirche» wird es den reformatorischen Kirchen schwer machen, ihren liberalen Positionen Gehör zu verschaffen. Das russische Patriarchat hat in Rom einen starken Partner gefunden, mit dem es sich gemeinsam gegen Frauenordination, Homo-Ehe und Individualismus wappnen kann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2016, 21:01 Uhr

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