Ich, Götti? Besser nicht!

Dreimal wurde unser Autor angefragt, ob er Pate werden möchte. Dreimal hat er das Ehrenamt abgelehnt. Das sind seine Gründe.

Sollte ja eigentlich mehr beinhalten als das Verteilen von Geschenken an Weihnachten: Die Götti-Rolle. Karikatur: Max Spring

Sollte ja eigentlich mehr beinhalten als das Verteilen von Geschenken an Weihnachten: Die Götti-Rolle. Karikatur: Max Spring

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Ich bin 34 Jahre alt, kinderlos und wurde schon dreimal gefragt. Dreimal habe ich Nein gesagt. Dem ersten Nein gingen eine intensive Verhandlung und eine lange Bedenkzeit voraus. Beim zweiten Mal genügte ein «Immer noch nicht». Das dritte Mal ging so: Ein anderes Pärchen, das meine ablehnende Haltung kannte, sagte: «Du hättest gar nicht gewollt, oder?» Nein, hätte ich nicht. Oder doch?

Das Patenamt, wie es ja eigentlich heisst, hat seinen Ursprung bekanntlich in der christlichen Tradition. Bei einer Taufe vereinbarten Götti und Gotte mit den Eltern, sich um eine christliche Erziehung des Kindes zu bemühen. Meist waren das direkte Verwandte, also Brüder oder Schwestern der Eltern. Früher gehörte zu den moralischen Pflichten auch, dass man bereit war einzuspringen, wenn den Eltern etwas zustossen sollte.

Keine juristischen Pflichten

Das sind alles Tempi passati. Heute sorgt die Vormundschaftsbehörde (Kesb) für einen Elternersatz. Götti und Gotte werden deshalb immer öfter auch aus dem Freundeskreis bestimmt. Und: Das mit der Vermittlung von christlichen Werten ist auch vorbei. Weil die Patenschaft zudem keinen juristischen Pflichten oder Rechten unterliegt, ist es – heute mehr denn je – also nichts weiter als ein Ehrenamt.

Eines, das sich überraschenderweise auch in Zeiten grassierender Egozentrik immer noch grosser Beliebtheit erfreut. Gemäss einer Studie des Marktforschungsinstituts GFS sind hierzulande 73 Prozent der über 25-Jährigen Götti oder Gotte. Und immerhin 15 Prozent wären sogar bereit, ihr Gottenkind aufzuziehen, wenn dessen Eltern sterben sollten. Die meisten, ob Freund oder Geschwister, sagen also zu, wenn sie gefragt werden.

Nein zu sagen, kann verletzend sein und hat auch schon zu Beziehungsabbrüchen geführt.

Ich aber habe dreimal Nein gesagt. Wieso? Verkorkste Freiheitsliebe. Scheu vor Verantwortung. Unreife. Es hatte aber auch etwas mit einem Unbehagen zu tun. Einem, das auch aufkommt, wenn man zum ersten Mal ein neugeborenes Kind eines Freundes in die Arme nimmt: Die Angst, etwas, etwa den stützenden Griff in den Nacken, falsch zu machen, lähmt mich. Mein erster Impuls ist deshalb meist: «Ähm, lieber nicht.» Diese Beklemmung zieht sich durch.

Freilich ist es keine einfache Sache, das Götti-Amt abzulehnen. Schliesslich fühlt man sich geehrt, überhaupt gefragt worden zu sein, weil darin ja auch der Wunsch dieser Menschen mitschwingt, dich in ihr Leben hineinzulassen, dich in den Schoss ihrer Familie aufzunehmen. Nein zu sagen, kann verletzend sein und hat auch schon zu Beziehungsabbrüchen geführt. Bei mir zum Glück nicht.

Ein gefährliches Terrain

Ich hatte vorher Rat gesucht und sehr bald gute Argumente gefunden. Ein Freund in mittleren Jahren war es, der über seine Rolle als Pate sagte, er würde es nicht mehr tun. «Wieso?» – «Weil ich ein schlechter Götti bin.»

In diesem Satz verbirgt sich vieles, was einem erlaubt, das Amt abzulehnen. Denn: Was definiert einen guten oder schlechten Götti? Genau. Die Erwartungshaltung. Ein sehr gefährliches Terrain, wie wir aus zwischenmenschlichen Beziehungen wissen. Vorrangige Abmachungen etwa sind alles andere als in Stein gemeisselt, und plötzlich werden Dinge erwartet, die vorher nie zum Thema standen. Das kann zu Enttäuschungen und Schlimmerem führen.

Mal ehrlich: Wer will schon einem Kind einen Trennungsbrief schreiben?

Sowieso, das hört man immer wieder, sind Göttis und Gotten von einem latenten schlechten Gewissen geplagt. Weil man ja immer mehr tun, mehr Zeit aufwenden und einfallsreicher sein könnte, als man ist. Dass das nicht auch die Eltern des Patenkindes ab und zu über den lieben Götti denken, kann mir niemand vormachen. Gerade dann, wenn er sich wieder einmal mit dem üblichen Kinderbuch zum Geburtstag als unkreativer Tölpel entlarvt.

Apropos Erwartungen. Das mit den Geschenken ist ja heute auch nicht mehr so einfach. Es schickt sich eigentlich nicht mehr, einen aufblasbaren Plastikhund zu schenken und gut ist. Heute gehört es sich, ganze Götti-Tage inklusive Rahmenprogramm zu organisieren. Was ganz in Ordnung wäre. Schliesslich ist der edle Gedanke hinter einer Patenschaft ja auch der, eine richtige Verbindung aufzubauen, bestenfalls ein Freund, ja ein Zufluchtsort zu werden für das Kind. Nur ist das eben dann mehr als der übliche mit Fünflibern bestückte Lebkuchen zu Weihnachten.

Dies bedingt eine gewisse Beziehungsfähigkeit, was nicht selbstverständlich ist, wie ich finde. Und was ist, wenn man sich gegenseitig nicht mag? Nicht jede Beziehung funktioniert. Jene zu Kindern machen da keine Ausnahme. Klar, wie jedes andere Ehrenamt kann man auch eine Patenschaft wieder kündigen. Aber mal ehrlich: Wer will schon einem Kind einen Trennungsbrief schreiben?

Die geheime Liste

Und dann gibt es eben noch die Liste. Jawohl, jene geheime Liste, die niemand je zu sehen bekommt, auf der man als Götti aber ziemlich weit oben steht. Die Notfallhütedienst-Liste. Auch wenn das vielleicht nie ausgemacht war, wird sich ein übernächtigtes Elternpaar zwangsläufig irgendwann die Frage stellen, wozu man eigentlich einen Götti oder eine Gotte bestimmt hat. Dann hütet man halt. Ein erstes Mal. Und dann ein zweites. Und irgendwann: hets di am Füdle. Hat man sich vorher immer selber ein bisschen auf die Schultern geklopft, dass man noch nicht in eine solche Verantwortungsschwere hineingeraten ist, gehört man plötzlich doch irgendwo dazu. Und schon sieht man sich in einem halb verlassenen Park unmotiviert eine Schaukel anschieben.

Ich habe nur die besten Erinnerungen an meinen Götti, wenn sie auch nicht so zahlreich sind.

Ja, so hatte ich mir mein Nein zusammengezimmert. Inzwischen ist aber etwas passiert. Ich traf meinen eigenen Götti an einem Familienfest. Irgendwann zwischen Wein und Gesang und auch eher beiläufig bemerkte er, dass er wohl nicht so der tolle Götti gewesen sei. Ich fand das nicht. Ich habe nur die besten Erinnerungen, wenn sie auch nicht so zahlreich sind.

Was ich in diesem Moment begriffen habe: Mein Götti hat mein ganzes Leben lang an mich gedacht. Vielleicht mit einem schlechten Gewissen manchmal, aber er hat an mich gedacht. Und ich an ihn. Das hätten wir nicht, wenn er damals nicht Ja gesagt hätte. Es ist schön und wertvoll, wenn es jemanden da draussen gibt, der einem verbunden ist. Eine weitere Adresse, falls sie nötig wird. Mehr braucht es eigentlich nicht.

«Du hättest gar nicht gewollt, oder?», hatte mich das Pärchen gefragt. Nein, hätte ich nicht. Oder vielleicht doch?

Erstellt: 16.01.2019, 17:06 Uhr

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