Ist Donald Trump ein Psychopath?

Die Antwort auf eine Leserfrage über das Wesen des neuen US-Präsidenten.

«Psycho-Casting»: Donald Trump. Foto: Pete Foley (Keystone)

«Psycho-Casting»: Donald Trump. Foto: Pete Foley (Keystone)

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Der neue amerikanische Präsident ist meines Erachtens ein Psychopath. Wie viele psychopathische Persönlichkeitsanteile braucht Ihrer Einschätzung nach jemand, um dieses Amt bekleiden zu können?
P. F.

Lieber Herr F. Ich bin bis jetzt nie in die Verlegenheit gekommen, ein Psycho-Casting für US-Präsidenten durchführen zu müssen. Oder ganz unironisch formuliert: Ich habe keinen blassen Schimmer.

Darf ich trotzdem etwas zu Ihrer Frage anmerken? Sie halten den gewählten 45. Präsidenten der USA offensichtlich für eine Katastrophe. Das ist Ihr gutes Recht, und ich kann mich Ihrer Einschätzung durchaus anschliessen. Aber ich teile Ihre Ansicht nicht, dass dies an der psychopathischen Persönlichkeit Trumps liege. Solche Ferndiagnosen sind keinen Deut besser als die Fake-News über eine schwere neurologische Erkrankung Hillary Clintons, die dazu führen werde, dass sie das nächste Jahr nicht überlebe.

Die Unfruchtbarkeit politischer Psychopathologisierung hat Sigmund Freud selbst mit einer Studie über Woodrow Wilson, den 28. Präsidenten der Vereinigten Staaten, vorgeführt, die er zusammen mit dem ehemaligen US-Botschafter William C. Bullitt in den 30er-Jahren verfasste. In den 20er-Jahren hatte Freud geplant, für eine amerikanische Zeitschrift eine Serie von Artikeln unter dem Titel «Don’t Use Psychoanalysis in Polemics» zu verfassen. Die Redaktion schlug ihm stattdessen eine Arbeit zum Thema «The Woman’s Mental Place Is in the Home» vor, wodurch sich Freud in seinem Vorurteil von den USA als einer kindischen Kultur bestätigt fühlte.

«Dann kam Hitler»

Beide Projekte blieben unrealisiert; stattdessen gebrauchte Freud die Psychoanalyse in offen polemischer Absicht, als er mit Bullitt die Studie über Wilson verfasste. Ohne Zweifel war die Rolle dieses Präsidenten beim Abschluss des Friedensvertrages von Versailles eine denkbar unglückliche. Doch zu dieser Einschätzung hätte man auch ohne die als Psychografie ausgegebenen, antiamerikanischen Ressentiments kommen können, deren Freud sich ungeniert bediente.

Freud zeichnete Wilson als einen frömmelnden Idealisten, dem es an Männlichkeit gefehlt habe: «Wilson konnte in Amerika so gedeihen, weil Amerika im 19. Jahrhundert vor der Realität geschützt war.» Er sah dort «eine Tradition, die eine Frauen und femininen Männern geistesverwandte Atmosphäre schuf, maskulinen Männern aber intolerant gegenüberstand». Wäre Wilson in der vergleichsweise grösseren Freiheit der europäischen Zivilisation aufgewachsen, so resümiert die Historikerin Barbara Tuchmann die Argumentation von Freud, hätte er sich seinen inneren Konflikten stellen müssen. Dann kam Hitler – mitten aus der europäischen Zivilisation. Und das Schlimmste, was man über ihn sagen kann, war wohl kaum, dass er ein Psychopath war.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

Erstellt: 23.11.2016, 13:43 Uhr

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens.

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