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«Ich muss mich vor mir selber schützen»

Ueli Steck plant den schrittweisen Rückzug aus der Hochrisikozone. Doch das fällt dem Spitzenbergsteiger schwerer, als er sich vorgestellt hat.

«Ich bewegte mich jenseits der roten Linie.» Ueli Steck in der Südwand der Annapurna.
«Ich bewegte mich jenseits der roten Linie.» Ueli Steck in der Südwand der Annapurna.
Dan Patitucci
Risikoanalytiker. Ueli Steck (38), Profialpinist.
Risikoanalytiker. Ueli Steck (38), Profialpinist.
Urs Baumann
Im Jahr 2009 beim Speedklettertraining im Himalaja.
Im Jahr 2009 beim Speedklettertraining im Himalaja.
zvg
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Ueli Steck, Anfang Dezember sind Sie auf Vortragsreise in den USA, Sie treten als «legendary speed climber», als «the Swiss machine» an der Harvard-Universität in Boston, in San Francisco, in New York auf. Sind Sie auf dem Gipfel Ihres Ruhms? Ueli Steck: Ach, bleiben wir am Boden. Mein amerikanischer Ausrüster und der American Alpine Club haben die einwöchige Vortragsserie organisiert. Natürlich bin ich gespannt... ...auf die amerikanische Begeisterungsfähigkeit? Ich habe den Eindruck, dass Amerikaner ein entspannteres Verhältnis zum Risiko haben als wir hier in der Schweiz. Ich muss mich hier, seit ich in der Öffentlichkeit stehe, oft rechtfertigen, erklären – und auch kritisieren lassen. Dafür, dass ich Risiken kalkuliere und mir bei meinen Unternehmungen sehr bewusst bin, dass es sie gibt.

Sich kritisieren zu lassen, ist Teil Ihres Jobs. Absolut. Ich habe keinen Grund, mich zu beklagen. Ich will nur sagen: Für die Amerikaner ist das Risiko normaler. Es gehört dazu, es kann etwas passieren. Man kann nicht alles verhindern und versichern.

Vor wenigen Wochen waren Sie dabei, als etwas passierte. Am Shishapangma, einem 8000er im Himalaja, wurden zwei Bergsteiger, mit denen Sie unterwegs waren, von einer Lawine mitgerissen und starben. Es war unter dem Gipfelhang, ich stand mehr rechts am Grat und ruhte mich kurz aus, die beiden Kollegen vor mir gingen bereits ein paar Schritte weiter links ins Schneefeld, als dieses abging und sie in die Tiefe riss.

Es hätte Sie treffen können. Einen Schritt weiter links, und es hätte mich mitgerissen. Wir versuchten, eine Rettung zu organisieren, und suchten selber stundenlang, konnten allerdings nicht zum Lawinenkegel vorstossen, weil wir die Lawinengefahr in diesem Hang als zu gross einschätzten. Unsere Machtlosigkeit erschütterte mich. Es war sehr tragisch, es hat mich sehr beschäftigt. Aber so etwas kann passieren. Man muss es akzeptieren.

Wobei man am Berg auf 8000 Metern extrem exponiert ist. Keine Frage. Die Sicherheitsmarge ist dort sehr klein. Es sind Kleinigkeiten, die darüber entscheiden, ob etwas gelingt oder nicht. Eine kleine Unachtsamkeit, eine minime Fehleinschätzung, eine unbedachte Bewegung. Das ist allerdings häufig auch im Alltag so, im Strassenverkehr etwa, nur sind wir es uns nicht so bewusst.

2013 gelang Ihnen an der Annapurna eine Pionierleistung, indem Sie die 2500 Meter hohe Südwand im Alleingang meisterten. Dieser Exploit beschäftigt Sie immer noch. Warum? Ich bewegte mich jenseits der roten Linie. Ich ging viele Risiken ein. So etwas darf ich nie mehr tun. Aber es ist kein einfacher Weg, daraus herauszufinden.

Es gefiel Ihnen jenseits der roten Linie? Ich war unangeseilt und allein unterwegs in der Wand auf etwa 7000 Metern Höhe, als mich eine kleine Lawine traf, der ich allerdings standhalten konnte. Von dem Augenblick an hatte ich mit dem Leben abgeschlossen. Mir war klar, da komme ich sehr wahrscheinlich nicht mehr zurück. Aber das brachte mich nicht aus dem Konzept, ich erschrak nicht, ich spürte keine Verzweiflung. Ich nahm es einfach an. Ich kletterte weiter, hochkonzentriert wie vorher.

Kein Gedanke an das immense Risiko, das Sie eingingen? Es kamen verschiedene Faktoren zusammen, an denen ich im Nachhinein erkannte, dass ich zu weit gegangen war. Zum Beispiel meine leichte Bekleidung: Ich war mit einer leichten Daunenjacke unterwegs und dünnen Hosen. Das ist hervorragend, wenn man in Bewegung ist. Hätte ich einen Einbruch gehabt und mich stehend erholen müssen, wäre ich schnell ausgekühlt. Auf dieser Höhe hätte ich keine Chance gehabt und wäre erfroren.

Realisierten Sie unterwegs, dass Sie gerade Ihr Limit überschritten? Ich spürte, ich bin an meinen absoluten Grenzen, aber das beängstigte mich nicht. Ich fühlte mich gut. Um Kraft zu sparen, gestattete ich mir bei jeder Aufwärtsbewegung mit dem Pickel nur einen einzigen Schlag ins Eis. Ich war dadurch sehr schnell, aber während des stundenlangen Aufstiegs lag nicht die geringste Unachtsamkeit drin.

Sie kletterten in der Nacht durch die riesige Wand, in der Sie vorher noch nie waren. Ja, ich orientierte mich im Kegel der Stirnlampe. Ich wusste, ich musste die Schneeauflage finden, die sich hinaufzieht bis zum Gipfel. Da muss man ein wenig pokern, und das ist Teil des Gesamtrisikos, das einfach hoch war.

Wie war es auf dem Gipfel? Triumph oder Schreck? Ich dachte und fühlte gar nichts. Auf dem Gipfel ist man knapp in der Hälfte. Den Grossteil des Abstiegs bewältigte ich rückwärts, auf den Frontzacken der Steigeisen und der Hacke meiner Pickel, das braucht höchste Konzentration. Als ich zurück war am Fuss der Wand, hatte ich 28 Stunden höchsten Stress hinter mir.

Wie erholten Sie sich? Ich brauchte Monate, bis ich die psychische und physische Anstrengung einigermassen überwunden hatte. Ich erkannte, dass ich an der Annapurna wohl meine Grenzen erreicht habe und meine Entwicklung in eine andere Richtung steuern muss. Aber es ist schwieriger, als ich dachte, dieses Kapitel abzuschliessen.

Warum? Mein Erlebnis an der Annapurna hat mir gezeigt, dass ich mich aktiv vor mir selber schützen muss. Davor, wieder in eine solche Situation zu geraten. Es reicht nicht, wenn ich mir sage, ich mache die wilden Sachen an den 8000ern nicht mehr, und ich drehe um, wenn es zu gefährlich wird. Wenn es so weit ist, klettere ich nämlich weiter, wenn die Verhältnisse okay sind, weil ich sicher bin, ich kann es.

Was schliessen Sie daraus? Hören Sie auf mit dem Spitzenalpinismus? Nein, ich mache sicher noch drei Jahre weiter. Ich werde aber Projekte in Angriff nehmen, bei denen die körperliche Herausforderung, die mir sehr wichtig ist, im Zentrum steht und das alpinistische Risiko minimiert ist. Damit ich gar nicht mehr in Versuchung komme, meine eigenen Grenzen zu überschreiten.

Ist die auch nicht ganz risikolose Überschreitung von Everest und Lhotse ohne Sauerstoffgerät ein solches Projekt, das Sie nächsten Frühling geplant haben? Genau, diese Überschreitung wäre für mich tatsächlich reizvoll. Aber ich werde nächstes Jahr nicht an den Everest gehen. Die Spannungen nach der Auseinandersetzung vom Frühling 2013, in die ich verwickelt war, und nach dem Lawinenunglück vom letzten Frühjahr sind einfach zu heftig. Die Gefahr, in einen gewaltsamen Konflikt zu geraten, ist mir zu gross. Eventuell nehme ich mir stattdessen ein Projekt in den Alpen vor.

Hat der Streit im Basislager vor eineinhalb Jahren Spuren hinterlassen bei Ihnen? Ja, das hat mir sehr zugesetzt. Die rohe Gewalt vor Ort, aber auch die mediale Bearbeitung bei uns. Die verbale Gewalt, die mir aus den verschiedenen Blogs und Internetforen entgegenkam, hat mich schockiert. Man kann kritisieren, was ich tue, man kann es ignorieren, kein Problem. Aber die leichtfertig abgegebenen Beschimpfungen habe ich schlecht verdaut. Und mal abgesehen von meiner persönlichen Befindlichkeit: Wie vor allem im Internet Konflikte geschürt werden, halte ich für eine bedenkliche Entwicklung.

Wie reagieren Sie darauf? Indem ich innerlich Distanz zu halten versuche. Ich stehe seit bald zehn Jahren als Spitzenalpinist in der Öffentlichkeit, und ich realisiere, dass ich immer mehr Angriffsflächen biete. In der Annapurnawand beispielsweise verlor ich meinen Fotoapparat, weshalb man meinen Gipfelerfolg anzweifelte. Ich akzeptiere die verstärkte Skepsis als Teil des Geschäftsmodells, von dem ich lebe. Es ist quasi die Kehrseite davon, dass ich das Leben führen kann, das ich führen will. Aber ich muss schon Sorge tragen, dass ich nicht plötzlich die Freude am Bergsteigen verliere.

Wie frei sind Sie? Könnten Sie plötzlich nur noch für sich klettern, zu Ihrer Freude, ohne dass fotografiert oder gefilmt wird? Sicher. In ein paar Jahren will ich nicht mehr von den Leistungen des Ueli Steck abhängig sein. Schon gar nicht von den vergangenen Meriten. Ich bin Handwerker und kann mir zum Beispiel vorstellen, dereinst noch stärker als jetzt schon in der Weiterentwicklung alpinistischer Produkte einzusteigen.

Sind Sie eigentlich stolz auf das, was Sie erreicht haben? Stolz?

Stolz. Ich bin nicht stolz auf die Wände, die ich geklettert bin. Das liegt hinter mir. Ich kann schnell loslassen, was war, und beschäftige mich mit dem, was kommt. Stolz bin ich wenn schon auf den eigenständigen Weg, den ich zurückgelegt habe und der es mir ermöglicht, ein unabhängiges Leben zu führen. Ich habe mich nicht von ihm abbringen lassen, und das ist es, was mich zufrieden macht.

juerg.steiner@bernerzeitung.ch

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