«Ich wollte gehen»

Vor drei Jahren misslang Ex-FCB-Präsident René Jäggi ein Suizid. Jetzt spricht er erstmals über die schwierigste Zeit seines Lebens.

«Mir geht es gut, richtig gut.» René Jäggi vor dem Abflug an die Judo-WM in Japan. Foto: Marcel Rohr

«Mir geht es gut, richtig gut.» René Jäggi vor dem Abflug an die Judo-WM in Japan. Foto: Marcel Rohr

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Pünktlich auf die Sekunde erscheint er zum abgemachten Termin in einer Hotellobby beim Basler Bahnhof. Sein Gang ist nicht mehr so federnd wie früher, als er als ruhmreicher Präsident des FC Basel die Massen faszinierte und später als Vorstandsvorsitzender des 1. FC Kaiserslautern Spuren in der Bundesliga hinterliess. René Jäggi läuft vorsichtiger. In der linken Hand trägt er einen kleinen Koffer.

Gehts auf Reisen?

«Ja, drei Wochen Japan, an die Judo-WM. Ich kümmere mich ums Marketing und die Kommunikation.»

Judo – neben dem Fussball ist das jene Sportart, die Jäggi bis heute tief fasziniert. Er selbst ist Träger des 5. Dan. «Judo is more than a sport», steht auf seinem Whatsapp-Profil. Hinfallen, aufstehen, weiterkämpfen: Lebensweisheiten, die nicht nur für die Judomatte gelten, sondern ganz speziell für ihn, für René Charles Jäggi, geboren 1948, Ex-Adidas-Topmanager, Ex-Topunternehmer, Ex-Top-FCB-Boss – und um Haaresbreite auch Ex-Strahlemann, Ex-Ideenvulkan, Ex-Energiebündel und Ex-Problemlöser in einem, denn René Jäggi wollte sich am Mittwoch, 31. August 2016, das Leben nehmen. Doch der Suizid misslang.

Ausgerechnet er, ein erfolgreicher Geschäftsmann ohne Geldsorgen, gut aussehend und mit brillanter Rhetorik gesegnet, hält sich eine Schusswaffe in den Mund und drückt ab. Die Bestürzung war vor drei Jahren weit über Basel hinaus riesig.

Er nimmt einen Schluck seines Milchkaffees, lehnt sich zurück. Und schickt gleich voraus: «Ich erwarte nicht, dass mich die Leute verstehen. Ich kann nachvollziehen, wenn es jemand nicht nachvollziehen kann, was ich damals getan habe.»

Düstere Gedanken

Die ersten düsteren Gedanken kamen wohl nach seinem Abschied aus der Pfalz und nach der Fussball-WM 2006 in Deutschland, die er im Standort Kaiserslautern mitorganisiert hatte. Es war ein weiterer Meilenstein in seiner beruflichen Laufbahn. Er hatte den traditionsreichen 1. FCK saniert und anschliessend mitgeholfen, dass Fussball-Deutschland mit der WM-Endrunde sein Sommermärchen hatte.

Die Fallhöhe nach dem rauschenden Abschied war für einen wie Jäggi hoch. Er analysierte sein Leben, vielleicht so, wie es ein Trainer nach der Halbzeitpause tut. Er merkte, dass viele Dinge im Beruf- und Privatleben nicht mehr wie gewünscht geordnet waren, «etwas fehlte», fügt Jäggi an. Seine Kinder Claudia und David waren gross geworden und schickten sich an, das Elternhaus in Binningen zu verlassen.

Mit jedem Jahr wurde der schwarze Fleck auf der Seele etwas grösser, eine Besserung zeichnete sich nicht ab, im Gegenteil. 2010 kam die Scheidung, und beruflich war Jäggi wie immer als Problemlöser und Unternehmer gefragt. Als Verwaltungsrat hatte er bei der Messe Schweiz und der Rennbahnklinik in Muttenz viele komplizierte Sitzungen zu überstehen.

2002 feierte René Jäggi (l.) mit Murat Yakin den Meistertitel. Archivbild: Keystone

Das alles zehrte an seinen Kräften. Besonders hart empfand er die drei Wochen im August 2016 in Rio de Janeiro, wo er während der Olympischen Sommerspiele hinter den Kulissen half, die Wettkämpfe im Judo in bestem Licht zu präsentieren. Jäggi sagt: «Ich konnte selten Nein sagen, auch deshalb war ich leer und ausgebrannt.»

Gegen aussen vermittelte der Basler weiter das Bild des nimmermüden Geschäftsmanns, der auch mit 68 Lebensjahren durch die Welt jettet, voller Tatendrang und Power, der mit Charme und Witz sogar ein bitteres Rendez-vous mit der Talsohle des Lebens elegant umschreiben kann. Unvergessen, wie er im Herbst 1997 den sportlichen Tiefflug des FC Basel auf den Punkt gebracht hatte: «Wir wollten mit der Concorde nach New York, jetzt stehen wir mit dem Velo in den Langen Erlen.» Das ist ein Naherholungsgebiet vor den Toren Basels.

15 Abschiedsbriefe

Doch im Innern geriet seine Welt zunehmend aus den Fugen. Jäggi bestellt ein Schweppes Bitter Lemon und fährt sich mit den Händen durch die Haare. «Nach der Rückkehr aus Brasilien fühlte ich mich auf der letzten Etappe meines Lebens. Ich wollte gehen. Für mich passte dieses Bild.» Alles hat einen Anfang, alles ein Ende, und es schien, als müsse es bei ihm dieser Mittwoch, 31. August 2016, sein. Ein herrlicher Spätsommertag, kein Nebel wie im November, keine Kälte wie im Januar, sondern Sonne und Wärme.

René Jäggi verzehrte über Mittag ein Kalbskotelett in Kleinbasel, danach setzte er sich in den Garten seines Vaters und verfasste 15 Abschiedsbriefe an seine Kinder, Schwestern und besten Freunde. 95 Prozent aller Suizide werden aufgrund einer Krankheit begangen, der Rest, so beschreibt es die Schulmedizin, sind die Folgen einer Kurzschlusshandlung. Jäggi plante diesen Mittwoch wie einen Bürotag, mit klaren Gedanken und einem Ziel. Eine Depression ist bei ihm bis heute nie festgestellt worden, das betont er ausdrücklich.

Kurz vor vier Uhr morgens zückte er seine Waffe und drückte ab.

Gegen Abend wollte er mit einem alten Freund in Dornach einen Kaffee trinken, doch dieser hatte ausnahmsweise keine Zeit für ihn. Auch das war für Jäggi ein Hinweis darauf, dass die Uhr des Lebens abgelaufen war. Zurück in der Stadt, suchte er eine Gaststätte auf. Er ass einen Happen und trank Rotwein. Nach Mitternacht parkte er seinen AMG-Sportwagen in der Nähe des St.-Jakob-Parks und lief durchs Lehenmattquartier nahe der Birs.

Zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens spazierte er durch den Park des Bethesda-Spitals und setzte sich auf einen Stuhl. Mit dem klaren Gedanken, dass in dieser Klinik sein erster Enkel auf die Welt gekommen ist. Der Kreis schloss sich. Kurz vor vier Uhr morgens zückte er seine Waffe und drückte ab.

Gottes Urteil

Drei Wochen später erwachte er im Spital, und als Erstes sah er in das Gesicht seiner Tochter. Jäggi brauchte ein paar Stunden, dann war für ihn klar: Gottes Urteil. Er will, dass ich lebe. Also lebe ich. Ein neues Kapitel beginnt.

Die dreimonatige Therapie in der Rehab Basel war hart. Jäggi hatte Glück im Unglück, oder müsste man sagen: Unglück im Glück? Die Kugel durchbohrte seinen Schädel, sein linkes Auge hat er verloren. Die Diagnose der Ärzte an seine Tochter war düster. Es könne Jahre dauern bis zur Heilung, oder vielleicht werde es nie mehr so wie früher. Bei ihm war es bereits nach drei Wochen so weit. «Ich bin wohl ein medizinisches Wunder», sagt Jäggi.

Es ist zynisch, in seinem Fall von einem Warnschuss zu sprechen. Doch Jäggi arbeitete seine aufregende Geschichte in epischer Länge auf und krempelte sein Leben um. Gesunde Ernährung, ganz wenig Alkohol. Lange Gespräche mit Psychologen. Entschleunigen statt beschleunigen. Auto fährt er auch nicht mehr, er benutzt lieber die öffentlichen Verkehrsmittel. Er hat diverse Mandate abgegeben. Die Gedanken sind geordnet, es fällt neues Licht auf die einstigen Schattenplätze seines Innern. «Das Leben ist endlich. Ich nehme mein Alter ernst. Auch das habe ich früher immer verdrängt.» 71 Jahre alt wird er im Dezember.

Ein Leben vor dem Tod

Beim FC Pratteln hat er das Amt des Vizepräsidenten übernommen. Auch, weil sein Schwiegersohn dort Präsident geworden ist. «Die einen beginnen ihre Karriere in Pratteln und krönen ihren Weg via Basel in Kaiserslautern, ich beginne beim FC Basel und lande letztlich in Pratteln», sagt er und lächelt.

Seine fünf Enkelkinder sind ihm wichtiger als die nächste Sitzung in London, Berlin oder New York. Er ist Vizepräsident beim Immobilienkonzern Immoinvest, wo man vor drei Wochen die Eröffnung des Hilton Garden Hotel in Spreitenbach gefeiert hat. Überdies ist er Hauptaktionär bei Open Limit, einer Firma für Sicherheits-Software. Er hat einige Sitze an einem Tisch im St.-Jakob-Park und pflegt beste Kontakte zu ehemaligen FCB-Grössen wie Oliver Kreuzer.

In Japan an der Judo-WM sind seine Tage wieder lang und anstrengend, wie damals, im August 2016. Doch die alten Denkmuster sind so weit weg wie Tokio von Basel. «Mir geht es sehr, sehr gut.» Ob es ein Leben nach dem Tod gibt, wissen ja alle nicht so ganz genau. Aber es gibt ein Leben vor dem Tod. Das weiss René Jäggi mit Sicherheit.

Erstellt: 29.08.2019, 17:58 Uhr

Adidas-Boss, FCB-Präsident und Vollblutbasler

René C. (für Charles) Jäggi wurde am 17. Dezember 1948 in Basel geboren. An der Uni Basel studierte er Sport, später hängte er in Tokio ein Auslandsstudium an. Europaweit berühmt wurde Jäggi, als er zwischen 1987 und 1992 Vorstandsvorsitzender von Adidas wurde. Später kaufte ­Jäggi den deutschen Schuhhersteller Romika und machte sich mit der Firma GRJ AG als Unternehmer selbstständig. Im November 1996 übernahm Jäggi beim FC Basel das Präsidentenamt. Seine Vision: In einem neuen Stadion Rotblau in die Champions League führen.

2001 wurde der heutige St.-Jakob-Park eröffnet, ein Jahr später feierte der FCB das Double. Jäggi verabschiedete sich nach Kaiserslautern, wo er Vorstandsvorsitzender wurde. Seit 2006 lebt und arbeitet der Vollblutbasler wieder meist in der Stadt am Rheinknie.

BaZ-Chefredaktor Marcel Rohr begleitet Jäggi seit 1996 durch dessen beruflichen Alltag. Auch nach Jäggis versuchtem Suizid riss der Kontakt nie ab. Das ­Gespräch über das bewegte Leben des Unternehmers fand vor zehn Tagen in einem Basler Hotel statt. Der komplette Text wurde René Jäggi später vorgelegt. (mr)

Hilfe bei Suizidgedanken

Haben Sie Suizidgedanken oder kennen Sie jemanden, der Unterstützung benötigt? Kontaktieren Sie bitte die Dargebotene Hand, Telefon 143. E-Mail- und Chat-Kontakte finden Sie auf www.143.ch. Das Angebot ist vertraulich und kostenlos. Für Kinder und Jugendliche ist Telefon 147 da, auch per SMS, Chat, E-Mail, www.147.ch. Weitere Informationen finden Sie auf www.reden-kann-retten.ch. Adressen für Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben, gibt es auf www.trauernetz.ch. (sda)

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