«Ich plädiere für eine Matura für alle»

Wie und wann fördert man Schüler? Unsere Serie lässt Lehrer und Eltern zu Wort kommen.

Langzeitgymnasium, Sekundarschule mit Kurzzeitgymnasium oder lieber eine Lehre? Was nützt der Gesellschaft am meisten? Was wird welchem Schüler am besten gerecht? Aktuell will der Kanton Zürich Langzeitgymnasien verkleinern. Das führt gerade jetzt, zurzeit der Gymiaufnahmeprüfungen, zur hitzigen Diskussion übers Schulsystem.Doch das, worum es eigentlich gehen sollte – das Wohl der Schüler –, scheint in den ideologisierten Debatten fast unterzugehen.

In unserer mehrteiligen Serie zum Thema «Fördern und Fordern im Bildungssystem» haben wir daher online Eltern von Obenstufenschülern zu ihrer Haltung gegenüber dem System befragt, das europaweit die geringsten Akademikerquoten produziert. 53 Prozent erleben etwa die Förderung schwächerer Schüler an der Sekundarschule als mangelhaft; 59 Prozent wollen eine striktere Gymiselektion. Der Bildungsexperte Andreas Pfister hingegen argumentiert für eine höhere Gymiquote.

Gerade fanden die Gymiprüfungen statt; die Latte liegt noch höher als 2016. Heute werden die Ergebnisse gesichtet und gemäss Vorgabe angepasst: Bildungsdirektorin Silvia Steiner will die Zahl der Langzeitgymnasiasten merklich senken. Ist das sinnvoll?
Nein, das ist hanebüchen. Leider wird einer breiten Allgemeinbildung hierzulande kein Eigenwert zugeschrieben, alles muss sich rechnen. Doch das wirklich Absurde ist, dass der bildungsskeptische Diskurs, der sich aus dumpfer Stammtisch-Irrationalität speist, gar die ökonomische Vernunft ausser Acht lässt!

Wieso ist das Wegsparen von Gymnasialklassen ökonomisch falsch? Eine Gymiklasse kostet rund 250 000 Franken pro Jahr, heisst es.
Schauen wir auf Angebot und Nachfrage: Wir brauchen mehr Hochqualifizierte. Gerade die Schweiz, deren einzige echte Ressource die Bildung ist, schadet sich ungemein, wenn sie ihren eigenen Nachwuchs bildungsmässig aushungert. Die Wertschöpfung bei den Hochqualifizierten, ihre Wirtschaftlichkeit, ist doch viel höher! Sie erhalten die besseren Jobs, konsumieren mehr und zahlen höhere Steuern als etwa ein einfacher Arbeiter. Das ist eine simple Rechnung. Und sie werden Entscheidungsträger, die eher im Sinne unseres Landes agieren als all die eingeflogenen Manager und Experten.

Oft wird an die vielen jungen arbeitslosen Akademiker etwa in Italien oder Spanien erinnert.
Was für ein unterkomplexes, überstrapaziertes Argument. Diese jungen Menschen wären vermutlich als Klempner oder Automechaniker in Italien genauso arbeitslos. Die Wirtschaftslage dort ist sehr schlecht. Ein studierter mehrsprachiger spanischer Jungingenieur hat zumindest die Chance, etwa in Deutschland oder Kanada Arbeit zu finden; ein spanischer Bäcker kaum. Man muss endlich erkennen: Die Schweiz ist nicht wegen ihres Berufsbildungssystems so erfolgreich, sondern trotz ihres Berufsbildungssystems! Ehrlicherweise muss man jeden hiesigen Lehrabgänger warnen: Wer nur eine Lehre ohne Berufsmaturität macht, erweist sich selber keinen guten Dienst für die Zukunft.

Es gibt aber doch das duale System, in dem man sich nach der Lehre weiterbilden kann?
Aber was für ein Gebastel ist das denn? Es kann doch nicht unser Ziel sein, die in der Jugend verpasste Bildung zu einem späteren Zeitpunkt reinquetschen zu müssen. Ich habe ja den grössten Respekt für Leute, die sich nach einer Lehre berufsbegleitend am Abend und über Jahre hinweg noch um die Berufsmatura II und die Fachhochschule bemühen. Die Berufsmatura I schafft man sowieso kaum. Das alles ist ein sehr steiniger, langwieriger Weg, den viele abbrechen oder gar nicht versuchen. De facto bremsen wir mit der Berufslehre eine Menge guter Leute aus. Wir fördern nicht, im Gegenteil, wir lassen unsere Jugend hängen.

Wie sollte das System aussehen?
Ich plädiere für eine Schulpflicht bis zum Alter von 18 Jahren und für eine Matura für alle. Es muss ja nicht dieselbe Matura für alle sein. Aber man sollte die Reihenfolge richtigstellen: erst die Berufsmatura, dann die Lehre. Ein Blick auf die Geschichte lehrt: Es war der liberale Staat, der die allgemeine Schulpflicht und die Gymnasien einführte – weil er eine gewisse Anzahl gebildeter Bürger wollte. Jetzt benötigt er davon noch mehr. Schon darum braucht es auch mehr Schule in der beziehungsweise vor der Berufslehre. Als Etappenziel für die nächste Dekade wünschte ich mir: 30 Prozent allgemeine Matura, 30 Prozent Berufsmatura, 30 Prozent Fachmatura, 10 Prozent Sonderförderung.

30 Prozent mit allgemeiner Hochschulreife: Das ist wenig im europäischen Vergleich. Aber in der Schweiz will das Volk lieber weniger als die aktuellen 20 Prozent.
Die Jungen haben keine Lobby, das ist die traurige Wahrheit. Wir haben einerseits das Geissenpeter-Syndrom: den Mythos eines Hirtenvolks, das meint, keine Bildung zu brauchen. Es fühlt sich bedroht durch den wachsenden Druck und reagiert mit Ressentiments. Die Elite andererseits bewirtschaftet die Neiddebatte, denn sie will ja unter sich bleiben. Und die Wirtschaft kann weiter billige Qualifizierte aus dem Ausland importieren, weil es die passenden Inländer nicht gibt. Was für eine unheilige Allianz! Und den Leuten erzählt man, jede Arbeit sei «gleich viel wert» – veräppeln kann ich mich selbst. Überraschung: Der Arzt verdient mehr als die Arztgehilfin.

Aber braucht das Land nicht auch Arzthelferinnen?
Stellen Sie sich vor, Ihrem Kind würde die Zukunft geklaut. Die Chancengerechtigkeit verlangt, dass jeder bis 18 Jahre die Schule besuchen darf, um dann mündig zu entscheiden, wie er seine Zukunft gestaltet. Und wer sagt denn, dass eine Arzthelferin nicht auch das Recht auf einen gut gefüllten Bildungsrucksack hat? Immerhin bedeutet höhere Bildung laut Studien auch höhere Lebensqualität und mehr Gesundheit. Nicht zuletzt: Eine gut funktionierende Demokratie, in der Bürger nicht auf Populisten hereinfallen sollen, muss ihre Bürger gut bilden; muss ihren Horizont erweitern, ihre Differenzierungsfähigkeit fördern.

Und wenn viele Sechzehnjährige das gar nicht wollen?
«Schulmüdigkeit» ist für mich ein un­verantwortliches Scheinargument. Ich komme aus einer Bauernfamilie, und mir wärs ohne externe Anregung nie in den Sinn gekommen, die höhere Schule zu besuchen. Besonders Kinder aus bildungsfernem Elternhaus können keine gut informierten Entscheidungen treffen. Wenn da manche gegen ein «Schulgefängnis» argumentieren, muss man das Schicksalsgefängnis dagegenhalten. Wichtig ist, dass die Kinder nicht «essenzialisiert» werden. Aussagen wie «Du bist kein Gymischüler» sind unprofessionelle Übergriffe und Gift für die kindliche Entwicklung. Im liberalen Bildungsverständnis «ist» man nicht einfach etwas, sondern erhält die Chance, etwas zu «werden». Das ist doch der Wortsinn von Bildung: «Bilden» heisst «machen».

Klagen die Universitäten nicht jetzt schon über schlechte Maturanden?
Das ist ein unreflektiertes Bashing. Vor allem die ETH hat vergessen, dass sie – auch – die regionale Aufgabe hat, unsere Leute auszubilden. Sie soll aufhören, Wunschkompetenzlisten zusammenzustellen. In die Kantonsschulen immer mehr hineinzustopfen, ist kontraproduktiv für alle. Schule wäre eigentlich ein Ort des Förderns und Forderns. Bei uns ist das aus dem Gleichgewicht. Und wir ermöglichen dadurch ironischerweise, dass ausländischer Nachwuchs, der viel weniger Forderungen und Selektionen ausgesetzt war, bei uns die wichtigen Positionen besetzt. Ein fremder Arzt, der nie Latein oder Französisch gelernt hat, kümmert sich um unsere Körper: Und siehe da, das geht. Unsere eigenen Jugendlichen aber kommen gar nicht dahin, Medizin zu studieren, weil sie vorher wegselektioniert wurden.

Wie beurteilen Sie die Einteilung in die Sekundarprofile A und B?
Ich würdige das Anliegen des Integrierens. Das kommt grossenteils den schulisch Schwächeren zugute. Als Gymnasiallehrer sehe ich aber auch die Bedürfnisse der schulisch Starken. Darum befürworte ich unterschiedliche Schulstufen und -typen und auch die Binnenteilung der Sekundarstufe in A und B. Im Namen von mehr Chancengerechtigkeit das Langzeitgymnasium abzuschaffen, wie manche vorschlagen, ist ein Irrweg. In Wirklichkeit gehts meist darum, Sekundarschule und Lehre zu stärken. Dabei müsste man die Gymnasialquote erhöhen. Egal, ob die Angriffe aufs Langzeitgymnasium von rechts kommen – Sparpolitik – oder von links, letztlich münden sie immer darin, dass Bildung ab- statt ausgebaut werden soll. Chancengerechtigkeit bedeutet nicht, Niveauunterschiede einzuebnen, sondern, dass am Ende mehr Kinder an höherer Bildung teilhaben können, ungeachtet von Wohnort und Hintergrund.
Alexandra Kedves (Text), Philippe Zweifel (Umfrage), Klaudia Meisterhans (Grafik) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2017, 23:46 Uhr

Fördern und Fordern

Eine Bildungsserie in drei Teilen

Werden die Kinder in unserem Bildungssystem optimal gefördert? In Kita, Primarschule und Oberstufe? Wir haben nachgefragt – bei Experten in drei Interviews und bei Ihnen. 1302 Leser nahmen an unserer nicht repräsentativen Umfrage teil.


  • Teil 1: Oberstufe

  • Teil 2: Kindergarten / Primarstufe

  • Teil 3: Vorschulstufe / Krippe

Andreas Pfister

Der promovierte Germanist mit Jahrgang 1972 wohnt mit seiner Familie in Zürich, arbeitet als Gymnasiallehrer und Bildungsjournalist. Er schreibt regelmässig im TA-Politblog.

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