Heute auf der Strasse, morgen im Bundeshaus

Die Klimaproteste entwickeln sich langsam, aber sicher zu einer Bewegung – und formen damit die nächste politische Generation.

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Vor dem Zürcher Rathaus fährt eine Hand in die Höhe, eine junge, bleiche Männerhand. «Kli-ma-not-stand-jetzt!» skandiert der Mann, sein Zeigefinger sticht im Takt in Richtung Rathaus. «Kli-ma-not-stand-jetzt!», «Kli-ma-not-stand-jetzt!» fallen die rund 80 Jugendlichen ein, die kurz vor Sitzungsbeginn des Parlaments Spalier stehen. Sie tun es laut, ungestüm – und freudig. Oben im Ratssaal können sie nicht anders als die Botschaft erhören.

Es ist nur ein Zwischenhalt. Die Jugendlichen sind schon zu Tausenden durch die Städte marschiert und marschieren auch heute Samstag wieder. Einige unter ihnen werden noch weiter marschieren – durch die Stadt- und Kantonsparlamente, durch ganze Verbands- und Verwaltungshierarchien hinauf bis nach Bern ins Bundeshaus. Einer marschierte vor Jahren gar von der Strasse bis ins Bundesratszimmer – der 68er Moritz Leuenberger.

Die Klimabewegung politisiert nicht nur eine Generation, sie ist auch eine Schule. Und jene, welche die Lektionen lernen, die können es wie Leuenberger weit bringen. «Mega viele Leute bei uns lernen gerade mega viel», sagte Nadia Kuhn, Gymnasiastin und Co-Präsidentin der Zürcher Juso. Sie sagte es, einen Tag bevor sie mit zwei Dutzend Jugendlichen hinter einem langen Transparent stehen, es heben und senken, heben und senken und dazu rufen wird: «Ufe mit de Klimaziel, abe mit em CO2.» Kuhn bearbeitet für die Bewegung die sozialen Medien. Wie sie sagt, mache jeder in der Bewegung, was er am liebsten tue – und am besten könne.

«Das isch d Antwort uf eui Politik!»

Manche tun es bereits brillant: Sie stehen hin und geben abgeklärt Interviews; sie diskutieren mit altgedienten Politikern und lassen sie durch ihr Wissen kalt auflaufen; sie schwören an Demos ihre Mitstreiter ein, bis das Feuer für ihre Sache im ganzen Haufen entflammt; und sie verhandeln mit ihrem Rektor, wie er sie für die bestreikten Schulstunden bestrafen könnte. In ihren Sprechchören erklären sie es so: «Streik i dä Schuel! Streik i dä Fabrik! Das isch d’ Antwort uf eui Politik!»

Nadia Kuhn sitzt im Café bei einem Chai Latte – mit Mandelmilch. Fleisch isst sie schon lange keines mehr, jetzt möchte sie ihren Milchkonsum drosseln. Sie wirkt scheuer als auf den Fotos im Internet, jünger, als sie ist, eher 16 als 21. Sie spricht schnell, und wenn sie zuhört, hebt sie manchmal die Hände neben die Ohren und flattert mit ihnen – so, wie es die Klimastreiker während ihrer Diskussionen tun.

Was hat sie gelernt? Als sie vor vier Jahren den Juso beitrat, so sagt sie, habe sie sich kaum getraut, an einer Versammlung aufzustehen und zu reden. Heute gibt vor sie der Fernsehkamera Interviews, sie diskutiert in Radiostudios, führt Streitgespräche, argumentiert, hinterfragt, taktiert. Sie sagt, sie habe sich über die Bewegung vernetzt und viele tolle Leute kennen gelernt. Und das, was sie heute über das Klima weiss, hat offenbar auch ihren kleinen Bruder überzeugt. Jedenfalls diskutiert der heute mit seinen Freunden auf dem Pausenplatz darüber, ob Fleisch essen ethisch sein kann.

«Mega viele Leute bei uns lernen gerade mega viel.»Nadia Kuhn, Gymnasiastin und Co-Präsidentin der Zürcher Juso

«Eine Bewegung ist wie eine Berufslehre für ein politisches Mandat», sagt Politologe Michael Hermann. Jugendliche, in denen das Talent für das Politisieren angelegt sei, könnten es in einer Bewegung entdecken und entwickeln. Sie könnten gar zum natürlichen Anführer werden. Bei den 68ern waren es oft die Macker und Narzissten, die zuvorderst standen. Doch dieser Typus habe ausgedient, glaubt Hermann. «Wer heute weiterkommen will, der darf sich nicht vordrängen. Nur wer empathisch agiert, wird akzeptiert.»

«Es ist crazy!», entfährt es Nadia Kuhn im Café. In der Bewegung diskutierten viele Leute miteinander, dennoch sei der Ton respektvoll, der Umgang wertschätzend. Das ist nicht selbstverständlich, denn die Bewegung ist sich längst nicht so einig, wie es scheinen mag. Die Jungen fallen einander aber nicht ins Wort. Sie flattern mit den Händen, wenn sie ein Votum unterstützen oder kreuzen die Arme vor der Brust, wenn sie anderer Meinung sind. So, wie es in den Kommunen in den 70er-Jahren schon getan wurde. Wer das einmal gelernt hat, so beobachtet Kuhn bei sich selber, der macht es im Freundeskreis nicht anders. Und so könnte der polternde Ton in den Debatten vom sachlichen Gestus der Jungen verdrängt werden.Auch Balthasar Glättli hat auf der Strasse begonnen. Als 23-Jähriger organisierte er seine erste Grossdemo in Bern gegen Frankreichs Atomversuche, später blockierte er Strassen und orchestrierte die Bewegung gegen den Irakkrieg. Heute zieht er als Nationalrat und Fraktionspräsident der Grünen im Bundeshaus die Fäden – und geht noch immer auf die Strasse.

Die Demo als Erlebnis

Was hat er in der Schule der Bewegten gelernt? Der 47-Jährige hält Demonstrationen nach wie vor für das zentrale Element einer Bewegung – trotz Social Media und Digitalisierung. «Es ist etwas ganz anderes, wenn man mit seinem Körper für etwas einsteht, als im Internet eine Petition zu unterschreiben.» Eine Demo sei ein Erlebnis, es schweisse die Marschierenden zusammen und nähre eine Bewegung. Gerade für ihn, den Grünen in der Minderheit, sei es wichtig zu spüren: Ich bin nicht allein mit meiner Meinung – wir sind viele.

Protestierte gegen Atomkraft: Balthasar Glättli. Foto: Melanie Duchene (Keystone)

Die Gefahr für die Bewegung sei, nach ersten Enttäuschungen zu entschlafen. Die Jungen auf der Strasse rufen: «What do we want? Climate justice! When do we want it? Now!» Aber wenn man alles sofort wolle, müsse man sich gegen Enttäuschungen wappnen, so Glättli: «Es braucht diese Dringlichkeit. Aber es braucht auch einen langen Atem.»

Auch die heute 62-jährige Christine Goll wurde von einer Bewegung ins Bundeshaus getragen. Die Gewerkschafterin und Feministin war dabei, als die Jugendlichen im Zuge der 80er-Un­ruhen das Zürcher Kanzleischulhaus eroberten. Dort tagte später der «Wyberrat», quasi das Parlament der Frauenorganisationen. Er rief die Bewegung «Frauen macht Politik!» ins Leben. 1991 wurde Goll auf Anhieb in den Nationalrat gewählt.

Wenn Bürgerliche auf die Strasse gehen, dann stehen sie meist ganz rechts.

Manche Klimaaktivisten wollen ihre Forderungen nicht in einem Parlament vertreten – zu aussichtslos. Goll aber sagt: «Ohne Einmischung in die politischen Institutionen lässt sich nichts erreichen.» Es brauche aber auch den Druck von der Strasse – und manchmal die Wut gegen das System. Auch heute werden wieder viele Pappkartons durch die Strassen getragen und auf einige wird stehen: «System change not climate change.»

Für die Frauenbewegung auf die Strasse: Christine Goll. Foto: Samuel Trümpy (Keystone)

Politische Bewegungen sind eine Sauerstoffkur für die Politik: Sie rütteln eine ganze Generation auf, sie schulen und inspirieren sie. Allerdings fliesst der Sauerstoff oft einseitig den Linken zu – meist sind es jene, die nicht an der Macht beteiligt sind, die auf die Strasse gehen und aufbegehren.

Wenn Bürgerliche auf die Strasse gehen, dann stehen sie meist ganz rechts. 1992 trieb es viele Männer und Frauen aus dem bäuerlichen Milieu auf die Strasse, mit dröhnenden Treicheln und Transparenten wie «Rettet die Schweiz! EWR Nein!» Auch der spätere SVP-­Nationalrat Toni Brunner wurde so zum Aktivisten. Er gründete mit Kollegen das «Ostschweizer Jugendkomitee gegen den EWR-Beitritt». Sie organisierten etwa eine Veranstaltung, an der jeder Besucher sagen musste, weshalb er gegen den Beitritt ist.

«Den Jugendlichen ist es gelungen, dem Umweltschutz in kürzester Zeit eine Dringlichkeit zu verleihen.»Michael Hermann, Politologe

Brunner, der damals eine landwirtschaftliche Schule besuchte, brachte so viele Mitschüler dazu, ihn zu begleiten, dass er dafür zwei Reisecars mieten musste. «Diese Abstimmung hat mich politisch endgültig wachgerüttelt, ja geradezu elektrisiert», sagte der heute 44-Jährige seinem Biografen, dem Tamedia-Journalisten Beni Gafner.

Demonstrierte gegen den EWR: Toni Brunner. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Was bleibt von der Klimabewegung? Das wird auch Politologe Michael Hermann mit Interesse beobachten; anders als bei früheren Bewegungen bringt sie kein neues Thema ein. «Den Jugendlichen ist es aber gelungen, dem Umweltschutz in kürzester Zeit eine Dringlichkeit zu verleihen», sagt er. Und sie haben dazu beigetragen, dass in mehreren Kantonen die Kraft von der Strasse an die Wahlurnen gelangte. So werde das Thema auch in der Politik an Bedeutung gewinnen.

Die grosse Frage ist, ob im Herbst noch Kraft vorhanden ist, die an die Urne befördert werden könnte. Falls ja, könnte auch Nadia Kuhn bald im Bundeshaus ankommen. Sie will weitermarschieren und kandidiert für den Nationalrat.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.04.2019, 11:47 Uhr

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