In der Badi spiegelt sich die Schweiz

Da wird «dumme Schnägg» gerufen und am Tresen gedrängelt: Im Schwimmbad prallen verschiedene Bedürfnisse und Kulturen aufeinander.

Eine Eigenheit der «Schweizer Badekultur»: Alle verschiedenen Bevölkerungsgruppen sollen in der Badi ihren Platz finden – wie hier im Marzili in Bern. Foto: Tobias Anliker

Eine Eigenheit der «Schweizer Badekultur»: Alle verschiedenen Bevölkerungsgruppen sollen in der Badi ihren Platz finden – wie hier im Marzili in Bern. Foto: Tobias Anliker

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In der Badi sieht man alles. Den Mückenstich auf einer fremden Schulter, wundgeriebene Fersen, einen blau getapten Unterschenkel. Man sieht verrutschte Badehosen, verschmierte Mascara und wie ein Migrantenkind seiner Mutter das Schwimmen beibringt.

In der Badi hört man alles. Dass ein Schwimmer «Du dumme Schnägg!» schimpft, weil ihm auf der Längenbahn eine Frau in die Quere gekommen ist. Dass eine Mutter dem Vater zuruft: «Verdammt, wir haben die Schwimmflügeli vergessen», als er gerade mit den Töchtern ins Wasser will. Man hört das Wimmern eines Neugeborenen und die Geräusche eines langen Kusses, verborgen hinter dem Gebüsch.

Sobald wir in der Badi sind, sind wir wie alle anderen – Teil eines grossen Wimmelbilds. Halb nackt legen wir unser Badetuch auf die Wiese und bestimmen, welcher Fleck an diesem Tag der unsere ist. Mit der Kleidung entledigen wir uns auch der persönlichen Scham. Erhitzt suchen wir Abkühlung, erschöpft suchen wir Entspannung, gelangweilt suchen wir Spass. Wir verbringen unsere Freizeit mit Hunderten, Tausenden unbekannten Menschen, die das Gleiche wollen. Über Stunden sind wir in der Badi einander so nah und ausgeliefert wie kaum an einem anderen Ort.

In der Badi sieht man alles. Hört man alles. Sobald wir in der Badi sind, sind wir wie alle anderen.

«Die Badi hat eine soziale Funktion», sagt Patrick Schoeck vom Schweizer Heimatschutz. Als Leiter Baukultur hat er sich mit der Geschichte der Schweizer Badeanstalten befasst. Schoeck sagt, dass die Badis zu unserer Identität gehören. Während der Industrialisierung hat man sie gebaut, um der Bevölkerung wegen mangelnder Hygiene Waschmöglichkeiten zu schaffen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Geschlechtertrennung aufgehoben. Später entstanden die Volksbäder, wo Städter sich vergnügten. Heute, sagt Schoeck, seien sie dafür da, dass alle sie nutzen könnten. Einige Badis sind gratis, an manchen Orten haben Schulklassen freien Zugang. Und wo der Eintritt ein paar Franken beträgt, ist die Badi immer noch ein günstiges Freizeitangebot.

Badis kosten Geld, sie rentieren nicht. Im vergangenen Jahr haben das St. Jakob und das Bachgraben, die beiden grössten Basler Gartenbäder, rund 1,5 Millionen Franken gekostet. In der Stadt Bern betrugen die Kosten für die Freibäder 5,8 Millionen Franken, in der Stadt Zürich 12,6 Millionen Franken.

Die Badis gehören allen

Die geschätzt 600 Badis in unserem Land sind Service public. Sie sollen die Gesundheit und das Wohlbefinden von uns Einwohnerinnen und Einwohnern fördern. Dafür stellen die Gemeinden und Städte die Infrastruktur bereit, sorgt das Aufsichtspersonal für Sicherheit, dienen Sprungtürme, Flösse und Spielplätze zur Ertüchtigung.

Und alle schauen zu: Auch den Sprungbrett-Springern gehört die Badi. Foto: Susanne Keller

Die Badis gehören uns allen. Und abgesehen von den Bademeisterinnen und Bademeistern, die als letzte Autorität Ordnung im Betrieb durchsetzen können, müssen wir selber verhandeln, wie viel Platz wir für uns nehmen und anderen zugestehen. In der Badi üben wir, dem Frieden zuliebe auch einmal ein Auge zuzudrücken. Und wir lernen, dass wir mitten in diesem Gewimmel wunderbar dösen können, wenn wir beide Augen zumachen.

Das zweite Zuhause

Michel Kunz, oberster Schweizer Bademeister und seit vierzig Jahren im Raum Bern tätig, sagt, dass «die Leute im Grossen und Ganzen mit positiven Absichten» in die Badi kämen. Im Grossen und Ganzen passiere erfreulich wenig. Immer mal wieder müsse man Gäste darauf hinweisen, dass sie vor dem Baden duschen sollen oder selber für die Aufsicht ihrer Kinder zuständig sind. Kunz sagt aber auch, dass die Menschen früher toleranter damit umgegangen seien, ein kleiner Teil einer grossen Menge zu sein. «Viele leiden heute im Alltag unter Dichtestress. In ihrer Freizeit möchten sie abseits davon sein.» Manchmal führt das zu Konflikten, umso mehr, wenn «kulturelle Unterschiede aufeinanderprallen», sagt Kunz. Als eine Kollegin als Schlampe bezeichnet wurde, sagte er vor zwei Wochen in der «SonntagsZeitung», dass «die Frauenverachtung zum Teil eine Stufe erreicht hat, die völlig inakzeptabel» sei.

Dabei ist es laut Kunz eine Eigenheit der «Schweizer Badekultur», dass alle verschiedenen Bevölkerungsgruppen in der Badi ihren Platz finden sollen. Familien, Migranten, Sportlerinnen, ältere Leute.

In den Sommerferien mischen sich die einzelnen Gruppen noch mehr. Sportler, die sonst morgens in Ruhe ihre Längen schwimmen, treffen in den Ferienwochen bereits vormittags auf Familien und andere Gäste, die sich keine Ferien im Ausland leisten können. Da passiert es schon einmal, dass sich ein Kind in die Längenbahn verirrt. Dass die Jugendlichen auf der Treppe zur Rutschbahn und dem Sprungturm anstehen und sich die Erwachsenen am Tresen gedulden müssen, bis sie ihr Essen bekommen. Da kann es schon sein, dass mehr Lärm herrscht, der Abfall zunimmt, das Bedürfnis nach Ruhe wächst und die Berufstätigen nach 18 Uhr auch noch einen Platz an der Abendsonne erhaschen möchten.

Der inoffizielle Männerbereich wird vermisst

Da muss es vielleicht sogar sein, dass manches sich verändert und anderes verdrängt wird. Und immer, wenn die Veränderung das Eigene betrifft, wollen wir zuerst überprüfen, ob wir dadurch etwas gewinnen oder hergeben müssen. Wie jener Mann im Berner Marzilibad, der sich als einer aus dem «Ledergrüppli» vorstellt – einer jener braun gegerbten Menschen, die seit dreissig, vierzig Jahren in die Badi kommen und sagen, dass das Marzili ihr zweites Zuhause sei.

An diesem Nachmittag führt die Stadt Bern in einem kleinen Zelt beim Badi-Eingang eine Befragung zur «Zukunft Marzili» durch, weil das Bad saniert werden muss. Was wünscht sich die Bevölkerung? Mehr Schattenplätze? Temperierte Duschen? Und soll der Löifu, ein zugeschütteter Seitenarm der Aare, wieder geöffnet werden? Die Umfrage besteht aus 21 Fragen, weitere Anmerkungen sind erwünscht.

Der Stammgast vom Ledergrüppli holt aus. Früher sei es im Marzili sauberer gewesen, gepflegter. Es sei sehr schade, dass es den inoffiziellen Männerbereich nun nicht mehr gebe. Was sich am meisten verändert habe: Das Marzili sei über Bern hinaus bekannt – jetzt kämen auch die Welschen, die Zürcher und Touristen.

Alle haben eine Meinung

Die Kapazitätsgrenze der Badi sei erreicht, ergänzt eine ältere Frau. Und ein Dritter kommt kurz vorbei und will «etwas zur Gegenwart» loswerden: Man solle doch bitte wieder eine grosse Uhr installieren. Die Zeit auf der elektronischen Werbetafel, die neu im Marzili steht, könne kein Mensch lesen.

In einer so vertrauten Umgebung wie der eigenen Badi hält man seine Wünsche nicht zurück. Jede ist Expertin an einem Ort, wo es darum geht, die eigenen Bedürfnisse zu stillen. Zur Badi haben alle eine Meinung. Erst recht, wenn sie gefragt ist und man einen Nachmittag Zeit bekommt, sie zu äussern.

Im August wird die Stadt nochmals ins Marzili gehen und die Gäste befragen. In einem Workshop sollen die Anregungen diskutiert werden. Markus Gasser vom Stadtberner Sportamt sagt, dass die Ruhe ein wiederkehrendes Thema sei. Seit es die portablen Musikböxli gebe, denke man darüber nach, in den Badis Ruhezonen einzurichten. Vielleicht wäre das eine gute Idee. Vielleicht würde mit solchen Rückzugsorten aber auch das Wesen der Badi verändert – dass man, sobald man dort ist, alles hört, alles sieht und wie alle anderen ist.

Erstellt: 30.07.2019, 17:35 Uhr

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In Zahlen

600

Badis gibt es schätzungsweise in der Schweiz. Wobei Michel Kunz, oberster Bademeister, die Zahl «weder dementieren noch bestätigen» will: Die exakte Zahl der Badis ist nicht erfasst. Je nachdem, ob man Badeanlagen von Hotelresorts dazuzähle, könnten es auch 700 Badis sein. Oder mehr.

483'774

Besuche hat das Marzili im vergangenen Jahr verzeichnet.

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