Heimat ist für immer hier

Die Deutschen verlassen die Schweiz? Nicht alle. Ich bin einer, der bleibt – und sage warum.

Ob das passt? Deutsche Currywurst trifft auf Schweizer Rösti. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Ob das passt? Deutsche Currywurst trifft auf Schweizer Rösti. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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An Silvester beschlich mich wieder einmal dieses Gefühl: Ich feierte bei einem befreundeten Schweizer Paar mit Fondue ins neue Jahr. Auch anwesend war eine Journalistenkollegin, vor einem halben Jahr aus Hamburg in die Schweiz gezogen. Bald musste ich ihr die unausweichliche Frage stellen: «Und, fühlst du dich wohl hier?»

Sie habe sich gut eingelebt, antwortete sie. Und dann empfand ich diese Hoffnung, die ich öfter habe gegenüber Deutschen, die neu in der Schweiz sind: Hoffentlich wird sie sich hier so aufgehoben fühlen, wie ich es tue. Denn für mich ist die Schweiz in den letzten achteinhalb Jahren zu meinem Zuhause geworden. Und das wünsche ich den anderen Deutschen hier auch. Selbstverständlich ist es nämlich nicht.

Das Klima hat sich geändert

Es ist keine zehn Jahre her, da hiess es: «Die Deutschen sind da!» Und mit ihnen all die Probleme, die sich so auftun, wenn der Nachbar aus dem Norden kommt, um zu bleiben. Er nimmt «uns» Jobs und Partner weg, und Mundart kann man auch nicht mehr sprechen. Wohl nicht nur der «Blick» fragte damals: «Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz?» Das war das Klima, in dem ich hierhergekommen bin.

Der Ton hat sich letzthin geändert. «Hilfe, die Deutschen bleiben weg!», titelte der gleiche «Blick» vergangenen Sommer, und die Schweizer Redaktion der «Zeit» veröffentlichte Ende November das Porträt von drei exemplarischen Deutschen, die in der Schweiz nicht heimisch wurden und halb betupft, halb erleichtert in ihr Land zurückgekehrt sind. Wovon man wenig liest: von den Deutschen, die sich hier wohlfühlen und nicht an Rückkehr denken. Die in der Schweiz sogar eine neue Heimat gefunden haben. Es gibt sie: Ich bin einer von ihnen.

Ich hatte das Glück, unter günstigen Umständen in Zürich anzukommen: Eine internationale Branche und offene Kollegen haben dazu beigetragen, dass ich mich daheim fühle. Ich kam ohne Zehnjahresplan aus dem grenznahen Konstanz und vor allem: ohne Erwartungen. Das hat mich womöglich vor dem Scheitern bewahrt.

Ein eigener Stammtisch

Neulich besuchte ich ein befreundetes deutsches Paar, das vor kurzem aus dem «Ländle» an den Vierwaldstättersee gezogen ist. Schnell kamen wir auf die Unterschiede zwischen den Deutschen und den Schweizern zu sprechen. Es sind immer die gleichen Dinge, über die man dann redet: der Installateur, der nicht irgendwann zwischen 10 und 18 Uhr kommt, sondern genau um 10.15 Uhr, wie angekündigt. Der dann auch wirklich bleibt, bis alles funktioniert und er sich selbst davon überzeugt hat. Wir sprachen über die hohen Lebenshaltungskosten, natürlich. Aber auch über die Qualität, die man dafür bekommt. Deutschland steht im Ruf, das Land der Macher zu sein. Wenn das stimmt, ist die Schweiz das Land der Macher auf Steroiden.

Und doch, bei aller Bewunderung, bei allem «it just works»: Das Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen ist vielschichtig, manchmal sogar schwierig. Viele Deutsche haben von der Schweiz die naive Vorstellung, das Land sei eine Art herziger Fortsatz Süddeutschlands aus Käse und Schoggi. Dass man hierzulande anders spricht und tickt, wissen viele nicht. Wer sich länger in der Schweiz aufhält, wird mit diesen Unterschieden in Berührung kommen. Eignet man sich Wissen über die Differenzen an, hat man es leichter.

Andererseits leistet man der Völkerverständigung keinen Dienst, wenn man die Unterschiede hochstilisiert. Wer genau hinschaut, entdeckt beim Anderen die gleichen Sorgen, Tugenden und Eigenarten. Distanz wahren? Fragen Sie mal die Friesen. Gastlichkeit? Fahren Sie nach Bayern!

Wer genau hinschaut, entdeckt beim Anderen die gleichen Sorgen, Tugenden und Eigenarten.

Ich bin von einem jungen, gut ausgebildeten, urbanen Umfeld in Deutschland in ein ähnliches Milieu in der Schweiz übergesiedelt. Vor allem aber habe ich mich nicht in einer Expat-Bubble verkrochen: Ich bin im Quartier ins Yoga gegangen, habe im Netz nicht nach einem «Deutsche in der Schweiz»-Stammtisch gesucht, sondern meinen eigenen eröffnet, an dem Monat für Monat Kollegen ungeachtet ihrer Herkunft miteinander anstossen. Dazu kommt ein Umfeld, das mich zu meinem Glück zwang: Ich habe immer in Unternehmen gearbeitet, deren Belegschaften grösstenteils aus Schweizern bestanden. Die anderen Deutschen habe ich zwar wahrgenommen, aber nicht extra gesucht.

Und in meiner ersten Wohngemeinschaft stellten meine Mitbewohnerinnen gleich zu Anfang klar: «Wir sprechen für dich nicht extra Hochdeutsch!» So habe ich in kürzester Zeit nicht nur die Mundart verstanden (nur das «Wallisertiitsch» bereitet mir immer noch Schwierigkeiten; Schweizer Nichtwalliser versichern mir jedoch, das sei der Normalzustand), sondern bin darüber hinaus schnell in die kulturellen Feinheiten des Landes und seinen Alltag eingeführt worden.

Viele Deutsche, die das Leben in der Schweiz als herausfordernd empfinden, klagen über die Verschlossenheit der Schweizer. Allzu reserviert seien sie, nicht mal die Nachbarn könne man kennen lernen, und die Arbeitskollegen lüden einen sowieso nicht nach Hause ein. Man darf als Neuankömmling natürlich nicht erwarten, dass alle Schweizer – rheinländischen Frohnaturen gleich – sofort ihre Herzen und Wohnungstüren öffnen. Aber wer es versteht, sich ein wenig in Zurückhaltung und Beharrlichkeit zu üben, wird die Schweizer erobern.

Ein beliebter Einwand von Schweizern gegenüber Deutschen wiederum lautet, diese seien zu laut, zu besserwisserisch und zu vereinnahmend. Ich kenne die auch, nur: Menschen mit unangenehmen Eigenschaften gibt es überall. Doch es stimmt: Wer eine gewisse Diskretion pflegt, hat es in der Schweiz einfacher.

Glatteis Schweizerdeutsch

An einem bestimmten Tag, ich erinnere mich gut, fühlte ich mich sehr schweizerisch. Jetzt wäre der Moment gekommen, dachte ich, mit meinen Arbeitskollegen Schweizerdeutsch zu sprechen. Einige Freunde hatten mich zuvor dazu ermutigt, andere rieten mir davon ab. Am besagten Tag wollte ich meiner Integration Ausdruck verleihen. Ich holte tief Luft, sprach die zurechtgelegten Worte, und ... Stille. Meine Kollegen schauten mich an, als hätte ich in Zungen gesprochen. «Wie bitte?» Niemand hatte mich verstanden. Seitdem ist einige Zeit vergangen, und hin und wieder lasse ich einen schweizerdeutschen Teilsatz in Unterhaltungen einfliessen. Meist fällt das gar nicht mehr gross auf.

Wer sich als Deutscher am Schweizerdeutsch versucht, begibt sich aufs Glatteis: Ich denke immer, ich müsste es im Gegensatz zu jemandem, dem das Deutsch nicht in die Wiege gelegt wurde, 110 Prozent richtig machen. Mal abgesehen davon, dass ich gar nicht wüsste, welches Schweizerdeutsch ich denn sprechen sollte. Mein Kontakt mit Ostschweizern, Baslern, Bernern, Zürchern und Bündnern würde wohl unweigerlich zu einem schwer erträglichen Patois führen.

Die Schweizer, meist sogar eher die gut gebildeten, urbanen, zeigen sich oft übermässig kritisch und selbstreflexiv im Umgang mit ihrer Heimat: Nicht selten habe ich das Gefühl, da stelle jemand sein Licht unter den Scheffel. Das findet auch Ausdruck darin, wie sie ihre Sprache beurteilen. Viele Schweizer stellen ihre reichhaltige, schöne Sprache mit ihren farbigen Mundarten hinter das reine Hochdeutsch zurück.

Andererseits hilft es nicht, dass Deutsche gerne ihre Verzückung gegenüber dem Schweizerdeutschen und den darin angeblich allgegenwärtigen Diminutiven ausdrücken. Oder, wie es einer Schweizer Freundin von mir einmal passiert ist, anmerken, ihr Schweizerdeutsch verstünde man doch sehr gut – tatsächlich hatte sie aber Hochdeutsch gesprochen.

Bewunderung für den Kondukteur

Im Zug von Zürich nach Kreuzlingen: Ein junger Punk, roter Irokesenschnitt, Lederjacke mit allerlei Aufnähern und Parolen, schwere Stiefel, wie aus dem Bilderbuch, hatte keinen Fahrschein. Der Kondukteur machte sich daran, die Personalien aufzunehmen, doch der Punk sah seine Chance zur Auflehnung gegen das System und verweigerte sich jeglicher Kooperation. Er wollte seinen Namen nicht nennen, nicht sagen, woher er kam, und Papiere hatte er keine dabei.

Während man bei der Deutschen Bahn vermutlich längst eine Hundertschaft Bahnpolizei angefordert hätte, liess sich der Zugbegleiter nicht aus der Ruhe bringen. Und mit mir geschah etwas, was ich bis anhin selten erlebt hatte: Ich war nicht für den Underdog, sondern bewunderte den SBB-Angestellten für seine helvetische Gelassenheit. Hier lässt man den Punk also Punk sein, begegnet seiner Rebellion mit einem sanften Auflaufenlassen. Auch das ist eine Form der Akzeptanz des Andersartigen. So habe ich es auch oft genug erlebt in der Schweiz: Ob meines Deutschseins wurde kein grosses Aufheben gemacht. Zusammen mit meinem Willen, mich zu integrieren, hat es dazu geführt, dass ich nie Diskriminierung spürte.

Obwohl: Das stimmt nicht so ganz. Während mir das persönliche Umfeld zu verstehen gibt, dass ich hierhergehöre, sendet die Gesellschaft mitunter andere Signale. Hier wird meine linksliberale, urbane Filterblase zu einem schlechten Gradmesser dafür, wie «die Schweiz» wirklich denkt.

Ich fürchte jede Abstimmung, bei der es um uns Eingewanderte geht.

Am 28. Februar des vergangenen Jahres lud eine Schweizer Freundin zum gemeinsamen Abstimmungsschauen. Die Schweiz befand über die Durchsetzungsinitiative der SVP. Ich war mit einem unguten Gefühl aufgestanden und blickte mit einiger Nervosität dem Abstimmungsergebnis entgegen. Da sassen wir also, ich der einzige Ausländer, der einzige, den die Durchsetzungsinitiative hätte treffen können. Als die Ablehnung feststand, waren meine Kollegen genauso erleichtert wie ich.

Ich fürchte jede Abstimmung, bei der es um uns Eingewanderte geht. Die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative nahm ich persönlich: Man wollte mich nicht hier haben. Dieses diffuse Gefühl der Ablehnung, weil man Ausländer ist, lässt sich jemandem, der nicht davon betroffen ist, schwer vermitteln. Ich habe damals lange mit Kollegen gestritten: Ich sei ja nicht gemeint, es würde sich nichts ändern, und überhaupt, ich sei bestens integriert. Was sie nicht verstehen konnten: Jedes Votum gegen uns, die Zugereisten, ist auch ein Schlag gegen mich. Auch jetzt, wo sich die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative konkretisiert, wird mir bange: Werde ich bei einem Stellenwechsel noch eine Anstellung finden? Und wenn nicht: Muss ich dann weg aus der Schweiz?

Es würde mir schwerfallen. «Home is where the heart is», lautet ein Sprichwort. Und das ist für mich immer hier.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2017, 23:20 Uhr

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