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«Ich entschied mich für Metzger, da ich gern Fleisch esse»

Milenge Bulambo flüchtete als Kind aus dem kriegsversehrten Kongo in die Schweiz. Heute arbeitet er als Metzger bei einem Grossverteiler und ist dort in der Angestellten-Kommission aktiv tätig.

«Dä chunt no drus!»: Milenge Bulambo bei der Arbeit.
«Dä chunt no drus!»: Milenge Bulambo bei der Arbeit.
Keystone

Es ist jedes Mal dasselbe: Ich stehe vor dem Tresen und lasse mir vom Metzger das ideale Fleisch für den geplanten Vitello tonnato erklären. Ich kanns mir einfach nicht merken: Laffe oder Stotzen? Unterspälte oder Huft? Der freundliche Mann, der so sachkundig über die verschiedenen Fleischstücke Auskunft gibt, heisst Milenge Bulambo. Und er ist schwarz. «Dä chunt no drus!», raunt die Frau neben mir, halb anerkennend, halb ungläubig.

Der Kongolese Milenge Bulambo, 1985 geboren, kam mit vierzehn als Kriegsflüchtling in Schweiz. Er stammt aus Süd-Kivu in der Demokratischen Republik Kongo, der ehemaligen Kronkolonie des belgischen Königs Leopold II. Dem Ende der Kolonialmacht folgte 1960 die über drei Jahrzehnte dauernde Diktatur Mobutus. Sein Sturz wiederum markierte den Beginn einer Serie von Kriegen zwischen Rebellentruppen, in die sich auch afrikanische Staaten einmischten und die bis 2008 5,4 Millionen Menschen das Leben kosteten. Gegenwärtig versucht Joseph Kabila, Sohn des 2001 ermordeten Laurent Kabila, das Land zu befrieden.

Widerstand gegen Mobutu

Milenge Bulambo gehört zum Stamm der Lega aus der Provinz Süd- Kivu im Osten des Landes, die zu jenen Gebieten gehört, die im Kongokrieg am stärksten von den Massakern und Vergewaltigungen an der Zivilbevölkerung betroffen waren. Sein Vater war Primarlehrer in der kleinen Provinzstadt Kamituga. Hier kam Milenge 1985 zur Welt und wuchs zusammen mit seinen drei Brüdern und einer Vielzahl von Cousins und Cousinen auf.

In Kamituga bestand keine Möglichkeit für den aufgeweckten Jungen, eine höhere Schule zu besuchen. Deshalb zog die Familie in die rund 180 Kilometer entfernte Provinzhauptstadt Bukavu, wo schon der ältesten Sohn Geschichte studierte und sich in einer Widerstandsorganisation gegen das Mobutu-Regime engagiert hatte, ursprünglich also zu den Anhängern Kabilas gehörte.

Nur noch fliehen!

Doch dann, Milenge war elf Jahre alt, brach der Krieg zwischen den Hutu und den Tutsi aus. Kabilas Rolle wurde immer zwiespältiger, und die Fronten derart wechselnd und undurchschaubar, dass sie das Fassungsvermögen eines Elfjährigen überstiegen: «Verstanden habe ich nicht viel, aber etwas habe ich begriffen: Ich konnte die Schule nicht mehr besuchen. Dabei wollte ich doch so gern lernen.»

Der älteste Bruder, der sich inzwischen von Kabila losgesagt hatte, musste untertauchen. Als die Bulambos noch zwei verwaiste Jungen, deren Eltern Opfer des Völkermords in Ruanda geworden waren, bei sich aufnahmen, gerieten sie ins Visier von Kabilas Truppen.

Es gelang, die beiden Buben ausser Landes zu schaffen, doch die Heimsuchung von bewaffneten Milizen wurden immer häufiger. Da blieb der Familie nur noch die Flucht. Die Brüder schlugen sich von Dorf zu Dorf durch, die Mutter blieb zurück. Schliesslich gelangte die kleine Gruppe nach Uvira, der kongolesischen Hafenstadt am Nordufer des Tanganjika-Sees. Dort vertrauten sich die Flüchtlinge einem Schlepper an, der sie nach Tansania brachte und von dort weiter nach Sambia.

«Die Ankunft dort, vergesse ich nie»

Der älteste Bruder hatte sich inzwischen nach Belgien abgesetzt. In Lusaka, Sambias Hauptstadt, wurden Milenge und seine Brüder in ein Flüchtlingslager abgeschoben. Das letzte Bargeld musste eingesetzt werden, um die nötigen Papiere und Stempel für das Verlassen des Lagers zu beschaffen. Es gelang, den Bruder im Ausland zu kontaktieren und die Ausreise nach Genf zu organisieren.

«Die Ankunft dort, 1999 war es, vergesse ich nie. Auf dem Flughafen präsentieren wir unsere provisorischen UN-Pässe. Der Zollbeamte schaut sie an, stutzt, greift zum Telefon - ça y est, denke ich, jetzt fängt alles wieder von vorne an. Er bittet uns in einen separate Raum und sagt: Votre frère vous attend. Die Tür geht auf, und mein Bruder steht da.» Er habe damals nur wenig über die Schweiz gewusst, erzählt Milenge Bulambo weiter. «Zum Beispiel, dass das Büro der Vereinten Nationen in Genf ist und der Sitz des IKRK, ich hatte von den Genfer Konvention gehört. Und dass die Schweizer von ausländischen Geldern leben.»

Bei einer Pflegefamilie in Zürich

Die folgenden Jahre waren eine harte Zeit für den inzwischen 14-jährigen Milenge. Er kam zu einer Pflegefamilie in Zürich, die ihn als erstes in einen Intensivkurs für Deutsch schickte. Bereits nach einem halben Jahr fühlte er sich fähig, dem normalen Schulunterricht zu folgen. Dank seiner schulischen Leistungen konnte er gleich in die 2. Sekundarklasse einsteigen; im Französisch brillierte er, Deutsch und Mathematik musste er nachbüffeln, was dem lernhungrigen Jungen jedoch nicht allzu schwer fiel.

Nach dem Abschluss der 3. Sekundarklasse hätte der fleissige Schüler gerne das Gymnasium besucht. Das allerdings scheiterte an der Sprachbeherrschung, und fürs französischsprachige Collège in Fribourg gab der Wohnortkanton Zürich kein Stipendium. Also entschloss er sich für eine Berufslehre, denn «sonst bin ich zwanzig und habe keinen Abschluss. KV - das wäre etwas gewesen, doch Briefe in Deutsch traute ich mir nicht zu. Also entschied ich mich für Metzger, da ich gern Fleisch esse».

Bester Lehrabschluss

Nach mehreren Absagen erhielt er bei einem renommierten Zürcher Metzger eine Chance. Er legte sich so tüchtig ins Zeug, dass er als Bester der vier Lehrlinge seines Betriebs abschloss. Und, sagt er freimütig, um das gängige Vorurteil, Schwarze seien faul, gründlich zu widerlegen.

Jetzt arbeitet er bei der Migros und wurde da bereits in die Angestellten-Kommission gewählt. «Man muss sich einsetzen für sein Recht. Nicht mit Waffen wie in Afrika. Aber mit Argumenten, Demonstrationen, an der Urne. Ich verstehe nicht, warum die Stimmbeteiligung hier so tief ist.» Selbst wenn Milenge Bulambo mit seinem Charme, seiner Höflichkeit und seinem strahlenden Lachen bei Kollegen und Kundschaft gut ankommt, spürt er doch immer mal wieder gewisse Vorbehalte, ja mitunter sogar Misstrauen.

Kampf gegen Vorurteile

So musste er als Junge oft seinen Ausweis herzeigen, während seine Kumpels unbehelligt blieben. Oder später, im Beruf: Da verlangte eine Kundin partout einen Metzger, einen richtigen Metzger! Ein anderes Mal auf dem Nachhausweg beim Eindunkeln spürte er, wie der vor ihm gehenden jungen Frau die Angst vor ihm, dem schwarzen Mann, förmlich aus allen Poren dringt.

Wie reagierte er da? «Im ersten Fall habe gesagt: Madame, ich bin Metzger, aber ich hole gern meinen Kollegen» - der hat ihr dann übrigens dasselbe Fleisch empfohlen. «Im zweiten Fall habe ich gewartet, bis die Frau ausser Sichtweite war.»

Der Traum von der eigenen Metzgerei

Ein Traum wäre dereinst eine eigene Metzgerei, die schweizerisch und afrikanisch zubereitetes Fleisch anbietet. Für Afrikaner müsse das Fleisch gut durchzogen sein und möglichst am Knochen. Einmal ergab sich fast eine Gelegenheit dazu, aber da fehlte es am Geld.

Doch Milenge Bulambo hat gelernt, durchzuhalten: Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auf einer Ladentafel steht: «Bulambo - Boucherie Africaine». Und hinter der Theke würde vielleicht seine Frau stehen. Die beiden haben vor kurzem in Kenia geheiratet mit einem dreitägigen Fest. Mit viel Musik. Und mit viel Fleisch!

Bruno Rauch/ sda

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