«Irgendwie traumatisiert man sein Kind ja immer»

Was macht gute Eltern aus? Als die Ökonomin Emily Oster Mutter wurde, sammelte sie Daten und schrieb einen Baby-Ratgeber, der Mut macht.

Viele widersprüchliche Ratschläge: Ein Baby zu haben bedeutet, Entscheidungen zu treffen. Foto: iStock

Viele widersprüchliche Ratschläge: Ein Baby zu haben bedeutet, Entscheidungen zu treffen. Foto: iStock

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Emily Oster wird diesen Moment nie vergessen. Sie kam gerade zurück aus dem Krankenhaus. Sie trug das Baby zum ersten Mal in ihr Haus hinein. Penelope, winzig klein, hilflos, ein neuer Mensch. Auf dem Weg nach Hause, im Autositz, war das Baby eingeschlafen. Oster stellte den Sitz ab. «Es wird aufwachen», dachte sie dann. «Und was sollen wir dann bloss tun?»

Was soll ich tun? Das ist eine Frage, für die Oster in ihrem alten Leben, dem Leben vor Penelope, immer eine rationale Antwort gefunden hatte. Oster ist gut darin, Entscheidungen zu treffen. Sie ist Volkswirtin, genauer gesagt: Ökonomie-Professorin. Ihr Mann ist ebenfalls Ökonom, wie sie ist er Professor an der Universität Brown im Bundesstaat Rhode Island an der Ostküste der USA.

Oster ist die Tochter zweier Ökonomen, beide Professoren an der Universität Yale. Die 39-Jährige hat von klein auf gelernt, ökonomisch zu denken und zu entscheiden. Sie sammelt Daten, sie analysiert, sie wägt ab. Aber dann passierte etwas, das Entscheidungen erschweren kann, auch für eine Ökonomin: Sie wurde schwanger. Sie bekam ein Kind. Sie kam nach Hause mit Penelope. Und alles war durcheinander.

Ökonomen sind gute Ratgeber, weil sie Daten analysieren und Vorurteile aussen vor lassen können, glaubt Emily Oster. Foto: Keystone

«Mit seinem Kind will man alles richtig machen», sagt sie. «Aber es ist gar nicht so leicht herauszufinden, was richtig ist. Es ist schwer bis unmöglich, neutrale Ratschläge zu bekommen. Und man ist die ganze Zeit sehr, sehr müde.»

Ein Baby zu haben bedeutet, Entscheidungen zu treffen. Wo soll es schlafen? Wann? Wie lang? Stillen oder Fläschchen geben? Was ist, wenn das Stillen nicht klappt? Wann darf man als Mutter wieder mit dem Arbeiten anfangen? Kinderkrippe oder Tagesmutter? Die Ärzte im Krankenhaus rieten ihr damals, der kleinen Penelope Handschuhe anzuziehen, damit sie sich nicht aus Versehen kratzt.

Sie bekam Ratschläge, die sich widersprachen, aber mit Vehemenz vorgebracht wurden.

Osters Mutter sagte das genaue Gegenteil: Handschuhe bremsen die Entwicklung der Feinmotorik. Wenn Oster ihr Handschuhe anzieht, werde das Baby nie lernen, ihre Hände zu benutzen. Wer hat recht?

Immer wieder stiess Oster auf Situationen, in denen sie Ratschläge bekam, die sich widersprachen, aber mit grösstmöglicher Vehemenz vorgebracht wurden. Immer wieder stiess sie auf Fragen, auf die sie keine eindeutige Antwort fand – Entscheidungen treffen musste sie trotzdem.

Also entschied sie, das Problem systematisch anzugehen, wie sie es aus der Volkswirtschaftslehre kannte. Sie sammelte Daten, sie analysierte, sie wog ab. Daraus ist nun ein Buch entstanden. Es ist der erste grosse Baby-Ratgeber aus der Feder einer Ökonomin statt einer Hebamme, Kinderärztin oder sonstigen Frau vom Fach. Er heisst «Cribsheet».

«Volkswirtschaft ist eine Wissenschaft, die sich vor allem um Fakten und um Entscheidungsfindung dreht», sagt Oster. «Und wenn man ein Kind hat, geht es ständig um Entscheidungsfindung.»

Ihre Kinder Penelope und Finn sind die Stars in ihrem neuen Buch

Oster wollte gern stillen, sie hatte viel über die Vorteile des Stillens gelesen, aber es klappte einfach nicht so, wie sie das geplant hatte. Penelope wollte nicht essen. Sie weinte. Sie mochte die Flasche lieber. Oster kämpfte, versuchte es immer weiter.

Einmal sass sie bei grosser Hitze in einer Art Schrank, versuchte zu stillen, Penelope schrie. Es war eine Katastrophe. «Ich habe mich furchtbar gefühlt, wie die schrecklichste Mutter der Welt», sagt Oster. Ganz abgesehen von den medizinischen Risiken, die sie fürchtete, machte ihr Umfeld ihr zu schaffen. «Der soziale Druck ist extrem, beim Stillen ganz besonders.»

Es sei eben so, dass alle Menschen ihre Kinder lieben und deshalb die richtigen Entscheidungen für sie treffen wollen. Zwar wisse keiner, ob die eigene Entscheidung wirklich richtig war, verteidige sie aber umso heftiger, um sich selbst zu bestätigen, sagt Oster. «Es ist schwer, Eltern zu sein – und wir machen es einander noch schwerer.»

Sie will Eltern die Autonomie zurückgeben, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.

Penelope ist heute acht Jahre alt, sie hat einen kleinen Bruder, Finn, der vier ist. Die beiden sind die Stars von Osters Buch. «Ich habe sehr darauf geachtet, nicht zu viel Privates über sie zu schreiben», sagt Oster. Und Penelope hat das Buch gelesen, bevor es in Druck ging. «Sie fand es langweilig, aber sie hat alles abgenickt», sagt Oster.

Sie weiss, wie es sich anfühlt, Subjekt einer Studie zu sein. Als sie zwei Jahre alt war, haben ihre Eltern bemerkt, dass die kleine Emily lange mit sich selbst redete, bevor sie abends einschlief. Sie installierten ein Tonbandgerät unter ihrem Bettchen und zeichneten die Monologe auf. Daraus entstand ein Buch, es ist noch immer ein Standardwerk für die Forschung zu Kindesentwicklung und Sprache.

Anders als andere Ratgeberbücher ist Cribsheet keine Anleitung, alles richtig zu tun. Es ist kein Buch, in dem ein Experte oder eine Expertin mit grosser Selbstgewissheit Ratschläge gibt, denen man zu vertrauen habe, schlichtweg weil er oder sie ein Experte oder eine Expertin ist. Oster liefert die Informationen, die man braucht, um sich selbst eine Meinung zu bilden.

Ganz oft kommt sie in ihrem Buch zu dem Ergebnis, dass es kein absolutes Richtig oder Falsch gibt. Sie will Eltern die Autonomie zurückgeben, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen – wahrscheinlich werde man das Kind schon nicht traumatisieren. «Oder ganz im Gegenteil: Irgendwie traumatisiert man sein Kind ja immer», sagt sie und lacht. Die amerikanische Komödiantin Amy Schumer nannte Oster «die Freundin, die uns nicht verurteilt, unsere Hand hält und uns durch Schwangerschaft und Mutterschaft führt».

Erstellt: 05.07.2019, 12:11 Uhr

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