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Hochsensibel im Grossraumbüro

Sie nehmen Geräusche und Gerüche überaus stark wahr. Das stellt Hochsensible im Beruf vor Probleme. Oder ist alles nur eine Modediagnose?

Unverstanden und überfordert: So fühlen sich viele Hochsensible im Büro. Foto: Keystone
Unverstanden und überfordert: So fühlen sich viele Hochsensible im Büro. Foto: Keystone

Das Aftershave des Kollegen riecht ekelhaft? Das Tastaturgeklimper dröhnt in den Ohren? Das Gekicher vom Gang raubt die Konzentration? Dann sind Sie vielleicht hochsensibel – und endlich nimmt man sich Ihrer Eigenschaft an. Die erobert nämlich gerade die Öffentlichkeit. Der Buchmarkt wird geflutet mit Ratgebern, es bilden sich Selbsthilfegruppen, Coaches wittern eine neue Zielgruppe.

Worum geht es? Hochsensibilität beschreibt die Eigenschaft, dass das Gehirn äussere Reize stärker als gewöhnlich wahrnimmt – Gerüche, Geräusche, Geschmäcker und sogar Gegenstände. Hochsensible Menschen verarbeiten diese Reize anders als Normalsensible, bei ihnen kommt sozusagen ein sechster, siebter oder gar achter Sinn dazu. Diese Fähigkeit kann Vorteile haben, aber auch Nachteile: So erfordere die starke Wahrnehmung über die Sinne häufig, sich umzustellen, heisst es, um unter der Reizüberflutung nicht zu leiden, gar krank zu werden.

Die amerikanische Psychologin Elaine Aron beschrieb das Phänomen erstmals 1997, Fachkollegen und psychologische Laien reichern es seitdem mit (teilweise positiven) Erkenntnissen an: Hochsensible gelten demnach als besonders einfühlsam, sie hätten ein reiches Vorstellungsvermögen, seien geschickt darin, intensive Beziehungen aufzubauen, sie könnten Dinge aus unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachten. Schön für sie, mag man entgegnen, aber wo liegt das Problem?

Sie machen oft Überstunden

Offenbar darin, dass solche Gaben einem überall im Weg stehen können, vor allem in der Arbeitswelt. «Hochsensibel im Beruf – Wie du dank deiner Empfindsamkeit erfolgreich wirst» heisst ein neues Buch, das sich mit der Thematik auseinandersetzt. Die Arbeitswelt sei, sagt dessen Autorin Anne Heintze, eine besondere Herausforderung für Hochsensible. Dort komme es darauf an, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen, in kurzer Zeit Entscheidungen zu treffen – Eigenschaften, die vielen zartbesaiteten Menschen schwerfielen.

Hochsensible schöpfen ihr Potenzial nicht aus, «weil sie ständig damit beschäftigt sind, sich vor Reizen zu schützen».

Anne Heintze, Autorin

«Hochsensible Menschen neigen dazu, alles sehr genau zu bearbeiten, und benötigen daher oft mehr Zeit», so Heintze. Die Folge: Sie hinken den Erledigungen hinterher oder müssen häufig Überstunden ableisten. Ihre Feinfühligkeit passe nicht in den oft rauen Firmenalltag.

Vielen machten Grossraumbüros zu schaffen, das ständige Kommen und Gehen, die Geräusche und Ablenkungen. Doch zuzugeben, dass Hektik und Lärm stressen, werde schnell als Schwäche gedeutet. Wer besonders empfindsam ist, werde als Weichei geschmäht. Dabei seien Hochsensible durchaus belastbar und leistungsstark, lautet Heintzes These, man müsse ihre Eigenschaften nur richtig zu nutzen wissen: Sie könnten mehr Informationen aufnehmen als ihre Mitmenschen und Dinge registrieren, die anderen entgingen. Dieses Potenzial schöpften sie aber nicht aus, «weil sie ständig damit beschäftigt sind, sich vor Reizen zu schützen». Um diesen Widerspruch dreht sich ihr Buch.

Die Wissenschaft ist gespalten

Das Thema ist unter Wissenschaftlern umstritten. Es existiert weder eine einheitliche Definition noch ein anerkanntes Verfahren, mit dem sich Hochsensibilität zweifelsfrei feststellen liesse. Hochsensibilität sei «eine Art Omnibus-Begriff, in dem viele unterschiedliche Dinge stecken können», sagt der deutsche Psychologe Siegfried Gauggel. Auch entsprechende Zahlen schwanken: Einigen – teils selbsternannten – Experten zufolge tritt Hochsensibilität bei 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung auf; andere gehen von einem bis drei Prozent aus.

Für manche Kritiker ist all das Ausdruck für die befremdliche Suche westlicher Gesellschaften nach immer neuen psychischen Krankheitsbildern. Allein der esoterische Touch – etwa zartfarbene Buchcover mit Federn, Pusteblumen oder Regenbogen – macht es ihnen schwer, dem Thema etwas Seriöses abzugewinnen. Sie sprechen von Aufmerksamkeitshascherei, von einer typischen Modediagnose, die Menschen zupasskomme, die weder belastbar noch kritikfähig seien.

Vor einem Jahrhundert spukte etwa die «Hysterie» durch Arztpraxen (und trug als Krankheitsbild sehr zur Bekanntheit eines gewissen Sigmund Freud bei). In jüngeren Jahren kamen Borderline, ADHS, Burn-out auf – alles Erscheinungen, die sicherlich existieren, bei denen man sich aber fragen muss, ob sie einfach Teil der vielfältigen menschlichen Natur sind und ob man sie als Phänomen oder gar Krankheit qualifizieren muss. Für Skeptiker fallen sie unter «Probleme der Ersten Welt», also saturierter Gesellschaften, die das Alltägliche leidenschaftlich gern problematisieren.

Nicht in die Opferrolle drängen

Doch egal, ob Hochsensible tatsächlich unter Reizüberflutung leiden oder sich das bloss einbilden – das Thema greift um sich. Und so versuchen seriöse Autoren wie Anne Heintze, den Nebel, der es umwabert, zu lichten. Sie geht eher anti-esoterisch vor, sie will Betroffene und Interessierte nicht in eine Opfernische drängen, in der sie es sich mit Selbstmitleid bequem einrichten können («Ich fühle mich häufig unverstanden») oder gar Privilegien einfordern.

Heintze gibt stattdessen Ratschläge, wie man beruflich das Beste aus solchem Empfinden holt, wie man Karriere macht wegen und nicht trotz Hochsensibilität. Empfindsamkeit müsse keine Bürde sein, vielmehr sei sie eine Kraftquelle. Ihr geht es darum, «die Feinfühligkeit als eine Gabe anzuerkennen und das enorme Potenzial, das darin liegt, schätzen zu lernen».

Oft in kreativen und künstlerischen Berufen

Der US-Forscherin Elaine Aron zufolge arbeiten Hochsensible überdurchschnittlich oft als Geistliche, Autoren, Historiker, Philosophen, Richter, Künstler oder Forscher. Sie haben ein hohes Qualitätsbewusstsein, sind häufig sehr kreativ, ganzheitlich denkend, vernetzend. Und sie lieben es, Dinge zu optimieren. Andererseits stehen sie sich wegen ihres Hangs zu Perfektionismus und Detailverliebtheit oft selbst im Weg. Da ihnen Hierarchien, Routinen und Kontroversen selten geheuer sind, bevorzugen sie die Freiberuflichkeit. Denn die Arbeitsbedingungen müssen passen: Angenehme Kollegen, ein positives Klima, vielfältige Arbeit, fairer Umgang – all das ist ihnen wichtiger als Karriere oder Lohn.

Ihre Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, prädestiniere Hochsensible für menschenbegleitende Arbeit.

Bei idealer Arbeitsatmosphäre, sagt Heintze, könnten sie ihre Gaben ausschöpfen und ihre Aufgaben überdurchschnittlich gut erfüllen. Aber genau das passiere nicht; in Unternehmen würden sie eher an den Rand gedrängt – verschenktes Potenzial, fehlgeleitete Produktivität. Umso mehr komme es eben auf ein gutes Personalwesen an. Ihre Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, prädestiniere Hochsensible für menschenbegleitende Arbeit. Als Führungskräfte würden sie oft die Begabung als Brückenbauer im Team mitbringen, als Ansporner zu guten Leistungen, so Heintze.

Was bei all diesen Argumenten freilich fehlt, sind Zahlen und Daten, die sie unterfüttern. Ein Phänomen, das sich schwer qualifizieren lässt, kann man erst recht nicht quantifizieren. So hat man es vorerst mit einer ziemlich subjektiven Angelegenheit zu tun. Ob es sich um eine Modediagnose handelt oder um eine Erscheinung, die man ernst nehmen sollte, weil es das kollegiale Miteinander erleichtert, wird man erst in ein paar Jahren wissen: Entweder spricht dann niemand mehr davon, oder es hat sich als Forschungsgebiet etabliert. Bis dahin kann man die Sache ja aufgeschlossen, aber skeptisch beobachten.

Anne Heintze: Hochsensibel im Beruf – Wie du dank deiner Empfindsamkeit erfolgreich wirst. mvg, München 2019. 224 S., ca. 27 Fr.

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