Ist Familie wirklich besser als Krippe?

Bei Fragen der Kinderaufzucht versteht man weder Spass noch Multikulti.

Wohin mit euch? Es ist, als ob die Öffentlichkeit bei diesen Fragen einer Art bizarrer Universalisierungs-Obsession verfiele. Foto: Bess Hamiti (Pexels)

Wohin mit euch? Es ist, als ob die Öffentlichkeit bei diesen Fragen einer Art bizarrer Universalisierungs-Obsession verfiele. Foto: Bess Hamiti (Pexels)

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Ich möchte die Frage zu Ihrer Kinderbetreuungskolumne noch einmal neu stellen: Wie kann sich ein kleines Kind in der grossen Welt sicher fühlen, wenn es zu Hause 7 x 24 h von einem gelangweilten und frustrierten Vater (oder einer Mutter) betreut wird? Oder von einem Grossvater oder einer Grossmutter, die zwar nicht mehr Auto fahren können, aber ein Kind betreuen? Warum gibt es so viele Menschen, die eine Kita als Schlechtfühl­oase sehen, obwohl sie noch nie eine von innen gesehen haben?
A. N.

Lieber Herr N.
Sie übertreiben selbstverständlich in der anderen Richtung: So wenig die Krippe das Paradies ist, so wenig ist die Familie die Hölle. Aber ich vermute, das wissen Sie auch selber; und Ihr familiäres Horrorszenario ist vor allem der Versuch, die Absurdität der aufgeheizten Kita-Debatte darzustellen.

Die eigentliche Frage wäre also die, die Sie in Ihrem letzten Satz formulieren. Etwas neutraler und umfassender formuliert: Warum entzünden sich an der Frage der Kinderbetreuung Kontroversen, als ginge es um den Weiterbestand der Menschheit? Dazu gehören übrigens auch Debatten um den gesellschaftlich korrekten Preis einer Flasche Cola, den Veganismus, die Ganzkörperverschleierung, das Smartphone und die Jugend, den Schokokuss, das Stillen in der Öffentlichkeit, die homosexuelle Ehe und Kinderadoption, das genderneutrale Klo und andere Debatten-Brandbeschleuniger-Themen.

Immer wird in diesen Auseinandersetzungen ein WIR vs. DIE inszeniert.

Der Frontverlauf bei diesen Themen liegt keineswegs immer auf der gleichen gesellschaftlichen Bruchlinie, und auch der Stand der rhetorischen Aufrüstung ist keineswegs immer ausgeglichen (so erscheinen mir die Antiveganer oftmals weit militanter als die angeblich so militanten Veganer). Aber immer wird in diesen Auseinandersetzungen ein WIR vs. DIE inszeniert, dass der Röschtigraben dagegen eine unbedeutende Furche ist. (Ausser natürlich, diese Themen und die Aufregung sind einem so was von egal wie mir z. B.)

Es ist, als ob die Öffentlichkeit bei diesen Fragen einer Art bizarrer Universalisierungs-Obsession verfiele: Wenn alle Kinder nur noch in der Krippe aufwachsen müssten, dann dürfte niemand mehr Fleisch essen, und die natürliche Ordnung der Geschlechter und der Klos geriete durcheinander und man müsste erst homosexuell werden, um heiraten zu dürfen. Aber auch den eher entgegengesetzten Furor kann man beobachten, der sich in der Natürlichkeit des Stillens und der Homosexualität ergeht, und dann natürlich prompt in die Falle tappt, dass es bei den Bonobos keine Volksschule, sondern nur Home-Schooling gibt.

Ich glaube, der alltagsrelevante Clash of Culture ereignet sich selten zwischen christlichen Händeschüttlern und orthodoxen jüdisch-islamischen Nicht-Schüttlern, sondern zwischen den Fraktionen der Mamablog-Gemeinde. Bei Fragen der Kinderaufzucht versteht man weder Spass noch Multikulti.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Erstellt: 04.10.2017, 07:28 Uhr

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