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«Hesch e Minute für e gueti Sach?»

Die Leute, die Mitglieder für NGOs anwerben, stehen oft auf der Lohnliste einer Marketingagentur, die nichts mit den Zielen ihres Auftraggebers zu tun hat. Eine Organisation hat gemerkt, dass es auch anders geht.

Das Hilfswerk Helvetas rechnet dank einer Agentur für dieses Jahr mit 6000 bis 7000 neuen Mitgliedern: «Jedes Mitglied, das auf der Strasse angeworben wird, spendet im Durchschnitt 130 Franken pro Jahr und bleibt während fünf bis sieben Jahren Spender», sagt Fundraisingleiter Stefan Stolle der Nachrichtenagentur SDA.

Auch Caritas Schweiz und der WWF arbeiten mit Vermittlern. Caritas hat laut Sprecher Grégoire Praz nicht die Mittel, um eine eigene Equipe auf die Strasse zu schicken. Und Amnesty International (AI) akquiriert jährlich 5000 bis 10'000 neue Mitglieder. «Für jeden investierten Franken bekommen wir drei zurück», sagt AI-Marketingleiter Paul Tschurtschenthaler.

«Weniger Beschwerden von Mitgliedern»

Greenpeace hingegen geht einen anderen Weg und verzichtet auf eine Agentur. Vor zwei Jahren hat die Umweltorganisation eine neunjährige Partnerschaft beendet und schickt nun ihre eigenen Leute zum Anwerben von Neuspendern auf die Strasse.

«Seither haben wir viel weniger Beschwerden von Mitgliedern und weniger falsche Informationen im Umlauf», sagt Mediensprecherin Françoise Minarro. Greenpeace geht davon aus, dass sich der Wechsel gleich doppelt bezahlt macht – sowohl finanziell als auch in Bezug auf das Image.

«Ein wirklich harter Job»

Eigene Freiwillige auf Mitgliederjagd schicken mögen die anderen Hilfswerke jedoch nicht. Sie würden von anderen Aktionen schon genug beansprucht, heisst es etwa bei Amnesty. Und Stefan Stolle von Helvetas sagt unumwunden: «Das ist ein wirklich harter Job – man muss extrem motiviert sein.»

Ehemalige Dialoger – so werden die Mitarbeiter am Infostand im Fachjargon genannt – bestätigen die Härte des Geschäfts. Eine Ehemalige erzählt, sie habe das Handtuch nach einem Monat geworfen. Sie habe keine fünf Personen pro Tag dazu bringen können, ein Formular für ein Lastschriftverfahren auszufüllen – und habe damit das Ziel nicht erreicht.

«Mein Supervisor sagte mir dann, ich sei zu nett – man müsse verkaufen», erzählt sie. Es gibt aber auch andere Beispiele. Ein ehemaliger Student, der während vier Jahren Teilzeit für eine Agentur Neuspender angeworben hat, bezeichnet die Arbeit als «gute Verkaufserfahrung».

750 Franken Fixlohn pro Woche

«Ein Dialoger bleibt im Durchschnitt drei Wochen bei uns», sagt Baldwin Bakker, Geschäftsführer der Fundraisingagentur Corris, die sich als Marktführerin in Sachen Standaktionen bezeichnet. Der Fixlohn beträgt gemäss Bakker 750 Franken pro Woche. Doch mit Zulagen für Erfahrung und Anzahl rekrutierter Neuspender steige das durchschnittliche Monatssalär bis auf 4500 Franken.

Laut Bakker führt seine Agentur jährlich je eine Kampagne für ihre rund 20 Kunden durch. Corris hat aber Konkurrenz, etwa seitens des Basler Instituts Imis oder der Zolliker Firma Wesser und Partner. Wie viel es kostet, die Corris-Dienste in Anspruch zu nehmen, will Bakker nicht sagen; auch die Partner sind zum Stillschweigen verpflichtet.

Kritiker befürchten Imageschaden

Für die Dienste der Basler Agentur Imis zahlt Pro Natura etwa eine Million Franken pro Jahr, wie deren Sprecher Nicolas Wüthrich letzten Herbst im Westschweizer Fernsehen sagte.

Antoine Kernen, Politologe an der Universität Lausanne, beobachtet diese Entwicklung mit Unbehagen. Die Mitgliedschaft bei einer NGO verkomme zu einer Ware, sagt er. Er befürchtet einen «immensen Imageschaden».

«Du arbeitest für eine NGO – aber auch für deinen Bonus»

Auch Jean-Christophe Schwab, AI-Mitglied und Waadtländer Grossrat, hat Bedenken. Diese Art der Mitgliederwerbung «schiesst am Ziel vorbei – am Ziel nämlich, die moralische Unterstützung eines Mitglieds zu gewinnen».

Auch einzelne Dialoger machen sich so ihre Gedanken. «Ich hatte den Eindruck, die Leute zu betrügen», sagt eine Frau. Ein anderer Dialoger: «Es ist ambivalent – du arbeitest für eine NGO, aber auch für deinen Bonus.»

SDA/lcv

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