Helikopter-Eltern mit Flugangst

Ist es in Ordnung, kleine Kinder alleine im Flugzeug oder im Zug reisen zu lassen?

«Unaccompanied Minors»: Kinder ab fünf Jahren dürfen bei der Swiss alleine mitfliegen.

«Unaccompanied Minors»: Kinder ab fünf Jahren dürfen bei der Swiss alleine mitfliegen.

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«Gehts noch?!» Die Debatte brach in den Ferien plötzlich über die Elternrunde herein wie ein Sommergewitter. «Niemals würde ich mein Kind alleine in ein Flugzeug setzen.» Zuvor hatte man über dies und das geplaudert, doch als plötzlich die Rede von «Unaccompanied Minors» war, wie alleine reisende Kinder im Fachjargon heissen, gingen die Emotionen hoch.

Denn längst sind es nicht nur Sprösslinge des Hoch- oder Geldadels, die solo um die Welt jetten. Die grösste Zahl der UMs sind Kinder, die in die Schulferien verreisen – und es werden immer mehr. Letztes Jahr sind rund 8700 alleinreisende Kinder mit Swiss geflogen. Steigende Mobilität, sinkende Ticketpreise und immer mehr binationale Paare und Scheidungen sind die Gründe dafür.

Keine Cockpit-Besuche

Nicht alle Fluggesellschaften handhaben die kleinen Passagiere gleich. Bei Easyjet etwa dürfen Kinder, die 13 Jahre alt oder jünger sind, nur in Begleitung eines mindestens 16-Jährigen reisen. Das Angebot der Swiss, so googelte jemand aus der Runde geschwind, sieht aktuell so aus: Kinder im Alter von 5 bis 11 Jahren dürfen alleine reisen, wenn Sie den Begleit¬service buchen (Kostenpunkt bei einem Europaflug 60 Franken, interkontinental kostets 100 Franken). Ein Elternteil bringt das Kind zum Check-in. Dort wird es vom Flughafenpersonal abgeholt und durch Pass- und Sicherheitskontrollen zum Gate eskortiert. Der Elternteil muss am Flughafen bleiben, bis das Flugzeug gestartet ist. Dann nimmt eine Flugbegleiterin das Kind an Bord in Empfang und betreut es während des Fluges, wobei Cockpitbesuche nicht vorgesehen sind. Nach der Landung übernimmt Bodenpersonal das Kind am Gate und führt es durch Pass- und Zollkontrolle. Die Abholperson muss pünktlich im Terminal erscheinen und sich ausweisen können.

So weit, so beruhigend. Das Kleingedruckte des auszufüllenden Betreuungsformulars sorgte jedoch wieder für Aufregung: «Sollte das Kind nicht wie angegeben abgeholt werden, so ermächtige ich hiermit die Luftverkehrsgesellschaft(en), die Massnahmen zu treffen, die sie im Interesse einer sicheren Obhut des Kindes für notwendig erachtet(n), einschliesslich der eventuellen Rückbeförderung des Kindes an den Ausgangsflughafen.»

Allein im Zug

«Was, wenn mein Fünfjähriger in Bangkok strandet?», ereiferte sich jemand am Tisch: «Die haben ja nicht mal das Gepäck im Griff!» «Das Einzige, was passieren kann», erwiderte ein anderer, «ist ein Flugzeugabsturz. Und den könntest du nicht verhindern, auch wenn du mitfliegst.» Doch so leicht gab sich die angesprochene Mutter nicht geschlagen. «Wenn mein Kind abstürzt, wär ich auch lieber tot.»

Darauf herrschte Stille – bis jemand von einer Freundin erzählte, die ihren damals Achtjährigen mit einem Handy ausgerüstet von Freiburg nach Basel in den Zug gesetzt habe, wo der Vater auf den Sohn wartete. Sofort gings wieder los: «Unverantwortlich!» Bei den SBB gebe es ja nicht einmal entsprechendes Personal, das das Kind begleite. Und was, wenn der Kleine zu früh aussteige? Von Pädophilen und anderem Gesindel ganz zu schweigen!

Eine deutsche Mutter nickte und sagte, dass sie stets persönlich in die Schweiz jette, um ihr Kind beim Vater für die Deutschlandferien abzuholen. Jemand anders höhnte darauf: «Vertrauen ist gut, gell, aber Kontrolle besser!» So war man beim Stichwort Helikoptereltern angelangt, wobei der abgelutschte Begriff hier doch sehr passend ist.

Erstellt: 28.07.2015, 13:14 Uhr

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