In den Ferien hätte sie ihren Cousin heiraten sollen

Ela Solak war 16, als ihre Eltern sie gegen ihren Willen in der Türkei verheiraten wollten. Sie sagte Nein. Doch das zählte nichts.

Werden in vielen Ländern gezwungen, zu heiraten: Ein Mädchen im Brautkleid. Foto: iStock

Werden in vielen Ländern gezwungen, zu heiraten: Ein Mädchen im Brautkleid. Foto: iStock

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Die Bernerin Ela Solak* musste ihre Freiheit erkämpfen. Vor einem Jahr ist sie vor ihrer Familie geflohen. Heute lebt die 17-Jährige in einem Nachbarland der Schweiz. Zu ihrem Schutz wird es nicht genannt. Ihre Eltern wollten sie in der alten Heimat Türkei mit einem fünfzehn Jahre älteren Cousin verheiraten.

Ela Solak ist in der Stadt Bern geboren und aufgewachsen. Sie hat die türkische und die schweizerische Staatsbürgerschaft. Nach dem Abschluss der Sekundarschule begann sie eine Lehre zur Zahnarzthelferin. Die Türkei kannte sie bis dahin nur aus den Ferien. Im Frühling 2018 merkte sie, dass etwas anders war als sonst. Die Eltern teilten ihr mit, dass sie in den nächsten Ferien verheiratet werden solle.

Dass die Pläne der Eltern ernst gemeint waren, bestätigte sich kurz darauf in den Ferien.

Dass die Pläne der Eltern ernst gemeint waren, bestätigte sich kurz darauf in den Ferien in der Türkei. Verwandte kamen ins Haus, brachten Geschenke. Unter den Gästen der Cousin, der sie heiraten wollte. Ela Solak erzählt ihre Geschichte am Telefon. Ihre Stimme stockt immer wieder: «Als er um meine Hand anhielt, sagte ich Nein. Doch das zählte nichts.» Ihr Vater stimmte der Hochzeit zu.

Ela Solak sollte bis zum Sommer in Istanbul bei ihrem Verlobten bleiben, aber sie konnte die Eltern davon überzeugen, das Lehrjahr in Bern beenden zu dürfen. Zurück in der Schweiz habe sie versucht, alles zu verdrängen, sagt sie. Doch die Angst sei geblieben.

Die Flucht

Eine aufmerksame Freundin bemerkte, dass Ela Solak verängstigt war, und nahm sie beiseite. Nach mehrmaligem Drängen erzählte sie, dass sie Angst vor ihrer Familie habe. Wie viele junge Frauen in einer solchen Situation hielt sie den Rest geheim. Sie schämte sich und wollte die Familie trotz allem schützen. Nach und nach vertraute sie sich dennoch ihrer Kollegin an. Gemeinsam wandten sie sich an die Fremdenpolizei der Stadt Bern.

Unterstützt von der Fachstelle Zwangsheirat füllte Solak eine eidesstattliche Erklärung aus. Sie hielt fest, dass eine während einer Ferienreise geschlossene Heirat für ungültig erklärt werden solle. Sie bestimmte auch, dass sie Hilfe der Behörde wünsche, falls sie im Ausland festgehalten werde. Ohne Mithilfe des Opfers sind die Behörden machtlos. Mit dem Dokument können sie leichter im Interesse der Betroffenen handeln. Hinterlegt wird die Erklärung bei der Fachstelle Zwangsheirat oder bei der Fremdenpolizei.

«Meine Eltern sagten mir, ich schade dem Ansehen der ganzen Familie.»Ela Solak, Opfer

In den Sommerferien 2018 zwangen die Eltern Ela Solak, die Reise in die Türkei mit dem Auto anzutreten. Sie drohten ihr mit dem Tod, falls sie nicht gehorche. «Meine Eltern sagten mir, ich schade dem Ansehen der ganzen Familie, wenn ich die traditionelle Norm verletze. Auch sie wurden durch ihre Eltern verheiratet», sagt Solak. Den Schweizer Pass nahmen ihr die Eltern weg.

In der Türkei konnte die junge Frau kurz nach der Ankunft in ein Frauenhaus in der Nähe von Istanbul flüchten. Eine türkische Anwältin organisierte die Rückkehr in die Schweiz.

Ausgrenzung und Gewalt

Zwangsheiraten sind komplexe, aufwendige Fälle. Alexander Ott, Leiter der Fremdenpolizei der Stadt Bern, sagt: «Können die Frauen die Zwangsheirat verhindern, droht ihnen eine soziale Isolation durch Ausgrenzung. Immer wieder kommt es auch zu gewalttätigen Racheakten der Verwandten.» Neben sofortigen Massnahmen bedürfe es vielfach einer Betreuung der Betroffenen durch Fachleute sowie einer Beobachtung von deren Umfeld.

Damit sich junge Frauen wirklich aus der Zwangsheirat befreien können, bekommen sie oft eine neue Identität, und sie können in einem Nachbarland der Schweiz ein neues Leben beginnen. Ela Solak hat heute keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie.

* Name wurde geändert, ist aber der Redaktion bekannt.


Verboten – und trotzdem dutzendfach anerkannt

Die Dunkelziffer bei Zwangsheiraten ist hoch. Denn viele wagen es nicht, sich zu wehren.

Vor und während der Sommerferien nimmt die Anzahl der Meldungen bei der Fachstelle Zwangsheirat deutlich zu. In dieser Zeit finden doppelt so viele Beratungsgespräche wie während des restlichen Jahres statt. Pro Woche sind es etwa zehn. «Stark angestiegen sind die Fälle von religiösen Heiraten und Kinderheiraten», sagt Anu Sivaganesan, die Leiterin der Fachstelle. Mädchen würden oft in einem religiösen Ritual getraut. Sobald sie volljährig werden, besiegeln sie die Heirat nachträglich vor dem Schweizer Zivilstandsamt und verschweigen die religiöse Vermählung. «Die jungen Frauen fühlen sich durch die frühe religiöse Heirat gebunden und wagen es nicht aufzubegehren», sagt Sivaganesan.

Im vergangenen Jahr hat die Fachstelle 352 Personen beraten. Im Vorjahr waren es 316. Rund ein Drittel betraf Minderjährige. Sivaganesan betont: «Vor allem in den Kantonen Bern, Zürich, Basel und St. Gallen kommt es häufig zu Kinder- und Zwangsheiraten.» Die Dunkelziffer sei hoch, weil viele nicht wagten, sich gegen die Zwangsheirat zu wehren.

Natalie Rickli fordert Verbot

Ehen von Minderjährigen sind in der Schweiz grundsätzlich verboten. Wurde eine solche Ehe im Ausland geschlossen, dann muss diese gemäss Gesetz annulliert werden – es sei denn, die Weiterführung der Ehe liege im «überwiegenden Interesse» der Minderjährigen. Ein Argument für die Aufrechterhaltung einer Ehe kann beispielsweise eine Schwangerschaft sein. Die Zürcher Regierungsrätin Natalie Rickli (SVP) verlangte in ihrer Funktion als Nationalrätin per Vorstoss ein absolutes Verbot von Kinderehen. Dies entspricht der Forderung der Fachstelle Zwangsheirat: Die Interessenabwägung sei der Bekämpfung von Heiraten Minderjähriger nicht dienlich.

Ricklis Vorstoss war zu lange hängig und wurde im Dezember abgeschrieben. Die Zürcher SVP-Politikerin hat dieselbe Forderung danach erneut eingereicht. Sie sagt: «Mit der Anerkennung von Minderjährigen-Ehen wird Missbrauch legalisiert. Darum sollen diese nicht mehr anerkannt werden. In der Schweiz sollen Frauen ab 18 Jahren selber entscheiden dürfen, wen sie heiraten.» Der Bundesrat muss nun auf Geheiss des Parlaments einen Bericht zu dieser Thematik verfassen, der in der zweiten Jahreshälfte erscheinen soll.

Modèle Berne

Im Jahr 2017 hat die Stadt Bern mit der Fachstelle Zwangsheirat als Kompetenzzentrum des Bundes ein Meldesystem geschaffen. Modèle Berne heisst das Konzept. Um künftig Frauen in den Ferien bei ihrer Familie vor Zwangsheiraten zu bewahren, erarbeitete Alexander Ott, Chef der Stadtberner Fremdenpolizei, zusammen mit der nationalen Fachstelle Zwangsheirat eine Schutzmassnahme: Mit einer eidesstattlichen Erklärung können Frauen deklarieren, dass sie nicht heiraten wollen, wenn sie in ihre frühere Heimat reisen, beziehungsweise dass sie die Schweiz nicht oder nicht in Gesellschaft gewisser Personen zu verlassen beabsichtigen.

Dieses Dokument ermöglicht es den Behörden, aktiv zu werden. Es ist vorgesehen, dass es an Schulen und Arbeitgeber abgegeben wird. «Wir können intervenieren, wenn Frauen verheiratet zurück in die Schweiz kommen, die zuvor die Erklärung unterschrieben haben», sagt Alexander Ott. Solche Ehen können die Behörden für ungültig erklären.

Auch Männer betroffen

Die betroffenen Frauen stammen meist aus der zweiten oder der dritten Generation von Einwanderern. Die Familien kommen aus Syrien, Pakistan, der Türkei, dem Libanon, Afghanistan, Jordanien, dem Irak oder aus Sri Lanka. Über zwei Drittel der Betroffenen sind in der Schweiz geboren und aufgewachsen.

Zwangsheiraten werden oft als Frauenthema angesehen. Tatsächlich wenden sich mehr Frauen als Männer an die Fachstelle. Aber 20 Prozent der Betroffenen sind Männer. Die Dunkelziffer dürfte jedoch bei Männern noch höher sein. Denn sie holen sich weniger rasch Hilfe als Frauen. Zudem können sie sich in traditionellen Rollenbildern leichter Freiheiten herausnehmen. Sie führen zum Beispiel neben der Ehe eine Liebesbeziehung.

Erstellt: 10.07.2019, 22:01 Uhr

Zwangsverheiratung oder arrangierte Ehe?

Nicht immer sind die Grenzen zwischen einer arrangierten Ehe und einer Zwangsheirat klar erkennbar. Arrangierte Ehen werden zwar auch aus dem Umfeld initiiert, dann aber im Gegensatz zur Zwangsheirat mit dem Einverständnis der Partner geschlossen. Der freie Wille ist entscheidend.

Bei der Zwangsheirat wird mindestens einer der Eheleute durch Gewalt oder Drohung zum Eingehen einer Ehe gezwungen. Eine Zwangsehe liegt auch vor, wenn Betroffene gezwungen werden, eine geschlossene Ehe gegen ihren Willen aufrechtzuerhalten – auch wenn die Ehe freiwillig geschlossen wurde.

Trick mit dem Löffel

Die britische Hilfsorganisation Karma Nirvana rät jungen Frauen, die mit der Familie mit dem Flugzeug ins Ausland reisen und sich vor einer Zwangsheirat fürchten, einen Löffel oder einen anderen Metallgegenstand in ihrer Kleidung zu verstecken. So wird bei Metalldetektoren an Flughäfen ein Piepssignal ausgelöst, und der Abflug kann in letzter Minute verhindert werden. Wird das Metallteil entdeckt, muss die Person in einem Raum allein untersucht werden. Das ist eine Chance für die Betroffene, sich den Beamten gegenüber als schutz- und hilfsbedürftig zu outen, ohne dass die Eltern es mitbekommen.

Der Flughafen Zürich führt keine Statistik über solche Vorfälle. Sprecher Philipp Bircher bestätigt aber: «Wenn verdächtige Gegenstände mit den Detektoren an einer sensiblen Körperregion vermutet werden, werden abgetrennte Untersuchungsräume genutzt.»

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