«Immer auf die Gruppe zusteuern, die am lautesten lacht»

Small Talk ist eine Kunst für sich – und für manche eine echte Qual. Wie man ein gutes Gespräch an einer Party führt.

Eine praktische Regel: Nie in der Ecke stehen. Foto: Bogdan Kurylo, iStock

Eine praktische Regel: Nie in der Ecke stehen. Foto: Bogdan Kurylo, iStock

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Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten des Jahres. Er erschien erstmals am 6. Dezember 2019.

Was macht ein gutes Gespräch aus? Und wie spricht man jemanden an, den man noch nicht kennt? Tipps von Profis – von der Escort-Dame über den Lobbyisten bis zur VIP-Gastgeberin.

Die Society- Expertin

Patricia Riekel, 69, war 20 Jahre lang Chefredakteurin der Bunten. Seit 2017 ist sie Beraterin des Vorstands im Burda-Verlag.

«Nach fast 50 Jahren im Journalismus weiss ich: Über nichts sprechen Menschen so gerne wie über sich selbst. Eine Frage, die immer überrascht und ein interessantes Gespräch auslöst: ‹Was ist das Schönste, das Sie heute erlebt haben?« Ich finde, man kann auch auf Partys über Politik sprechen. Man sollte nur nicht mit aller Macht versuchen, recht zu haben. Wenn Ihnen jemand widerspricht, zeigen Sie sich lieber interessiert an dessen Begründung. Wollen Sie recht behalten oder einen schönen Abend? Komplimente wirken Wunder. Ich bin schon mit einem berühmten Fussballer ins Gespräch gekommen, weil ich gesagt habe: ‹Entschuldigen Sie, mir sind Ihre Hände aufgefallen. Spielen Sie Klavier?› Eine praktische Regel: Nie in der Ecke stehen. Und immer auf die Gruppe zusteuern, die am lautesten lacht. Wenn ich keine Ahnung vom Thema habe, bitte ich ganz offen, es mir zu erklären. Interesse, Interesse, Interesse! Das schmeichelt. Um ein Gespräch in Gang zu bringen, darf man ruhig etwas von sich preisgeben. Neulich stand ich auf einer Gala und erzählte in die Runde, dass sich mein Leben total verändert hat, seit ich einen jungen Hund habe. Kurz darauf hatten zehn Frauen in Ballkleidern ihre Handys gezückt und zeigten sich Hundefotos. Wenn der Gesprächsfaden abreisst, können aktuelle Ereignisse die Kommunikation wieder aufleben lassen: Wahlen, Filme, Bücher, TV-Serien. Jeder hungert danach, seine Meinung kundzutun. Wenn ich mich trotz allem verloren fühle, gehe ich zu den Rauchern und borge mir eine Zigarette. Da hat man sofort Anschluss. Dabei rauche ich gar nicht.»

Der Lobbyist

Markus Weidling , 44, ist Politikberater und Geschäftsführer der Agentur Interel in Berlin. Zuvor war er UN-Diplomat in New York.

«Ich beginne ein Gespräch gerne mit der Frage nach der Herkunft. Das ist schön universal, man kann sofort andocken. Entweder war ich selbst schon dort und kann etwas dazu sagen: ‹Sie kommen von der Insel Föhr? Da war ich als Kind oft! Kennen Sie das wunderbare Restaurant am Hafen?› Oder ich war noch nicht dort, und es interessiert mich genau deshalb. Allgemein gilt: bloss nichts erzwingen. Ein Gespräch muss sich ergeben. Zum Beispiel am Büffet, während der Nebenmann sich gerade etwas auftut: ‹Oh, das sieht aber gut aus!› Wenn darauf eine nette Reaktion kommt – ‹Ist schon meine zweite Portion, kann ich empfehlen!› -, sind Sie schon mitten im Gespräch. Das Thema Politik meide ich, obwohl das meine Branche ist. Aber ein umstrittenes Thema, etwa der Kohleausstieg, führt nur zu hitzigen Debatten. Und man kommt bei solchen Anlässen ja nicht über ein Stammtischniveau hinaus. Auch Literatur finde ich kein optimales Thema: Entweder hat der eine das Buch nicht gelesen oder er findet den Lieblingsautor des anderen blöd. Und schon hat man eine Unwucht im Gespräch. Lachen spielt eine immens wichtige Rolle. Ich mache gerne Witze auf meine Kosten. Das sollte man aber nicht übertreiben. Ich gebe gerne viel von mir preis. Aber ich finde es schrecklich, wenn ich mich ausgefragt fühle. Guter Small Talk ist wie ein Tennisspiel, bei dem niemand versucht, einen Punkt zu machen oder zu gewinnen – es geht um einen schönen Ballwechsel.»

Die Escort-Dame

Salomé Balthus, 31, ist seit 2011 Prostituierte. Sie leitet Hetaera, ein Portal für unabhängige «High Class Escorts», und lebt in Berlin.

«Schlechte Konversation wäre für mich geschäftsschädigend. Ich reisse mir ja nicht wortlos die Kleider vom Leib, sondern muss meine Kunden erst mal in gute Stimmung versetzen. Als Erstes frage ich ihn also, wo er gerade herkommt. Wie sein Tag war. Ich möchte wissen, wie es ihm gerade geht. Es kann sein, dass wir dann sofort die Small-Talk-Ebene verlassen und über andere Dinge sprechen – sein berufliches Fachgebiet, seine Familie oder seine Kindheit. Insofern ist meine Situation etwas anders als die von normalen Partygästen: tiefgründige Themen sind ja ausdrücklich erwünscht. Schliesslich will ich eine Stunde später mit meinem Gegenüber schlafen. Ich achte sehr darauf, wie humorvoll oder locker mein Gesprächspartner ist. Welches intellektuelle Niveau ist angemessen: Soll ich tiefstapeln oder muss ich aufpassen, keinen Bullshit zu reden? Ist mein Gegenüber eher verklemmt, erzähle ich mehr von mir. Ganz wichtig: keine Heldengeschichten. Je menschlicher man sich selbst erscheinen lässt, desto mehr nimmt man unsicheren Menschen die Angst. Ich will mit dem Gespräch aber nicht nur mein Gegenüber entspannen, sondern auch mich selbst. Ich muss den Sex am Ende ja wirklich wollen. Mein Trick: Ich suche nach liebenswerten Eigenschaften in meinem Gegenüber. Jeder Mensch hat etwas Schönes. Und sobald jemand spürt, dass man das in ihm erkannt hat, wird er locker und blüht auf. Ich glaube, um ein guter Gesprächspartner zu sein, sollte man sich so einen liebenden Blick antrainieren.»

Der Radio-Moderator

Thorsten Otto, 54, moderiert die BR-Sendung «Mensch, Otto!» und ist Autor des Buchs «Die richtigen Worte finden».

«In den vergangenen zehn Jahren habe ich rund 2000 Interviews für meine Radiosendung geführt. An einige wenige erinnere ich mich besonders gerne, weil sie mich nachhaltig beeindruckt und sogar geprägt haben. Eine so hohe Qualität muss der Small Talk auf einer Weihnachtsfeier natürlich nicht haben. Dass vielen Menschen so eine Situation trotzdem unangenehm ist, hängt vermutlich mit unserer deutschen Angst zusammen, nicht ernsthaft genug zu sein. Wir verteufeln alles Banale, dabei fängt jedes Gespräch, das Tiefgang hat, meist mit etwas Small Talk an. Man sollte sich also nicht zu ernst nehmen. Oft kommt es gar nicht so sehr darauf an, was man erzählt, sondern wie man es erzählt. Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass ein Gesprächspartner nur etwas loswerden will, um die eigene Meinung bestätigt zu bekommen. Das nervt. Es mag banal klingen, aber: Hören Sie doch mal nur zu, statt selbst schlaue Sachen sagen zu wollen. Auf jeder Weihnachtsfeier gelten ein paar Regeln: Bloss nicht an den Chef ranwanzen! Wenn sich ein Gespräch ergibt, ist das natürlich okay. Nur darf man bitte nicht versuchen, besonders lustig zu sein, sondern behandelt ihn wie den Rest der Kollegen. Ebenso wenig sollte man aus Gutmütigkeit mit Leuten sprechen, auf die man keine Lust hat. So ein Abend soll ja Spass machen. Und auf was ich wirklich allergisch reagiere: Wenn mein Gegenüber ständig guckt, wo denn ein anderer, vielleicht interessanterer Gesprächspartner ist. Da ist mir meine Zeit zu schade. Selbst auf einer Weihnachtsfeier.»

Die VIP- Gastgeberin

Alexandra von Rehlingen, 59, ist Geschäftsführerin einer PR-Agentur in Hamburg und München für internationale Luxusmarken.

«Seit über 30 Jahren bin ich ständig auf Empfängen, Dinners, Veranstaltungen. Ich finde, es ist so einfach, sich mit Fremden zu unterhalten. Gerade mit soften Themen wie Kindern, Reisen, Tieren kann man wirklich jeden zum Reden bringen. Ich bin zum Beispiel begeisterte Vegetarierin, dadurch komme ich bei jedem Abendessen mit Menschen ins Gespräch. Das kann dann schon mal ein bisschen kerniger werden, aber ich mag das. Langweilen will ich mich an diesen Abenden ja schliesslich auch nicht. Wichtig finde ich es, sich auf Veranstaltungen kurz vorzustellen. Es gibt Leute, die stehen den ganzen Abend wie Stockfische herum. Ein Armutszeugnis, wenn man irgendwo hinkommt und nicht mal seinen Namen sagen kann! Wenn jemand überhaupt keine Lust hat, mit mir zu reden, ziehe ich weiter. Ich will ja niemanden dazu bekehren, eloquent zu sein. Manche Menschen muss man jedoch ein bisschen aus der Reserve locken, das ist im Grunde wie im Park: Dort beschnüffeln sich die Hunde auch erst einmal, um herauszufinden, ob sie sich mögen oder nicht. Kommt mein Gegenüber allerdings aus dem Plappern gar nicht mehr heraus, schwindle ich auch schon mal und hole mir was zu trinken. Das Wesen des Small Talk ist eine gewisse Leichtigkeit. Bei einem Empfang hat jeder Verständnis, wenn man von einem zum anderen hüpft, sofern es nicht mitten im Satz ist. Mein Tipp für die Weihnachtsfeier: Das ist der richtige Moment, alle Hierarchien aussen vor zu lassen und mit Leuten zu sprechen, mit denen man sonst nichts zu tun hat.»

Der Friseur

Danny Beuerbach, 34, ist seit 18 Jahren Friseur, er arbeitet im Salon „Haarwerk“ in der Münchner Innenstadt und bei Open-Air-Festivals.

«In meinem Beruf lernt man, Leute sehr schnell zu scannen: Körpersprache, Kleidung, Mimik. Ich bilde mir sogar ein, anhand des Händedrucks den Charakter eines Kunden einschätzen zu können. Ist der sehr fest, will der Kunde eher nicht übers Wetter reden. Aber selbst solche harten Nüsse verabschieden sich am Ende oft mit einer Umarmung, wenn das Gespräch gut war. Im Vergleich zu Partygästen habe ich beim Small Talk einen Vorteil: Ich habe währenddessen etwas zu tun. Mit fachlicher Beratung fängt es an, und wenn ich spüre, dass die Energie stimmt, frage ich weiter. Woher kommen Sie? Was machen Sie beruflich? Über das Wetter oder andere Friseure zu nörgeln lasse ich aus. Ich möchte einen positiven Grundton erzeugen. Schweigen ist für mich übrigens auch total in Ordnung. Über die Jahre hat mich mein Beruf verändert. Ich bin auch privat viel toleranter, was andere Meinungen angeht. Egal, ob ich mit etwas einverstanden bin oder nicht – ich bleibe ruhig und versuche, mein Gegenüber zu verstehen. Was ich auch gelernt habe: Menschen freuen sich, wenn man ihnen etwas Schönes aus dem eigenen Leben erzählt. Man kann auch über Umwege das Gespräch auf ein bestimmtes Thema leiten. Wenn man etwa gerne über sein neues Auto sprechen möchte, fragt man vielleicht: ‹Na, wie sind Sie heute hergekommen?« Ich habe in Asien und Mittelamerika gelebt und finde: Die Deutschen sind gut im Small Talk. Sie wollen eine gute Stimmung aufrechthalten und finden es unhöflich, zu widersprechen. Südländer haben mehr Lust auf Konfrontation. Hier klingt das gleich nach Streit.»

Erstellt: 06.12.2019, 20:22 Uhr

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