«Herr Professor, wie gefährlich ist Mikroplastik im Darm?»

Kunststoff im Stuhl – eine Studie geht um die Welt. Überraschende Einschätzungen dazu von ETH-Chemiker Bernhard Wehrli im Interview.

«Toxikologisch ist darüber erst wenig bekannt»: Mikroplastik in einer Wasserprobe aus dem Mittelmeer.

«Toxikologisch ist darüber erst wenig bekannt»: Mikroplastik in einer Wasserprobe aus dem Mittelmeer. Bild: Reuters

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Herr Wehrli, eine Pilotuntersuchung hat zum ersten Mal Mikroplastik in menschlichen Ausscheidungen nachgewiesen. Was sagen Sie zu diesem Ergebnis?
Es überrascht mich nicht. Es hätte mich überrascht, wenn man nichts gefunden hätte.

Wie das?
In Zahnpasta wird schon lange Plastikschleifmittel eingesetzt. Dementsprechend landet das darin enthaltene Mikroplastik seit Jahren in unserem Darm. Ebenso essen wir seit Jahren aus Plastikgeschirr und aus Plastikverpackungen. Neu liegt der Fokus der Studie auf Letzteren – die Probanden haben Lebensmittel verzehrt, welche mit Mikroplastik in Kontakt waren.

Im Stuhl der Probanden wurden vor allem Polypropylen, auch PP genannt, und PET gefunden.
Genau. Das sind typische Verpackungsmaterialien von Lebensmitteln oder Getränken. Die Industrie verwendet sie seit Jahren, und bis heute sind sie schwierig zu ersetzen. Diese Materialien sind auch äusserst effizient als Verpackungen.

Aber auch gefährlich, oder?
Ich gehe nicht davon aus, dass Mikroplastik gefährlich für uns ist.

Aber das ist doch gerade der Tenor in den Medien…
Ich bin kein Mediziner oder Toxikologe. Aber ich bin Chemiker. Und als Chemiker kann ich sagen: PET ist ein Feststoff. Es ist resistent gegen Säure, auch gegen Magensäure. Das Mikroplastik löst sich also nicht auf, wenn es durch unseren Verdauungstrakt geht. Zudem sind Verpackungen, blieben sie denn in kleinen Partikeln an Lebensmitteln kleben, sehr sauber.

In einigen Studien wird aber von einem gefährlichen Biofilm gesprochen, Bakterien die sich auf Mikroplastik ablagern und mit diesem in unseren Körper gelangen.
Solche Biofilme können sich doch überall bilden! Auf Fleisch zum Beispiel, auf Fisch, auf unserer eigenen Haut, in unserem Rachen. Die Frage ist nur, ob ein Biofilm Krankheitserreger enthält oder nicht. Das hat nicht speziell mit Mikroplastik zu tun.

«Toxikologisch ist bisher wenig bekannt über die tatsächliche Wirkung von Mikroplastik. Vieles ist Spekulation.»Prof. Bernhard Wehrli, ETH Zürich

Und was ist mit jenen Partikeln, die durch die menschliche Zellmembran dringen können? Bei Tieren wurde offenbar Plastik auch im Blut oder in der Leber gefunden.
Das sind Nanopartikel, keine Mikropartikel. Generell gilt: je kleiner, desto problematischer. Aber typisches Mikroplastik besteht aus Partikeln, die maximal fünf Millimeter gross sind. Das reicht nicht, um die Zellmembran zu durchdringen. Nanopartikel hingegen sind bis ein millionstel Millimeter klein. Die können das.


Video: Plastik im Meer

Laut dem WWF gibt es im Mittelmeer Rekordmengen von Mikroplastik. Video: SDA


Trotzdem wurden in Studien Anzeichen dafür gefunden, dass Mikroplastik bei Muscheln den Magen-Darm-Trakt schädigen kann. Unter anderem, weil es Entzündungsreaktionen begünstigt.
Es gibt aber genauso Studien, welche solche oder ähnliche Effekte relativieren, kleinere Effekte als vermutet finden oder auch gar keine. Toxikologisch ist bisher wenig bekannt über die tatsächliche Wirkung von Mikroplastik. Vieles ist Spekulation.

Die Wirkung auf den Menschen hin oder her, in verschiedenen europäischen Ländern wurde Mikroplastik in Kosmetika verboten. In der Schweiz noch nicht. Ergibt es Sinn, freiwillig auf plastikhaltige Produkte zu verzichten?
Ja. Auch ohne Verbot haben in der Schweiz viele Grossverteiler das Mikroplastik in den Produkten mit biologisch abbaubaren Alternativen ersetzt. Denn es ergibt keinen Sinn, die Umwelt mit Plastik zu belasten.

Können Sie ein Beispiel einer Alternative nennen?
Bei Peelings werden Körner aus Mikroplastik durch holzige Substanzen ersetzt, durch Obstkerne etwa. Aprikosenkernpulver hat einen ähnlichen Effekt wie ein herkömmliches Peeling. Dass man damit die Plastikbelastung herunterfahren kann, ist super!

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Was halten Sie von Verboten?
Damit muss man vorsichtig umgehen. Verbote ergeben erst Sinn, wenn es gute Ersatzprodukte gibt. Für Firmen hat das den Vorteil, dass sie dann sogenanntes «green marketing» betreiben können. Ein klassisches Beispiel ist etwa Waschmittel. Phosphat wurde als Inhaltsstoff verboten. Doch es gab Alternativen. Die neuen Waschmittel ohne Phosphate waren sogar besser als die alten mit. Der Anreiz, zu phosphathaltigen zurückzukehren, war also gleich null.

«Der Elefant im Raum sind Einwegverpackungen. Da müssen wir auch in der Schweiz etwas ändern.»
Prof. Bernhard Wehrli, ETH Zürich

Was halten Sie von Zero-Waste-Läden?
Die finde ich toll. Das ist eine Pionierleistung. Denn wir verbrauchen viel zu viel Plastik. Der Energieverschleiss bei der Entsorgung ist enorm. Man muss überlegen, wo man mit solchen Ideen den Anschluss an den Mainstream findet. Bei Bioprodukten ist das gelungen. Ich glaube, dass Zero-Waste-Läden Vorbilder sein können. Sie können Grossverteiler beeinflussen, sodass diese irgendwann mitziehen müssen.

Wie schädlich ist denn Mikroplastik im Vergleich zu Hormonen und Pestiziden, die sich in unserer Umwelt finden?
Hormone und Pestizide sind bis zu 100’000 Mal schädlicher. Denn diese haben eine biologische Wirkung, sie wurden ja genau dafür entwickelt. Sie sind löslich und werden leicht aufgenommen. Das ist auch die wesentliche Problematik im Vergleich zu Plastik oder Mikroplastik.

Die Pilotuntersuchung lässt vieles offen. Trotzdem: Welche Implikationen sehen Sie? Was muss jetzt passieren?
Es passiert bereits viel. Die EU beschliesst gerade ihre Plastikstrategie. Geplant sind unter anderem Verbote von Plastikbesteck und -geschirr, Trinkhalmen, Getränkerührstäbchen und Wattestäbchen. Das sind aber eher symbolische Massnahmen – dafür gut sichtbar. Doch die EU will auch das Recycling verbessern, was tiefer greifende Massnahmen beinhaltet. Der Elefant im Raum bleiben aber Einwegverpackungen. Da müssen wir auch in der Schweiz etwas ändern.

Zusammenfassend: Müssen wir uns aufgrund der Untersuchungsresultate nun Sorgen machen oder nicht?
Ach, da gibt es noch genügend andere Dinge, die Ihnen zuerst Sorgen machen sollten! Wenn Sie ein Seevogel wären, dann müssten Sie sich Sorgen machen. Seevögel fressen Plastik und verfüttern es an ihre Jungen. Damit befinden sie sich in akuter Gefahr. Denn Plastik im Magen lässt sie verhungern. Aber für Menschen gilt: Angst – nein. Plastikarm leben? Ja, unbedingt! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2018, 11:56 Uhr

Prof. Bernhard Wehrli


Bild: Alessandro Della Bella / ETH Zürich

Bernhard Wehrli ist Professor für Aquatische Chemie und Studienrektor am Departement für Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich. An der Eawag leitet er eine Arbeitsgruppe im Zentrum für Ökologie, Evolution und Biogeochemie. In seiner Forschung beschäftigt sich Wehrli unter anderem mit der Quantifizierung von Kreisläufen aus Kohlenstoff, Nähr- und Schadstoffen in Flüssen und Seen. Mit seinem Team untersucht er Gewässersysteme in Europa und Afrika und versucht Lösungen für das Gewässermanagement zu erarbeiten.

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