Ist Youtube-Teilen zwanghaft?

Eine Antwort auf eine Leserfrage zu Internet-Obsessionen.

Wetten, dass schon bald eine neue Nachricht aufleuchtet? Smartphone-Oberfläche mit Apps. Foto: Flickr/Microsiervos

Wetten, dass schon bald eine neue Nachricht aufleuchtet? Smartphone-Oberfläche mit Apps. Foto: Flickr/Microsiervos

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Woher kommt es, dass gewisse Mitmenschen fast zwanghaft und meist un­kommentiert irgendwelche Youtube-Filme, Bilder oder Sprüche aus dem Internet an ihre Kontakte versenden? C.H.

Liebe Frau H.

Bis jetzt hatte ich das lediglich für eine Marotte von Leuten gehalten, die (zu) viel Zeit haben und mit ihrem Mitteilungsdrang den Leuten auf den Wecker gehen, die zu wenig Zeit haben, um sich all die Filme, Artikel, Posts, Comics etc. anzuschauen. Ihre Frage hat mich nun aber dazu gebracht, mir eine wahrscheinlich angemessenere Antwort auszudenken. Meine These also lautet: Es handelt sich bei diesem Phänomen um einen Effekt, der sich aus einem inneren Widerspruch des Internets ergibt.

Wie der Name World Wide Web schon sagt, handelt es sich bei dem, was im Internet verfügbar ist, um einen immensen Informationsfundus, der prinzipiell allen Menschen zugänglich ist. (Von technischen und politischen Restriktionen wollen wir in diesem Zusammenhang einmal grosszügig absehen.) Umso fragmentierter und willkürlicher ist andererseits die Auswahl, die der einzelne Benutzer dieser Quelle trifft. Man kann seine Freunde nicht fragen: Hast du das gestern auch im Internet gesehen? So wie man sie fragen kann: Hast du das gestern auch im Tagi gelesen?

Im analogen Leben verleihen die Menschen auch nicht nur Werke untereinander, die das «Literarische Quartett» empfohlen hat.

Um das Internet nicht nur als individuelles, sondern auch als «soziales» Medium nutzen zu können, muss man also darin gemeinsame Referenzpunkte ­herstellen. Das von Ihnen «zwanghaft» genannte Kommunikationsverhalten ­ergibt sich also nicht aus einer per­sönlicher Zwangsneurose, sondern aus einem vom WWW selbst produzierten Zwang: Aus der Notwendigkeit, die schier unendlichen Ressourcen des Internets durch Auswahl nicht nur zu personalisieren, sondern auch zu sozialisieren, indem man sie in persönlich sinnvolle Häppchen aufteilt und diese dann den anderen mit-teilt.

Was in der Hoch- und E-Kultur der kulturstiftende Kanon der zu lesenden Bücher und zu hörenden Orchesterwerke ist, wird im Internet zu einem Netz von Links. Zu einem Ad-hoc-Kanon für die Facebook-Freunde, die Twitter-Followers oder die E-Mail-Kontakte. In der analogen Welt entspräche dies dem Verleihen seiner Lieblingsbücher oder dem Ausschneiden von Zeitungsartikel, die man per Post an die Kinder und ­Enkel weiterreicht (wie es ältere Leute immer noch gerne machen).

Das von Ihnen beschriebene Phänomen ist somit ein eminent soziales Verhalten. Bevor man darüber in kultur­kritisches Gejammer verfällt, sollte man daran denken, dass die Menschen im analogen Leben auch nicht nur Werke von Autorinnen untereinander verleihen, die das «Literarische Quartett» empfohlen hat, während im Netz ausschliesslich Katzenvideos zirkulieren.

Erstellt: 28.06.2017, 12:01 Uhr

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